Seltsames Selbstverständnis
Das Vertrauen in die Medien sinkt – und das ist kein Wunder: Viele Leser, Seher und Hörer fühlen sich belehrt. Vor allem, weil sich Journalisten allzu oft als Aktivisten betätigen, anstatt ihren Job zu erledigen.

Ich bekomme seit einiger Zeit regelmäßig Nachrichten, viele stammen von Menschen, die ich gar nicht kenne. Wir würden ihnen den Mainstream in die Köpfe implantieren wollen, beschweren sie sich genervt via E-Mail oder Social Media. Sie meinen damit die Medien und deren Berichterstattung, oft auch meinen Arbeitgeber, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie beklagen sich über den „Erziehungsjournalismus“, die mediale Bevormundung. Den Versuch, Menschen zum „richtigen“ und „guten“ Denken zu bekehren. Als „Ich habe die Nase voll von den ständigen Belehrungen!“ kommt das bei mir im Postfach dann an.
Die unzensierte Wahrheit glauben viele nur noch in „alternativen Medien“ zu finden. Sie schicken mir Links zur sogenannten Gegenöffentlichkeit: zu alternativen Medien, Blogs, YouTube-Kanälen. Schreiben mir dann, dass wenigstens da „die Wahrheit“ steht. Dass die „etablierten Medien“ lügen würden – oder, wenn man nachhakt, vielleicht nicht lügen, aber Dinge auslassen, wenn sie nicht in den Kram passen.
Hand in Hand mit der Politik
Eine Langzeitstudie zum Medienvertrauen der Universität Mainz aus dem Jahr 2024 illustriert dieses Phänomen ganz gut. Ihr zufolge glauben 24 Prozent der Bevölkerung „eher oder voll und ganz“, dass die etablierten Medien und die Politik Hand in Hand arbeiten, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren. 20 Prozent haben komplett jegliche Hoffnung an die Journalistenzunft aufgegeben und stimmen sogar einer noch krasseren Aussage zu, nämlich dass die Bevölkerung von den Medien systematisch belogen wird. Es ist nur ein Teil der Gesellschaft, der derart skeptisch, ja zynisch ist. Insgesamt ist das Vertrauen in die etablierten Medien immer noch hoch. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk genießt sogar das höchste Vertrauen aller Mediengattungen, so die Mainzer Studie.
Misstrauen wächst
Glaube ich den Nachrichten, die mich erreichen, hat das Misstrauen vor allem Menschen erfasst, die sich politisch im bürgerlich-liberalen Spektrum sehen – Sympathisanten der FDP oder der Union, manche sind bereits zur AfD abgedriftet. Sie misstrauen vielen Medien auch deshalb, weil sie den Eindruck haben, dass Journalisten „kämpfen“, dass sie einer Mission folgen, einen „Rettungsauftrag“ verspüren und glauben, dem „Guten“ und „Richtigen“ zu dienen; dass sie bewegen und verändern wollen.
Gelegenheiten, die Welt zu retten, gab es in den letzten Jahren zuhauf. 2015 bei der Flüchtlingskrise lautete das Ziel: Humanität! Beim Klimawandel ging es um den Fortbestand der Menschheit. Bei der Diskussion ums Gendern um die Gleichstellung von Frauen und Minderheiten. Beim Thematisieren von LGBTIQ-Rechten kämpfte man gegen Diskriminierung. Dann kam Corona – und der Gesundheitsschutz hatte oberste Priorität. Russland griff die Ukraine an, und ein neues Ziel war gefunden: Kampf gegen Putin! Und schließlich der Aufstieg der AfD – hier geht es um nichts Geringeres als um die Rettung der Demokratie.
Journalisten sind keine Weltrettungs-Beauftragten, sondern neutrale Beobachter.
Doch in meinen Augen ist es viel eher so: Stellt sich Journalismus für die „richtigen“ Ziele in den Dienst der Politik, müssen wir uns fragen, ob wir noch in einer gut funktionierenden Demokratie leben. Dann fällt nämlich ein wichtiges Korrektiv weg. Journalisten sind nun mal keine Weltrettungs-Beauftragten, keine Aktivisten. Sondern eigentlich neutrale Beobachter der Gesellschaft. Manche sagen jetzt, es gehe hier um die Verteidigung unserer Werte. Deshalb könne man bei manchen Themen nicht mehr neutral sein.
Nur die „richtige“ Meinung gilt
Ich bin da skeptisch, für mich ist das nichts anderes als Haltungsjournalismus – im negativen Sinne. Denn zu jeder Haltung gibt es immer auch eine Alternative. Und die muss nicht automatisch inhuman, reaktionär, frauen- und queerfeindlich, demokratiefeindlich oder unsolidarisch sein. Maßt sich ein Journalist an, selektieren zu wollen, wer die „richtigen“ Personen mit den „richtigen“ Ansichten sind, stößt das bei mir auf inneren Widerstand. Wer ist schon die Instanz, die das entscheidet?
Ich bin damit längst nicht allein. Ein 64-jähriger Leser schrieb mir: „Wir alle machen uns Sorgen um unsere Demokratie, die anscheinend nur dann die wahre ist, wenn sie von Leuten mit deren vermeintlich ‚richtigen‘ Meinung vertreten wird.“ Er hat recht. So wirkt es oft – als rechtfertige es die Lage, nicht mehr beide Positionen gleichwertig zu behandeln. Weil wir uns gerade (wieder einmal) in einer Ausnahmesituation befinden, in einer neuen Normalität, in einer Krise.
Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki kritisiert diese Denkweise sehr deutlich. Er mahnt: „Wer die Forderung erhebt, im Sinne der Verhinderung des Klimawandels, der Corona-Bekämpfung oder zur Rettung des Gemeinen Mäusebussards müsse man die eine Meinung haben, sonst sei man kein respektierter Teil der Gesellschaft mehr, bewegt sich eher in die Richtung autoritärer Staaten als auf dem Boden unserer Werteordnung.“
Ich vermute, dass auch deshalb so viele Menschen Zweifel haben, ob unsere Demokratie wirklich noch eine Demokratie ist, weil bestimmten Meinungen zu selten Gehör finden. Der Chef des Ressorts „Meinungsfreiheit“ bei der Tageszeitung Welt, Andreas Rosenfelder, nennt solche Zweifler „Systemskeptiker“. Menschen, die sich enttäuscht von der Politik abgewendet haben. Seine Einschätzung dazu: „Die Gruppe wächst von Jahr zu Jahr.“ Das geschehe nicht etwa aus Überforderung und Unverständnis, wie manche Soziologen behaupten, und erst recht nicht aus autoritären oder verfassungsfeindlichen Motiven – sondern aus nachvollziehbaren, im Kern oft sehr vernünftigen Gründen.
Er schreibt: „Seit der Kanzlerschaft Angela Merkels hat sich die repräsentative Demokratie in Deutschland schleichend von ihrem Anspruch verabschiedet, eine Vielzahl widerstreitender Perspektiven einzubinden. In der Migrationskrise, in der Coronazeit, in der Klimapolitik und im Ukraine-Konflikt wurde legitime, oft bitter notwendige Kritik am Regierungshandeln nicht als Korrektiv verstanden, sondern diskreditiert, unterdrückt und zuletzt sogar kriminalisiert.“
„Systemskeptiker“
Dass hier etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, ist einigen Journalisten durchaus bewusst. Claus Kleber, der ehemalige Moderator des „heute journals“ im ZDF, räumt in einem Interview mit der Zeit bei seinem Abschied aus dem Berufsleben ein: Der Meinungskorridor sei früher einmal breiter gewesen. „Ich glaube, das liegt daran, dass der journalistische Konsens die Oberhand gewonnen hat. In der Redaktion haben wir jeden Tag strittige Debatten, trotzdem machen wir Sendungen, die den Zuschauern nicht das Gefühl geben, dass dort Meinungen aufeinanderstoßen. Selbst die Kommentare im Öffentlich-Rechtlichen sind oft eher Besinnungsaufsätze. Vielleicht sollten wir uns wieder konfrontative Formate trauen.“
Ich bin überzeugt: Eine lebendige Demokratie braucht es, dass es mal knirscht, es mal reibt, mal unbequem wird – auch im Journalismus. Nur wenn unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden, kann das Vertrauen vieler Menschen in die mediale Berichterstattung wieder zurückkehren.
Erfüllt der ORF überhaupt seinen Auftrag?
Der ORF braucht eine tabulose Reformdiskussion. Den öffentlichen Auftrag erfüllen längst auch private Medien, erhalten dafür aber kaum Fördermittel und Zugang zur Rundfunk-Infrastruktur.
