Gute Geschäfte mit der Schönheit
Helena Rubinstein entdeckt in Australien eine Marktlücke, füllt sie mit Tiegeln einer polnischen Hautcreme und erkennt früh den Wert von Image und Verpackung. Ihr Lebenswerk: ein Kosmetikweltkonzern.

Wer heute auf TikTok oder Instagram durch die zahllosen Videos scrollt, in denen sogenannte „Skinfluencer“ die neuesten Cremes, Make-ups und Lippenstifte anpreisen, denkt wahrscheinlich nicht automatisch an „Madame“ – die 1,50 Meter kleine, legendär elegante Helena Rubinstein, die einen der Grundsteine jenes Industriezweigs legte, dem „Skinfluencer“ heute ihre Produkte verdanken. Dabei lebte wohl kaum jemand aus der milliardenschweren Kosmetikbranche ein derart abenteuerliches, ja schillerndes Leben wie die 1872 in Krakau geborene Unternehmerin.
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Helena Rubinstein war eine Ausnahmepersönlichkeit, ihre Biografie liest sich wie das Drehbuch zu einem Hollywoodfilm: voller dramatischer Wendepunkte, geprägt von einem unfehlbaren Instinkt für das richtige Timing und befeuert vom unerschütterlichen Willen, Konventionen von Zeit und Herkunft zu überwinden.
Helena Rubinstein entdeckt eine Marktlücke
Geboren wird sie als Chaja Rubinstein im jüdischen Viertel von Krakau. Ihr Name bedeutet „die Lebendige“, ein Name, der zum Programm wird. Als älteste von acht Töchtern des Lebensmittelhändlers Herzl Rubinstein und seiner Frau Augusta, geborene Silberfeld, schlägt sie mehrere Heiratsangebote aus, geht nach Wien, arbeitet im Pelzgeschäft eines Verwandten, um über die Runden zu kommen, und emigriert 1896 nach Coleraine, Australien.
Auch dort hat Chaja, die sich nun Helena Juliet nennt, Familienangehörige. Bei einem Onkel kann sie vorerst als Verkäuferin arbeiten, doch sehr schnell entwickelt sie ihre eigene Geschäftsidee: Im sonnendurchglühten Australien trifft die blasse Polin auf Frauen mit vom Wetter gegerbter, trockener Haut und erkennt eine Marktlücke. Die füllt sie mit dem, was ihr ihre Mutter mit auf den Weg gegeben hat: einige Tiegel mit hausgemachten Hautcremes. Die finden reißenden Absatz. Zuerst importiert Rubinstein Nachschub, dann beginnt sie, vor Ort Cremes herzustellen, aus Lanolin, Sesam und Kräutern, und verkauft sie unter dem Namen Valaze; das sei ungarisch, sagt sie, und bedeute „Geschenk des Himmels“.
Bald darauf gründet sie in Melbourne ihren ersten Schönheitssalon, veröffentlicht Schönheitsratgeber und merkt jetzt, mit 35, dass all das zu klein ist für ihre Vision ist, und übergibt ihr Unternehmen an zwei ihrer Schwestern. Sie weiß, dass sie, um wirklich erfolgreich zu sein, nach Europa zurückkehren muss.
Helena Rubinstein wusste: Das Produkt mag billig in der Herstellung sein, wirken muss es aber, als sei es unbezahlbar.
Sie geht zunächst nach Paris, dann nach London. 1908 heiratet sie den ebenfalls polnischstämmigen US-amerikanischen Journalisten Edward William Titus. Sie bekommen zwei Kinder, was Helena nicht hindert, als „working mum“ ihren zweiten und dritten Schönheitssalon in London zu eröffnen. Mit dem vierten kehrt sie zurück nach Paris und gründet ein Kosmetiklabor in Saint-Cloud.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wandert die Familie in die USA aus. Hier steigt Helena Rubinstein endgültig zu einer der wichtigsten Unternehmerinnen ihrer Zeit auf und versieht ihre Produkte ab 1920 mit dem Markennamen Helena Rubinstein. Acht Jahre später gelingt ihr ein Finanzcoup, der in den Lehrbüchern für Wall-Street-Händler stehen müsste: Sie verkauft zwei Drittel ihrer Firma für die damals astronomische Summe von 7,3 Millionen Dollar an das Bankhaus Lehman Brothers. Ein Jahr später folgt der „Black Friday“, die Weltwirtschaft stürzt in die Krise. Die Banken kollabieren, Madame nutzt die Gunst der Stunde: Sie kauft ihre Firmenanteile für nur 1,5 Millionen Dollar von den angeschlagenen Lehman Brothers zurück – und kontrolliert ihr Imperium nun wieder ganz allein.
Billige Herstellung, unbezahlbare Wirkung
Mit dem „Kleingeld“ kehrt sie nach Paris zurück und wird zur Kunstsammlerin und Society-Größe. In ihrem Salon verkehren Künstler wie Matisse oder Chagall. Als die Nazis auf Paris zurollen, flieht sie, ihr Luxusappartement wird beschlagnahmt.
In den 1950er-Jahren – Rubinstein ist jetzt in New York – lässt sie außerhalb der Stadt die größte Fabrik errichten, die bis dato von einer Frau geschaffen und geleitet wurde. Produktionsstätten auf der ganzen Welt folgen. Rubinstein ist jetzt auf dem Gipfel ihrer Karriere. Ihr Lebensstil ist elitär, sie verkehrt mit den Großen ihrer Zeit und heiratet in zweiter Ehe einen deutlich jüngeren georgischen Prinzen.
Doch was war das Geheimnis ihres Erfolgs? Ein Faktor ist wohl ihre fast pathologische Sparsamkeit. Trotz ihrer Millionen brachte sie ihr Mittagessen stets in einer braunen Papiertüte mit ins Büro, sie feilschte um Cent-Beträge bei den Rohstoffen und optimierte die Produktionsabläufe bis zum Äußersten. Die gesamte Herstellung von Creme, Lotion und Duftwasser für Frankreich, Skandinavien und die Benelux- Länder wurde bereits 1964 von nur vier Arbeitskräften abgewickelt. Die Produktion von Puder für diesen Markt steuerte ein einziger Angestellter.
Beim Marketing spielten Cent-Beträge hingegen keine Rolle: Ihre Verpackungen wurden von berühmten Designern und Künstlern entworfen, Schriftsteller texteten Werbeanzeigen oder schrieben für das hauseigene Magazin. Ihre Schönheitssalons waren luxuriöse Tempel für Frauen, die ihre Schönheit selbstbewusst in Szene setzten. Helena Rubinstein wusste: Das Produkt mag billig in der Herstellung sein, wirken muss es aber, als sei es unbezahlbar.
Trotz ihrer Millionen brachte sie ihr Mittagessen stets in einer Tüte mit ins Büro.
Bis zuletzt sitzt Rubinstein im Bett ihres Penthouse in New York und dirigiert ihr Unternehmen. Als sie 1965 im gesegneten Alter von 92 Jahren stirbt, hinterlässt sie ein weltumspannendes Imperium: 100 Niederlassungen in 13 Ländern, über 30.000 Mitarbeiter und eine Familie, die mittlerweile auf über 120 Nachkommen und Verwandte angewachsen ist. Die verkaufen die Firma 1988 an die L’Oréal-Gruppe. Und die produziert bis heute Kosmetikprodukte mit den Initialien „HR“ auf den eleganten Flakons und Tiegeln.

