Der Identitätseffekt

Identität und Identitätspolitik haben keinen guten Ruf. Unsere Studie zeigt aber, dass das Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören, Kooperation stärkt. Es gibt allerdings einen Haken.

Eine große Gruppe von Menschen sitzt eng beieinander im Licht der untergehenden Sonne während der Sonnenfinsternis am 12. Augus 2026 in Krakau. Das Bild ist Teil eines Beitrags über Identität und Gruppenidentität. Der Autor Matthias Sutter zeigt darin, dass Zugehörigkeitsgefühl und Identitätsfragen die Voraussetzung für Kooperation und Solidarität sind. Identität ist zugleich nichts festgefügtes, sondern kann sich entlang verschiedener Gruppen bilden.
Auf dem Kopiec Krakusa in Krakau am 12. August 2026 gemeinsam die Sonnenfinsternis genießen: Gruppenidentität und Zugehörigkeit sind nichts essentielles, argumentiert der Verhaltensökonom Matthias Sutter, jedoch wichtig für das Erleben von Gemeinschaft und Solidarität. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Konstrukt. Identität oder die Identifikation mit einer Gruppe wird gewählt und durch gemeinsame Rituale immer wieder erneuert.
  • Geschmackssache. Zugehörigkeit, Identität und Identifikation mit einer Gruppe werden auch durch scheinbar Banales wie Geschmack oder Vorlieben gestiftet.
  • Vorschuss. Wer zur selben Gruppe – sei sie auch noch so zufällig – gehört, dem vertraut man eher. Dieses Vorschussvertrauen ist die Voraussetzung für Kooperation.
  • Kehrseite. Gruppen, die der eigenen Identität scheinbar entgegenstehen, wird die Solidarität verweigert – Sachargumente zählen nicht. Daraus kann ein Demokratieproblem erwachsen.

Hören Sie lieber Songs von Taylor Swift oder Ed Sheeran? Drücken Sie eher Rapid Wien oder Red Bull Salzburg beim Fußball die Daumen? Gefallen Ihnen Bilder von Paul Klee besser oder doch jene von Wassily Kandinsky?

Wie auch immer Ihre Antworten ausfallen mögen, ist aufgrund zahlreicher Studien zu erwarten, dass Sie sich gegenüber jemandem, der ihren Geschmack teilt, kooperativer verhalten als gegenüber einer Person, die die jeweils andere Alternative bevorzugt. Das bedeutet auch, dass Sie jemandem mit derselben Vorliebe eher helfen und vertrauen. Eine bestimmte Gruppenidentität macht also das Zusammenleben innerhalb einer solchen Gruppe leichter, weil man einander wohlwollender und hilfsbereiter begegnet.

Das ist auf den ersten Blick überraschend, weil es für das tägliche Leben für die allermeisten Menschen vollkommen unbedeutend ist, wen man bei den paarweisen Vergleichen aus der Musik, dem Sport oder der Kunst bevorzugt. Und doch reicht bereits eine gemeinsame Vorliebe, um Kooperation und Vertrauen zu erhöhen.

Identität als Geschmacksurteil

Das wurde erstmals in den 1970er Jahren von einem Team um den Sozialpsychologen Henri Tajfel gezeigt. Er hatte Studienteilnehmern Bilder von Klee oder Kandinsky vorgelegt und dann Paare gebildet. Beide Personen im Paar wurden informiert, ob die andere Person dieselbe Vorliebe teilte oder nicht. Tajfel und sein Team fanden heraus, dass das Kooperationsniveau in einem Paar deutlich höher war, wenn die andere Person die eigene Vorliebe teilte (also einer „Ingroup“ angehörte), als wenn das nicht der Fall war („Outgroup“).

Ein solches Muster war bis dahin natürlich bekannt für Gruppenidentitäten, die für die meisten Menschen wirklich bedeutsam sind, beispielsweise ob jemand zur eigenen Familie zählt oder nicht. Aber die Forschung von Tajfel und Kollegen zeigte auf, dass das selbst für völlig unbedeutende Gruppeneinteilungen wie Kunst- oder Musikgeschmack gilt.

Ursprünglich wollte das Team um Tajfel die Ursprünge von Diskriminierung erforschen. Sie wollten herausfinden, wie wenig es braucht, um Mitglieder einer anderen Gruppe schlechter zu behandeln. Die Kehrseite derselben Medaille besteht aber darin, dass Menschen sich gegenüber Mitgliedern einer Gruppe, der sie sich selbst zugehörig fühlen, besser bzw. wohlwollender verhalten und kooperativer sind. Kooperation und wechselseitiges Vertrauen sind aber der Schlüssel für eine gut funktionierende, effiziente und letztlich wohlhabende Gemeinschaft.
 
In einer groß angelegten Studie mit mehr als 18.400 Teilnehmern (beiderlei Geschlechts) aus 42 Nationen konnte ich gemeinsam mit einem Team um Angelo Romano vor wenigen Jahren zeigen, dass die Kooperation mit Menschen aus dem eigenen Land systematisch höher als mit Personen aus anderen Ländern ist. Die Bandbreite der Länder reichte dabei von Schweden und Pakistan bis Nigeria und Neuseeland.

In allen untersuchten Staaten kooperierten die Teilnehmer deutlich mehr mit Angehörigen der eigenen Nation als mit denen anderer Länder. Die Tendenz, gegenüber den eigenen Landsleuten kooperativer zu sein, war unabhängig davon, ob die Teilnehmer anonym entscheiden konnten oder ihr Verhalten öffentlich gemacht wurde. Frauen kooperierten stärker als Männer mit Personen aus anderen Ländern, aber immer noch weniger als mit den eigenen Landsleuten. Teilnehmer mit höherer Bildung machten auch einen geringeren Unterschied zwischen den eigenen Landsleuten und Personen aus dem Ausland, bevorzugten im Schnitt aber ebenfalls die Inländer.
 
Für unsere Untersuchung ließen wir die Teilnehmer eine Variante des sogenannten Gefangenendilemmas, eines Standardexperiments der Kooperationsforschung, spielen: Dabei agieren die Versuchspersonen in Zweierteams. Beide bekommen eine kleine Summe Geld zur Verfügung und müssen entscheiden, wie viel sie davon behalten und wie viel sie dem unbekannten Mitspieler weitergeben – ohne zu wissen, wie der andere handelt. Die abgegebene Summe wird verdoppelt, das heißt von einem großzügigen Gegenüber profitiert man doppelt.

Unterschiede machen

Das beste Ergebnis für beide zusammen kommt zustande, wenn beide kooperieren und ihr gesamtes Geld weitergeben. Als einzelner kommt man jedoch am besten weg, wenn man egoistisch handelt und sein Geld behält, während der Mitspieler das ganze Geld abgibt. Das schlechteste Ergebnis für beide zusammen ergibt sich, wenn beide ihr Geld komplett behalten.
 
Ob und wie viel Geld man dem unbekannten Gegenüber gibt, ist daher eine Frage des Vertrauens und des Zusammenhalts. Beides ist offensichtlich innerhalb einzelner Länder deutlich stärker ausgeprägt als zwischen verschiedenen Nationen. Das liegt vor allem daran, dass man von der eigenen Gruppe – also Menschen aus dem eigenen Land wie in unserer Studie oder Menschen, die den eigenen Musik- oder Kunstgeschmack teilen oder denselben Fußballklub unterstützen – mehr Kooperation erwartet. Wenn man aber mit positiven Erwartungen in eine Begegnung mit anderen Menschen geht, werden diese sehr häufig erwidert.

Das liegt daran, dass das Verhalten der meisten Menschen einem Muster folgt, das man in der Forschung konditionale Kooperation nennt: Man kooperiert, wenn man kooperatives Verhalten von anderen auch beobachtet oder erwartet. Dieses Verhaltensmuster schafft einen selbst verstärkenden Prozess, wonach positive Erwartungen an Mitglieder der eigenen Gruppe die Kooperation und das wechselseitige Vertrauen erhöhen.

Schlechte Verlierer

Es gibt jedoch eine Kehrseite der positiven Wirkungen von Gruppenidentitäten. Die sehen wir aktuell besonders als Folge politischer Polarisierung. Beispielsweise zeigte Keith Chen mithilfe anonymisierter Smartphone-Daten, dass Thanksgiving-Feiern in den USA im Durchschnitt etwa 15 Prozent kürzer dauerten, wenn Familienmitglieder aus politisch unterschiedlich wählenden Regionen zusammenkamen, also wenn Republikaner und Demokraten aufeinandertrafen.

Besonders stark war dieser Effekt in sogenannten „Swing States“, in denen der Wahlkampf zwischen den beiden Parteien besonders intensiv war. Politische Unterschiede führten also dazu, dass Menschen weniger miteinander kommunizierten und Treffen schneller beendeten. Dadurch werden aber politische Gräben eher vertieft als überwunden.

Polarisierung beeinflusst jedoch nicht nur Kommunikation, sondern auch die Bereitschaft, Regeln zu akzeptieren. Wenn Menschen glauben, dass eine Vorschrift von politischen Gegnern stammt, fühlen sie sich häufig weniger verpflichtet, sie zu befolgen. Und das gilt unabhängig vom Inhalt der Regeln.

In einer Studie mit fast 1.300 Teilnehmern aus den USA – die entweder Donald Trump unterstützten oder ablehnten – konnten Christoph Feldhaus, Lukas Reinhardt und ich zeigen, dass dieselben Regeln und Verhaltenseinschränkungen deutlich häufiger bekämpft und nicht eingehalten wurden, wenn sie von jemandem stammten, der die entgegengesetzte Haltung zu Donald Trump hatte. Beispielsweise fühlte sich ein Trump-Anhänger viel stärker gegängelt, wenn dieselbe Einschränkung von einem Trump-Gegner erlassen wurde als wenn sie ebenfalls von einem Trump-Anhänger kam.

Der Grund für diese Asymmetrie lag in der Wahrnehmung der Motive. Wenn eine Regel von einem politischen Gegner kam, unterstellten die Teilnehmer häufiger negative Absichten: etwa den Wunsch nach Macht oder die Absicht zu schaden. Stammte dieselbe Regel dagegen aus dem eigenen politischen Lager, wurde sie eher als gut gemeint interpretiert.

Diese Ergebnisse helfen zu verstehen, warum Menschen Regeln ablehnen, die von politischen Gegnern eingeführt werden – etwa bei Klimaschutzmaßnahmen, Umverteilung, Pandemieregeln oder anderen gesellschaftlichen Konfliktthemen. Sie zeigen auch, dass reine Sachargumente oft nicht ausreichen, um Akzeptanz zu schaffen. Vielmehr braucht es eine gemeinsame, übergeordnete Gruppenzugehörigkeit, die diese Gräben überwinden und dazu führen könnte, dass politische Konflikte kooperativer angegangen werden.

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Conclusio

Politisch. Vorlieben und Urteile sind politisch. Sie stiften Gruppenzugehörigkeit und damit auch Solidarität.

Exklusiv. Durch die Abgrenzung von anderen wird Identitätspolitik betrieben, die auch zur Ausgrenzung von anderen führen kann bis hin zu Gewalt.

Regelbrecher. Demokratien sind darauf angewiesen, dass demokratisch getroffene Entscheidungen auch von allen mitgetragen werden. Doch Gruppenzugehörigkeit birgt immer die Gefahr, dass Teile einer Gesellschaft sich nicht an die Regeln halten will, die angeblich vom politischen Gegner kommen. Politik ist dann emotional und Sachargumente versagen.

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