Hinterfragt die Hinterfrager
Der Mensch sollte einengende Ideologien durch freies Denken überwinden und schlauer werden, so die klassische Forderung der Aufklärung nach Immanuel Kant. Ist die Idee selbst nicht auch ideologisch?

Auf den Punkt gebracht
- Vernunft. In Auseinandersetzungen berufen sich alle gerne auf die Vernunft und führen die Aufklärung als Rechtfertigung für Argumente an.
- Debatten. In den „Postcolonial Studies“ werden die vernunftbegabten Aufklärer als Kolonialisten und Rassisten ins Zentrum gerückt. Das greift zu kurz.
- Selbstkritik. Kritisches Denken sollte sich jeglicher Form der Simplifizierung entziehen, sondern in jedem Fall ein Aufruf zum kritischen Denken sein.
- Differenzierung. Die Aufklärung ist kein einheitliches Projekt, sondern umfasst unterschiedliche Traditionen und Modelle. Pauschale Urteile – ob Verherrlichung oder Verdammung – werden ihrer Vielfalt nicht gerecht.
Man ruft sie herbei, um Ideologien und Fundamentalismen zu bekämpfen – und wirft ihr zugleich vor, selbst ideologisch und fundamentalistisch zu sein. Die Aufklärung, so zeigt sich, ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern eine offene Geschichte.
Spektakulär war weniger der NATO-Gipfel in Den Haag im Juni 2025 an sich. (Die NATO-Mitgliedsstaaten verpflichteten sich, ihre Verteidigungsausgaben anzuheben.) Interessanter war wohl eine Begleitveranstaltung an der Universität Leiden, auf der der Psychologe und Harvard-Professor Steven Pinker einen Vortrag über jene Werte hielt, die angeblich von der NATO und der Aufklärung geteilt werden: Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Diese Werte müssten laut Pinker auch verteidigt werden. Notfalls sogar mit Gewalt.
Innere Widersprüche
Gleichzeitig wird die Aufklärung auch verdammt: Die Aufklärung würde „viel über die Entstehung und Etablierung diskriminierender Praktiken verraten – nicht nur historisch, sondern auch in heutigen neokolonialen Realitäten“. So jedenfalls ein typischer Vorwurf der „Postcolonial Studies“. Weiters heißt es, die Aufklärung sei ein eurozentrisches Projekt voller innerer Widersprüche, rassistisch und bis heute in Kolonialismus und Neokolonialismus verstrickt.
Ihr Universalismus und ihr universaler Freiheitsanspruch? Nichts als Heuchelei. Der Historiker und Politikwissenschaftler Achille Mbembe spricht deshalb vom „dunklen Schatten“ der europäischen Aufklärung: „Während europäische Denker die Philosophie der Aufklärung entwickelten, bauten ihre Länder rassistische Imperien auf, die Völker unterdrückten und ihnen Rechte und Chancen verweigerten.“
Zwei diametral entgegengesetzte, polemische Bilder über „die Aufklärung“. Beide Perspektiven neigen dazu, Klischees und Vorurteile über diese Strömung zu verbreiten, statt sich sachlich, kritisch – und ja, aufgeklärt – mit ihr auseinanderzusetzen. Die Aufklärung wird auf ein paar Schlagwörter wie „fortschrittlich“ oder „rassistisch“ reduziert. Aber gibt es „die Aufklärung“ überhaupt? Wenn ja, dann hat sie Besseres verdient.
Kontroverse Interpretation
Wer heute über die Aufklärung spricht, meint oft sehr Unterschiedliches – und meist ziemlich Pauschales. In Talkshows wie in Fachkreisen wird sie wahlweise als leuchtendes Symbol der Vernunft oder als Quelle allen Übels gehandelt. Für die einen steht sie für Fortschritt, Wissenschaft und Freiheit – das große Gegenmittel gegen Fundamentalismus, Esoterik oder politischen Populismus. Für andere ist sie ein gescheitertes Projekt: ein Denken, das die Vernunft auf den Thron hob, aber seine eigenen Grenzen nicht sah – und so, paradoxerweise, den Boden für Totalitarismus, Kolonialismus oder Völkermord bereitete. Die berühmte „Dialektik der Aufklärung“ lässt grüßen.
Was ist von diesen Urteilen zu halten? Wo liegt die Wahrheit? Zunächst: Was ist mit Aufklärung gemeint? Klare Definitionen und Unterscheidungen können hier helfen. Es empfiehlt sich, zuerst einmal zu klären, was gemeint ist, bevor man polemisiert, verdammt oder verherrlicht.
Wider die Unwissenheit
Aufklärung im weitesten Sinne beschreibt überall auf der Welt denselben Prozess: das Bemühen, Unwissenheit, Aberglauben oder Vorurteile durch Wissen, Einsicht oder Weisheit zu ersetzen. Dieses Grundmuster taucht in verschiedensten Kulturen auf – vom antiken Griechenland bis in die Gegenwart. Diese Form der Aufklärung ist interkulturell.
Daneben gibt es mehrere spezifische Konzeptionen oder Formen von Aufklärung. Historisch betrachtet ist die Aufklärung ein einmaliges Phänomen zwischen etwa 1650 und 1830, vor allem in Europa und Nordamerika. Kennzeichen sind rational nachvollziehbare Kritik an Traditionen, Weltbildern und Institutionen oder auch der Gedanke der Perfektionierung von Individuen und Gesellschaften. Die Aufklärerinnen und Aufklärer kämpften gegen Vorurteile, Irrtümer, Unwissenheit und Aberglauben. Hier waren sich alle einig. Ansonsten gab es Differenzen, die ab etwa 1750 immer mehr zunahmen.
Befreiung von Bevormundung
Die wissenschaftliche Aufklärung bezog sich auf die Entwicklung moderner Wissenschaft und auf die Erfahrung im Sinne des Empirismus, etwa verkörpert durch die 144 französischen Encyclopédistes, die im 18. Jahrhundert gemeinsam ein 18.000-seitiges Lexikon der Welt verfassten. Der emanzipatorische Aufklärungsbegriff wiederum betonte die Befreiung von Bevormundung – sei sie gesellschaftlicher, religiöser, politischer oder kultureller Natur.
Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) hat diesen emanzipatorischen Aufklärungsbegriff weitergeführt und die Rolle des eigenen Denkens und Urteilens betont. Im Mittelpunkt stehen drei kognitive Kompetenzen oder Fähigkeiten: das selbständige Denken, die Bereitschaft, an der Stelle von anderen zu denken und ihre Perspektiven einzunehmen, und schließlich der Versuch, Widersprüche im eigenen Denken zu vermeiden. Ein anspruchsvolles Programm. Ist bei jemandem wie Kant aber nicht anders zu erwarten.

Ab den 1750er-Jahren nahmen die Spannungen zwischen zwei völlig gegensätzlichen Aufklärungsmodellen zu. Die religiöse Aufklärung kritisierte immer wieder Amtskirchen, Aberglauben oder christliche Dogmen. Insgesamt strebte sie aber eine Reform des Religiösen und des Christentums an. Die überwiegende Mehrheit der Aufklärer gehörte zu dieser Gruppe. Das wird heute gerne übersehen. Vertreter waren John Locke, Jean-Jacques Rousseau oder eben auch Kant.
Wissenschaft versus Religion
Die säkulare Aufklärung folgte dem Modell „Aufklärung durch Wissenschaft“. Der Schwerpunkt lag auf Themen wie Gesellschaft, Wirtschaft, Regierung, Politik oder Bildung – ohne Bezug auf Religion oder Theologie. Es gab gemäßigte und radikale Ausprägungen dieser säkularen Aufklärung, wobei die radikalen – eine Minderheit – eine offene Feindseligkeit gegenüber Religionen insgesamt zeigten.
Was, wenn die Menschen einfach nicht aufgeklärt sein wollen? Denn Aufklärung ist sehr anstrengend.
Das zeigt: Aufklärung wurde immer schon unterschiedlich interpretiert, und das gilt bis zu den Debatten der Gegenwart. Auch hier werden unterschiedliche Modelle beziehungsweise Konzeptionen als die „wahre“ oder „eigentliche“ Aufklärung gesehen. Etwa dann, wenn Steven Pinker meint, die eigentliche Aufklärung falle mit (dem Glauben an die) Wissenschaft und Fortschritt zusammen. Diese Form der Aufklärung wird dann auch kritisiert – nicht selten mit dem Vorwurf, eine neue Ideologie geschaffen zu haben, nämlich ein angeblich „wissenschaftliches“ Weltbild.
Ein anderes Beispiel: die Debatte zwischen Richard Dawkins und Ayaan Hirsi Ali über den Zusammenhang zwischen Religion, Vernunft und Moral. Auf der einen Seite der Biologe und Intellektuelle Dawkins, ein prominenter Vertreter des New Atheism. Auf der anderen Seite Hirsi Ali, eine Politikwissenschaftlerin, Aktivistin und frühere Muslimin, die zum Katholizismus konvertiert ist.
Dawkins steht für die säkulare Aufklärung in ihrer atheistischen Variante, Hirsi Ali für die religiöseAufklärung. Beide Parteien berufen sich auf kritisches Selberdenken.
Erst die Unterscheidung zwischen verschiedenen Modellen oder Konzeptionen der Aufklärung ermöglicht es, unsinnige Karikaturen und Zerrbilder der Aufklärung loszuwerden. Die Aufklärung als ein Denken, das die Vernunft auf den Thron hob, aber seine eigenen Grenzen nicht sah? Das ist teilweise ein Klischee, das die Romantik in die Welt gesetzt hat.
Varianten der Aufklärung
Eine Aufklärung, die den Boden für Totalitarismus, Rassismus, Kolonialismus und Völkermord bereitete? Eine polemische Vereinfachung. Denn dabei wird die Aufklärung mit „der Moderne“ gleichgesetzt. Ja, es gab Aufklärer, die rassistische oder frauenfeindliche Äußerungen machten. Andere haben diese aber kritisiert. Die Aufklärung war in fast allen Bereichen von einer verwirrenden – und faszinierenden – Vielfalt gekennzeichnet.
Ist die Aufklärung gescheitert – oder wir? Der Physiker Georg Christoph Lichtenberg hatte eine passende Antwort bereit: „Man spricht viel von Aufklärung und wünscht mehr Licht. Mein Gott, was hilft aber alles Licht, wenn die Leute entweder keine Augen haben oder die, die sie haben, vorsätzlich verschließen?“ Was, wenn die Menschen einfach nicht aufgeklärt sein wollen? Denn Aufklärung als selbstreflexives Selberdenken ist sehr anstrengend.
Vielleicht liegt eine Stärke der Aufklärung genau darin, dass sie selbst immer wieder neu hinterfragt werden kann – und sollte. Eine aufgeklärte Gesellschaft gibt es nicht. Bestenfalls eine Bevölkerung, die sich um mehr selbstkritisches Denken und Mündigkeit bemüht.
Und sie hilft uns, uns selbst zu hinterfragen. Im Zweifelsfall halten wir nämlich gerne uns selbst und Gleichgesinnte für aufgeklärt, die anderen aber nicht. Genau das sollten wir auch hinterfragen. Ganz im Sinne der Aufklärung.
Conclusio
Zankapfel. Die Idee der Aufklärung stammt aus dem 18. Jahrhundert und wird bis heute kontrovers diskutiert. Die einen schätzen sie als Basis für Vernunft und Logik, andere verurteilen sie als Fundament von Kolonialismus und Rassismus.
Begriffsklärung. Um die Argumente zu sortieren, unterscheidet Cavallar religiöse von säkularer Aufklärung. Erstere wendet sich gegen Dogmen und Aberglauben, Letztere zielt auf systematischen, also wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn.
Interpretation. Die Theorien aus dem 18. Jahrhundert bergen auch Unzeitgemäßes wie Rassismus. Sie darauf zu reduzieren und zu verdammen, greift zu kurz. Kritisches Denken sollte natürlich auch auf sich selbst angewendet werden.
Buchtipp

Georg Cavallar: Failed Enlightenment? A Philosophical Introduction. De Gruyter Brill, 24,95 Euro