Wir brauchen eine Rezession!

Die dramatische Inflation ist sozial zutiefst ungerecht. Nur eine Rezession kann diesen Prozess stoppen. Ohne Notbremse werden Probleme nur verschlimmert.

Ein Fußballdress der argentinischen Nationalmannschaft hängt in einem Geschäft in Buenos Aires. Das Preisschild zeigt 2500 Pesos.
Ein Fußballdress mit der Nummer des argentinischen Nationalspielers Lionel Messi hängt in einer Auslage in Buenos Aires. Das Land ist mit einer der höchsten Inflationsraten der Welt konfrontiert, die jährlichen Teuerungen könnten bis Jahresende 100 Prozent erreichen. © Getty Images

Das antike Rom ging nicht zuletzt deshalb unter, weil seine Wirtschaft zu wenig produktiv war. Es lebte letztlich von Raub; reich konnte man damals nur auf Kosten anderer werden. Zur Kompensation wurde aus dem vorhandenen Bestand an Edelmetallen durch stetige Münzverschlechterung – Änderung der Legierung  durch Beimischung weniger wertvoller Metalle – immer mehr Geld in Umlauf gebracht: Genau das ist „Inflation“, eine Aufblähung – inflatio – der Geldmenge. Immer mehr Geld wurde benötigt, um die ständig steigenden Staatsausgaben zur militärischen Verteidigung der Grenzen zu bezahlen. Das führte schließlich zum Zusammenbruch.

Geschichte wiederholt sich nie, doch gibt es wiederkehrende Muster. Vor allem dort, wo ökonomische, aber auch sozialpsychologische Gesetzmäßigkeiten mit im Spiel sind. Und das ist in der Geldpolitik der Fall. Steigt die Geldmenge gegenüber einem gleichbleibenden Angebot an produzierten Gütern, steigen die Preise dieser Güter. Der Kaufkraftschwund beschleunigt sich, sobald die Erwartung aufkommt, es werde bald noch schlimmer. Hinter diesem Prozess steht ein Vertrauensverlust in die Währung, den Staat und die Politik.

Geld aus dem Nichts

Papiergeld, das man nur noch drucken musste, führte zu noch größeren inflationären Exzessen. So endete im Frankreich des 18. Jahrhunderts John Laws Geldexperiment schon nach kurzer Zeit im Platzen einer gewaltigen Blase. Ähnlich erging es den „Assignaten“ der französischen Revolutionszeit oder der deutschen Mark in der Zeit der Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg. 

Spätestens seit dem Jahr 1971, als US-Präsident Richard Nixon den Dollar und damit das gesamte internationale Währungssystem von der Bindung an das Gold löste, wird nun Geld „aus dem Nichts“ geschaffen. Es gibt keinen Währungsanker mehr. Papiergeld – Banknoten – spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. „Gedruckt“ wird Geld nun elektronisch auf Knopfdruck – theoretisch in unbegrenzter Menge – als reines Buchgeld im Bankensystem.

Noch immer ist die Idee verbreitet, die Banken würden als Kredite nur die ihnen zuvor anvertrauten Ersparnisse ihrer Kunden weitergeben. Doch das entspricht keineswegs der Realität. Denn Banken können auch über Geldschöpfung zusätzliche Kredite verleihen. Hierüber entsteht dann jedes Mal, wenn eine Bank einen Kredit gewährt, durch einen reinen Buchungsakt neues Geld. Die Banken schöpfen also durch ihre Kreditvergabe – gemäß den geldpolitischen Vorgaben der Zentralbanken, die „je nach Bedarf“ die Gesamtgeldmenge steuern können – neues Geld.

Gefahren der Geldschöpfung

Das geht relativ gut, solange mit den Krediten langfristig profitable unternehmerische Investitionen finanziert werden und die geldpolitischen Zügel straff sind – dieser Prozess sich also in engen Grenzen bewegt. Doch ist die heutige Welt des Kreditgelds von inflationärem Ungeist geprägt.

In der verhängnisvollen Absicht, die Konjunktur zu stimulieren, bewirken die Zentralbanken mit Zinssenkungen, dass durch billiges Kreditgeld auch wenig renditeträchtige Projekte finanziert werden. Das führt zum Boom mit massenhaften Fehlinvestitionen.

Infolge der durch die Ausweitung der zirkulierenden Geldmenge entstehenden Ressourcenknappheit und des gleichzeitig unverminderten Konsums – denn es wird ja nicht vermehrt gespart – steigen überall die Preise. Die mit dem billigen Geld getätigten Investitionen rechnen sich dann plötzlich nicht mehr. Folge sind die bekannten Konjunkturzyklen – Aufschwung und Abschwung – mit ihren bekannten wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen.

Ein Bankier zählt bis unter die Decke gestapelte Banknoten in Deutschland 1923
1929: Ein deutscher Bankier zählt gestapelte Geldscheine, die rapide an Wert verlieren. Die junge Weimarer Republik musste ständig mehr Geld drucken, um den enormen Schuldenberg zu bezahlen. Die Hyperinflation war eine Spätfolge des Ersten Weltkriegs. Ein Dollar entsprach im Dezember 1923 rund 4,21 Billionen Mark. © Getty Images

Stete Geldquelle statt erster Hilfe

Nach der Finanzkrise von 2008/09 schalteten die Zentralbanken jedoch noch einen Gang höher. Denn nun begannen sie, selbst Kreditgeld in das System zu pumpen, und dies nicht zur Stimulierung der Konjunktur, sondern zur Rettung des Bankensystems und überschuldeter Staaten und um das wankende Eurosystem vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Dazu kaufte die Europäische Zentralbank EZB massenhaft Staatsanleihen, nicht unmittelbar von den emittierenden Staaten – das wäre direkte Staatsfinanzierung und verboten gewesen –, sondern auf dem sogenannten Sekundärmarkt (was faktisch aber auf dasselbe hinausläuft). Ähnlich die Fed in den USA.

Man kaufte also den Banken mit von den Zentralbanken „frisch gedrucktem“ Giralgeld – mit einem simplen Buchungsakt auf einem Computer der EZB oder der Fed – die Staatsschulden ab. Nach der ersten – richtigen und notwendigen – Liquiditätsspritze, um den Zusammenbruch des Finanzsystems nach der Finanzkrise zu vermeiden, erfolgte dann jedoch die Verstetigung des Geldflusses.

EZB und Fed wurden zur ständig sprudelnden Geldquelle für die Lösung aller Probleme: Euro-Rettungsfonds, Pandemie-Wiederaufbaufonds, riesige Infrastrukturprogramme, das neue „Transmissionsschutzinstrument“ der EZB, um strukturschwache Staaten vor zu hohen Zinsen für ihre Schulden zu bewahren, und nun auch allerlei Ausgleichszahlungen an die Konsumenten, zur „Kompensation“ steigender Energiepreise. All dies sind Inflationstreiber. Der Staat – besser gesagt: die Politiker – verteilt/verteilen gerne, denn so können sie Wahlen gewinnen. Die Zentralbanken sorgen dafür, dass ihnen das Geld nicht ausgeht.

Unsoziale Inflation

Inflation hat jedoch extrem unsoziale und damit ethisch relevante Folgen. Sie bedeutet nicht einfach Anstieg der Preise. Steigt wegen Knappheit an Gas oder Öl der Gas- oder Ölpreis, dann ist das nicht Inflation, sondern eben ein Anstieg relativer Preise. Eine bestehende Nachfrage stößt auf ein schrumpfendes Angebot, und die Preise gehen hinauf. Das Problem löst sich, falls es sich lösen lässt, mit der Erhöhung des Angebots an Gas und Öl oder durch zeitweise verminderten Konsum.

Doch sollte der Anteil des kriegsbedingten Anstiegs der Energiepreise an der gegenwärtigen Inflationsrate nicht überschätzt werden. Diese begann in Wirklichkeit, sowohl in Europa wie auch in den USA, lange vor dem Krieg und der Verknappung von Energie deutlich in die Höhe zu gehen.

„Inflation“ ist nicht einfach Teuerung, sondern Ausweitung der Geldmenge, der kein entsprechend höheres Warenangebot gegenübersteht. Inflation ist Geldüberhang. Steigende Preise sind eine Folge von Inflation. Die Preise steigen jedoch nicht sofort und überall in gleichem Maße, sondern es kommt zum „Cantillon-Effekt“: Zunächst fließt das neu geschaffene Geld in jene Sektoren der Wirtschaft, die den Quellen der Geldschöpfung am nächsten sind. Etwa in den Finanzsektor. Seine Akteure erhalten das neue Geld noch mit unverminderter Kaufkraft.

Erst danach „frisst“ es sich durch alle Wirtschaftszweige hindurch. Die höhere Geldmenge trifft dabei jedoch auf ein zunächst unverändert gebliebenes Angebot an Rohstoffen und Produktionsgütern. Diese verknappen und verteuern sich dadurch. Zuletzt – dies dann aber umso kräftiger – klettern schließlich die „normalen“ Konsumgüterpreise in die Höhe.

Das trifft nun alle Konsumenten, am härtesten jedoch die untersten Einkommensschichten, jene also, die weit entfernt von den Quellen der Geldschöpfung wirtschaften, die keine Immobilien und Aktienportfolios besitzen und deshalb auch nicht von Preissteigerungen profitieren: die einfachen Lohnempfänger und Konsumenten, deren Realeinkommen und Wohlstand somit auf schmerzhafte Weise schrumpfen.

Dass die Immobilien- und Aktienbesitzer immer reicher werden und Akteure im sich ständig ausweitenden Finanzsektor enorme Einkommen erzielen und damit die soziale Ungleichheit wächst, ist nicht Folge des angeblich unsozialen Kapitalismus, sondern der verfehlten Politik der Zentralbanken einer stetigen Ausweitung der Geldmenge und der dadurch ermöglichten Schuldenwirtschaft der Staaten. Inflation verzerrt das gesamte soziale Gefüge. Sie bewirkt eine Umverteilung von unten nach oben. Aus moralphilosophischer Sicht ist das eine gewaltige Ungerechtigkeit.

Ist der Zins niedrig oder gleich null, besteht kein Zwang, die Produktivität eines Unternehmens zu steigern.

Zudem bringt Inflation die Produktionsstruktur der Wirtschaft aus den Fugen. Geld ist nicht, wie Ökonomen sagen, „neutral“, es hebt nicht einfach überall gleichmäßig das „Preisniveau“ an, so wie das Wasser in einem Schwimmbecken überall gleichmäßig ansteigt. Vielmehr beeinflusst es die relativen Preise der Güter, die in der Produktion verwendet werden, und verzerrt damit das wirtschaftliche Gefüge. Folge sind massenhafte unternehmerische Fehlkalkulationen und eine entsprechende Fehlallokation knapper Ressourcen. All dies geht auf Kosten des allgemeinen Wohlstands.

Zombifizierung der Wirtschaft

Die inflationäre Politik des billigen Geldes führt überdies zur sogenannten Zombifizierung der Wirtschaft. Ein Unternehmen muss ja mit dem von ihm erwirtschafteten Profit zumindest die Bedienung der aufgenommenen Kredite bewerkstelligen können, sonst geht es in Konkurs. Ist der Zins jedoch niedrig oder gleich null, besteht kein Zwang, die Produktivität und damit die Profitabilität des Unternehmens groß zu steigern.

Ein Künstler stellt Skulpturen auf einer Straße in Bogota aus, die er aus entwerteten venezolanischen Geldscheinen gefaltet hat.
Ein Künstler in Bogota verkauft Skulpturen aus entwerteten venezolanischen Geldscheinen auf einer Straße. Nach der Hyperinflation 2018 hat Venezuela in einer Währungsreform neue Geldscheine eingeführt. Die alte Währung, der Bolivar Fuerte, wurde im Verhältnis 100.000 zu 1 durch den neuen Bolivar ersetzt. Die Scheine sind noch legales Zahlungsmittel, aber de facto wertlos. © Getty Images

Das wirkt sich nicht nur auf das Innovationsniveau, sondern auch auf die Reallöhne aus. Niedrige Zinsen, billiges Geld also, sind deshalb ein mehrfacher Betrug an den Bürgern und unsozial: Die Kaufkraft des Geldes sinkt, die Löhne steigen nicht, und eine ganze Gesellschaft wird weniger innovativ, was ein langsameres Anwachsen des Wohlstands bewirkt, wenn dieser längerfristig nicht gar zurückgeht.

Kein Aufschwung ohne Konkurse 

Da das Gift der Inflation monetärer Natur ist, kann es nur durch monetäre Maßnahmen eingedämmt werden, konkret: durch ein Anheben der Zinsen und die Verknappung des Geldes. Das führt notwendig zu einer Rezession. Denn infolge der steigenden Zinskosten gibt es Konkurse – womöglich massenhaft. Davor haben Politiker Angst, obwohl eine Rezession ein unumgänglicher Heilungsprozess ist. Wird sie durch geldpolitische Lockerung verhindert – man spricht dann von „weicher Landung“ –, werden ungelöste Probleme und Strukturverzerrungen in die Zukunft verschoben. Sie melden sich in einer späteren Phase umso brutaler zurück und führen zu einer noch größeren Krise.

Rezession ist ein unumgänglicher Heilungsprozess.

Nur eine Rezession kann diesen Prozess stoppen und umkehren. Rezessionen müssen, vor allem wegen der kurzfristig steigenden Arbeitslosigkeit, sozial abgefedert werden, aber nicht mit der Gießkanne, sondern durch gezielte Hilfen an jene, die sie wirklich benötigen. Unprofitable Betriebe muss man jedoch in den Konkurs gehen lassen, was auf die Dauer ein gesamtwirtschaftlicher Gewinn ist.

Auch wenn sie wegen der sozialen Verwerfungen hohe soziale und politische Risiken in sich bergen, sind Rezessionen in Wirklichkeit wirtschaftliche Hoffnungsträger. Denn ein Konkurs bedeutet nicht Vernichtung von Kapital, sondern die Abstrafung unfähiger bzw. infolge des billigen Geldes träge gewordener oder fehlgeleiteter Unternehmer und Manager. Fabrikanlagen, Maschinen und Know-how werden dann billig verkauft und kommen in Hände, die aufgrund des billigen Ankaufs im beginnenden Aufschwung wieder profitabel wirtschaften können, ja, infolge der steigenden Zinsen dazu gezwungen sind.

Langfristig denken

Aufgabe der Kirchen und anderer sozial engagierter Institutionen ist in einer solchen Situation nicht, Entlassungen und Arbeitslosigkeit als „Skandal“ oder „ungerecht“ anzuprangern oder sie gar – im Einklang mit den Gewerkschaften – zu verhindern zu suchen. Das würde heißen, gegen das Gemeinwohl zu agieren. Denn das Gemeinwohl, das auch das Wohl künftiger Generationen mit einschließt, verlangt eine radikale Gesundung des wirtschaftlichen Gefüges. Aufgabe ist es in einer solchen Situation, die Menschen mit der Wahrheit zu konfrontieren, Hoffnung zu geben und denen beizustehen, die trotz der staatlichen Auffangnetze sozusagen auf der Straße liegen bleiben.

Unsere Wirtschaft ist von den niedrigen Zinsen abhängig wie von einer Droge.

Versucht die Politik das Problem noch einmal auf die lange Bank zu schieben, wird der Absturz umso schmerzhafter. Eine solche Politik wäre gemeinwohlwidrig. Allerdings ist unsere Wirtschaft von den niedrigen Zinsen abhängig wie von einer Droge, und ebenso sind es die überschuldeten Staaten. Würde ihnen die Droge entzogen, wären Staatsbankrotte bzw. Schuldenschnitte und Währungsreformen unvermeidlich, aber ebenfalls heilsam. Doch wird sich schwerlich ein Politiker finden, der bereit ist, seinen Wählern die Wahrheit zu sagen. Und so wird man wohl weiterhin den Kopf in den Sand stecken. Das alte Rom lässt grüßen!