So kommen die USA aus dem Iran-Krieg raus
Trump und Putin haben eines gemeinsam: Sie verkennen ihre Feinde. Der Iran-Krieg hat das Mullah-Regime gestärkt. Lachender Dritter ist China. Die USA sollten die Lektionen der Geschichte berücksichtigen.

Auf den Punkt gebracht
- Fehleinschätzung. Trump und Putin haben die Stärke und Widerstandskraft ihrer Gegner unterschätzt.
- Eskalation. Das Waffenstillstandsabkommen zwischen den USA und dem Iran scheiterte nach wenigen Wochen, der Konflikt weitete sich erneut aus.
- Widerstand. Militärischer Druck von außen kann den iranischen Nationalismus stärken und damit das Regime stabilisieren.
- Strategie. Eine Eindämmung des Iran erscheint erfolgversprechender als die Hoffnung auf einen schnellen militärischen Sieg.
Nur drei Wochen hielt das Abkommen, das die militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem Iran, den USA, Israel und den arabischen Staaten beenden sollte. Am 6. Juli griff der Iran abermals Schiffe in der Straße von Hormus an, seither weiten die Amerikaner ihre Luftangriffe aus, die Iraner feuern Raketen auf die amerikanischen Verbündeten, die Meerenge ist blockiert, die proiranischen Huthi-Milizen bedrohen die freie Schifffahrt im Roten Meer und die Erdölpreise steigen.
Mehr zu den USA
Trump hatte den Amerikanern versprochen, sich niemals in einen endlosen Krieg verwickeln zu lassen, schon gar nicht im Nahen Osten, aber genau darauf hat er sich eingelassen.
Kein Ende in Sicht
Trumps Fehlkalkulation ähnelt der Putins, der damit rechnete, die „Spezialoperation“ gegen die Ukraine in wenigen Wochen beenden zu können; indes dauert sie länger als der Erste Weltkrieg, und ein Ende zeichnet sich nicht ab. Im Nahen wie im europäischen Osten zählt, wie in jedem Krieg, nur der Enderfolg: „Bis dahin ist nichts entschieden, nichts gewonnen, nichts verloren“, schreibt Carl von Clausewitz in seinem Werk Vom Kriege.
Der alte Preuße folgerte aus dem napoleonischen Debakel in Russland: „Ein solches Land kann nur bezwungen werden durch eigene Schwäche und durch die Wirkungen des inneren Zwiespaltes.“ Auch Trump will den Iran militärisch so weit zermürben, bis ihn dessen innere Gegensätze zur Kapitulation zwingen.
Im Gegensatz zu Trumps Lakaien in der amerikanischen Administration stimmen fast alle amerikanischen Experten in Armee, Nachrichtendiensten und Denkfabriken darin überein, dass der Iran nur durch die Entsendung von amerikanischen Bodentruppen besiegt werden könnte. Falls es dazu kommen sollte (Trump zögert aus guten Gründen, einen solchen Befehl zu erteilen), hätten die USA ein Riesenproblem.
China wäre wieder einmal der lachende Dritte.
Ihnen droht ein Debakel wie in Indochina und, abgesehen von Israel, der Verlust so gut wie aller Verbündeten im Nahen Osten und im sogenannten „globalen Süden“. China wäre wieder einmal der lachende Dritte. Die amerikanische Niederlage in Vietnam war einer der Gründe gewesen, die Nixon und Kissinger dazu veranlassten, Taiwan auf dem Altar des chinesischen „Ein-China-Prinzips“ zu opfern.
Europa hätte den gefährlichsten Krieg seit 1945 in unmittelbarer Nähe, mit dramatischen ökonomischen und sicherheitspolitischen Folgen; in den EU-Ländern, die die Massenmigration aus islamischen Ländern billigend in Kauf genommen haben, bereiten sich die „fünften Kolonnen“ des Dschihadismus in den schon weitgehend islamisierten Ländern der EU vor.
Falsch eingeschätzt
Trump und Putin hätten den Rat von Clausewitz beherzigen sollen: Man müsse immer „die Kräfte und Verhältnisse des feindlichen Staates (…) den Charakter seiner Regierung, seines Volkes, (…) die politischen Verbindungen anderer Staaten und die Wirkungen, welche der Krieg darin hervorbringen kann, in Betracht ziehen.“ Trump und Putin haben ihre Feinde falsch eingeschätzt.
Putin glaubt, dass die Ukrainer in Wirklichkeit Russen seien, die unter dem Einfluss des Westens einen Sonderweg eingeschlagen hätten; sie würden von einer „faschistischen“ Clique regiert, die sie daran hindere, ihre wahre Bestimmung als Bestandteil der „russischen Welt“ zu erkennen. Tatsächlich stimmten die Ukrainer 1991 mit großer Mehrheit – auch in den vorwiegend von ethnischen Russen bewohnten Gebieten – für einen selbständigen Staat.
China und Iran: Warum Peking stillhält
Nach der russischen Annexion der Krim, der Besetzung des Donbass, der Invasion und dem Dauerbombardement führen die Ukrainer einen Volkskrieg, der ungeachtet der Sabotage durch eine russophile Minderheit und korrupte Seilschaften im Staatsapparat eine Dynamik entfaltet hat, die nur wenige westliche Beobachter für möglich gehalten hatten.
Tiefe Wurzeln des Iran-Kriegs
Schwieriger ist die Beurteilung der „Kräfte und Verhältnisse des feindlichen Staates“ im Fall des Irans. Es geht um einen Konflikt, der sich in der zweiten Amtszeit Trumps zwar verschärfte, aber viel tiefere Wurzeln hat: 1953 hatten die CIA und der britische MI6 den Sturz des nationalistischen Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh herbeigeführt.
Die Erinnerung an diese Demütigung überdauerte die Ära des autokratisch regierenden Shah. Zur Überraschung westlicher Beobachter, die sich vorwiegend auf Informationen der iranischen Diaspora in Paris stützten, mündete die Revolution in der Machtergreifung der Islamisten und der Gründung der Islamischen Republik.
Im November 1979 stürmten islamistische Terroristen die US-Botschaft und hielten 52 Amerikaner 444 Tage lang unter grauenhaften Bedingungen als Geiseln fest. Bei einem gescheiterten Befreiungsversuch im April 1980 kamen acht US-Soldaten ums Leben. Die USA brachen die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab, die seitdem nie wieder aufgenommen wurden.
4 Gründe für Erdogans geopolitischen Höhenflug
Im Iran-Irak-Krieg (1980–1988), in dem eineinhalb Millionen Menschen ums Leben kamen, standen die USA an der Seite Saddam Husseins. Am 3. Juli 1988 feuerte die amerikanische Marine irrtümlich zwei Raketen auf ein iranisches Zivilflugzeug ab; der Airbus zerbrach, alle 290 Insassen, unter ihnen 66 Kinder, kamen dabei ums Leben.
Eine Untersuchung des Pentagon bestätigte die iranische Darstellung des Vorfalls, nach einer Klage vor dem Internationalen Gerichtshof entschädigte die Clinton-Administration die Familien der Opfer mit 131,8 Millionen Dollar, aber eine offizielle amerikanische Entschuldigung gab es nicht. George Bush (Vater) zeichnete den Kommandanten der „Vincennes“, von der aus die Raketen abgefeuert wurden, 1990 für seine „außerordentlichen Verdienste“ mit dem Orden der „Legion of Merit“ aus.
Diese Vorgeschichte rechtfertigt in keiner Weise die enormen Verbrechen des islamistischen Regimes gegen das iranische Volk, gegen Israel und die Golfstaaten, geschweige denn den Terror der schiitischen und sunnitischen Terroristen, die von Teheran finanziert und geleitet werden. Ihr Studium ist jedoch unerlässlich, um zu verstehen, warum sich das iranische Regime behaupten kann.
Äußerer Feind statt Revolution
Zwar lehnt die weitgehend säkularisierte Bevölkerung die Mullahs mehrheitlich ab, aber unter dem Eindruck der amerikanischen Angriffswellen und Trumps Drohungen, das Land in die Steinzeit zu bomben, festigt sich ein Nationalgefühl, an das das Regime appellieren kann. Weil es um das Überleben des Staates geht, ist Teheran sogar bereit, Verstöße gegen die am meisten verhassten islamistischen Gesetze wie den Kopftuchzwang zu tolerieren.
In der Geschichte gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie sich die Reihen schließen, wenn ein Land von außen angegriffen wird. Unter dem Bombenterror der Alliierten fiel es auch den Deutschen schwer, Hitler für ihren größten Feind zu halten.
Eher gehen Staaten im Bombenhagel unter als religiös motivierte revolutionäre Bewegungen.
Nur noch gut ein Fünftel der Iraner lebt auf dem Land, und dieser Teil der Bevölkerung ist religiös nicht wesentlich konservativer als die Stadtbevölkerung. Der islamistische Einfluss beruht weniger auf tiefer religiöser Überzeugung als auf dem eng geflochtenen Klientelnetz des Regimes. Gleichwohl wäre es ein verhängnisvoller Fehler, den Islamismus zu unterschätzen; im Iran und im ganzen Nahen Osten kann er Millionen Anhänger mobilisieren.
Eher gehen Staaten im Bombenhagel unter als religiös motivierte revolutionäre Bewegungen. Israel hat die Hamas in Gaza und die Hisbollah im Libanon militärisch geschwächt, vernichtet hat es sie nicht. Schlägt man der Hydra einen Kopf ab, wachsen zwei weitere nach.
Containment statt Invasion
Im säkularisierten Westen fehlt das Verständnis für den islamistischen Messianismus. Europa hat sein christliches Erbe entsorgt, in Amerika überlebt es reduziert auf eine Zivilreligion. Die Erinnerung an die verheerenden Religionskriege ist verblasst, man kann sich kaum noch vorstellen, dass es Menschen gibt, die bereit sind, für ihren Glauben zu sterben.
Solange der Iran nicht „durch eigene Schwäche und durch die Wirkungen des inneren Zwiespaltes“ scheitert, werden die USA und Israel notgedrungen schmerzliche Kompromisse in Kauf nehmen müssen, um die Gefahr einzudämmen, ähnlich wie der Westen gegenüber der sowjetischen Bedrohung von direkter Konfrontation zu „Containment“ übergehen musste.
Wie auch immer der Krieg gegen den Iran enden wird, es wird nicht der letzte im Kampf zwischen der westlichen Zivilisation und dem Islam sein.
Conclusio
Konflikt. Der Krieg zwischen den USA und dem Iran hat sich trotz eines kurzfristigen Abkommens wieder verschärft. Trump unterschätzte – ähnlich wie Putin bei der Ukraine – die Widerstandskraft und die inneren Verhältnisse seines Gegners. Ein rascher militärischer Erfolg erscheint daher unwahrscheinlich.
Folgen. Anhaltende Kämpfe würden nicht nur den Nahen Osten destabilisieren, sondern auch die Weltwirtschaft und die Sicherheit Europas belasten. Gleichzeitig könnte der äußere Druck den inneren Zusammenhalt des iranischen Regimes stärken, anstatt dessen Zerfall zu beschleunigen.
Perspektive. Die westliche Politik sollte militärische Eskalation vermeiden und auf Eindämmung, Diplomatie und gezielten Druck setzen. Das günstigste Szenario wäre eine schrittweise Schwächung des Regimes durch innere Reformkräfte, begleitet von einer regionalen Entspannung und einer Wiederaufnahme politischer Verhandlungen.



