Jihad gegen das Kopftuch

Ausdruck von Religionsfreiheit oder Hindernis für Integration? Das Kopftuch ist jedenfalls mehr als ein Stück Stoff und fordert unsere liberale Integrationspolitik heraus.

Demonstration gegen das von der damaligen Regierungskoalition vorgeschlagene Kopftuchverbot. Wien, 4. Februar 2017.
Demonstration gegen das von der damaligen Regierungskoalition vorgeschlagene Kopftuchverbot. Wien, 4. Februar 2017. © Getty Images

Islamische Symbole sind in Österreich nicht immer gern gesehen. So war mein erster Gedanke, wie schwer es für gläubige Musliminnen wohl sei, ihre religiöse Identität zu bewahren, als ich letzten Monat an einem Serviceschalter am Wiener Flughafen von einer syrischen Frau mit Kopftuch bedient wurde. 

Viele Muslime verweisen auf das Gleichnis des Propheten Mohammed, demzufolge das Festhalten am Glauben in einer nicht-muslimischen Gesellschaft „wie das Halten von glühender Kohle“ sei. Vor diesem Hintergrund wird das Tragen des Kopftuchs im Berufsleben als innerer spiritueller Kampf angesehen, um im eigenen Glauben standhaft zu bleiben. Zudem argumentieren Kritiker des aktuellen Kopftuchverbots, dass es eine Diskriminierung einer Glaubensgemeinschaft darstelle, die Österreich seit 1912, nach der Annexion von Bosnien und Herzegowina, offiziell anerkennt. 

Es geht auch ohne Spannungen

Was dabei häufig übersehen wird: In bosnischen und serbischen Gemeinschaften entwickelte sich der Islam in einem säkularen, europäisch geprägten Umfeld. Dort ist das Kopftuch tatsächlich eher eine persönliche Entscheidung als eine gesellschaftliche Norm. Bei Migrantinnen aus dem Nahen Osten hingegen sind meist familiäre Zwänge und sozialer Druck ausschlaggebend, das Kopftuch zu tragen. 

Das Wort ‚freie Entscheidung‘ verschleiert in der Debatte oft mehr, als es erklärt.

Die österreichische Geschichte zeigt, dass ein moderater Islam und eine europäische Gesellschaft über mehr als ein Jahrhundert hinweg ohne die heutigen Spannungen koexistieren konnten. Die Debatte darf sich deshalb nicht länger allein auf das Kopftuchverbot beschränken. 

Es geht vielmehr darum, ob das Konzept der Frauen-Verschleierung religiöse Pflicht ist oder nur gewachsene Tradition, wie der Staat damit integrationspolitisch umgehen soll, ob das Kopftuch als politisches Symbol dient – und ob es den gesellschaftlichen Zusammenhalt am Ende stärkt oder untergräbt. 

Erst wenn man diese Fragen auseinanderhält, zeigt sich, warum das Wort „freie Entscheidung“ in dieser Debatte oft mehr verschleiert, als es erklärt.

Tradition, nicht Religion

Das Kleidungsstück, das heute im Zentrum der politischen Debatte steht, ist viel älter ist als der Islam. Seine Wurzeln reichen bis ins alte Mesopotamien zurück. 

Im antiken Syrien gehörten Schleier zur religiösen Symbolik. Göttinnen und Priesterinnen wurden verschleiert dargestellt. Im alten Ägypten schoren sich Priester den Kopf als Zeichen ritueller Reinheit, und bei den Hebräern galt die Kopfbedeckung ebenfalls als Zeichen von Sittsamkeit und Würde. 

In der christlichen Ikonografie setzte sich diese visuelle Tradition fort. Maria, Mutter Gottes, wird seit zweitausend Jahren mit Kopfbedeckung und wallendem Gewand dargestellt, und bis heute tragen christliche Nonnen einen Schleier als Ausdruck von Demut, Keuschheit und ihrer Hingabe an Gott. 

Im vorislamischen Arabien war Verschleierung kein religiöses Gebot, sondern eine ererbte Tradition. Was eine Frau bedeckte, hing von ihrer Herkunft, von der Region, vom Stamm und vor allem von ihrer sozialen Schicht ab. 

In der städtischen Elite Mekkas etwa war der Schleier weniger Zeichen der Frömmigkeit als Statussymbol. Er markierte, welchem Rang die Trägerin angehörte, und er zog eine klare Linie zwischen freien Frauen und Sklavinnen, zwischen Ehefrauen und Prostituierten. Ganz ähnlich verhielt es sich weiter nördlich, im Byzantinischen und im Sassanidenreich, wo die Verschleierung von Frauen höherer sozialer Stellung ausging – eher ein Privileg als eine Pflicht.

Die ersten und schärfsten Kritiker des Kopftuchs kamen aus der islamischen Welt selbst.

Mit dem Islam änderte sich das. Männliche Gelehrte machten aus allgemeinen Grundsätzen der Bescheidenheit über Jahrhunderte hinweg detaillierte Kleidungsvorschriften für die Frauen. Das Kopftuch galt fortan Gläubigen als religiöse Pflicht, als Ausdruck von Sittsamkeit und Gehorsam gegenüber Gott. Und nicht zuletzt auch als Schutz vor unerwünschter Aufmerksamkeit, der den Umgang zwischen unverwandten Männern und Frauen regeln sollte. Vor diesem historischen Hintergrund greift es zu kurz, das Kopftuch ausschließlich unter dem Schlagwort der Religionsfreiheit zu diskutieren. 

Die Reformer, die Europa vergessen hat

Die Vorstellung, das Kopftuch sei eine unantastbare religiöse Pflicht und jede Kritik daran Ausdruck westlicher Islamfeindlichkeit, hält einer historischen Betrachtung nicht stand. Die ersten und schärfsten Kritiker des Kopftuchs kamen aus der islamischen Welt selbst.

Bereits 1899 sprach sich der ägyptische Reform-Denker Qasim Amin in seinem Buch „Die Befreiung der Frau“ (The Liberation of Women) für die Abschaffung des Schleiers aus. Dieser sei, so Amin, „eine Barriere zwischen der Frau und ihrem Fortschritt – und damit auch eine Barriere zwischen der Nation und ihrem Fortschritt“. Mädchen, die bereits mit zwölf oder dreizehn Jahren verschleiert würden, verloren nach ihrer Auffassung genau jene Freiheit und Entwicklungsmöglichkeiten, die ihnen Bildung zuvor eröffnet hatte.

Die Ärztin und Feministin Nawal El Saadawi bezeichnete 1977 das Aufzwingen des Kopftuchs für Mädchen gar als eine Form von Gewalt. Nicht das Kopftuch selbst sei das Problem, sondern der Zwang auf ein Kind, das noch keine selbstbestimmte Entscheidung treffen kann, und dem damit Angst vor göttlicher Strafe und Gehorsam gegenüber religiöser Autorität eingeprägt werde. Mädchen würden dadurch schon früh lernen, ihren Körper als Quelle der Versuchung und sich selbst als potenzielle Sünderinnen und Verführerinnen zu begreifen. Lange bevor sie die Möglichkeit haben, diese Vorstellungen kritisch zu hinterfragen.

Der syrische Denker Muhammad Shahrour argumentierte im Jahr 2000, das Kopftuch sei keine koranische Pflicht, sondern eine historische, kulturelle Ausdrucksform eines breiteren Prinzips der Bescheidenheit, mit einem zulässigen Spielraum, aber nicht einer einzigen vorgeschriebenen Form. Glaube, so Shahrour, sei ein persönlicher Bund zwischen Mensch und Gott, keine Sache, die eine Familie oder Gemeinschaft einem Kind auferlegen darf. Er entwickelte diesen Ansatz, weil er glaubte, die Jahrhunderte starrer Rechtsprechung hätten Muslimen nur zwei Wege gelassen: religiösen Extremismus oder die Abkehr vom Glauben. Er suchte einen dritten Weg durch idschtihad, eigenständiges Denken innerhalb der Tradition.

Auch innerhalb der zeitgenössischen islamischen Gelehrsamkeit ist die Frage nach der religiösen Pflicht keineswegs geklärt. Saad El-Din El-Hilaly, Professor an der Al-Azhar-Universität, der höchsten Autorität sunnitischer Rechtsprechung, hat 2018 öffentlich erklärt, ursprünglich sei nur die Bedeckung der Awrah (der intimen Körperteile) Pflicht gewesen, die später umformuliert wurde zur Pflicht, das Haar zu bedecken: „Es gibt keinen expliziten religiösen Text, der das Kopftuch, wie es heute getragen wird, als verpflichtend festgelegt.“

Keine wirklich „freie Wahl“

In Westeuropa hat sich in Teilen der politischen Debatte eine einfache Formel etabliert: In einem liberalen Rechtsstaat kann jede erwachsene Frau selbst entscheiden dürfen, ob sie ein Kopftuch trägt oder nicht. Problematisch wird diese Formel dort, wo sie verschweigt, wie diese „Wahl“ überhaupt zustande kommt. Integration bedeutet nicht nur, Chancen zu eröffnen, sondern auch zu fragen, welche Prägung jemand mitbringt. 

Das Kopftuch erscheint nicht als persönliche Wahl, sondern als Selbstverständlichkeit.

Lange bevor ein Mädchen selbstbestimmt entscheiden kann, lernt es häufig, dass für sie andere Regeln gelten als für ihren Bruder. Ihr Körper gilt als schützenswert, ihre Kleidung als Ausdruck der Familienehre. So erscheint das Kopftuch nicht als persönliche Wahl, sondern als Selbstverständlichkeit.

Die Verhüllung von Frauen ist dabei nur die sichtbarste Spitze eines viel tiefer liegenden, über Jahrhunderte gewachsenen Verständnisses von Geschlechterrollen, das durch patriarchale Religionsauslegungen geprägt wurde. Diese schreiben Männern Autorität über Ehe, Erbe, Bildung, Bewegungsfreiheit und das öffentliche Leben zu, während die Familienehre an den weiblichen Familienmitgliedern definiert wird.

In ihrer härtesten Form legitimiert dieselbe Logik Zwangsheirat und Gewalt im Namen der „Familienehre“. Wenn eine junge Frau später erklärt, sie trage das Kopftuch aus freier Entscheidung oder weil Gott es verlange, ist der entscheidende Sozialisierungsprozess häufig längst abgeschlossen. Wer von klein auf lernt, dass für Mädchen und Jungen unterschiedliche Maßstäbe gelten, entscheidet nicht auf neutralem Boden.

Religion vor Gesellschaft 

Genau hier beginnt die integrationspolitische Dimension der Debatte. Mädchen wachsen zuerst als Angehörige einer Glaubensgemeinschaft auf, erst danach als Teil der Gesellschaft. Religiöse Zugehörigkeit erhält Vorrang vor der gemeinsamen bürgerlichen Identität. Das Kopftuch wird dadurch vielerorts nicht nur als Ausdruck persönlichen Glaubens wahrgenommen, sondern auch als sichtbares Symbol kultureller und religiöser Abgrenzung. 

Meist geschieht das ohne politische Absicht, dennoch erschwert es Integration, verstärkt Distanz, hält Frauen im Status der „Anderen“ fest, statt sie als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft zu behandeln.

Das ist das Gegenteil von Integration.

Ein Teil der Linken übersieht dabei, dass die Berufung auf individuelle Freiheit unbeabsichtigt genau das Gegenteil bewirken und religiöse Parallelstrukturen stärken statt gemeinsame Identität fördern. Ein trojanisches Pferd, das individuelle Rechte schützen soll, begünstigt zugleich kollektive religiöse Abgrenzung.

Diese Denkweise reicht über die Kleidung hinaus. Die vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit mancher muslimischen Frauen in Österreich wird zu oft allein mit strukturellen Hürden erklärt, Sprache, Anerkennung von Qualifikationen, Diskriminierung. Das stimmt teilweise. Doch nicht für alle Muslime ist die wirtschaftliche Abhängigkeit der Ehefrau ein Missstand. In konservativen Milieus gilt sie vielfach als Ausdruck von Ehre. Dass der Mann für den Lebensunterhalt sorgt, wird als Zeichen seiner Verantwortung verstanden, und zugleich als Schutz der Frau vor fremden Männern und einer Gesellschaft, der man misstraut. In Österreichs Mehrheitsgesellschaft war das übrigens vor 50 Jahren auch nicht viel anders.

Die Folgen solcher Mindsets bleiben nicht privat, sie zeigen sich in Mustern der Selbstsegregation, wo Verhüllung weniger private Wahl ist als eine Abgrenzung gegenüber der Umgebung, und über eine Generation hinweg verhärten sie sich zu Parallelwelten, zu Familien, Schulen und Nachbarschaften, in denen die Normen des Gastlandes als fremd und illegitim gelten.

Das ist das Gegenteil von Integration.

Regeln für Integration 

Wenn der Staat die Bekämpfung von Parallelgesellschaften ernst nimmt, darf die Debatte nicht bei „Religionsfreiheit oder Islamfeindlichkeit“ stehen bleiben. 

Es geht darum, der nächsten Generation eine echte Chance zu geben, wirklich Teil der österreichischen Gesellschaft zu sein, und sie dort zu schützen, wo der Schaden an der Gleichberechtigung tatsächlich entsteht, statt Segregation und ungleiche Behandlung von Geschwistern weiter als Privatsache zu behandeln.

Dafür braucht Österreich kein neues Wertesystem. Es reicht, ernst zu nehmen, was Reformer wie Amin, El Saadawi und Shahrour längst von innen heraus gefordert haben, und aufzuhören, das Schweigen über die Verschleierung eines Kindes mit Respekt zu verwechseln, wenn es meist nur die politische Vermeidung von Ärger ist.

Frauen dürfen nicht Untertaninnen von über 1.400 Jahre alten Normen sein, die eine unverschleierte Frau als sexuell verfügbare Sklavin markieren. 

Integration funktioniert nicht durch guten Willen allein, sondern durch klare Regeln, die für alle gleich gelten. Wer die eigene Glaubensvorstellung nicht mit den Grundprinzipien der Demokratie vereinbaren kann und versucht, sie der Gastgesellschaft aufzuzwingen, dem muss das Gesetz entschlossen entgegentreten. „Andere Länder, andere Sitten“ ist keine Floskel.

Wer nach Österreich kommt, muss seine Religion nicht aufgeben, wohl aber die Grundwerte einer liberalen Demokratie akzeptieren, allen voran die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Toleranz darf nicht heißen, Praktiken zu relativieren, die diesen Freiheitsrechten widersprechen. Akzeptierten wir dieses Argument, müssten wir dann nicht auch die Vielehe unter dem Prinzip der „freien Entscheidung“ hinnehmen?

Es braucht eine Art Jihad gegen das Kopftuch selbst. Mädchen und Frauen dürfen ihre Zukunft als gleichwertige Individuen selbst gestalten. Sie dürfen nicht Untertaninnen von über 1.400 Jahre alten Normen sein, die eine unverschleierte Frau als sexuell verfügbare Sklavin markieren. 

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