Jonathan Swift – der Wütendste aller Satiriker

Der Autor und Priester Jonathan Swift servierte seine Menschenverachtung als Fabelhafte Satiren, seine glühendsten Tiraden gegen die Umstände musste er sogar anonym veröffentlichen. Ein Musterbeispiel für Kritik in Zeiten der Zensur.

Die Illustration zeigt den Dichter Jonathan Swift. Und daneben ein Tintenglas und eine Schreibfeder.
Der Dichter Jonathan Swift war der größte aller Satiriker. © Claudia Meitert

Jonathan Swift wurde am 30. November 1667 in Dublin geboren und starb ebenda am 19. Oktober 1745. Er ist der härteste Satiriker, seit es dieses literarische Betätigungsfeld gibt. Bis heute bekannt ist er für seinen Roman Gullivers Reisen.

Vier Expeditionen des Lemuel Gulliver werden darin beschrieben, die berühmteste, vom satirischen Standpunkt aus betrachtet allerdings harmloseste, ist jene zur Insel Liliput. Die giftigste Geschichte erlebt der Held bei seiner letzten Reise. Da wird er von Meuterern auf einem unbekannten Strand ausgesetzt. Es ist das Land der Houyhnhnms – versuchen Sie erst gar nicht, den Namen auszusprechen. Die Houyhnhnms sind Pferde, gebildet, schön, vornehm, die, als eine Mischung aus Tieren und Sklaven, die Yahoos halten. – Der Name der Suchmaschine leitet sich davon ab. Die Yahoos sind Menschen, primitiv, gewalttätig, dreckig. Sie verrichten alle körperliche Arbeit in dem Land, sie hausen in Ställen, wo sie streiten, sich gegenseitig mit Kot bewerfen und wo Männchen und Weibchen auf unwürdigste Weise miteinander kopulieren.

Gulliver beeindruckt die Pferde durch seine Art, die all ihrer Erfahrung mit den Yahoos widerspricht. Er befreundet sich mit einem von ihnen, erklärt, er komme zwar aus einem Land, dessen Bewohner den Yahoos ähnlich sehen, die sich aber von den grässlichen Kreaturen hier grundlegend unterscheiden. Er verschweigt, dass in seiner Heimat die Pferde niedere Dienste tun, in Koppeln gehalten und ungestraft gezüchtigt werden dürfen. Er lernt die Sprache der Houyhnhnms und ihre Gebräuche.

Verblüfft stellt er fest, dass sie kein Wort für das Böse haben. Sie fühlen sich der Wahrheit verpflichtet, der Bildung, der Schönheit, der gegenseitigen Zuneigung. Doch irgendwann empfinden es die Bewohner des Landes als anstößig, dass einer von ihnen allzu freundschaftlichen Umgang mit einem Yahoo-Ähnlichen pflegt. Gulliver muss das Land verlassen.

Der Protagonist als Transporteur

Wir begegnen im Protagonisten des Romans keinem Charakter, nicht einmal einem Typen, der uns Aufschluss über ewig menschliches Verhalten geben könnte, wie zum Beispiel Robinson Crusoe von Daniel Defoe – diesen Roman und mit ihm seinen Autor hat Jonathan Swift verachtet. Gulliver ist bloßer Transporteur der Satire. Satire deshalb, weil es in Irland zu jener Zeit für einen Autor gefährlich war, direkt zu schreiben, was er von den Menschen und den Verhältnissen hielt. Satire blüht am üppigsten, wenn das freie Wort bedroht oder gar verboten ist.

Swifts schärfste Satiren – Verfasser anonym – empörten die Regierung dermaßen, dass sie das Jahresgehalt eines mittleren Beamten für denjenigen auslobte, der den Autor ausfindig machte. Es heißt, Jonathan Swift selbst habe sich an der Hetzjagd beteiligt.

Moralist oder Sadist

Der wahre und einzige Held aller Literatur aus der Feder von Jonathan Swift ist er selbst. Ich kann mir einen Autor denken, der einen Roman mit dem Titel Swift schreibt, darin wir einen Dichter kennenlernen, der die Menschheit so abgrundtief hasst, dass der Leser nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob es sich bei dem Mann um einen Moralisten handelt, der die schlechten Seiten des Menschen anprangert, auf dass er sich bessere, oder um einen Teufel, der unter dem Mäntelchen der Satire seinen Sadismus frei laufen lässt.

Wahrhaft satanische Wucht erreicht dieser Hass in dem kurzen Pamphlet mit dem langen Titel Ein bescheidener Vorschlag: Um zu verhindern, dass die Kinder der Armen ihren Eltern oder dem Staat zur Last fallen, und um sie nutzbringend für die Allgemeinheit zu verwenden. Dieser „Vorschlag“ besteht darin, die Säuglinge von Bettlerinnen denselben abzukaufen und für ein Vielfaches den Reichen anzubieten, damit sie die Kindlein braten und essen. Jonathan Swift scheut sich nicht, Rezepte vorzuschlagen, wie diese zu leckeren Speisen verarbeitet werden können.

Satire blüht am üppigsten, wenn das freie Wort bedroht oder gar verboten ist.

Jonathan Swift war Priester. Seine Predigten waren gefürchtet. Es konnte geschehen, dass er von der Kanzel herunterstieg – mühselig, er hatte beträchtliches Übergewicht –, sich einen Mann oder eine Frau (lieber eine Frau) aus der Gemeinde vornahm und bloßstellte. Einer seiner Amtskollegen sagte über ihn, nie habe man ihn lächeln gesehen, nie gut gelaunt, nichts habe man ihm recht machen können, beim besten Wein habe er das Gesicht verzogen, als wär’s Essig. Als er einmal darauf aufmerksam gemacht wurde – nur einmal sei das vorgekommen! –, dass ja auch er ein Mensch sei, habe er geantwortet: „Eben darum!“

Freunde hatte er keine; nur ein gutes Wort über den Menschen Jonathan Swift ist verbürgt. Ein Nachbar, der übrigens schlecht auf ihn zu sprechen war und dessen Aussage deshalb umso schwerer wiegt, erzählte, er habe den Dichter und Priester einmal beobachtet, wie er mit seinen beiden Pferden sprach. Dies sei an Freundlichkeit, Zärtlichkeit, Liebe mit nichts zu vergleichen gewesen, was er, der Nachbar, in seinem Leben je gehört habe.

Ja, wir dürfen glauben, der große Dichter Jonathan Swift, der größte aller Satiriker, wäre gern einer der Houyhnhnms gewesen, eines dieser gütigen Pferde, die das Wort „böse“ nicht kennen.

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