Jugendstudie: Gegen Juden, für die Scharia

Eine Jugendstudie unter 1.200 Wiener jugendlichen Migranten zeigt, dass Antisemitismus und Scharia weit verbreitet sind. Was steht hinter der Radikalisierung?

Illustration für Artikel zu Jugendstudie: Hände, die Schilder und ein Megaphone hochhalten
Protest gegen die Mehrheitsgesellschaft: Unter jugendlichen Migranten sind bedenkliche Einstellungen zu Religion und Staat verbreitet. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Befunde. Teile der untersuchten Jugendlichen zeigen antisemitische, homonegative, autoritäre und demokratieabwertende Einstellungen.
  • Risikofaktoren. Einsamkeit, Orientierungslosigkeit, autoritäre Erziehung und digitale Echokammern fördern problematische Weltbilder.
  • Schutzfaktoren. Bildung, soziale Verbundenheit und heterogene Freundeskreise können Integration und Offenheit stärken, wirken aber nicht bei allen Gruppen gleich.
  • Handlungsfelder. Schule, Jugendarbeit, Elternarbeit, psychosoziale Unterstützung und politische Regulierung digitaler Räume bieten konkrete Ansatzpunkte.

Die Migration verändert Wien, und auch die Migration selbst verändert sich. Vom Klassenzimmer bis zum Wohnviertel ist die hyperdiverse Prägung der Stadt täglich erlebbar. Aktuell zeigt sich das vor allem bei den 14- bis 24-Jährigen mit Zuwanderungsgeschichte. Während der Anteil Jugendlicher aus klassischen „Gastarbeiter“-Herkunftsländern wie Türkei, Serbien oder Bosnien zurückgeht, wächst die Zahl junger Menschen mit familiären Wurzeln in Syrien, Afghanistan, der Ukraine oder Tschetschenien.

Viele von ihnen teilen Erfahrungen wie Flucht, fehlende oder unterbrochene Bildungswege, schwierige wirtschaftliche Ausgangslagen oder familiäre Belastungen. Doch wer oder was entscheidet letztlich darüber, ob aus dieser Vielfalt gesellschaftliche Teilhabe entsteht oder ob sich Jugendliche von der Aufnahmegesellschaft entfernen?

Genau dieser Frage wurde in einer Jugendstudie im Auftrag der Stadt Wien nachgegangen, um mehr über Einstellungen sowie deren (psycho)soziale und religiöse Einflussfaktoren zu erfahren. Dafür wurden online und offline mehr als 1.200 Jugendliche befragt; sie stammen aus Österreich, Serbien, Polen, Rumänien, Bosnien, der Türkei, aus Syrien, Afghanistan und Tschetschenien, einige bezeichneten sich als Kurden. Um besonders vulnerable und risikobelastete Gruppen zu erreichen, wurde bewusst auf eine repräsentative Stichprobe verzichtet. Das Ergebnis der Jugendstudie ist ernüchternd und alarmierend zugleich, gibt aber auch Hinweise auf konkrete Lösungen. Hier müssen Gesellschaft und Politik gemeinsam ansetzen.

Bedenkliche Befunde der Jugendstudie

In Teilen der untersuchten Jugendpopulation fanden sich messbare Probleme, die Integration behindern und erschweren:

  • Über ein Drittel stimmt der Aussage zu, Juden hätten viel Macht und würden die Welt kontrollieren.
  • 41 Prozent halten Israel für den Feind aller Muslime; bei türkischen, syrischen und afghanischen Jugendlichen sind es sogar über 50 Prozent.
  • Ebenfalls 41 Prozent der muslimischen Befragten sind überzeugt, dass die Scharia über den österreichischen Gesetzen steht.
  • Gegenüber LGBTQIA+-Personen äußern quasi sämtliche Migrantengruppen starke Ablehnung, bei syrischen, afghanischen und tschetschenischen Jugendlichen beträgt ihr Anteil 40 Prozent.
  • Homonegativität, patriarchale Geschlechterbilder und autoritäre Ordnungsvorstellungen sind in bestimmten Gruppen (vor allem unter Muslimen) weit verbreitet.
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Zahlen & Fakten

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Merkliche Anteile mehrerer Herkunftsgruppen befürworten autoritäre Führung. Dazu passend sprechen sie religiösen Normen Vorrang vor staatlichem Recht zu oder halten politische Gewalt grundsätzlich für legitim. Besonders ausgeprägt sind diese Haltungen bei tschetschenischen, syrischen und afghanischen Befragten.

Als problematisch erweist sich in diesem Zusammenhang die Geschlechterverteilung. Konsistent über nahezu alle Herkunftsgruppen hinweg treten junge Männer als spezifische Risikogruppe hervor. Sie weisen zum Teil erheblich stärkere antidemokratische und demokratieabwertende Haltungen auf als junge Frauen. Zudem stimmen 41 Prozent der männlichen Befragten antisemitischen Verschwörungsnarrativen zu, während weibliche dies „nur“ zu 28 Prozent tun. Hier wirken offensichtlich starke soziale Mechanismen im Hintergrund, die wir bisher nur oberflächlich verstehen.

Keine einfachen Erklärungen

Zweifellos gibt es bestimmte kulturelle Voraussetzungen, die Migrantinnen und Migranten die Integration erschweren – zum Beispiel die Religion und die daran gebundenen Vorstellungen von Geschlechterrollen oder politischem Selbstverständnis. Die beschriebenen abwertenden und negativen Einstellungen lassen sich laut der Jugendstudie jedoch nicht einfach mit der Herkunft aus einem bestimmten Land oder mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion erklären. Um ein nuancierteres Bild zu bekommen, wurden für unsere Jugendstudie siebzehn Einflussfaktoren herausgefiltert, die im Zusammenspiel zu den geschilderten Einstellungen führen. Zusammenfassend ergibt sich folgendes Bild:

  • Die sozial-psychische Verfassung ist der stärkste Faktor überhaupt.

Einsamkeit und Orientierungslosigkeit erklären mehr antidemokratische und abwertende Einstellungen als Herkunft, Religion oder Geschlecht zusammen. Wer sich ohne Bezugspersonen und isoliert fühlt, ist deutlich anfälliger für polarisierte Weltbilder.

  • Der Algorithmus verstärkt problematische Einstellungen.

Jugendliche, die sich Informationen über Religionen primär aus den sozialen Medien holen, zeigen signifikant höhere Problemwerte. Der Algorithmus predigt – und meist nicht Pluralismus. Die persönliche Religionsvorstellung ist weit weniger problematisch als die digitale Selbstsozialisation in digitalen Echokammern. Besonders gefährlich scheint die Kombination aus starker Religiosität und einem dominanzorientierten Wahrheitsanspruch.

  • Muslimische Religiosität erhöht Konfliktpotenzial.

Unter muslimischen Befragten geht hohe Religiosität signifikant häufiger mit patriarchalen Geschlechterrollen, Homonegativität und autoritären Ordnungsvorstellungen einher als unter christlichen oder andersgläubigen Jugendlichen. Selbst wenn Bildung und psychosoziale Belastung diese Dynamik in gewisser Hinsicht abschwächen, bleibt sie dennoch bestehen.

  • Bildung schützt zwar, sie ist aber ungleich verteilt.

Jugendliche mit niedrigem Bildungsabschluss weisen deutlich häufiger problematische Einstellungsmuster auf. Was den Befund beunruhigend macht, ist die Verdichtung einer ethnischen und bildungsbezogenen Benachteiligung im Schulsystem: Ausgerechnet in jenen Schultypen, in denen der Anteil nicht-österreichischer Schülerinnen und Schüler am höchsten ist (in Pflichtschulen und berufsbildenden mittleren Schulen), bleibt die Schutzwirkung von Bildung am schwächsten ausgeprägt.

  • Erziehungsstil und Diskriminierung wirken zusammen.

Autoritäre Erziehung erhöht die Anfälligkeit für abwertende Haltungen. Sie kann auch indirekt wirken, indem sie Vereinsamung und Orientierungslosigkeit auslöst, die dann wiederum zu bestimmten Reaktionsmustern führen. Muslimische Jugendliche – insbesondere aus Syrien, Afghanistan und Tschetschenien – berichten über die meisten Diskriminierungserfahrungen, weisen selbst aber besonders hohe abwertende Einstellungen gegenüber anderen Gruppen auf.

  • Gemischte Freundeskreise, gemischte Effekte.

Heterogene Freundschaften reduzieren antidemokratische Einstellungen bei jenen Jugendlichen, die stärker illiberal eingestellt sind. Diese werden im Kontakt mit Andersdenkenden tendenziell offener. Paradoxerweise werden aber jene, die bereits liberal und pluralitätsoffen sind, durch den Kontakt über Gruppengrenzen hinweg im Schnitt antiliberaler. Der Kontakthypothese, die dem Miteinander quasi automatisch integrative Wirkung zuschreibt, erteilen die Daten für einen Teil eine empirische Absage.

  • Verbundenheit stärkt Integration.

Jugendliche, die sich in irgendeiner Weise mit der Stadt verbunden fühlen (etwa über die Kultur, über religiöse Werte, über die Familie, über Freundschaften zu Einheimischen oder einfach nur, weil sie im Ottakringer Fußballverein spielen), weisen niedrigere Konfliktwerte auf. Vor allem die zweite Migrantengeneration entwickelt bei diesem Messwert ähnliche Werte wie autochthone österreichische Jugendliche. Ähnliches gilt für Jugendliche aus den ehemaligen jugoslawischen Ländern, die man mittlerweile in vielerlei Hinsicht durchaus als „etablierte Migranten“ bezeichnen könnte.

Konkrete Hebel

Wenn man verstehen will, warum sich Integration nach wie vor derart schwierig gestaltet, muss man den Alltag von Kindern und Jugendlichen betrachten (je früher, desto besser). Eine zentrale Weichenstellung findet sicher in der Schule statt. Für viele Kinder ist sie der erste Ort außerhalb der Familie, an dem sie erfahren, wie die Gesellschaft in einem Land funktioniert. In diesem Zusammenhang halte ich politische Bildung und Ethik für unerlässlich. Man müsste sie allerdings wesentlich früher im Unterricht verankern und tiefer schürfen, um im Sinn einer gelebten Wertepraxis kritisch aufzuarbeiten, wie Konfliktfähigkeit und Pluralitätskompetenz im Angesicht von Verschwörungsnarrativen und autoritären Ordnungsvorstellungen funktionieren. Leider herrscht gerade an Pflichtschulen, wo der Bedarf am größten wäre, ein Mangel an Ressourcen, was politische Bildung anbelangt.

Außerhalb der Schule wäre ergänzend eine verstärkte Jugendarbeit mit niederschwelligen Anlaufstellen wie Mentoringprogrammen oder psychosozialer Unterstützung notwendig, um vor allem die Risikogruppe der jungen Männer aufzufangen. Wenn man ihnen Räume bietet, in denen sie Anerkennung erfahren und Orientierung finden, betreibt man letztlich demokratische Prävention. Denn angesichts der Tatsache, dass algorithmisch gesteuerte Onlineräume der zweitstärkste Risikofaktor für fehlende Integration sind, braucht es Jugendliche, die diese Räume durchschauen können – und es braucht politischen Druck auf die EU-Regulierung radikalisierender Algorithmen. Das schließt die Zusammenarbeit mit muslimischen Gemeinschaften ein: nicht als Misstrauenssignal, sondern als Einladung zur selbstkritischen Auseinandersetzung mit dominanzorientierten Wahrheitsansprüchen innerhalb der eigenen religiösen Tradition.

Nicht gleich an die Gurgel springen

Neben der Jugendarbeit darf auch die Elternarbeit nicht zu kurz kommen. Familien spielen eine zentrale Rolle, wenn es um Vorstellungen vom eigenen Platz in der Gesellschaft geht. Elternarbeit ist deshalb besonders dort wichtig, wo Familien wenig Erfahrung mit dem österreichischen Bildungssystem haben oder aus stark traditionellen Milieus kommen. Dabei braucht es auch eine ehrliche Auseinandersetzung innerhalb der Communitys selbst.

Eine vielfältige Gesellschaft lebt davon, dass unterschiedliche Hintergründe akzeptiert werden – aber ebenso davon, dass gemeinsame Regeln gelten. Fragen nach Gleichberechtigung, Bildungschancen und dem Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft müssen offen diskutiert werden können, ohne dass man sich gleich gegenseitig an die sprichwörtliche Gurgel springt.

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Conclusio

Isolation. Neben Einsamkeit und fehlender Orientierung fördern fehlende Zukunftsperspektiven antidemokratische und abwertende Haltungen – mehr als Herkunft oder Religion. Entscheidend ist die psychosoziale Stabilität im Alltag.

Algorithmus. Soziale Medien schaffen Echokammern, in denen sich vereinfachte Weltbilder und autoritäre Deutungen verfestigen. Besonders riskant ist die Kombination aus Online-Religiosität und geschlossenen Informationsmilieus.

Risikogruppe. Junge muslimische Männer haben laut der Jugendstudie die stärksten antidemokratischen und abwertenden Haltungen. Dies gilt vor allem für Verschwörungsdenken, Geschlechterhierarchien und die Akzeptanz von Gewalt als Mittel der Politik.

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