Stirbt Kadyrow, wackelt Putin?
Ramsan Kadyrow, Putins brutalster Statthalter, ist todkrank. Russische Investigativmedien sehen „keine Hoffnung auf Genesung“. Sein Ausfall könnte nicht nur Tschetschenien destabilisieren, sondern Putins gesamtes Machtsystem erschüttern.

Auf den Punkt gebracht
- Gesundheitslage. Der Gesundheitszustand des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow hat sich dramatisch verschlechtert.
- Nachfolgeproblem. Keiner der potenziellen Nachfolger verfügt zugleich über stabile Unterstützung im Kreml und eine eigenständige Machtbasis in Tschetschenien.
- Instabilität. Ein Führungswechsel könnte interne Machtkonflikte auslösen und die gesamte Region destabilisieren.
- Systemerosion. Putins jahrelange Förderung des Gewaltregimes in Tschetschenien schränkt den Kreml nun ein und erhöht das Risiko für das gesamte System.
Ramsan Kadyrow gilt als Putins treuester und brutalster Scherge. Die nordkaukasische Teilrepublik Tschetschenien führt er mit unvergleichlicher Härte und gewann seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine am 24. Februar 2022 enorm an innenpolitischem Einfluss. Seit Sommer 2023 verdichten sich allerdings die Hinweise auf schwerwiegende Erkrankungen Kadyrows. Nach Informationen russischer Investigativmedien gebe es „keine Hoffnung auf eine Genesung“. Damit stellt sich unweigerlich die Frage, welche politischen Folgen ein Ausscheiden Kadyrows hätte und wie der Kreml die Kontrolle über die einst abtrünnige Republik sichern möchte? Und wer könnte Ramsan Kadyrows Nachfolger werden?
Ein Machtvakuum in Tschetschenien hätte ernstzunehmende Folgen weit über die Region hinaus, da unkontrollierte Fluchtbewegungen gewaltbereiter Akteure, Konflikte innerhalb der Diaspora, ethnisch-nationale und salafistische Radikalisierung sowie auch Aktivitäten russischer Dienste sicherheitspolitische Risiken für Europa und Österreich mit sich bringen würden.
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Moskau ohne Kadyrow
Kadyrows Stellung als regionaler Machtfaktor und verlängerter Arm des Kremls im Ukrainekrieg ist zentral für das bestehende Herrschaftsgefüge. Zwar kommen seine Einheiten in der Ukraine vor allem zur Repression der Zivilbevölkerung, Disziplinierung eigener Truppen und propagandistischen Loyalitätsdemonstration zum Einsatz, Kadyrow stellt jedoch für den Kreml ein Instrument sichtbarer Kontrolle über die Regionen.
Russland und Venezuela: Putin in der Defensive
Auch außerhalb Tschetscheniens erfüllt Kadyrow eine Reihe inoffizieller Aufgaben, etwa im Nahen Osten, in der Türkei und in Teilen Zentralasiens. Diese auf persönlichen Beziehungen zur islamischen Welt beruhenden Funktionen lassen sich institutionell kaum ersetzen. Bricht das zugrundeliegende Modell weg, gerät nicht nur die Lage im Nordkaukasus unter Druck, sondern auch Russlands außenpolitische Reichweite im Globalen Süden.
Die potenziellen Nachfolger
Seit einigen Jahren wird international über mögliche Nachfolger Kadyrows spekuliert. Dabei fallen zunehmend öfter die Namen seines ältesten Sohnes Achmat (20) sowie seines dritten Sohnes Adam (18). Wahrscheinlich ist eine derartige Erbfolge allerdings nicht. Denn auch wenn das von Ramsan Kadyrow aufgebaute Machtsystem Ähnlichkeiten zu orientalischen Diktaturen aufweist, handelt es sich nicht um eine souveräne Machtstruktur.
Damit fällt die Hauptentscheidung über den Nachfolger Kadyrows nicht in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, sondern im Kreml durch den russischen Staatschef. Schließlich hat auch Kadyrow seine Machtstellung nicht von seinem Vater geerbt, sondern im Rahmen der vom Kreml orchestrierten Machtkämpfe innerhalb Tschetscheniens errungen.
Neben Kadyrows Söhnen werden im Zusammenhang mit der Nachfolgerfrage vor allem drei Namen genannt: Adam Delimchanow, Magomed Daudow und Apti Alaudinow. Dabei gelten Delimchanow und Daudow als engste Vertraute Kadyrows, Alaudinow gilt als Putins Mann (siehe Zahlen & Fakten).
Zahlen & Fakten
Drei Männer gelten als wahrscheinliche Nachfolger für Tschescheniens Machthabaer Ramsan Kadyrow:
Adam Delimchanow
Jahrgang 1969, Abgeordneter zur Staatsduma von der Kreml-Partei „Einiges Russland“. Delimchanow übt großen Einfluss auf die tschetschenische Diaspora in Russland, Zentralasien und Südkaukasus aus und verfügt auch über nennenswerte außenpolitische Kontakte, vor allem in den Emiraten, der Türkei und Jordanien. Innerhalb Tschetscheniens gilt Delimchanows Großfamilie als der zweitmächtigste Clan. Allerdings könnten Delimchanow die ausgeprägten Verbindungen zur organisierten Kriminalität und damit einhergehenden Loyalitätskonflikte zum Verhängnis werden.
Magomed Daudow
Geboren 1980, langjähriger Vorsitzender des tschetschenischen Parlaments und seit Mai 2024 Regierungschef der Republik. Daudow, welcher auch unter seinem Spitznamen „Lord“ bekannt ist, gilt als rücksichtsloser „Kettenhund“ Kadyrows und als effektiver Manager. Allerdings ist Daudow im russichen Machtsystems nicht gut vernetzt.
Apti Alaudinow
Geboren 1973, ist Generalmajor, Befehlshaber des tschetschenischen Freiwilligenbataillons Achmat und stellvertretender Leiter der Hauptabteilung für Militärpolitik der Streitkräfte der Russischen Föderation. Pikanterweise fiel Alaudinow 2019 wegen in Ungnade. So soll der General im alkoholisierten Zustand bei einer Feier über das tschetschenische Oberhaupt gescherzt, seine Sprechweise imitiert und einem Porträt einen „scherzhaften Klaps“ verpasst haben. In Folge wurde Alaudinow von seinen Funktionen entbunden, seine Familie wirtschaftlich ruiniert und 2021 offiziell entlassen. Doch seit Frühjahr 2022 gewann er erstaunlich schnell an Einfluss. Bei den Präsidentschaftswahlen im März 2024 war Alaudinow sogar eine der offiziellen Vertrauenspersonen Wladimir Putins. Damit kann Alaudinow wohl als der eigentliche Wunschkandidat des Kremls gelten, da er als Gegengewicht zum Kadyrow-Clan instrumentalisiert werden kann.
Gemeinsam ist allen drei potenziellen Nachfolgern, dass sie den zentralen Fehler des Systems Kadyrow offenlegen: Es existiert kein Kandidat, der zugleich absolut loyal zum Kreml, in Tschetschenien stark verankert und ausreichend mächtig wäre, das bestehende Gleichgewicht aus Gewalt, Patronage und Furcht aufrechtzuerhalten.
Tschetschenien als Putins Damoklesschwert
Das tschetschenische Regierungsmodell faktischer Alleinherrschaft Ramsan Kadyrows unter enormer finanzieller Unterstützung durch den Kreml schien über viele Jahre der nordkaukasischen Republik Stabilität zu bescheren. Aus der Sicht Moskaus war dieses Modell der effektivste Weg zu einer radikalen Befriedung Tschetscheniens und einer weitgehenden Stabilisierung des gesamten Nordkaukasus. Dass der Preis dieser Stabilität in einer Aufweichung des staatlichen Gewaltmonopols und in den selbst für russische Verhältnisse horrenden Menschenrechtsverletzungen bestand, schien die oberste Führungsriege Russlands kaum zu stören.
Obwohl der Kreml das letzte Wort über Tschetschenien beansprucht, könnten sich die lokalen Eliten ernsthaft widersetzen.
Doch mit Blick auf den aktuellen Gesundheitszustand Ramsan Kadyrows dürfte die Aufrechterhaltung der Stabilität Tschetscheniens zu einer ernstzunehmenden Herausforderung für Moskau werden. Denn keiner der Vertrauten Kadyrows könnte die Machtgeschicke Tschetscheniens nahtlos übernehmen und nach dem Vorbild Kadyrows unbestritten weiterregieren.
Viel mehr drohen blutige Machtkämpfe um die Führungspositionen in der Republik unter den Vertrauten des tschetschenischen Diktators. Und wie bereits nach dem Tod Achmat Kadyrows wird der Kreml diese Machtkämpfe zu steuern versuchen und den dem Putin’schen Regime gegenüber loyalsten und gleichzeitig möglichst einflussreichen Clan gewinnen lassen.
Allerdings könnten gerade die unbedachten Entscheidungen der Vergangenheit dem Kreml einen Strich durch die Rechnung machen. Denn die jahrelange Machtkonzentration auf Ramsan Kadyrow, Personenkult rund um ihn und seine Familie sowie die damit einhergehende Aufweichung des gesamtstaatlichen Gewaltmonopols zugunsten des tschetschenischen Diktators werden sich für Moskau als größte destabilisierende Risiken erweisen.
Denn obwohl der Kreml das letzte Wort über Tschetschenien beansprucht, könnten sich die lokalen Eliten bei zu starkem Druck aus Moskau ernsthaft widersetzen – und damit im Extremfall Putins gesamtes Machtsystem nachhaltig gefährden.
Conclusio
Belastungsprobe. Der drohende Ausfall Ramsan Kadyrows stellt eine Belastungsprobe für das gesamte Machtsystem Putins dar. Die Stabilität Tschetscheniens beruhte auf der bedingungslosen Loyalität eines brutalen Statthalters, der Kremls Einfluss in den gesamten Nordkaukasus projizierte. Dieses Modell lässt sich kaum auf eine andere Person übertragen.
Instabilität. Denn keiner der potenziellen Nachfolger verfügt über eine vergleichbare Machtbasis, weder im Kreml noch in der Region selbst. Die Folge könnten blutige Nachfolgekämpfe, interne Loyalitätskonflikte und eine Erosion der föderalen Steuerungsfähigkeit sein. In einem Moment, in dem Russland militärisch und wirtschaftlich unter Druck steht, droht dem Nordkaukasus eine neue Phase sicherheitspolitischer Volatilität.
Bumerang. Die jahrelange Förderung eines quasi-autonomen Gewaltregimes unter starker Verwässerung des staatlichen Gewaltmonopols im Abtausch für Loyalität könnte sich nun rächen und zum strategischen Risiko für die Stabilität des gesamten Regimes werden.


