Was Kindern im Netz begegnet – und was Eltern tun können

Kinder wachsen in einer digitalen Welt auf, die sie überfordert und gefährdet. Eltern müssen lernen, sie zu begleiten – sonst tun es andere.

Illustration Eltern und Kinder im Netz: Ein Vater hält seinem Kind die Augen zu, während es auf das Smartphone schaut
Rund die Hälfte der Kinder ist bereits auf verstörende Inhalte im Internet gestoßen. © Roland Vorlaufer
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Auf den Punkt gebracht

  • Inhalte. Kinder begegnen online Gewalt, Pornographie und gefährlichen Challenges.
  • Algorithmen. Plattformen personalisieren Inhalte und umgehen dabei oft Jugendschutzmechanismen.
  • Eltern. Auch viele Eltern gefährden ihre Kinder unbewusst, indem sie private Fotos und Daten teilen.
  • Prävention. Medienkompetenz beginnt zu Hause – durch Begleitung, Vertrauen und klare Regeln.

Wissen Sie, was Ihr Kind heute online erlebt hat? Die meisten Eltern ahnen es nicht – und erfahren erst dann davon, wenn es schon zu spät ist. In unserer Forschung tauchen meine Kollegen und ich täglich in die digitale Welt von Kindern und Jugendlichen ein: Wir sehen, welche Inhalte sie konsumieren, welchen Menschen sie ausgesetzt sind und wie tief die Spuren sind, die das hinterlässt. Das Bild, das sich zeigt, ist alarmierend.

Rund die Hälfte der Kinder ist bereits auf verstörende Inhalte im Internet gestoßen. Und das sind nur diejenigen, die ihren Eltern davon berichten. Doch wie können Minderjährige so leicht mit problematischen Inhalten in Kontakt kommen?

Gewalt, Pornographie, gefährliche Challenges

Die aktuellen Befragungen von Eltern und Kindern im deutschsprachigen Raum, zum Beispiel durch Saferinternet, mfps, Bitkom und der Landesanstalt für Medien NRW, geben uns tiefe Einblicke in die digitale Welt von Kindern und Jugendlichen: Die meisten Kinder dürfen soziale Medien bereits im Kleinkindalter nutzen, einige davon unbeaufsichtigt. Bei der Auswahl von Videos und Spielen achten Eltern zwar häufig auf Hinweise der Plattformen wie ‚für Kinder geeignet‘ – diese sind jedoch oft keine pädagogischen Gütesiegel, sondern werden von den Nutzern vergeben, die Inhalte hochladen.

Plattformen können diese Einschätzungen allenfalls stichprobenartig mithilfe von Algorithmen überprüfen. So kommt es immer wieder vor, dass Nutzer gezielt versuchen, Algorithmen zu umgehen, um unangemessene Inhalte auf vermeintlich kinderfreundliche Plattformen hochzuladen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das Elsagate-Phänomen, bei dem harmlos aussehende Videos auf YouTubeKids Gewalt, sexuelle Inhalte oder andere extreme Szenen enthielten.

Bondage, Hunger und Katzen im Mixer

Ab dem Schulalter darf sich der Großteil der Kinder allein durch das Internet bewegen, doch nur die Hälfte der unter 13-Jährigen hat klare Regeln, welche Webseiten sie besuchen dürfen. Dank personalisierter Algorithmen sehen Erwachsene kaum, welche Inhalte ihre Kinder wirklich ausgespielt bekommen und konsumieren – die digitale Welt präsentiert jedem ein eigenes, unsichtbares Programm. Erst durch Simulationsstudien, in denen Forscher Accounts mit unterschiedlichem Alter und Nutzungsverhalten erstellen und diese auf den Plattformen interagieren lassen, kann ansatzweise nachvollzogen werden, was Kinder online sehen: Während beispielsweise Plattformen wie TikTok und Instagram für Eltern völlig harmlos erscheinen mögen, liefern sie gleichzeitig Bondage-Videos und Hunger-Challenges aus.

Die schiere Menge unangemessener Inhalte und das Fehlen verlässlicher Altersüberprüfungen machen eine konsequente Kontrolle nahezu unmöglich. Selbst Kinder ohne Zugang zu sozialen Medien kommen leicht mit solchen Inhalten in Kontakt, denn unter Schülern werden – wie Lehrkräfte berichten –  immer wieder extreme Inhalte geteilt: Videos von Katzen in Mixern, Folterungen an echten Menschen sowie Missbrauch von Kleinkindern.

Oft treffen Kinder diese Inhalte völlig unvorbereitet. Manche schweigen; aus Scham über das, was sie gesehen haben, oder aus Angst vor Medienverboten. Andere konsumieren die Inhalte immer wieder, ein kindlicher Bewältigungsmechanismus, der jedoch das Gegenteil bewirkt. Wieder andere ahmen nach, was sie im Internet gesehen haben: Sie halten die Luft an, surfen auf U-Bahnen, oder vollziehen andere gefährliche Aktionen, um Likes oder Aufmerksamkeit zu bekommen. Daher sterben auch bei uns jährlich Kinder und Jugendliche bei Online-Mutproben.

Gefährdung durch Täter – und Eltern

Die Gefahren sozialer Medien liegen aber nicht nur in dem, was Kinder sehen, sondern auch darin, von wem sie gesehen werden. Rund ein Viertel der 8- bis 17-Jährigen in Deutschland war nach eigenen Angaben bereits von Cybergrooming betroffen – also von der gezielten Kontaktaufnahme durch Erwachsene mit dem Ziel, Vertrauen zu erschleichen und sexuelle Übergriffe vorzubereiten. So erschreckend diese hohe Zahl ist, so wenig überraschend ist sie. Denn Kinder werden häufig nicht darin trainiert, sich vor solchen Kontakten schützen. Und oft sind es sogar Eltern selbst, die ihre Kinder zu Opfern machen.

Zahlreiche Eltern teilen Informationen ihrer Kinder öffentlich auf Social-Media-Plattformen, oftmals ohne das Einverständnis der Kinder, manchmal sogar gegen deren Willen. Kinder berichten in Befragungen von negativen Konsequenzen wie verletzenden Kommentaren bis hin zu Mobbing in der Schule. Die Botschaft, die Kinder dadurch verinnerlichen, ist fatal: Wenn schon die eigenen Eltern ihre Persönlichkeitsrechte missachten, wie sollen sie dann lernen, gegenüber Fremden Grenzen zu setzen – etwa dann, wenn Täter Fotos oder intime Inhalte von ihnen verlangen?

Die Tricks der Stalker

Noch dramatischer ist allerdings, dass einige Eltern Fotos veröffentlichen, auf denen ihre Kinder nackt oder in freizügiger Kleidung wie Bikinis zu sehen sind. Diese Bilder können nur allzu leicht in das Visier von Tätern gelangen. Aber auch vermeintlich unschuldige Fotos von voll bekleideten Kindern sind gefährlich – denn generative KI wird zunehmend von Tätern missbraucht, um aus bestehenden Bildern kinderpornografisches Material zu erstellen.

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Zahlen & Fakten

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In Studien, in denen wir Nutzerreaktionen auf Videos von Kindern analysieren, wird noch eine weitere Gefahr deutlich, die vielen Eltern nicht bewusst ist: Wenn Kinder durchgängig online gezeigt werden, bauen Nutzerinnen und Nutzer eine Bindung zu Ihnen auf – und damit auch Macht. Die Macht, sich die Videos jederzeit und überall anzusehen – so finden wir Nutzer, die wie Stalker unbemerkt unter tausenden Kommentaren immer wieder dieselben Videos kommentieren, mit Aussagen wie „Tanzt für mich meine Mädels“, „Ich würde mein Leben für dich geben“, und „Ich schaue sie mir immer und immer wieder an“.  

Die Macht, das Kind in die eigenen Fantasien einzubauen: Im Rahmen des „Digital Kidnappings“ entführen Täter die Bilder der Kinder, indem sie sie herunterladen und in einen neuen Kontext setzen. Manche geben sich auf Social-Media-Profilen als Eltern der abgebildeten Kinder aus und konstruieren ihre eigene Realität. Andere tauschen die Bilder in Foren aus und spinnen dazu gemeinsame Geschichten – von Rollenfantasien bis hin zu sexualisierten oder gewalttätigen Szenarien. Und letztlich ist da auch die Macht, von der digitalen Welt in die reale Welt des Kindes einzugreifen: Denn schon mit kleinen Infos wie einer Rutsche im Hintergrund des Bildes, oder dem Freundschaftsnetzwerk des Accounts lässt sich der Standort des Kindes zielgenau bestimmen.

Medienkompetenz beginnt in der Familie

Was aber können Eltern tun, um ihre Kinder im Internet zu schützen? Zunächst geht es darum, Kinder stark zu machen – und das beginnt erst einmal abseits der Medien. Kinder, die zu Hause erfahren, dass ihre Grenzen respektiert werden, können sich auch online besser behaupten. Für Eltern bedeutet das, selbst kleine Signale ernst zu nehmen: das Nein zu einem Foto, das nicht veröffentlicht werden soll, oder die Weigerung, eine gruselige Filmszene anzusehen. Denn solche Situationen sind das Fundament, auf dem Kinder lernen, für sich einzustehen – nicht nur gegenüber Klassenkameraden, sondern auch gegenüber Fremden im Netz.

Zum zweiten ist es essenziell, Kinder in die digitale Welt zu begleiten. Umfragen mit Kindern zeigen immer wieder, dass sie sich bei der Mediennutzung mehr Orientierung durch ihre Eltern wünschen. Sie brauchen verlässliche Ansprechpartner, mit denen sie auch schwierige Situationen besprechen können – ohne Angst vor Strafen oder Medienverboten. Voraussetzung dafür ist, dass Eltern selbst die digitale Welt ihrer Kinder kennenlernen. Nur so lassen sich Gefahren realistisch einschätzen, Fragen beantworten und Regeln sinnvoll vorgeben und vorleben.

Auch wenn das bedeutet, sich selbst einen Instagram-Account anzulegen oder geduldig zuzuhören, wenn das Kind stundenlang von seinen Abenteuern in Minecraft erzählt: Je mehr positive Kommunikation über Medien im Alltag stattfindet, desto leichter lassen sich auch sensible Themen ansprechen – und desto eher wenden sich Kinder bei Problemen vertrauensvoll an ihre Eltern.

Technische Fertigkeiten üben

Und schließlich müssen Kinder auch auf Gefahrensituationen vorbereitet werden. Filterprogramme und sinnvolle Regeln verringern zwar die Häufigkeit, mit der Kinder problematischen Inhalten begegnen – einen vollständigen Schutz bieten sie jedoch nicht. Schon mit jüngeren Kindern lässt sich spielerisch einüben, wie sie in der digitalen Welt reagieren können, beispielsweise beim Verstecken von Informationen vor „Datenräubern“. Ab dem Schulalter sollten dann auch konkrete technische Fertigkeiten erprobt werden – etwa wie man ein unbedacht gepostetes Foto wieder löscht oder unerwünschte Kontakte blockiert. Hilfreiche Materialien und Unterstützung dafür bieten Initiativen wie Klicksafe, Saferinternet, Seitenstark oder Flimmo.

Zugegeben, die Aufgabe die Eltern heute abverlangt wird, ist immens. Sie müssen ihre Kinder vorbereiten, begleiten, beschützen – in einer Welt, die sich ständig ändert und immer neue Gefahren bereithält. Doch die Realität ist: Wenn Eltern es nicht tun, wird niemand es tun. Denn auch wenn neue Gesetzesinitiativen Hoffnung machen, wird es noch Jahre dauern, bis Plattformen problematische Inhalte konsequent entfernen und Täter wirksam verfolgt werden. Unsere Kinder aber brauchen uns jetzt - mehr denn je.

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Conclusio

Risiken. Kinder sind täglich online Risiken ausgesetzt, die Eltern kaum überblicken. Der Schutz durch Plattformen bleibt unzureichend.

Vertrauen. Medienkompetenz bedeutet, digitale Welten aktiv zu begleiten und Grenzen gemeinsam zu definieren. Nur so entsteht Vertrauen.

Vorbilder. Eltern müssen Vorbilder sein: zuhören, einbeziehen, reagieren. Die Verantwortung liegt in den Familien – und sie kann nicht warten.

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