Kultur: Widerstand und Nation Building
Ob Songcontest oder Vyshyvanka – mit ihrer Kultur schleudert die Ukraine der Welt und insbesondere dem Westen entgegen: „Wir sind eine Nation!“

Auf den Punkt gebracht
- Nicht zu überhören. Kultur ist die lauteste Stimme der Ukraine, um der Welt klarzumachen, dass sie eben nicht zu Russland gehört.
- Wissenslücken. Über die Kultur wird insbesondere in den Westen ein vielfältiges Bild von der Ukraine vermittelt. Kultur ist Teil der politischen Diplomatie.
- Nation Building. Die Botschaft ist nicht nur nach Außen gerichtet, sondern auch nach Innen. Eine Form der Selbstvergewisserung.
- Gegenmacht. Musik, Literatur, Kunst und Theater widersetzen sich Versuchen der „Russifizierung“ ukrainischer Geschichte und Kultur.
Denkt man an international bekanntes ukrainisches Kulturschaffen, so fällt den meisten spontan wohl der Eurovision Song Contest ein. Wenig verwunderlich, ist die Ukraine doch seit ihrem Debüt 2003 bisher bereits 21 Mal bei dem Wettbewerb vertreten gewesen und hat ihn drei Mal gewonnen: 2004, 2016 und 2022. Die Ukraine ist außerdem das einzige Land, das sich bisher bei jeder Teilnahme für das Finale qualifizierte.
In diesem Beitrag soll es jedoch nicht allein um den Eurovision Song Contest gehen, sondern um die nationale Kultur der Ukraine in Zeiten des Krieges und ihre internationale Wirkung auf andere Nationen und Kulturen. Es wird um Widerstand, Diplomatie, Kunst, Einzigartigkeit und Anerkennung gehen.
Kultur zwischen Widerstand und Diplomatie
Die russische Invasion in der Ukraine hat gezeigt, dass kultureller Widerstand die nationale Identität stärkt und somit den Ukrainern hilft, dem Feind standzuhalten. Unter „kulturellem Widerstand“ versteht die Politikwissenschaftlerin Serena Giusti eine „selbstbewusste Haltung“, „die sich auf die bewusste Mobilisierung des kulturellen Erbes bezieht, um Herrschaftsverhältnisse, aufgezwungene Identitäten und Angriffe von außen in Frage zu stellen und zu untergraben“.
Mit anderen Worten: Kultureller Widerstand meint einen „inneren“ Prozess der nationalen Einzigartigkeit, die als Schutzschild gegen Versuche von Außen fungiert, diese Einzigartigkeit auszulöschen, die Identität gewaltsam zu verändern oder die Nation physisch zu zerstören – was die Russen in der Ukraine erwiesenermaßen tun.
In Bezug auf die „Kulturdiplomatie“, die sich im 21. Jahrhunderts herausgebildet hat, spricht die Forscherin Hwajung Kim umgekehrt von einem „nach außen gerichteten“ Prozess, bei dem ein kultureller Akteur „versucht, durch internationale Kulturbeziehungen Verständnis zu fördern – im Einklang mit den konzertierten Bemühungen einer Regierung, Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Gegenseitigkeit mit normativen Werten und gemeinsamen Zielen jenseits nationaler Interessen zu erreichen“.
Bei den kulturellen Akteuren kann es sich dabei um Regierungen, NGOs oder Einzelpersonen handeln, die sich an „multikulturellen Veranstaltungen, Kunstausstellungen, Konzerten der darstellenden Künste, populären Kulturformen, internationalen Festivals“ und anderen Aktivitäten außerhalb der Staatsgrenzen, jedoch im Einklang mit den staatlichen Interessen, beteiligen.

Im Falle der Ukraine bedeutet Kulturdiplomatie, der Welt durch kulturelle Aktivitäten die nationale Einzigartigkeit zu vermitteln und erfahrbar zu machen, dass sie sich von der russischen unterscheidet – Kulturdiplomatie unterstützt in diesem Sinne die Bewahrung der nationalen Souveränität.
Mit Gefühl und Klischee
Die Politikwissenschaftler Ien Ang, Yudhishthir Raj Isar und Phillip Mar weisen auf einen weiteren Aspekt der Kulturdiplomatie hin: Hier werden nationale Interessen auf eine Weise wahrgenommen, die „in spezifischen Vorstellungen und Empfindungen über die Nation und ihren Platz innerhalb einer Vorstellung von anderen Nationen verankert sind, einschließlich ‚Volkstheorien‘ und blinden Flecken, die gegenüber rationalen Argumenten und Reflexionen relativ immun ist.“

Mit anderen Worten: In der Kulturdiplomatie der Gegenwart geht es um flexible Prozesse der gemeinsamen Schaffung von Bildern, Wahrnehmungen und sogar von Stereotypen wie etwa „Be Brave Like Ukraine“. Staatliche Institutionen versuchen auf diese Weise, die Wahrnehmung der Nation im Ausland zu beeinflussen, indem sie anderen Staaten und Regierungen erklären, was die Ukraine ausmacht, warum ihre Kultur einzigartig ist, und welchen Gefahren die Ukrainer derzeit ausgesetzt sind.
Russland: zentrale Steuerung
In Russland, so Serena Giusti, sei Kulturdiplomatie zu einer Waffe instrumentalisiert worden. Der Kreml habe die Kultur „in die nationalen Sicherheitsstrategien (2009, 2015, 2021 und 2023) integriert und damit ihre instrumentelle Rolle innerhalb des umfassenderen Sicherheitsrahmens deutlich gemacht. Das russische außenpolitische Konzept von 2023 hebt moralische und spirituelle Werte sowie das historische und kulturelle Erbe als Kernelemente der nationalen Sicherheit hervor.“
In Putins Russland ist Kultur ein Instrument im Rahmen des übergeordneten Sicherheitskonzepts; es wurden entsprechende gesetzliche Grundlagen geschaffen, um kulturelles Erbe als Druckmittel gegenüber anderen Staaten zu einzusetzen. So kann Russland, sobald es die russische Kultur, wie beispielsweise die Sprache, irgendwo bedroht sieht, von seinem selbst zugeschriebenen Recht einzugreifen Gebrauch machen und die Bedrohung beseitigen.
Diese Instrumentalisierung spielte eine Schlüsselrolle bei der Legitimation des Krieges von 2014 und ebenso bei der groß angelegten Invasion der Ukraine im Jahr 2022. Beide Male hatten es die Ukrainer gewagt, sich der russischen kulturellen Vorherrschaft zu widersetzen.
Zahlen & Fakten

Puschkin, Mazepa und der feindliche Westen
Die Repression ukrainischer Kultur und Sprache im russischen Imperium erreichte um 1860 einen Höhepunkt, doch bereits im frühen 19. Jahrhundert wurde eine ukrainische Nationalidentität als Bedrohung für die russische Identität und Einheit gesehen. Zwei fatale Ideen aus dieser Zeit halten sich bis heute: jene vom russenfeindlichen Europa und jene von der verräterischen Ukraine. In die Welt gesetzt wurden sie unter anderem durch die politische Lyrik Alexander Puschkins.
- In dem Gedicht „Poltava“ aus dem Jahr 1828 deutet Puschkin den ukrainischen Hetman Ivan Mazepa (1687-1709) zum Verräter um. Mazepa hatte mit seinem Kosakenheer Zar Peter I. im Nordischen Krieg (1700–1721) unterstützt, seine Kosaken allerdings 1708 nach einem Vertragsbruch des Zaren zurückgezogen.
- Der Zar rächte sich mit der Zerstörung von Baturyn, der kosakischen Hauptstadt, 6.000 Menschen starben bei dem Massaker am 13. November 1708; wer sich danach zu Mazepa oder dem Kosakentum bekannte, wurde getötet. In dem Gedicht Puschkins ist Mazepa der Verräter.
- 1831 kämpft Polen um die Unabhängigkeit von Russland und beschließt die Absetzung von Zar Nikolaus I. Dieser lässt den Aufstand gewaltsam niederschlagen, doch insbesondere in Frankreich solidarisieren sich Intellektuelle.
- Alexander Puschkin verfasst daraufhin ein europa- und polenfeindliches Gedicht: „An die Verleumder Russlands“, in dem er den Europäern empfiehlt, sich nicht in interne Angelegenheiten „der Slawen“ einzumischen. Das Bild des russophoben Europa spielt heute eine große Rolle für die Legitimation des Krieges; so rezitierte der russische Außenminister Sergeij Lavrov das Gedicht im November 2022 öffentlich.
- Der Historiker Martin Schulze Wessel deutet die Gedichte in seinem Buch „Der Fluch des Imperiums“ so: „Es geht um nichts weniger als die kollektive Identität Russlands, Polens, der Ukraine und Europas. Russland und das Zarentum sind in Puškins Poemen von unangreifbarer Rechtmäßigkeit gekennzeichnet, die von den Europäern einschließlich der Ukraine nur um den Preis des eigenen Verderbens herausgefordert werden kann.“
In Russland unterliegt die Kulturdiplomatie einer umfassenden staatlichen Kontrolle. Eine mitgestaltende Bevölkerung oder aktive Resonanz bei den Menschen in den Zielländern ist nicht vorgesehen.
Dies stellt eine Abweichung von den aktuellen Trends in der Kulturdiplomatie dar, ist aber gleichzeitig eine Fortsetzung einer sowjetischen „zentralistischen“ Tradition. Sie ermöglicht dem Kreml eine strenge Kontrolle darüber, wie „Russischsein“ im Ausland vermittelt wird.
Die Konfliktforscherin Elżbieta Olzacka beschreibt die Kulturdiplomatie Kyjiws demgegenüber als Schutzschild. Die Kulturdiplomatie kreist nicht nur um die Beziehungen zu Russland, sondern dient der proaktiven Verteidigung der nationalen Identität: „Die zunehmende Instrumentalisierung der ukrainischen Kultur geht über die Militarisierung der Kulturindustrie oder der Nutzung von Kultur als Soft Power hinaus.“
Kyjiw hat sich dabei aber nicht nur von der „zentral geplanten“ Kulturpolitik sowjetischen Stils distanziert – die die russische Vorherrschaft oft nicht als Bedrohung wahrnahm –, sondern begann auch, nichtstaatliche Akteure einzubeziehen. Diese Offenheit machte die nationale Kultur widerstandsfähiger gegenüber der Aggression von außen und ermöglichte es ihr, internationale Unterstützung für den Erhalt des ukrainischen Kulturerbes und die Bekämpfung russischer Desinformation wirksam zu mobilisieren.
Serena Giusti fügt hier hinzu, dass die ukrainische Kulturpolitik und damit auch die Diplomatie „innovative künstlerische Praktiken entwickelt hat, um die Folgen der russischen Invasion anzuprangern. In diesem Zusammenhang ist das kulturelle Schaffen zu einer mächtigen Form des Widerstands und zu einer entscheidenden Quelle nationaler Widerstandsfähigkeit geworden.“
Eigenständigkeit vermitteln
Die Funktion der Kultur ist auch als Dekolonisierung zu verstehen. Das Dekolonialisierungsbestreben der Ukraine zeigt sich in dem Versuch, der Weltgemeinschaft kulturell zu vermitteln, dass das Land weder ein „Kleines Russland“ ist noch selbstverständlich in der Einflusssphäre der „privilegierten Interessen“ des Kreml verbleiben sollte.
Jahrhundertelang sprach Russland aus einer Machtposition heraus und stülpte der Ukraine gezielt seine Version von Identität über, während es gleichzeitig die Repräsentation der Nation im Ausland monopolisierte.

Die tief verwurzelten Vorurteile – buchstäblich koloniale Hinterlassenschaften – haben dazu geführt,, dass nur relativ wenige internationale Experten die groß angelegte Invasion von 2022 antizipieren konnten. Darüber hinaus wurde erwartet, dass die Ukraine angesichts der russischen Offensive schnell fallen würde, da man davon ausging, dass eine „gespaltene Nation mit einem schwachen Nationalbewusstsein“ sich nicht gegen die reifere „Brudernation“ wehren könne.
Andrei Richter schreibt, dass die Identitätsbildung und die Dekolonialisierung der heutigen Ukraine „zum einen in der Abkehr von der Dominanz russischer und russischsprachiger Kulturgüter, zum anderen in der Ablösung der sowjetischen Ideologie durch gemeinsame europäische Werte und drittens in der Bekämpfung feindseliger Propaganda aus Moskau verwurzelt ist.“
Zugleich setzt sich das Dekolonialisierungsbestreben der Ukraine der Kritik und sogar der Verurteilung aus, wenn andere Staaten und Nationen, die neuen ukrainischen Narrative und Sichtweisen zu akzeptieren So sind beispielsweise die Polen nicht bereit, Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine aus den 1940er- und 1950er-Jahren zu ehren, da sie in der polnischen Geschichtsschreibung als Täter angesehen werden.
Kann Kunst leben retten?
Kommen wir zurück zum Eurovision Song Contest. Die Wettbewerbsbeiträge der Ukraine haben oft eindringliche Botschaften. Um nur die Siegerbeiträge zu nennen: 2004 stellte Ruslanas Hit „Wild Dances“ dem europäischen Publikum eine wenig bekannte Region der ukrainischen Karpaten vor. Die einzigartige Kombination aus folkloristischen Instrumenten, dem Kolomyika-Tanz und traditionellen Ausrufen, untermalt von explosiven Rhythmen, war ein Statement der Einzigartigkeit.
Zehn Jahre später, im Jahr 2014, handelte Jamalas „1944“ von den Kämpfen der Krymtataren, einem indigenen Volk der Ukraine, das noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs auf Befehl Stalins aus seiner Heimat deportiert worden war. Der Song betonte die Erinnerung an die schrecklichen Tragödien der Vergangenheit und das Leid der ukrainischen Bürger, damit sich diese in Zukunft nicht wiederholen.
Der dritte Song, „Stefania“ vom Kalush Orchestra, war eine Ode an die Mütter aus dem Jahr 2022. Was an ein nostalgisches Wiegenlied erinnerte, wurde zum Symbol des ukrainischen Freiheitskampfes: In dem Lied steht die Tragik ukrainischer Mütter im Mittelpunkte, die versuchen, ihre Kinder und Familien vor den Grausamkeiten des Krieges zu schützen und oft selbst zu Kämpferinnen werden.
Die ukrainischen Eurovision-Beiträge vermittelten Botschaften über kulturelle Einzigartigkeit und wurden zu Phänomenen der Kulturdiplomatie. Sie machten das Land als eigenständige Nation ebenso wie ihren ausdauernden Widerstand sichtbarer. Sie gewannen auf diese Wiese weltweite Unterstützung und unterstützten so den Erhalt der staatlichen Souveränität.
Mit sportlichen Mitteln
Im Sport ist Oleksandr Usyk, der unangefochtene Weltmeister im Schwergewichtsboxen, dafür bekannt, vor seinen Kämpfen ein Outfit im Kosakenstil zu tragen. Im Jahr 2024 erhob er während eines Kampfes in Saudi-Arabien einen Säbel aus dem 17. Jahrhundert, der dem Hetman der Kosaken, Iwan Mazepa, gehört hatte, einer Schlüsselfigur der ukrainischen Staatskunst (die von den Russen verabscheut wird).

Im Tennis machen ukrainische Spielerinnen aus den Top 100 der Welt, wie die freimütige Oleksandra Oliynykova, häufig auf die russische Invasion und die Schwierigkeiten beim Training inmitten von Drohnen- und Raketenangriffen aufmerksam. In der Leichtathletik integriert die Hochsprung-Starathletin Jaroslawa Mahutschich bei Wettkämpfen oft die ukrainischen Nationalfarben Blau und Gelb in ihr Make-up. Ähnliche Ausdrucksformen nationaler Identität sind im Fußball, Volleyball, Fechten, Ringen und anderen Sportarten zu beobachten.
In der Populärkultur gewinnen ukrainische Filme über den Krieg internationale Auszeichnungen, so gewann beispielsweise „20 Tage in Mariupol“ von Mstyslav Chernov den Oscar; der Film wurde zudem zu Beginn der 78. Sitzung der UN-Generalversammlung gezeigt und kann kostenlos im Internet angesehen werden.
Borschtsch, ein traditionelles ukrainisches Gericht wurde in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen – nicht zuletzt dank des Engagements des ukrainischen Kochs Yevhen Klopotenko.
Hinzu kommen eine ganze Reihe ukrainischer Designer, die die traditionelle Vyshyvanka-Stickerei in zeitgenössische Mode integrieren, von Haute Couture bis hin zu Freizeitmode.
Indem sie einen „leichten Zugang“ zu ihrer Kultur bieten, laden die Ukrainer das ausländische Publikum ein, das Bild der Ukraine mitzugestalten. Die meisten der genannten Aktivitäten und die dahinter stehenden Personen werden von der ukrainischen Regierung gefördert und oft auch unterstützt. Aus der Perspektive des nationalen Interesses – und des Überlebens – ist es strategisch, politisch und moralisch richtig, die Einzigartigkeit des Landes zu vermitteln (Kulturdiplomatie) und russische Vorurteile zu widerlegen (Dekolonisierung) auch wenn dies unter den Bedingungen einer militärischen Invasion stattfindet.
Die Ukraine schmiedet ihre Unabhängigkeit weiterhin auf dem Amboss des Krieges. Die Ukrainer hoffen, dass Sie ihnen helfen, indem Sie sie wenigstens besser kennenlernen.
Conclusio
Offen. Wo Russland auf Kontrolle und zentrale Steuerung setzen muss, verlassen sich staatliche Stellen in der Ukraine darauf, dass Künstler und Sportler die Botschaft von der Eigenständigkeit der Ukraine in offenen Prozessen nach Innen und Außen vermitteln.
Kennenlernen. Über Musik, Literatur, Sport usw. finden Ukrainer wie Nichtukrainer einen niedrigschwelligen Zugang zur Ukraine, die auf diese Weise auch emotional vertrauter wird bzw. sich stärker als eine zusammengehörende Nation erlebt.
Ohne Zwang. Der Vergleich von Ukraine und Russland zeigt auch, dass sich nationale Identitätsgefühle nicht erzwingen lassen. In der Ukraine wird das kulturelle Nation Building von der breiten Bevölkerung mitgetragen. Es ist nicht festgelegt, was genau „ukrainisch“ ist.
