Anstand und Weisheit
Die Gesellschaft ist polarisiert, immer mehr Lagerdenken greift um sich. Da könnte Höflichkeit ein altmodisches Mittel sein, um die Gesprächsbasis wiederzufinden. Das ist weise und englisch zugleich.

Alte Konzepte mit immerwährender Wirkung: Bereits Sokrates wusste, wie sich der Mensch in Konflikten verhält. Der antike griechische Philosoph hat im Angesicht seines eigenen Todes alle wichtigen Fragen des Lebens thematisiert und sich für die Nachwelt unsterblich gemacht. Mitunter sind es die ewigen Fragen des menschlichen Zusammenlebens. Höflichkeit klingt altmodisch, ist aber das Rezept für ein friedliches Miteinander, das die Briten ganz meisterhaft beherrschen.
Mehr übers Lesen
- Susann Brückner über die Wiederentdeckung des Lesens
- Ulrich Johannes Schneider über Bibliotheken
- Ein Podcast über geistige Vertiefung
- Ariadne von Schirach über Muße
Lesetipp I

Anleitung zur Gelassenheit
Agnes Callard: Sokrates. In der Hektik des Alltags fehlt meist die Zeit, sich mit den wirklich wichtigen Dingen auseinanderzusetzen, etwa der Frage, was eigentlich der Sinn des Lebens ist. Wer darüber nachdenken will, kann das Buch der Philosophin Agnes Callard zum Anlass nehmen, gute Antworten darauf zu suchen. Und zwar mit Sokrates, dem Lieblingsphilosophen der Autorin.
Wer sich auf dieses Buch einlässt, lernt, eigene Gedanken an denen anderer zu reiben, sie hin und her zu wälzen, zu hinterfragen und ihnen Neues abzuringen. Die Lektüre ist kein Spaziergang, sondern vielmehr Gedankengymnastik im besten Sinne – und hat man sich einmal an diese Methode des Denkens gewöhnt, ergeben sich neue Einsichten zu allen wirklich großen Themen – vom
Anfang des Lebens bis zu seinem Ende. Das Buch ist ein Plädoyer gegen Vereinfachung. Ein Tipp: Kapitel langsam lesen, sickern lassen und warten, was dann passiert.
Agnes Callard: Sokrates. Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert. C.H.Beck, 31,50 Euro
Lesetipp II

Die feine englische Art
Annette Dittert. Dear Britain. Annette Dittert ist die Großbritannien-Versteherin der ARD. Fast zwanzig Jahre lang hat sie, mit ein paar Unterbrechungen, das ARDKorrespondentenbüro in London geleitet, seit 2025 ist sie ganz offiziell Britin. Dittert schöpft also aus einem reichen einschlägigen Erfahrungs- und Wissensschatz. Es ist ein absoluter Gewinn, ihren „Liebesbrief“ an das Land zu lesen, in dem Europa immer nur als „the continent“ bezeichnet wird und das immer wieder Anlässe findet, seiner einstigen Größe hinterher zutrauern.
Kurze und kurzweilige Kapitel beleuchten die vielen Risse, die dieses Land durchziehen. Viele davon sind erst mit dem Brexit – das Referendum war im Juni vor zehn Jahren – so richtig bedrohlich geworden. Apropos Brexit: Dittert gelingt da etwas Erstaunliches, nämlich verständlich zu machen, warum der Brexit eine solche Zäsur war. Spoiler: Es ist nicht der EU-Austritt an sich.
Annette Dittert: Dear Britain. Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens. Dumont. 25,50 Euro
Lesetipp III

Gesprächsbasis bewahren
Pierrot Raschdorff. Die neue Höflichkeit. Möglicherweise könnten wir ein Problem der Gegenwart mit einer altmodisch wirkenden Tugend bewältigen: Höflichkeit. Sie erlaubt es uns, auch dann wieder miteinander zu sprechen, wenn unsere Meinungen diametral auseinanderliegen. Das jedenfalls meint der deutsche Politikwissenschaftler Pierrot Raschdorff. Denn Fakt ist: Westliche Gesellschaften sind stark polarisiert, Rechts und Links liegen weit auseinander, für ihn ist das eine Gefahr für die Demokratie.
Wie er darauf kommt, erklärt er im ersten Teil des Buches – um im zweiten sein Gegenrezept zu präsentieren: die empathische Distanz. Heißt: Verzicht auf Zuspitzung, Zuhören und lustigerweise auch Small Talk, weil damit Divergenzen wieder aushaltbar werden und eine gemeinsame Basis entsteht. Ziel wäre es, so der Autor, dass der Kampf gegeneinander einer Lust an Kooperation weicht. Warum? Weil sie erfolgreich macht.
Pierrot Raschdorff. Die neue Höflichkeit. Über eine Tugend und wie sie uns wieder zusammenbringt.
Klett-Cotta, 23,50 Euro
