Lukas Walter: „China stößt auch an Grenzen“
Die heimische Autozulieferindustrie wird kaum beachtet, ist aber einer der größten privaten Arbeitgeber. Allerdings ist die Abhängigkeit von deutschen Herstellern enorm hoch. Lukas Walter, Chief Operating Officer von AVL List Engineering im Gespräch über die Zukunft der Branche.

Auch ohne eigenen Hersteller spielt das Automobil eine gewichtige Rolle in Österreichs Wirtschaft, wenngleich sie medial selten wahrgenommen wird. Im Jahr 2024 erwirtschafteten rund 200.000 Beschäftigte einen Produktionswert von 28,5 Milliarden Euro, der zum Großteil in den Export ging.
Der Name AVL List dürfte kaum jemandem außerhalb der Autobranche geläufig sein, und doch zählt das in Graz ansässige Hightech-Unternehmen (2,03 Milliarden Euro Umsatz 2024) zu den wertvollsten Hidden Champions unserer Wirtschaft. Der Spezialist für Mobilitätsforschung in den Bereichen Messtechnik, Simulationen, Testen und Fahrzeugsoftware gehört auf seinem Gebiet zu den Weltmarktführern. AVL betreibt mit 12.200 Mitarbeitern über 90 Niederlassungen weltweit.
COO Engineering Lukas Walter über Konkurrenz aus China und die Zukunft des Antriebs.
Der Pragmaticus: Experten meinen, europäische Autozulieferer hätten in den letzten Jahren mehr als ein Drittel ihrer Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China verloren. Kann die Branche überhaupt noch konkurrenzfähig sein?
Lukas Walter: Tatsächlich steht die europäische Zulieferindustrie vor enormen Herausforderungen. Wir sind mit höheren Lohn- und Energiekosten, Fachkräftemangel, strengeren Umweltvorgaben und Dokumentationspflichten als der asiatische Mitbewerb konfrontiert. Trotzdem glaube ich an die Wettbewerbsfähigkeit, wenn wir uns auf den Faktor Wertschöpfung konzentrieren. Gefordert ist ein starker Fokus auf Digitalisierung, Produktivitätssteigerung und Innovationen in allen Bereichen, dann lässt sich der Kostennachteil teilweise kompensieren. Für manche Unternehmen wird es auch überlebenswichtig sein, neue Geschäftsmodelle zu generieren. Zusätzlich muss sich etwas bei den regulatorischen Rahmenbedingungen ändern. In diesem Punkt ist eindeutig die EU-Gesetzgebung gefordert. Es braucht weniger Bürokratie und neue strukturelle strategische Maßnahmen, die den Unternehmen helfen, ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen.
Gehen wir in ein Zeitalter der Deglobalisierung?
Lukas Walter: Die politischen Schranken werden derzeit ganz klar höher gezogen. Das darf die Unternehmen aber nicht daran hindern, weiter zu globalisieren. Nur so lassen sich höhere Handelsschranken und Zölle egalisieren sowie lokale Marktbedarfe befriedigen. Dazu entwickeln sich die Regionen derzeit extrem unterschiedlich, in der Technologie, aber auch in der Marktdynamik und im Wachstum. Es wird eine Vielzahl an Technologievarianten geben müssen, abgestimmt auf die jeweiligen Anforderungen der Region.
Wie reagiert man darauf?
Lukas Walter: Beispielsweise verfügt AVL über 90 Standorte weltweit, das sehe ich als eine unserer großen Stärken. Wir sind in Indien mit mehreren Standorten präsent, weil dort die Anforderungen an unsere Leistungen sehr speziell sind, der Markt boomt und lokale Beziehungen ein Schlüssel sind. In China haben wir auch mehrere Entwicklungszentren, von der Fahrzeugentwicklung bis zur Software, so wie in den USA und anderen Ländern. Es geht darum, nahe bei den Kunden zu sein und schnell auf deren Bedürfnisse reagieren zu können. Das Erfolgsgeheimnis liegt in einer Mischung aus lokaler Präsenz und global wirkender Innovationskraft als Brücke darüber. Das setzt allerdings eine gewisse Unternehmensgröße voraus.
Was können, was sollen wir von China lernen?
Lukas Walter: Die chinesische Führung agiert enorm strategisch. Es ist beeindruckend, wie pragmatisch und nachhaltig Entscheidungen durchgezogen werden und wie schnell im nächsten Schritt die Skalierung von Innovationen erfolgt. Chinesische Hersteller schaffen auch eine starke Fokussierung auf das Kundenerlebnis. Den dortigen durchschnittlichen Autokäufer interessiert noch viel weniger als die Europäer, welche Technik unter der Karosserie steckt. Aber auch da ist der Markt sehr divers, mit sportlichen, aber auch luxuriösen Fahrzeugen, in deren Nischen die Kunden bereit sind, für Technologie, etwa in das Fahrerlebnis, viel Geld zu bezahlen.
Welche Technologie wäre das?
Lukas Walter: Es ist inzwischen Allgemeingut, dass die Software eines Fahrzeugs, also die Unterhaltungselemente, immer wichtiger werden als einstige Kaufargumente wie etwa das Fahrverhalten. In China werden „Handys auf Rädern“ in der Shopping Mall verkauft und ständig mit neuen Features Over-the-Air erweitert. Die Europäer nutzen dabei die Möglichkeiten von Over-the-Air-Updates noch zu wenig. Aber gerade hier entstehen gerade neue Möglichkeiten der Wertschöpfung. Beispielsweise könnte man sich in Zukunft mehr Leistung und Set-up für das Wochenende kaufen und Over-the-Air in das Fahrzeug holen, Apps ständig, wie beim Handy, dem spezifischen Kundenbedarf anpassen bzw. Fahrerassistenzsysteme ständig erweitern. In solchen kurzfristig abrufbaren, erweiterten Funktionalitäten des Fahrzeugs sehen wir enormes Potenzial und wollen das mit unserem hohen Domain-Know-how unterstützen.
Wie steht es um den Verbrenner? Hat er ausgedient?
Lukas Walter: Langfristig wird die E-Mobilität das größte Volumen ausmachen, daran wird nichts vorbeiführen. Andererseits ist der Verbrenner noch lange nicht tot. Denken Sie nur an die Infrastruktur in Schwellenländern. Sogar in China erleben wir gerade in der Entwicklung einen Fokus auf hocheffiziente Verbrennungsmotoren, zum Beispiel bei Range-Extender-Modellen. In diesen Varianten steckt ein extrem hohes Potenzial, den weltweiten CO2-Ausstoß tatsächlich zu reduzieren. Es ist aber derzeit zweifellos schwierig, das Tempo der Transformation richtig einzuschätzen. Wer sich in den Volumina für E-Autos verschätzt hat, erlebt derzeit schwierige Zeiten.
Sehen Sie Chancen zur Diversifizierung in andere Bereiche? Etwa in die Rüstungsindustrie?
Lukas Walter: Wir wollen in Zukunft u. a. in die Weiterentwicklung der Wasserstoffelektrolyse oder bei der Erzeugung von E-Fuels diversifizieren. Die Diversifizierung muss stattfinden und hat in einigen Bereichen bereits begonnen. Speziell gilt das für die Anwendung unserer Technologien und Methodik in der Energieerzeugung, in der Luftfahrt, aber auch in der Rüstungsindustrie. Auch im Elektronik- und Software-Bereich gibt es Technologien, die aus der Autoindustrie in andere Industrien übertragen werden können.
Über Lukas Walter
Der studierte Maschinen- und Fahrzeugbauer ist heuer zu AVL List zurückgekehrt, wo er schon bis 2019 tätig war. Dazwischen legte er eine Karriere beim Lkw- und Bushersteller MAN hin. Walter lebt in Graz und auf Flughäfen und verbringt gerne Zeit im Wald und mit der Großfamilie.


