Erfolgreich im Handumdrehen
Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin erkannte, wie geübte Griffe trüben Champagner in ein kristallklares Getränk verwandeln – und schuf mit dieser Innovation einen Weltkonzern, der bis heute besteht.

Es war zu jener Zeit, als Frauen nicht einmal ein Bankkonto führen durften. Doch Barbe-Nicole, geboren 1777 als älteste Tochter des erfolgreichen Textilherstellers und Politikers Ponce Jean Nicolas Philippe Ponsardin in Reims, sollte nicht nur mit dieser Konvention brechen, sondern es auch zur ersten Frau bringen, die ein Champagnerhaus leitete – und schließlich sogar ein Bankhaus gründete.
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All dies erreichte sie durch Pragmatismus, Geschäftssinn und Durchsetzungskraft. Und natürlich – das wissen wir längst aus den Biografien anderer erfolgreicher Unternehmerinnen der Geschichte – musste sie zuerst Witwe werden. Ihr Mann, François Clicquot, Erbe des Champagnerhauses seines Vaters, starb schon 1805 nach nur siebenjähriger Ehe. Und Barbe-Nicole, nunmehr Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin, übernahm den Laden. Damals war sie 27 Jahre alt, und die Firma verkaufte jährlich rund 100.000 Flaschen Champagner. Sechzig Jahre später hatte die „Grande Dame de Champagne“ den Absatz versiebenfacht.
Rütteln bis zum Abschlämmen
Ihren Erfolg verdankte sie – neben ihren Talenten – auch der wichtigsten Innovation in der Champagnertechnik, der sogenannten „Remuage“, einem Rüttelverfahren, das von ihrem Kellermeister Anton Müller, einem gebürtigen Deutschen, erfunden wurde. Der Legende nach war es sogar die junge Chefin selbst, die das neue Verfahren in ihrer eigenen Küche testete, indem sie Löcher in einen Holztisch bohrte und die Flaschenhälse schräg hineinsteckte. Die tote Hefe setzte sich allmählich – durch fachgerechtes händisches Drehen und sanftes Rütteln – im Flaschenhals ab und trübte nicht mehr den Inhalt.
Das sorgte dafür, dass überall der Champagner floss.
Anschließend konnte sie in einem weiteren Arbeitsschritt, dem „Degorger“ (Abschlämmen), entfernt werden. Damit war die Champagnerherstellung auf eine neue Ebene gehoben, und das nunmehr kristallklare, hellgelbe Getränk wurde endgültig „salonfähig“. Nun wollten Monarchen und Könige nicht mehr auf diesen Luxus verzichten. Und auch da hatte Barbe-Nicole Clicquot die Nase vorn, denn sie war eben mehr als nur eine tüftelnde Erfinderin – sie war eine waschechte Unternehmerin. Ihren Reiseagenten Louis Bohne schickte sie an alle Herrschaftshöfe Europas und sorgte so dafür, dass nach den schweren Jahren der Napoleonischen Kriege überall der Champagner floss.
Anhaltende Feierlaune im Osten
1814 war sie die Erste, die eine Schiffsladung Champagner über Kopenhagen an den russischen Zarenhof in Petersburg schicken konnte. Bis in die 1870er-Jahre war Russland ihr wichtigster Exportmarkt. Der Hof in Sankt Petersburg stellte an Glanz, Verschwendungssucht und Prunk damals alle anderen Monarchien in Europa in den Schatten. Der langsame Abschied von Macht und Pomp, der in Europa nach der Französischen Revolution eingesetzt hatte, war in Sankt Petersburg noch länger nicht zu spüren.
Vorbild für viele
Um die Qualität ihres Champagners zu halten, kaufte Barbe-Nicole Clicquot Weinberge im Ausmaß von 40 Hektar – und das natürlich nur in den allerbesten Lagen der Champagne. Schließlich gründete sie sogar ein eigenes Bankhaus in Reims, das sich unter ihrer Führung ebenfalls prächtig entwickelte und so die Expansion des Kernunternehmens stützte.
In den sechzig Geschäftsjahren bis zu ihrem Tod eroberte Clicquot die wichtigen Märkte nicht nur in England und den USA, sie lieferte sogar bis nach China und Australien.
Als sie 1866 starb, nannte man sie ehrfürchtig die „Grande Dame de la Champagne“. Und all das schaffte sie mit dem genialen und bis heute verwendeten Markennamen „Veuve Clicquot“ – Witwe Clicquot. Damit würdigte sie nicht nur die Champagnermarke ihres verstorbenen Mannes, sondern unterstrich auch ihren Status als Nachfolgerin. Madame Clicquots Karriere hatte eine so große Strahlkraft, dass in ihrem Windschatten bald immer mehr Frauen in die ursprünglich männliche Domäne der Schaumweinproduktion vorstießen.
In den folgenden Jahren wurde die Schampus-Branche zum Tummelplatz gleich mehrerer findiger und mutiger Unternehmerinnen: 1860, also wenige Jahre bevor Barbe-Nicole starb, übernahm – ebenfalls in Reims – Louise Pommery (1819–1890) das Erbe ihres Mannes, eines kleinen Champagnerproduzenten. Auch sie fand eine Marktlücke: Den Briten war der französische Champagner, der bis zu 200 Gramm Zucker pro Flasche enthielt, zu süß. Somit entwickelte Louise Pommery den „Brut“ – ursprünglich für niemand Geringeren als Queen Victoria persönlich. Veuve Pommery – auch ihr Unternehmen bediente sich des Hinweises auf ihre Witwenschaft – hatte damit vor allem in Nordeuropa großen Erfolg.
Die Dritte im Bunde
Die Dritte der legendären Champagner-Witwen war Mathilde-Émilie Perrier (1852–1925). Auch sie stieg nach dem Tod ihres Mannes in das Champagnergeschäft ein. Das war im Jahr 1887. Unternehmerisch tüchtig wie sie war, nahm sie eine der ersten der später sehr häufigen Betriebsfusionen in der Branche vor und legte damit den Grundstein für das Unternehmen Laurent-Perrier. Es besteht ebenfalls bis heute und ist seit seinen Anfängen in Familienbesitz geblieben.
Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin, die vor dem Tod ihres Mannes nicht einmal ein Scheckheft ausfüllen durfte, wurde so zur Geburtshelferin einer ganzen Branche, die heute mehr als 300 große Champagnermarken und Tausende kleine Unternehmen umfasst und weltweit einen Umsatz von über sechs Milliarden Euro erzielt.
