Interview: „Die Stunde der Manipulateure“

Polarisierung bringt die Menschheit als Ganzes an einen Scheideweg: manipuliert sein oder autonom? Die Psychologin Mirta Galesic hat einen Vorschlag, wie wir das Ruder herumreißen.

Die Psychologin Mirta Galesic am Complexity Science Hub in Wien. Das Foto entstand im im Wintergarten des 1891 bis 1893 erbauten Palais Springer-Rothschild im Dritten Wiener Bezirk. Das Foto ist Teil eines Interviews mit Mirta Galesic unter dem Titel Die Stunde der Manipulateure. Sie spricht darin über die psychologischen Ursachen von Polarisierung, die besonders in Krisen zunimmt. Die Wissenschaftlerin argumentiert, dass wir als Menschheit an einem zivilisatorischen Scheideweg stehen: Polarisierung wird durch digitale Medien verstärkt und kann uns hindern, komplexe Probleme gemeinsam gewaltfrei und demokratisch zu lösen. Das Interview ist Teil eines Dossiers über die Ursachen von Polarisierung, unter anderem wird beleuchtet, wie das Smartphone und die stärkere Vernetzung durch Social Media wirken, wie der Rückzug in möglichst homogene Gruppen Polarisierung verstärkt und warum antidemokratischer Extremismus und Populismus besonders gut in polarisierten Gesellschaften wirken.
Mirta Galesic am Complexity Science Hub in Wien. © Matthias Nemmert

Am Ursprung der Polarisierung steht unser sozialer Sinn: „Wir wollen immer sichergehen, dass wir nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden“, sagt die Psychologin Mirta Galesic. Das ist heute Fluch und Segen zugleich, denn die digitale Welt macht den Rückzug in Aber- und Irrglauben und Aggression gegen „andere“ leicht. Das kann uns unsere Problemlösungskompetenz kosten. Zeit, unseren sozialen Sinn gegen die Polarisierung und die Manipulateure zu wenden.

Was uns spaltet

Der Pragmaticus: In einer Ihrer Studien über die Entstehung von weithin geteilten Überzeugungen haben Sie geschrieben: „Die Fähigkeit des Menschen, gemeinsame Interessen zu finden und sich zusammenzuschließen, ist eines der Schlüsselelemente für den Erfolg unserer Spezies.“ Haben wir diese Fähigkeit noch?

Mirta Galesic: Absolut. Für Menschen sind soziale Bindungen und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft das Allerwichtigste. Wir können diese Fähigkeit gar nicht verlieren.

Wieso nicht?

Vor einigen Jahren haben wir versucht, Methoden zu finden, wie man wissenschaftliche Informationen über Risiken, zum Beispiel über Gesundheitsgefahren, Laien vermitteln kann. Erfreulicherweise haben die meisten ziemlich schnell verstanden, was zum Beispiel eine Risikowahrscheinlichkeit von 25 Prozent ist. Nur mussten wir auch feststellen: An den Überzeugungen, wie riskant irgendein Verhalten ist, hat das neue Wissen nichts geändert. Der Maßstab für das Verhalten blieb das, was die Freunde taten, dachten und glaubten.

Das zeigt, wie sehr wir andere Menschen brauchen. Überzeugungen, die nicht zu unserem Umfeld passen, sind für uns ein großes Problem. Wir versuchen, das zu vermeiden. Bei allem, was wir tun und denken, geht es nie nur dar­um, welche Informationen wir haben oder wie wir die Welt kognitiv erfassen. Unser Urteil hängt sehr stark davon ab, ob wir glauben, dass es zu den Urteilen unserer Freunde passt. Wir wollen immer sichergehen, dass wir nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.

Heißt das, Harmonie ist uns letztlich wichtiger als Fakten?

Es heißt nur, dass unsere Überzeugungen und Gewissheiten der Tatsache entspringen, dass wir Menschen Gesellschaften bilden, dass wir ein Kollektiv sind. Diese Eigenschaft macht die Spezies Mensch erfolgreich, weil wir uns aneinander orientieren und kooperieren. Und zugleich macht uns das anfällig für die Entstehung von Feindschaften zwischen Gruppen.

Was bedeutet das für Gesellschaften, die polarisiert sind oder sich so sehen?

In der Forschung unterscheiden wir ja zwischen ideologischer und affektiver Polarisierung. Solange es viele unterschiedliche Meinungen gibt – also nur ein gewisses Maß an ideologischer Polarisierung oder Lagerbildung –, haben wir kein Problem. Es ist ja gut, wenn Gesellschaften vielfältig und plural sind. In Krisen passiert aber das Gegenteil. Die affektive Polarisierung nimmt zu: Man beginnt sich mit Gleichgesinnten zu umgeben, weil die Welt komplex, bedrohlich und unsicher ist; man beginnt in Stereotypen zu denken und sieht nur noch zwei Lager – für Amerika oder dagegen, für Israel oder dagegen, die Woken oder die MAGA-Leute. Die jeweils andere Gruppe lehnt man ab, bis hin zu Hass und Gewalt.

Diese Mechanismen gab es ja immer schon. Auch politische Gewalt. Warum scheint das jetzt zu eskalieren?

Wir haben nicht zuletzt durch die sozialen Medien eine Art Sugar Crush. Egal wie abstrus oder extrem unsere Meinung ist – auf X, Facebook, TikTok, wo auch immer –, wir können uns permanent Zustimmung dafür holen und uns so vergewissern, dass mit uns alles in Ordnung ist. Wenn ich denke, die Erde ist flach, werde ich irgendwo im Netz die Gruppe Leute finden, die das auch so sieht. Ich muss mich auch nicht mehr mit anderen Positionen auseinandersetzen und mich nicht rechtfertigen. Ich hole mir einfach eine immer grö­ßere Dosis Bestätigung in der virtuellen In-Group. Also werden meine Ansichten immer extremer, es gibt niemanden, der mir widerspricht.

Und das ist ja kein individuelles, sondern ein Massenphänomen. Die Plattformen verdienen damit viel Geld, und somit wird Extremismus an sich zu einem Geschäftsmodell. Die Influencer mit den extremsten Ansichten sind am erfolgreichsten, weil wir auch eine gewisse Sehnsucht nach Führungspersönlichkeiten haben. So entsteht eine positive Feedbackschleife, die zu immer mehr Polarisierung führt. Es ist die Stunde der Manipulateure.

Technologische Brüche sind aber ­immer zweischneidig.

Das stimmt. Als der Buchdruck aufkam, haben wir nicht nur die Bibel gedruckt, sondern auch den „Hexenhammer“ und andere Handbücher darüber, wie man „Hexen“ erkennt und verfolgt. Das hat diese Hetze gegen Frauen, die es vorher schon gab, innerhalb weniger Jahre massenhaft verbreitet und brutalisiert. Eine Kollegin am Santa Fe Institute, Kerice Doten-Snitker, hat diese Ausbreitung kürzlich rekonstruiert.

Wir stehen heute an einem zivilisatorischen Scheideweg.

Mirta Galesic über die Folgen von Technologie und Polarisierung

Heute werden keine Frauen mehr als Hexen verbrannt. Was sagt uns dies? Dass zivilisatorische Fortschritte eine Frage der Regulation und der Institutionen sind und nicht der Technologie. Es hat Jahrhunderte gebraucht, bis die sozialen Institutionen fest etabliert waren, die uns die Exzesse der Hexenverfolgung als barbarisch erscheinen lassen – das Recht, Gesundheitssysteme, Sozialsysteme, Schulbildung usw. Ich denke, wir stehen heute an einem zivilisatorischen Scheideweg, weil die etablierten Institutionen nur langsam auf die Veränderungen reagieren.

Das Internet überflutet uns mit KI-generierten Bildern und Videos, die nichts mit der Realität zu tun haben. Verlieren wir angesichts dieses „KI Slop“ gerade die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und zu besprechen?

Nur dann, wenn wir nicht verstehen, wie unsere Überzeugungen entstehen. Eine fragmentierte oder polarisierte Gesellschaft, in der Glaubenssätze oder Überzeugungen in unhinterfragten Parallelwelten existieren, ist verwundbar und anfällig für Manipulation – genauso wie ein Stromnetz, das kein Backup hat.

Wissenschaft kann sichtbar machen, wo in einem solchen Netzwerk von Überzeugungen die Schwachstellen sind. Sie zeigt, wie bestimmte Ideen miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig verstärken.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, ich glaubte in meinem tiefsten Inneren, dass die Welt deswegen so kompliziert und widersprüchlich ist, weil eine kleine, geheime Gruppe die Ereignisse auf dieser Welt zu ihrem eigenen Vorteil steuert. Diese Überzeugung trägt nicht nur zu meiner Verwirrung bei, sie macht mich auch anfällig dafür, viele komplexe Phänomene – wie zum Beispiel den Klimawandel oder Pandemien – als Ausdruck einer Verschwörung zu sehen, und hindert mich daran, sie als die schwierigen wissenschaftlichen Probleme zu erkennen, die sie sind.

Tiefsitzende Überzeugungen ändert man nicht, weil es Fakten gibt, die ihnen widersprechen, sondern dann, wenn man ein gewisses Maß an Selbstreflexion hat und weiß, woher Überzeugungen kommen und wo die Schwachstellen sind. So besteht auch eher die Chance, Manipulation zu erkennen. Die Fähigkeit zu Selbstreflexion ist die Voraussetzung, um als Gesellschaft Probleme lösen zu können.

Die Algorithmen von TikTok, Facebook und Co erkennen innerhalb von Minuten Haltungen und Vorlieben neuer Nutzer, um sie dann zu verstärken.

Genau. Deswegen ist es auch vorstellbar, mithilfe von KI-gestützten Chatbots eine Art kritisches Umfeld zu schaffen. Eine Art therapeutische KI auf einem individuellen wie auch gesellschaftlichen Level. Man weiß zum Beispiel, dass Online-Hetze ins Leere läuft, wenn sich andere einmischen und dagegenhalten. Das ist aber oft nicht möglich, schon allein aus Zeitgründen. Genauso bei Falschinformationen. Während der Covid-19-Pandemie zum Beispiel war die Wissenschaft oft einfach viel zu langsam. Warum sollte man nicht einen Chatbot entwickeln, der solche Dinge kontert? Wichtig ist, dass transparent bleibt, dass es eine KI ist, wie sie programmiert wurde und wie die Inhalte zustande kommen.

Menschen verlieben sich in Chatbots, weil sie sich verstanden fühlen. Andere Menschen sind im Vergleich dazu eine Zumutung. Hat die menschliche Gemeinschaft noch Zukunft?

Der erste Trugschluss an diesem Szenario völlig isolierter Einzelwesen, die nicht mehr kollektiv handeln können, ist, von der Zwangsläufigkeit der Entwicklung auszugehen. Die Welt, in der wir leben werden, ist aber das Produkt unserer Entscheidungen. Demokratien sind derzeit auch deshalb bedroht, weil Menschen das Vertrauen verlieren, dass überhaupt etwas entschieden werden kann.

Der zweite Trugschluss ist, anzunehmen, dass eine Mehrheit mit der Situation glücklich ist. Warum reden wir so viel über Polarisierung? Weil niemand die Unsicherheit, die Desinformation und die Hetze mag. Die meisten wollen nicht, dass wir den Kontakt zueinander verlieren.

Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Wir können uns überlegen, wie wir all diese Technologien zum Wohle der Gesellschaft einsetzen; wie wir die sozialen Medien nutzen, um uns besser zu organisieren, und wie wir als Bürger Druck ausüben, damit Politiker Entscheidungen in unserem Sinn treffen. Ich denke, das ist es, was wir brauchen.

Über Mirta Galesic

Die Psychologin Mirta Galesic blickt stehend aus dem Fenster des Palais Springer-Rothschild in Wien, wo der Complexity Science Hub untergebracht ist. Das Foto ist Teil eines Interview mit ihr unter dem Titel Die Stunde der Manipulateure. Sie spricht darin über die psychologischen Ursachen von Polarisierung, die besonders in Krisen zunimmt. Die Wissenschaftlerin argumentiert, dass wir als Menschheit an einem zivilisatorischen Scheideweg stehen: Polarisierung wird durch digitale Medien verstärkt und kann uns hindern, komplexe Probleme gemeinsam gewaltfrei und demokratisch zu lösen. Das Interview ist Teil eines Dossiers über die Ursachen von Polarisierung, unter anderem wird beleuchtet, wie das Smartphone und die stärkere Vernetzung durch Social Media wirken, wie der Rückzug in möglichst homogene Gruppen Polarisierung verstärkt und warum antidemokratischer Extremismus und Populismus besonders gut in polarisierten Gesellschaften wirken.
Mirta Galesic im Palais Springer-Rothschild in Wien, wo heute der Complexity Science Hub untergebracht ist. © Matthias Nemmert

Die Psychologin Mirta Galesic leitet die Forschungsgruppe Collective Minds am Complexity Science Hub (CSH) in Wien und ist External Professor am Santa Fe Institute und am Vermont ­Complex Systems Institute in den USA. Die Kroatin untersucht, wie ­kognitive, psychische und soziale ­Mechanismen soziale Urteile, soziales Lernen, kollektive Problem­lösung, Meinungsbildung und ­Entscheidungsfindung, insbesondere in Krisen, ­prägen. Für den Pragmaticus schrieb sie zuletzt einen Beitrag darüber, warum Umfragen vor Wahlen so oft daneben liegen.

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