Die neue Männlichkeit
Der herbe Charme des stoppelbärtigen Cowboys hat ausgedient. Um heute maskulin zu erscheinen, halten sich Burschen an Diätpläne und duftende Drogerieprodukte. Ist „Männlichkeit“ bloß eine Tochter von Zeit und Raum?

Männlichkeit ist wieder angesagt. In Muckibuden trainieren schon 15-Jährige ihren Körper. Mit Hanteln und an Geräten stählen sie ihre Muskulatur, um eine möglichst maskuline Silhouette zu bekommen. Definierte Oberarme, ein V-förmiger Rücken und eine breite Brust sind die neuen Statussymbole der Jugend. Schon Teenager beschäftigen sich mit Protein- und Kohlenhydratdosierungen.
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Ebenfalls im Trend ist eine maskuline jawline – also eine möglichst männliche Kieferlinie. Der Jungmann, der etwas auf sich hält, versucht seine Gesichtszüge mit entsprechenden Kaugummis und Zahnleisten zu konturieren. Weiche Gesichtszüge sind out. Der Stahlkiefer zeugt von Härte und Testosteron. Die Männlichkeit erlebt eine Renaissance.
Mann, sei achtsam!
Der Marlboro-Mann ist zurück. Könnte man zumindest meinen. Doch man braucht kein dialektisch versierter Kulturkritiker zu sein, um auf die Idee zu kommen, dass eine Männlichkeit, die antrainiert wird und auf Diätplänen basiert, vieles ist – nur eben nicht männlich.
Und wenn wir schon beim Thema sind: Ist das Verschönern des Körpers mithilfe von Sport, Diät und allerlei Tinkturen nicht ein eher feminines Verhalten? Sieht so Männlichkeit aus? Hätten ein Humphrey Bogart, ein Frank Sinatra oder ein Steve McQueen zu Drogerieprodukten gegriffen und Mineralwasser getrunken, um möglichst männlich auszusehen? Eine lächerliche Vorstellung.
Doch die Zeiten von Bogart, Sinatra und McQueen sind definitiv vorbei. Spätestens seit der 68er-Bewegung und dem Feminismus der 70er-Jahre, seit in Kommunen und WGs neue Lebensmodelle erprobt und traditionelle Männlichkeit kritisch hinterfragt wurde, hat sich das Bild vom Mann deutlich verändert. Was einmal selbstverständlich war, ist es nun nicht mehr. Der wortkarge, verschlossene Macher gilt als unzeitgemäß. Der moderne Mann hat sensibel zu sein, empathisch und achtsam. Er nimmt sich Elternzeit, trägt sein Kind im Baby-Björn durch die Straßen und bemüht sich, mehr zu sein als nur der Ernährer der Familie. Auch ästhetisch hat sich das Bild vom Mann in den westlichen Gesellschaften gewandelt.
Der wortkarge, verschlossene Macher gilt als unzeitgemäß. Der moderne Mann hat sensibel zu sein.
Genügten einem Sean Connery wahrscheinlich noch Zahnbürste und Seife zur täglichen Körperpflege, so geht der Mann im frühen 21. Jahrhundert zur Maniküre, lässt sich die Augenbrauen zupfen und das Brusthaar entfernen. Aber: Ist dieses Getue wirklich männlich?
Geschlechterrollen je nach Bedarf
Im Grunde ist schon die Frage falsch gestellt. Denn sie unterstellt, dass es die eine, richtige Männlichkeit gibt. Doch die gibt es nicht. Der Grund dafür liegt in der Anthropologie: Menschen – und zu dieser Spezies gehören auch Männer – gehören immer zwei Welten an: einer biologischen und einer kulturellen. Dass ein Individuum ein Mann ist, ist eine biologische Tatsache. Wie er diese Männlichkeit lebt und was er darunter versteht, hat jedoch etwas mit der Gesellschaft zu tun, in der er aufwächst.
Das bedeutet allerdings nicht, dass das kulturelle Bild eines Mannes vollkommen losgelöst von der biologischen Männlichkeit ist. Um das zu begreifen, muss man sich klarmachen, was Kultur ist und in welchem Verhältnis sie zur Biologie steht. Vereinfacht gesagt: Kultur ist die Software des Menschen. Sie ermöglicht es ihm, in vollkommen unterschiedlichen Lebensräumen zu überleben. Dank seiner biologisch gegebenen Kulturfähigkeit kann Homo sapiens im ewigen Eis ebenso existieren wie in der Wüste Gobi, im Hochgebirge, im Urwald oder einer modernen Millionenmetropole. Kultur macht uns anpassungsfähig. Sie sorgt dafür, dass wir uns eine Weltsicht und Regeln geben, die es uns ermöglichen, in sehr unterschiedlichen Umwelten zurechtzukommen.
Das gilt auch und insbesondere für Geschlechterrollen. Entsprechend haben archaisch lebende Stammesvölker andere Männlichkeitsvorstellungen als sesshafte Agrargemeinschaften oder die Gesellschaften der Industriemoderne. Das hat vor allem damit zu tun, dass Männer und Frauen in diesen Gesellschaften ganz andere Aufgaben und Pflichten haben. Sinn von Kultur ist es, diese Aufgaben und Pflichten durch Symbole, Werte und Erzählungen normativ zu festigen. So werden ideale Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit geschaffen, die sinnvoll für den Lebensraum der jeweiligen Gruppe sind. Die bürgerliche Moral des 19. Jahrhunderts und ihre Geschlechterstereotypen waren etwa eine Reaktion auf die Anforderungen des beginnenden Industriezeitalters. Und die Ideale von Minne und Rittertum spiegelten die sozialen Notwendigkeiten einer mittelalterlichen Feudalgesellschaft.
Kulturbedingte Geschlechterbilder sind also Verhaltensnormen, mit denen die biologisch gegebenen Instinkte von Männern und Frauen den ökonomischen und technischen Anforderungen ihrer jeweiligen Umwelt angepasst werden. Zwischen „Sex“ (biologischem Geschlecht) und „Gender“ zu unterscheiden, wie es Genderwissenschaftler tun, ist daher nur bedingt sinnvoll, da „Gender“ immer das Produkt von „Sex“ in einem spezifischen Lebensraum ist.
Fast alle finden uns abstoßend
Allerdings nehmen die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts unter den Kulturen der Menschheit noch einmal eine Sonderstellung ein. Denn niemals zuvor haben Menschen auf so dichtem Raum in einer dermaßen hochtechnisierten Lebenswelt gelebt. Und nie zuvor verbreiteten sich Informationen und Güter mit vergleichbarer Geschwindigkeit.
Vormoderne Gesellschaften – egal ob sie auf Viehzucht, Ackerbau, Jagd oder Handel basieren, ob städtisch, dörflich oder nomadisch – haben aufgrund ihrer vergleichbaren Technologisierung immer gewisse Gemeinsamkeiten, von denen sich die spätindustriellen, digitalisierten und medialisierten Gesellschaften der Gegenwart radikal unterscheiden. Obwohl erst wenige Jahrzehnte alt, trennt die technisierte Spätmoderne ein tiefer Graben von allen anderen menschlichen Kulturen. Mehr noch: Die Wertevorstellungen, die die Moderne hervorgebracht hat, wären für nahezu alle Kulturen der Menschheitsgeschichte unverständlich, bizarr oder abstoßend. Aus Sicht eines antiken Römers oder eines Mongolen des Mittelalters wäre unsere westliche Kultur vermutlich dekadent und verachtenswert.
Das Kalkül hinter der Emanzipation
Besonders negativ aufgefallen wäre diesen fremden Betrachtern unserer Kultur der Habitus der Männer. Männer, die Babys füttern? Männer, die öffentlich weinen? Männer, die den Dienst an der Waffe verweigern und mit den Müttern ihrer Kinder Geburtsvorbereitungskurse besuchen? Für nahezu alle Kulturen der menschlichen Geschichte wären solche Männer grotesk und erbärmlich.
Allerdings ist dieser revolutionäre Wandel des männlichen Rollenbildes in der Moderne alles andere als überraschend. Die Technisierung, Rationalisierung und Verrechtlichung der Lebenswelt hat seit Mitte des 19. Jahrhunderts klassische männliche Tugenden überflüssig gemacht. Kraft, Mut, Ausdauer und Wehrhaftigkeit sind kaum noch gefragt. Moderne Dienstleistungsgesellschaften mit hohem Wohlstand erfordern hingegen Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen und Anpassungsbereitschaft – also Talente, die nicht ohne Grund eher Frauen zugeschrieben werden.
Zudem erzwang das kapitalistische Wirtschaftssystem langfristig die Mobilisierung der weiblichen Arbeitskraft. Kinderbetreuende Mütter sind in dieser Wirtschaftsordnung ungenutzte Arbeitsressourcen, die es einzusetzen gilt, um durch den so erarbeiteten höheren Gesamtwohlstand die Nachfrage nach Gütern und Waren weiter zu steigern.
Um diese ökonomische Notwendigkeit kulturell erstrebenswert zu machen, entwickeln kapitalistische Gesellschaften früher oder später das Ideal der Emanzipation. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden daher Frauen zunehmend in eine bisher von Männern geprägte Lebenswelt gestellt. Das verändert die Frauen – und die männliche Lebenswelt. Ab den 1980er-Jahren sorgte dann die Neuorganisation von Unternehmen in einer mehr und mehr vom Finanzmarkt geprägten Wirtschaft für das Verschwinden des klassischen Patriarchen altkapitalistischer Prägung. An seine Stelle traten Teams von Managern und zunehmend flache Hierarchien. Traditionelle Männlichkeitsnormen sind auch hier zunehmend weniger gefragt.
Diese ökonomischen Umwälzungen revolutionierten auch das Wertegefüge außerhalb des Wirtschaftslebens. Rollenbilder wurden infrage gestellt. Die Institution der Ehe veränderte sich. Viele Erwachsene leben als Single. Werte aus der Managerideologie – wie Flexibilität und Innovationsfreude – formen zunehmend das Alltagsleben.
Beständigkeit, Beharrlichkeit und Konstanz, also Normen, an denen sich Bilder von Männlichkeit in Europa seit Jahrhunderten orientierten, gelten als überholt.

Männer im Anpassungsstress
Folgerichtig beginnen insbesondere junge Männer, die entsprechenden Werteverschiebungen zu affirmieren. Waren die ihre Männlichkeit kritisch diskutierenden Männergruppen der 70er-Jahre noch ein subkulturelles Phänomen, so war der metrosexuelle Mann der 90er, der auch weibliche Attribute an sich zulässt, fester Bestandteil der Massenkultur. In den 2010er-Jahren schließlich stellte die Queer-Bewegung die bipolare Geschlechterordnung generell infrage, und junge Männer begannen, sich bewusst androgyn oder feminin zu kleiden und zu schmücken.
Alles in Ordnung also? Erleben wir zurzeit lediglich einen besonders schnellen und drastischen, aber sozialpsychologisch erklärbaren Wandel geschlechtlicher Stereotype, der allerlei Absonderlichkeiten hervorbringt, aber im Grunde einen normalen evolutionären Anpassungsprozess darstellt?
Männlichkeitsbilder werden nicht länger variiert, sondern pauschal in Abrede gestellt.
Mag sein. Aber es verdichten sich die Anzeichen dafür, dass die Moderne und ihre immer rasanteren technischen, ökonomischen und sozialen Umformungen die psychokulturelle Anpassungsfähigkeit des Menschen zunehmend überfordern. Zu diesen Symptomen gehören nicht nur pathologische Störungen wie Depressionen oder Burnout, sondern auch die identitätspolitischen Verhärtungen gesellschaftlicher Debatten und das Leugnen biologischer Tatsachen. Männlichkeitsbilder werden nicht länger variiert, sondern pauschal in Abrede gestellt. Es entstehen kontrafaktische Geschlechterkonstruktionen, die die Biologie überwinden wollen. Das ist eine komplett neue Dimension, die als Ausdruck von Anpassungsstress und krisenhafter Überforderung an sich radikal ändernde Lebensweisen gedeutet werden kann.
Albernheit und Männlichkeit
Wo Identitäten infrage gestellt werden, kommt es mit großer Sicherheit zu Gegenreaktionen. Im harmloseren Fall führt das zu einer narzisstischen Besinnung auf die Ästhetik traditioneller Männlichkeit, zum Besuch von Fitnessstudios und dem Bemühen um eine harte Kinnlinie. Extremere Gemüter hingegen steigern sich in einen wirren Maskulismus hinein. Dieser propagiert eine vermeintlich archaische, tatsächlich aber grotesk entstellte Männlichkeit, die in ihrer hysterischen Aufgeblasenheit alles andere als männlich ist, sondern bestenfalls albern. Man betrachte nur den US-amerikanischen Autor und Influencer Jack Donovan, der sich selbst als masculinist bezeichnet.
Was einen Mann über alle Zeiten und Kulturen hinweg tatsächlich ausmacht, hat niemand schöner auf den Punkt gebracht als Rudyard Kipling in seinem berühmten Gedicht If, dessen letzte Strophe hier stellvertretend zitiert werden soll:
„If you can talk with crowds and keep your virtue
Or walk with Kings – nor lose the common touch,
If neither foes nor loving friends can hurt you,
If all men count with you, but none too much;
If you can fill the unforgiving minute
With sixty seconds’ worth of distance run,
Yours is the Earth and everything that’s in it,
And – which is more – you’ll be a Man, my son!“


