Alles, außer standesgemäß
Maria Leopoldine, Kurfürstin von Bayern, saniert Landgüter, kauft Brauereien, handelt mit Getreide, Vieh, Immobilien und Aktien. Den Ansporn zur unkonventionellen Karriere lieferten wohl zwei Martyrien.

Als sie stirbt, ist sie die reichste Frau Bayerns. Sie hinterlässt Grundbesitz, Brauereien, Immobilien und ein sehr ansehnliches Aktienportfolio: Leopoldine, Kurfürstin von Bayern. Doch das Besondere an dieser Geschichte ist, dass ihr Geschäftserfolg keiner Notwendigkeit folgt: Weder muss sie, wie viele Unternehmerinnen der Geschichte, als Witwe einen Betrieb für ihre minderjährigen Söhne erhalten, noch als alleinerziehende Mutter sich und die Kinder durchbringen. Von den 100.000 Gulden jährlicher Witwenapanage – einer nach damaligen Maßstäben fürstlichen Summe – hätte die 22-Jährige ein mehr als auskömmliches Leben führen können, zumal sie als sparsam, wenn nicht sogar geizig bekannt ist.
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Martyrium und Neustart
Doch Leopoldine kann gar nicht anders, als unternehmerisch tätig zu sein, und so ist es ihrem überragenden wirtschaftlichen Talent, ihrem Fleiß und ihrem scharfen Verstand zu verdanken, dass sie sich, wie es in ihrer Biografie heißt, statt mit Schminktiegel und Puderquaste mit Geschäftspapieren und Verwaltungsvorgängen umgibt.
Doch von Anfang an. Die in Mailand geborene Erzherzogin von Österreich-Este, das dritte Kind Ferdinands von Österreich und Maria Beatrice d’Este, wird mit 18 Jahren mit dem 71-jährigen Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern verheiratet. Das Martyrium dieser Ehe währt indes nur kurz, da Karl Theodor nach nur vier Jahren stirbt und Leopoldine nun als lebenslustige Kurfürstin witwe ins Leben startet.
Zuallererst mit einer unstandesgemäßen Schwangerschaft. Das in Laibach inkognito zur Welt gebrachte Kind wird sie nie mehr sehen. Vielleicht ist auch dieser erneut auferlegte Zwang der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Von nun an wird Leopoldine auf ihre Unabhängigkeit achten. Vor ihrer zweiten Hochzeit – mit Ludwig Graf von Arco – soll sie sich einen kirchlichen Dispens von der Gehorsamspflicht gegenüber ihrem Ehemann ausbedungen haben. Ludwig, mit dem sie zwei heiß geliebte Söhne in die Welt setzt, steht zeit seines Lebens unter ihrer Fuchtel.
Erfolgreiche Sanierung
Schon kurz nach Karl Theodors Tod wählt sie sich als Witwensitz das Landgut Stepperg bei Neuburg an der Donau, einen heruntergewirtschafteten Besitz mit Feldern, die in Kriegszeiten verwahrlost waren, und einem Dorf mit „nur zwölf Bettlern“ als Untertanen, wie sie später schreiben wird. Doch genau das ist ihr Ding. Sie besucht ihre Bauern, lädt den Pfarrer zum Essen ein und krempelt die Ärmel auf, streng nach ihrem Motto: „Kein Mensch ist zum Feiern geboren; und Müßiggang ist die Mutter der Langeweile, und diese Krankheit wäre mein Tod.“
Ludwig steht zeit seines Lebens unter ihrer Fuchtel.
Beraten vom bayerischen Finanzexperten, Unternehmer und Illuminaten Joseph von Utzschneider, kümmert sie sich um alles persönlich, von der Finanzbuchhaltung über den Einkauf des Saatguts bis zum Verkauf der Ernte und der Versteigerung von Vieh auf Märkten. Sie handelt nicht nur mit Mastochsen, Gerste, Malz und Wein, sondern unterhält Verkaufsstände für Weiß- und Schnittwaren auf den Jahrmärkten in München, Neuburg und Augsburg – sehr zum Missfallen des bayerischen Hofes, der ein solches Gebaren für eine Kurfürstinwitwe als nicht standesgemäß erachtet.
Nur zwei Jahre nach der Übernahme von Gut Stepperg kann sie eine benachbarte Brauerei samt Feldern und Wiesen kaufen. Es folgen weitere Zukäufe von Ländereien und Brauereien, von denen sie am Ende ihres Lebens ein halbes Dutzend besitzt. Gleichzeitig investiert sie in gemeinsame Unternehmungen mit Utzschneider: eine Weißgerberei, eine Lederfabrik und das Münchner Bräuhaus „Zum Utzschneider“ samt Essig- und Tabakfabrik.
Leopoldines glückliche Hand
Als der bayerische Staat infolge der Napoleonischen Kriege wertvolle Liegenschaften verkaufen muss, steigt sie auch ins Immobiliengeschäft ein und kauft mehrere Palais und Häuser in der Münchner Innenstadt.
Der weitläufigen Familie bleibt nicht verborgen, dass sie eine tüchtige Unternehmerin in ihren Reihen hat. Mittlerweile hat diese ein zweites Mal geheiratet. Allerdings ist sie für die traditionelle Ehe ungeeignet, und so entschließt man sich zu einem höchst modernen „Living Apart Together“-Modell, wobei ihr Mann als ihr Obersthofmeister in München für Dienste aller Art zuständig ist. Dafür nimmt sie sich der Geldangelegenheiten der Arco’schen Verwandtschaft an und saniert sogar noch Güter von Freunden, so etwa das Gut Weilbach ihres Günstlings Graf Sigmund Spreti.
In den 1820er-Jahren verlegt sie ihre Aufmerksamkeit auch noch auf Spekulationsgeschäfte an der Börse, da „diese verfluchten Güter so viel Arbeit machen und so wenig Nutzen bringen“, wie sie klagt. Und auch da beweist sie eine glückliche Hand. So gewinnt sie 1837 bei Spekulationen mit Eisenbahnaktien an der Pariser Börse rund eine Million Gulden.
Ihr wirtschaftliches Talent, ihre Entscheidungsfreude und der versierte Umgang mit Zahlen reichen nicht aus, um auch diesen Erfolg zu erklären. Der liegt auch daran, dass sie weltoffen ist, jeden Tag die internationale Presse liest und – mit Mann und Söhnen – jährlich umfangreiche (aber sparsame!) Reisen ins Ausland unternimmt.
Am Ende ihres Lebens hat sie für beide Söhne ein Vermögen zusammengewirtschaftet. Für die Güter, durch die beide zu Majoratsherren werden, erledigt sie bis zuletzt die Monatsabrechnungen und Jahresbilanzen. In Stepperg, diesem verarmten Nest, das sie aus dem Elend gehoben und in dem sie sich vielfach um Arme und Bedürftige gekümmert hat, wird sie nach einem tödlichen Unfall mit der Kutsche begraben. Sie wollte – und das ganz im Stillen – „nützlich wirken, in einer Gegend, in welcher ich so viele Jahre gelebt habe“.

