Die ideenreiche Kleidermacherin
Als das Mieder zu eng wurde für die Haltung und den Lebensstil von Frauen, erfand Marianne Bendl den „Busenschützer“. Das brachte ihr Ärger mit den Zensurbehörden, einigen finanziellen Erfolg – aber kein dauerhaftes Glück.

Nachdem mein sämtliches Personal, sowohl im Büro als auch im Verkauf, ausschließlich aus Damen besteht, können sich die Damen in jeder Angelegenheit vertrauensvoll an mein Haus wenden.“ Ein gewisser Stolz spricht aus diesen Zeilen. Und das zu Recht. Denn die Unternehmerin Marianne Bendl hat, als sie den von ihr erfundenen „Busenschützer“, den Vorläufer des heutigen BHs, in ihrem Werbekatalog anpreist, bereits den Aufstieg von der Arbeitsmigrantin zur erfolgreichen Fabriksbesitzerin hinter sich.
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Geboren wird sie 1857 unter ihrem Mädchennamen Maria Anna Erbert im Bezirk Eger in Böhmen. Als Tochter eines Seilermeisters bietet ihr das Leben nicht allzu viele Chancen – außer, sich auf der Suche nach Arbeit in die boomende Großstadt Wien zu begeben. Dass sie sich im 6. Wiener Gemeindebezirk niederlässt und die Berufsbezeichnung „Kleidermacherin“ wählt, deutet darauf hin, dass die junge Frau 1879 (noch) nicht zur wohlhabenden Schicht der Stadt gehört.
Aus der Not heraus …
Marianne bekommt zwei Söhne: 1879 Wilhelm und 1881 Anton Alexander. Der Vater der Kinder, der Ledergalanteriearbeiter Anton Bendl, den sie wenige Wochen nach der Geburt des zweiten Buben heiratet, ist zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank und verstirbt wenig später an Tuberkulose, der damals gefürchteten „Arme-Leute-Krankheit“. Er hinterlässt ihr nichts. Wenigstens gibt es für die tüchtige und offenbar auch innovativ denkende Schneidermeisterin weniger Hürden, um ein Gewerbe anzumelden.
Und so schafft sie innerhalb von elf Jahren den Aufstieg.
Und so schafft sie innerhalb von elf Jahren, in denen die Familie zwar mehrfach die Wohnung wechselt, aber in den Textilbezirken Mariahilf und Neubau ansässig bleibt, den Aufstieg. Ihr wichtigstes Produkt: der „Busenschützer“. Ab 1892 erhält sie für ihre Erfindung Patente in insgesamt 14 Ländern, darunter in Österreich-Ungarn, im Deutschen Kaiserreich, in England, Belgien, ja sogar in Serbien, Russland und in den Vereinigten Staaten.
… zur Fabrikantin …
Von nun an produziert sie in der Gumpendorfer Straße 8, im Mezzanin, ganze Serien von Busenschützern – in unterschiedlichen Farben, für die Ballmode, mit Blümchenmuster. An der Fassade des Hauses lässt sie in großem Schriftzug „K. u. K. Priv. Busenschützer-Fabrik von Marianne Bendl“ anbringen. Dort fertigt sie mit einer beachtlichen Zahl von Arbeiterinnen auf Strick- und Wirkmaschinen bereits Kollektionsware, die sie direkt ab Fabrik, am Graben bei E. Braun & Co., in ihrer Filiale in Budapest sowie per Versandkatalog verkauft. Wegen der Darstellungen in ihrem ersten „illustrierten Preisbuch“ wird sie angezeigt, der Vorwurf lautet „öffentlicher Sittlichkeitsverstoß“. Nach juristischem Gezerre müssen in der zweiten Auflage des Katalogs lediglich drei Bilder getauscht werden.
… eines genialen Produkts
Marianne Bendl tritt selbstbewusst auf, betont ihre Mitgliedschaft in der Pariser Erfinder-Akademie, sie bewirbt ihre Produkte in Zeitungen und lässt Werbekataloge drucken. Im Vergleich zu anderen Miederherstellern sind ihre Reform-BHs eher im mittleren und oberen Preissegment angesiedelt. Gleichzeitig positioniert sie den Busenschützer perfekt als Trendprodukt in einer Zeit, in der sich Frauen vom Mieder und seinen symbolischen wie tatsächlichen Zwängen befreien. So heißt es in der „Allgemeinen Frauen-Zeitung“, der Vereinszeitung der österreichisch-ungarischen Frauenvereine, euphorisch: „Das Mieder ist der Feind der Gesundheit des Weibes, die Ärzte und Tausende von Frauen wissen davon zu erzählen … Einer Frau war es vorbehalten, dem Feinde ihres Geschlechts Paroli zu bieten: Frau Marianne Bendl, die Erfinderin des patentierten Busenschützers …“
Auch bei der aufkommenden Gesundheits- und Sportbegeisterung ist Marianne Bendl am Puls der Zeit. So preist sie ihr Produkt in einem Inserat eigens für „Radfahrerinnen“ an, weil „infolge der äußerst sinnreichen Konstruktion des Busenschützers“ kein Schweiß an den Oberkleidern austrete, wodurch „jede Verkühlung ausgeschlossen“ sei. In einem anderen Inserat heißt es: „Man denke sich nur die Wohltat, bei gewünschter und gewohnter Façon des Körpers ungeniert sich bücken zu können, zu tanzen, springen, turnen und jedem Sport mit jedmöglicher Bewegung ungehindert huldigen zu dürfen.“
Auf die Idee mit dem Busenschützer sei sie bei einem Kuraufenthalt in Karlsbad gekommen, wo sie sich wegen eines durch ihr Korsett zugezogenen Leidens au#ielt. Beim Stricken sei ein gewölbtes, sternförmiges Stück entstanden, das sie sich über die Brust hielt. „Unter Nachdenken, wozu derselbe nützlich wäre, spannte Frau Bendl den Stern über ihre Brust und kam so auf den Gedanken, zwei solche Sterne zu verfertigen, durch ein Leibchen zu vervollständigen und an sich zu erproben“, berichtete die „Allgemeinen Frauen-Zeitung“. Dass sich Marianne Bendl als wohlhabende, zur Kur weilende, ihre Freizeit mit Stricken verbringende Frau darstellt, der durch Zufall ein geniales Produkt einfällt, darf man getrost dem Bereich der Mythen zuordnen – und ihrer sehr bewussten, zielgenauen Marketingstrategie.
Rätselhaftes Ende
Und doch ist der Erfolg fragil. 1904 erkrankt die Unternehmerin, wird in der Nervenheilanstalt Lainz wegen „Melancholie“ behandelt und unter Kuratel gestellt. Wenig später setzt Marianne Bendl ihrem Leben durch Ertrinken in der Ybbs nahe Winklarn ein frühes Ende. Warum die erfolgreiche Geschäftsfrau erkrankt sein soll und den Freitod wählt, werden wir nie erfahren. Am Geschäftserfolg kann es nicht gelegen sein. Die Verlassenschaftsakten und das Erbe, das sie ihren Söhnen hinterlässt, weisen sie als wohlhabende Frau aus.

