Martina Plantin, Vorbild aller Druckerinnen
Martina Plantin führte ihren Druckereibetrieb durch das turbulente 16. Jahrhundert und bahnte damit den Weg für eine ganze Reihe von Frauen, die das Familienunternehmen in den folgenden 300 Jahren über Wasser hielten.

Es ist eine Geschichte der Super lative – die Geschichte des einst größten Druckereiunternehmens der Welt. Sie beginnt in der Renaissance, in Antwerpen, dem damaligen Zentrum des Welthandels, der Künste und des Humanismus. Vier Frauen haben dafür gesorgt, dass die „Officina Plantiniana“, wie man das Unternehmen im 16. Jahrhundert auf Latein nannte, wirtschaftliche Krisen, vor allem aber die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen bis ins 19. Jahrhundert überdauert hat. Das bis heute erhaltene Archiv und seine umfangreiche Bibliothek, die eine der kostbarsten Druckgrafik-Sammlungen der Welt beherbergt, zeugen von einer Unternehmensgeschichte der besonderen Art.
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Gegründet wurde das Unternehmen von einem Mann – Christophe Plantin (Christoffel Plantijn), der sich 1548 in der Welthandels metropole niedergelassen hatte. Sein bedeutendstes Werk, die „Biblia Polyglotta“, die den Bibeltext parallel in fünf Sprachen – Latein, Griechisch, Hebräisch, Altsyrisch und Chaldäisch – enthält, war in erster Linie natürlich ein Ausdruck des humanistischen Geistes seiner Epoche. Zusätzlich erfüllte das Werk den Zweck, Plantins Loyalität zur römischen Kirche zu untermauern. Er stand nämlich unter Verdacht, Calvinist zu sein. Anhänger dieser reformatorischen Glaubensrichtung wurden von den damals über Antwerpen herrschenden Spaniern verfolgt. Mit der aufwendig produzierten Bibel konnte Plantin diesen Verdacht ausräumen und sein Haus als einen der wichtigsten Verlage für das von Philipp II. regierte Spanien etablieren.
Als das Werk in den 1560er-Jahren erschien, war Plantins Tochter Martina ein junges Mädchen, und es ist durchaus möglich, dass auch sie das Werk Korrektur gelesen hat. Denn Christophe setzte auf eine gute Ausbildung seiner vier Töchter. Martina, die begabteste, lernte mit vier Jahren zu lesen und arbeitete früh in der Druckerei mit. Im Alter von 17 Jahren heiratete sie Jan Moretus. Der hatte als Gehilfe beim Vater begonnen und sich rasch zu dessen rechter Hand emporgearbeitet. Bald hatte der Betrieb 16 Druckpressen und 80 Angestellte und war damit die größte und erste industriell arbeitende Druckerei in Europa.
Erst Schwiegersohn, dann Chef
Als Plantin im Jahr 1589 starb, setzte der Schwiegersohn sein Werk fort und publizierte prächtige Enzyklopädien, etwa eine achtbändige Geschichte der Menschheit des Orientalisten Benito Arias Montano. Als auch Moretus nach 20 Jahren starb, übernahm seine Witwe Martina Plantin die Leitung der nunmehr als Plantin-Moretus firmierenden Druckerei. Sie sorgte dafür, dass das Unternehmen die turbulenten Jahre des sogenannten Achtzigjährigen Krieges überlebte. Der hatte als Aufstand der Protestanten gegen die katholische Herrschaft Philipp II. von Spanien begonnen. Antwerpen, das nach der Rückeroberung zum spanisch beherrschten Teil der Niederlande gehörte, musste seine Vormachtstellung nach und nach an das protestantische Amsterdam in der Republik der Niederlande abgeben.
Martina lernte mit vier Jahren zu lesen und arbeitete früh in der Druckerei mit.
Dennoch blieb Antwerpen ein Zentrum der Kunst und des Buchdrucks, und als Martina mit 66 Jahren starb, wurde sie in der Kathedrale von Antwerpen beerdigt, neben ihrem Mann Jan Moretus. Die Druckerei und den Verlag hatte sie für die nächste Generation gerettet.
Frauen an der Spitze
Damit wurde Martina zum Vorbild für eine ganze Reihe von Frauen in der Familie, die im Unternehmen mitarbeiteten. Drei ihrer Nachfolgerinnen leiteten wie sie die Firma als Witwen: etwa Anna Goos, Witwe nach Martinas Enkelsohn Balthasar II. Moretus. Als sie die Firma übernahm, stellte der Hauptkunde, der Hieronymiten-Orden in San Lorenzo de El Escorial außerhalb von Madrid, wegen einer finanziellen Krise seine Zahlungen ein. Also instruierte Anna ihren Sohn, Balthasar III., und schickte ihn nach Spanien, um mit den Mönchen einen Zahlungsplan auszuhandeln. Dies rettete das Unternehmen, das in weiterer Folge Balthasar III. fortführte.
Er heiratete später Anna Maria de Neuf aus einer wohlhabenden aristokratischen Familie – und starb lange vor ihr. Also übernahm sie im Alter von 42 Jahren die Druckerei und den Verlag und leitete das Unternehmen 18 Jahre lang. Sie führte kürzere Arbeitszeiten für die Angestellten ein und lenkte die Firma durch den Spanischen Erbfolgekrieg, an dessen Ende die Spanischen Niederlande zu Österreich kamen.
In der Zeit der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege geriet die Druckerei in eine ihrer schwersten Krisen: Sie produzierte immer noch vor allem katholische Bücher für den spanischen Markt. Doch im Jahr 1764 entzog König Karl III. von Spanien allen ausländischen Druckereien ihre Privilegien – so brach ein Gutteil des Geschäfts weg. Und dann starb auch noch Firmenchef Franciscus Moretus. Wer übernahm den Laden? Natürlich seine Witwe Maria Theresia Borrekens. Sie führte Plantin-Moretus aus der Krise und leitete das Unternehmen 20 Jahre lang mit großem Geschick.
Glück und Ende
Die nächste Krise folgte, als Antwerpen 1794 von den französischen Truppen überfallen wurde und viele seiner Bürger ins Exil gingen. Maria Theresia starb drei Jahre später. Ihre Söhne führten die Druckerei fort, doch sie verabsäumten es, das Geschäft zu modernisieren. Die nächste Generation verkaufte es schließlich 1876 an die Stadt Antwerpen.
Heute sind die Druckerei und das Wohnhaus der Familie ein eindrucksvolles Museum, seit 2005 gilt der Komplex als UNESCO-Weltkulturerbe. Eine der aktuellen Sonderausstellungen ist den Frauen gewidmet, die das Unternehmen geprägt haben – ganz im Geiste von Martina Plantin.


