Wie Social Media das Gesundheitssystem zusätzlich belastet
Wie der von Influencern inspirierte Wunsch nach immer mehr Untersuchungen und Diagnosen das Gesundheitssystem belastet.

Auf den Punkt gebracht
- Finanzierung. Bund, Länder und Kassen schieben Patienten zum jeweils Anderen, zur Schonung ihre eigenen Budgets. Das ist insgesamt teurer als notwendig
- Behandlung. Ein Patient, mehrere Ärzte – derzeit verursacht das Doppelbefundungen und Schnittstellen mit Informationsverlust. Diese Abläufe lassen sich optimieren.
- Nachfrage. Auch zweifelhafte Gesundheits-Influencer treiben Menschen in die Ordinationen und Ambulanzen. Nicht jede Untersuchung ist wirklich notwendig.
- Und außerdem. Prävention führt „zu weniger Krankheit, mehr Gesundheit, weniger Behandlungskosten." Würde die Politik das forcieren, hätten alle etwas davon.
Im Gesundheitssystem fehlt Geld. Bund und Sozialversicherungen kämpfen mit ihren Budgets, gleichzeitig wollen wir neue Krebsmedikamente, Gentherapien und andere Innovationen selbstverständlich ebenfalls finanzieren. Der Konsolidierungsbedarf ist also noch größer, als es heutige Defizite vermuten lassen. Die Politik reagiert erstaunlich zaghaft. Verständlich: Wer spart, macht sich selten beliebt.
Mehr im Dossier „Wie krank sind wir wirklich?“
Kostendämpfung muss aber nicht wehtun, das zeigen auch unsere Cost of Illness-Studien. Sie verdeutlichen, welch enorme Kosten durch vermeidbare Erkrankungen entstehen. Prävention ist daher eine Win-win-Situation: weniger Krankheit, mehr Gesundheit, weniger Behandlungskosten. Allerdings dauert die Legislaturperiode nur fünf Jahre …
Auch im Versorgungssystem lässt sich ohne Leistungsabbau sparen. Hier gibt es Low Value Care, verlorene Informationen an Schnittstellen und Prozesse, die Patienten länger krank halten als notwendig. Die schönsten Einsparungen sind jene, bei denen weniger Geld mehr Qualität bedeutet. Dazu müssen wir an zwei Seiten ansetzen: beim Angebot und bei der Nachfrage. Letztere wird zunehmend von TikTok, YouTube und Instagram geprägt. Dort wird nicht nur über Krankheiten informiert – mitunter wird dort erst das Gefühl erzeugt, krank zu sein.
Aber beginnen wir beim Angebot. Österreich hat ein gutes Gesundheitssystem – solange die Krankengeschichte halbwegs geradlinig ist. Schwieriger wird es für chronisch Kranke und Menschen mit mehreren gesundheitlichen Problemen. Genau damit haben wir uns im europäischen Forschungsprojekt SELFIE2020 beschäftigt. Für den Patienten gibt es einen Versorgungspfad. Für das System gibt es Sektoren, Finanzierungstöpfe, Zuständigkeiten und Systemgrenzen. Und davon besitzt Österreich einige.
Niedergelassener Bereich und Krankenhäuser werden unterschiedlich finanziert, geplant und gesteuert. Auf Organigrammen sieht das sauber aus. Für einen multimorbiden 75-Jährigen ist es weniger hilfreich.
Ein unhaltbares Versprechen
Diese Fragmentierung ist teuer. Der Befund aus dem niedergelassenen Bereich ist im Krankenhaus nicht verfügbar oder nicht in den Arbeitsablauf integriert. Also wird nochmals untersucht, womöglich folgt ein weiterer Termin. Das verursacht Kosten ohne Nutzen und bindet Personalkapazitäten.
Eigentlich sollten solche Missstände leicht zu beheben sein: Niemandem wird etwas weggenommen – und trotzdem sinken die Kosten. In der Realität sind solche Verbesserungen zähes Klein-Klein, das wenig Clout bringt, wie man auf Social Media sagt, wenn man Ruhm, Ehre, Einfluss und Aufmerksamkeit meint.
Jeder soll alles zu jeder Zeit haben können, wurde einst versprochen. Ist dieses Versprechen zu halten?“
Überhaupt war „Patientensteuerung“ in Österreich lange fast ein Schimpfwort. Ich erinnere mich noch an Diskussionspanels, auf denen „Gatekeeping“ im Bereich der Ketzerei angesiedelt war. Jeder soll ja alles zu jeder Zeit haben können, wurde einst versprochen. Ist dieses Versprechen zu halten? Lesen Sie dazu bitte den Einleitungsabsatz noch einmal.
Zahlen & Fakten
Von wegen „je mehr, desto besser“
Dass ein Land nur mit vielen Medizinern optimal versorgt werden kann, dürfte so nicht stimmen. Groß sind auch die Unterschiede bei den Arztkontakten. Trotzdem sind etwa die Finnen recht fit.
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Schmerzlos sparen
Auch in der Diagnostik liegt Potenzial. Moderne Medizin kann immer mehr sehen und messen. Daraus folgt aber nicht, dass sie immer mehr sehen und messen soll. Als Gesundheitsökonom interessiert mich, wie Diagnostik Entscheidungen beeinflusst. Eine billige Untersuchung, die nichts ändert, aber hundertmal durchgeführt wird, kann Verschwendung sein. Eine teure Untersuchung, die eine wichtige Therapieentscheidung ermöglicht, kann äußerst kosteneffektiv sein.
Systeme wie jenes der Europäischen Radiologischen Gesellschaft (der „ESR iGuide“) setzen hier an: Auf dem Webportal können Ärzte ihre diagnostische Fragestellung eingeben und erhalten eine durch Leitlinien abgesicherte Empfehlung dazu, welches bildgebende Verfahren dafür angemessen ist. Die richtige Diagnostik beim richtigen Patienten zur richtigen Zeit ist das Ziel.
Ähnliches gilt im Krankenhaus. Enhanced Recovery after Surgery-Programme standardisieren und optimieren die Versorgung rund um Operationen. Eine Metaanalyse randomisierter Studien fand so eine im Durchschnitt um knapp zwei Tage kürzere Verweildauer und weniger Komplikationen. Der Patient wird schneller gesund, kostet weniger und kann früher wieder arbeiten und am Leben teilhaben.
Es müssen also „nur“ Prozesse umgestellt werden. Das allerdings in einem System, das mich einst zur Ökonomie trieb, weil meine Optimierungsneigung allzu oft mit dem Stehsatz beantwortet wurde: „Mia ham des imma scho so g’mocht!“
Komplizierter wird es auf der Nachfrageseite. Nie zuvor war medizinisches Wissen so einfach verfügbar. Das ist großartig. Doch die gleiche Infrastruktur, die Wissen vermittelt, produziert auch einen Strom aus Warnungen, Selbsttests, Diagnosen und Gesundheitsversprechen. Mein Motto „In der Medizin ist Halbwissen manchmal schlechter als kein Wissen“ gilt im Social-Media-Äon noch mehr: Der Algorithmus hat ein anderes Geschäftsmodell als die Medizin.
Zahlen & Fakten
Das Angebot bestimmt die Nachfrage
Weil es in den Niederlanden wenig Spitalsbetten gibt, landen dort auch nur wenige Menschen, wie die Zahl der Entlassungen zeigt. In Österreich und Deutschland sind die Krankenhäuser gut belegt.
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TikTok-Intoxikation
Medizinische Information ist häufig langweilig. Die meisten Rückenschmerzen sind harmlos. Ein Symptom beweist noch keine Krankheit. Ernährung ist kompliziert. Und Müdigkeit kommt meist nicht von jenem Hormonproblem, für das der Influencer im Webshop die Lösung anbietet. Auf Social Media gewinnt, was Aufmerksamkeit bindet: Weizen zerfrisst das Gehirn, Tomaten zerstören die Darmwand, und wer Dinge verlegt oder nach sozialen Kontakten erschöpft ist, hat wahrscheinlich ADHS oder befindet sich auf dem Autismus-Spektrum. Zuletzt machte der „Handwendetrend“ die Runde. Wer seine Hand nicht schnell genug von der Handfläche auf den Handrücken und zurück drehen kann, hat einen Hirntumor. Menschen brachen vor laufender Kamera in Tränen aus.
New fear unlocked.
Den neurologischen Test gibt es tatsächlich. Den Befund „Bradydiadochokinese“ versteht kaum jemand. Aber versuchen Sie als Arzt einmal, jemandem, der zwanzig TikTok-Videos intus hat, zu erklären, warum keine Untersuchung im Magnetresonanztomographen (MRT) notwendig ist, sondern er es mit der dominanten Hand probieren sollte – die ist schneller. Und wenn sich der Patient das Hirngespinst nicht ausreden lässt und auf einer MRT-Aufnahme besteht? Wieder 170 Euro für nichts.
Genau hier wird es gesundheitsökonomisch interessant. Wir reden seit Jahrzehnten über angebotsinduzierte Nachfrage: Medizinische Anbieter beeinflussen, welche Leistungen in Anspruch genommen werden. Viel weniger fragen wir, wie stark Nachfrage inzwischen außerhalb des Gesundheitssystems erzeugt wird.
Wie weit das gehen kann, zeigt ein gut dokumentierter Fall. Ab 2019 beobachteten auf Tourette spezialisierte Zentren ungewöhnlich viele junge Erwachsene mit plötzlich einsetzenden komplexen Bewegungen und Vokalisationen. Viele Symptome ähnelten jenen, die auf dem damals enorm erfolgreichen YouTube-Kanal „Gewitter im Kopf“ gezeigt wurden. Laut einer Untersuchung von 32 Betroffenen begannen die Beschwerden im durchschnittlichen Alter von etwa 19 Jahren – ganz anders als beim klassischen Tourette-Syndrom. Gemeinsam war den Patienten: Sie hatten den Kanal gesehen.
Und damit ist vermutlich noch nicht das Ende der Geschichte erreicht. Ungleich größer und gesellschaftlich folgenreicher ist die Frage, welchen Einfluss soziale Medien auf Selbstdeutung, Gruppendynamiken und Identitätsfindung im Bereich der Geschlechtsidentität haben können. Für den Moment aber soll genügen: Medizinische Nachfrage entsteht heute unter völlig anderen Bedingungen als noch vor zwanzig Jahren. Man könnte auch von algorithmusinduzierter Nachfrage sprechen.
Unser gesundheitsökonomisches Lehrbuchproblem war traditionell die Informationsasymmetrie zwischen Arzt und Patient: Der Arzt weiß viel, der Patient wenig. Heute sitzt ein dritter Akteur mit in der Ordination: der Algorithmus. Hunderte Videos haben dem Patienten vielleicht schon erklärt, welches Laborprofil er braucht, welche Nahrungsmittel er meiden muss und welche Diagnose seine Lebensgeschichte erklärt. Der Arzt steht dann nicht mehr vor einem Informationsdefizit, sondern vor einem Informationsüberschuss – mit einer gehörigen Portion Desinformation. Und er muss erklären, warum die medizinisch beste Leistung möglicherweise darin besteht, eine Untersuchung nicht durchzuführen.
Wege zur Effizienz
Das ist leichter gesagt als getan. Wer einem besorgten Patienten eine Untersuchung verweigert, trägt im Gespräch das Risiko. Wer eine wahrscheinlich unnötige Leistung verordnet, ist fein raus – die Kosten trägt ja weitgehend das System. Aus individueller Sicht kann es daher rational sein, im Zweifel doch zu untersuchen – selbst wenn es für das Gesamtsystem wenig sinnvoll ist.
Moralische Appelle helfen wenig. Das Problem liegt in der Informations- und Anreizumwelt. Wir brauchen bessere Gesundheitsinformation, mehr E-Health-Literacy schon in der Schule, fachliche Stimmen auf Social Media und eine Medizin, die Zeit hat, Unsicherheit zu erklären. Auch Plattformen müssen sich fragen lassen, ob Gesundheitsbehauptungen algorithmisch genauso behandelt werden dürfen wie Get ready with me-Reels (also Schmink- und Fitnessroutinen) oder Reisetipps.
Wer im Gesundheitswesen sparen will, muss nicht zwingend Leistungen kürzen. Er kann den Wildwuchs zurückschneiden: auf der Angebotsseite durch bessere Information über Sektorengrenzen, weniger Doppeluntersuchungen, evidenzbasierte Leistungen und bessere Behandlungspfade; auf der Nachfrageseite, indem wir der Pathologisierung des Alltags entgegenwirken und Reichweite nicht länger mit medizinischer Autorität verwechseln.
Das Gesundheitssystem wird ohnehin mehr Geld brauchen: für eine alternde Bevölkerung, neue Therapien, Personal und Pflege. Gerade deshalb können wir uns Leistungen ohne zusätzlichen Nutzen – oder Nachfrage, die erst durch schlechte Information entstanden ist – immer weniger leisten.
Wenn ich aus unseren Arbeiten der vergangenen Jahre eine Lehre ziehen müsste, wäre es diese: Effizienz im Gesundheitswesen bedeutet nicht, möglichst wenig Medizin anzubieten. Effizienz bedeutet, möglichst wenig Medizin anzubieten, die nichts bringt – und genügend Ressourcen für jene zu haben, die tatsächlich einen Unterschied macht.
Conclusio
Überdosis. Neue Möglichkeiten der Diagnostik und Behandlung vergrößern das Angebot medizinischer Leistungen. Auch die Nachfrage steigt. Schuld daran sind das Internet und soziale Medien, die Ängste und Halbwahrheiten verbreiten.
Teuerung. Neue Therapien und der steigende Bedarf an Pflege werden noch höhere Kosten verursachen. Die Fragmentierung der Verantwortungen macht das heimische Gesundheitssystem teurer, als es sein müsste.
Effizienz. Optimierte Abläufe in Spitälern und in der Verwaltung wären billiger und wirksamer. Gegen die auf Halbwissen basierende Medizin-Nachfrage helfen (Medien-) Bildung, seriöse Information im Netz sowie Ihr Arzt oder Apotheker.


