Mehr Patriotismus wagen!
Der Westen schwächelt. Um unsere Zivilisation zu verteidigen, braucht es mehr Patriotismus und eine Rückbesinnung auf westliche Kultur, Traditionen und Werte.

Man muss Italien einfach lieben. Das Land ist durchdrungen von Schönheit, die Menschen zelebrieren eine lässige Eleganz, die ihresgleichen sucht. „Fare bella figura“ ist eine Selbstverständlichkeit: Man ist es sich selbst wert und den Mitmenschen schuldig, einen guten Eindruck zu machen.
Mehr von Thomas Eppinger
Einer der Eckpfeiler der italienischen Lebensart, der „Italianità“, ist Stolz. Stolz auf das Land und seine Kultur, auf die eigene Region und ihre Spezialtäten, auf Traditionen und Werte, die sich über die Jahrhunderte gebildet haben. Es ist dieser Stolz, der aus Ministerpräsidentin Giorgia Meloni spricht, wenn sie Donald Trump nach dem G7-Gipfel lässig und temperamentvoll „Ich und Italien betteln niemals“ entgegenschleudert.
Land ohne Stolz
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es schwer war, Stolz auf die Heimat zu entwickeln. Zu nahe war das beispiellose Menschheitsverbrechen der Shoah, zu bedrückend das allgegenwärtige Leugnen und Relativieren, zu beschämend die vorherrschende Ignoranz. Und zu empörend die Komplizenschaft einer Gerichtsbarkeit, die die Mörder und ihre Komplizen viel zu selten zur Verantwortung zog und dabei auch noch auf Zustimmung der Bevölkerung zählen konnte (Filmempfehlung: Murer – Anatomie eines Prozesses).
Die Leichtigkeit, mit der Italiener ihre Heimat lieben, wurde mir also nicht gerade in die Wiege gelegt. Das wurde sie auch jüngeren Generationen in anderen Ländern nicht. Längst wird der akademische Mainstream im Westen von postkolonialen und konstruktivistischen Agendawissenschaften dominiert, die nationale Identität vorrangig aus der Perspektive historischer Schuld betrachten.
Patriotismus steht unter dem Generalverdacht eines aggressiven Nationalismus. Geschlecht und Familie werden auf soziale Konstrukte ohne biologische Basis reduziert. Und das kapitalistische Wirtschaftssystem – das letztlich nicht nur den Sozialstaat, sondern auch die Agendawissenschaftler finanziert – wird zur Wurzel allen Übels umgedeutet.
Nur die Identität der als Opfer identifizierten Gruppen wird hochgehalten – der „Westen“ ist per definitionem Täter, Weiße sind es sowieso.
Amerikanische Pädagogen erklärten sogar den Mathematik-Unterricht mit seinem Fokus auf Objektivität und richtige/falsche Antworten zum toxischen Merkmal der „White Supremacy Culture“: „Die Vorstellung, dass Mathematik rein objektiv ist, ist eindeutig falsch, und dies zu lehren, ist noch viel weniger zutreffend.“ Der herkömmliche Unterricht würde Rassismus perpetuieren. Stattdessen solle man kulturspezifische Mathematik und Schülerlebenswelten in den Mittelpunkt stellen.
In der Welt der Identitätspolitik sind universelle Sprachen wie die Mathematik ebenso verpönt wie generische Pronomen. Alles wird dem Täter-Opfer-Schema untergeordnet. Wobei nur die Identität der als Opfer identifizierten Gruppen hochgehalten wird – der „Westen“ ist per definitionem Täter, Weiße sind es sowieso. Medien sowie linke und „links-liberale“ Parteien haben sich diese Narrative in weiten Teilen zu eigen gemacht.
Was sind denn noch westliche Werte?
Dennoch beschwören die Spitzen aus Politik und Medien bei jeder Gelegenheit wahlweise die „europäischen“ oder die „westlichen“ Werte. Es wäre interessant zu wissen, was sie darunter verstehen.
Theodor Heuss, der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland (1949 bis 1959), hatte ein klares Bild davon: „Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Kapitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen.“ Also christliche Werte, griechische Philosophie und römisches Recht.
Ich bezweifle, dass sich heute noch eine Mehrheit der europäischen Staatschefs diesem Diktum des liberalen Publizisten und Politikers anschließen würde. Philosophie, Recht und christliche Werte als untrennbar verbundene Säulen unserer Kultur zu betrachten, würde den meisten vermutlich zu weit gehen. Und sei es nur aus Rücksicht auf die wachsende Zahl muslimischer Wähler.
Mut zur Verteidigung
Erfreulich ist diese Entwicklung nicht. Zumal sie mit einer Reihe unangenehmer Nebenwirkungen einhergeht. Auf den Straßen und an den Universitäten bricht sich ein aggressiver Antisemitismus Bahn, befördert von einer unheilvollen Allianz aus Linken und Islamisten. Die öffentlich-rechtliche Berichterstattung strotzt geradezu vor Antiamerikanismus. In Deutschland erfreut sich unter Heidi Reichinnek die SED, die sich in „Die Linke“ umbenannt hat, großer Beliebtheit. In Österreich wurde gerade die KPÖ-Bürgermeisterin Elke Kahr wiedergewählt.
Wir haben viel zu verlieren.
Der Firnis der Zivilisation ist dünn. Der Westen hat zu viel Großartiges hervorgebracht, um seine Geschichte auf koloniale Verbrechen oder die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zu reduzieren.
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft und Menschenrechte sind die Säulen unserer Gesellschaften. Zu viele haben die Grundlagen unseres Erfolgs entweder vergessen oder bekämpfen sie sogar aktiv. Gleichzeitig scheitert die Fähigkeit, die „offene Gesellschaft“ (Karl Popper) gegen ihre Feinde zu verteidigen, schon allein daran, dass sich ein ideologisch verengter Mainstream weigert, diese zu identifizieren.
Wir haben viel zu verlieren. Länder wie Italien, Polen oder Ungarn scheinen das besser zu verstehen als wir.


