So viel ich, ich, ich war noch nie
Anstrengung, Manieren und Selbstdisziplin sind mega-out und werden durch Bequemlichkeit, Narzissmus und Bedürfnisbefriedigung ersetzt. Was ist da los?

Die Hamburger Zeit fragte unlängst auf ihrer Titelseite: „Ist Rechtschreibung noch wichtig?“ Fragen wir das den Zeitgeist, lautet die Antwort natürlich „Nein“. Denn das Erlernen korrekter Rechtschreibung mutet Kindern Anstrengung zu, ist daher repressiv und folglich abzulehnen, eigentlich nahezu nazi. Was man ja schon daran erkennt, dass es „Rechtschreibung“ heißt und nicht Linkschreibung.
Noch dazu ist die Kunst des korrekten Schreibens nicht inklusiv und auch nicht divers, weil damit unsere Neubürger diskriminiert werden, die sich das nicht immer antun wollen. Und ganz ehrlich – verständlich machen kann man sich auch ohne, „Ich geh Billa“ kapiert ja auch jeder. Muss man sich aber aus irgendeinem Grund mal sprachlich aufbrezeln, erledigt die KI diesen Job mühelos. Also: nein, Rechtschreibung nicht wichtig. Sagt Zeitgeist.
Verständlich kann man sich auch ohne Rechtschreibung machen. ,Ich geh Billa‘ kapiert ja auch jeder.
Gute Manieren? Ein Relikt aus alten Zeiten
Aber nicht nur die Rechtschreibung ist in der zeitgenössischen Gesellschaft ein reaktionäres Relikt geworden. „Wichtig“ ist im Grunde überhaupt nichts mehr in zivilisatorischer Hinsicht. Gute Manieren im öffentlichen Raum etwa sind auch so ein im Aussterben begriffenes Relikt (Menschen unter 90 wissen meist eh nicht mehr, was das ist), ordentliche und solide Kleidung – wir wollen jetzt nicht von Maßarbeit reden – ist vor allem bei Männern seit Corona weitestgehend verschwunden und durch textile Zumutungen ersetzt worden, die jeder Beschreibung spotten.
Gute Manieren im öffentlichen Raum sind ein im Aussterben begriffenes Relikt.
Ganz allgemein muss festgestellt werden: Der wunderbare Satz „Das tut man einfach nicht“, der vielen Generationen als generelle Richtlinie ihres Verhaltens galt, ist längst ausgemustert worden. Ersetzt hat ihn die Maxime „Ich mach, was ich will“. Eine Art der Selbstbezogenheit, die früher als narzisstische Störung diagnostiziert worden wäre, ist zum neuen Normal geworden, zu besichtigen in den verschiedenen sozialen Medien, wo jede(r) Zweite sich selbst als anbetungswürdigen Nabel der Welt verortet. So viel ich, ich, ich war noch nie.
Wichtig ist nur das eigene Bedürfnis
Was also ist überhaupt noch wichtig? Wichtig ist heute eigentlich bloß die möglichst unmittelbare und zeitnahe Befriedigung aller gerade auftauchenden Bedürfnisse, weshalb die immer mitgeführte Nuckelflasche die weitgehende Infantilisierung des zeitgenössischen Menschen hervorragend symbolisiert. Verbunden damit ist jede Vermeidung von Mühe, Aufwand und Anstrengung, die ebenfalls als reaktionäre Zumutungen begriffen werden. Genauso wie jeglicher Zusammenstoß mit der Wirklichkeit, insofern die geeignet ist, unangenehme Gefühle auszulösen, weshalb der moderne Mensch permanent gewarnt werden muss, wenn auch nur die kleinste Verstörung zu befürchten ist durch Bilder oder Texte. Nicht nur die Wahrheit ist ihm nicht zumutbar, selbst deren Abbildung oder Beschreibung wird schon zur Zumutung.
Wichtig ist heute eigentlich bloß die möglichst unmittelbare und zeitnahe Befriedigung aller gerade auftauchenden Bedürfnisse.
Die Folge all dessen ist genau jener Verlust von europäischer Zivilisation, die im Vorjahr der US-Vizepräsident J. D. Vance seinen europäischen Freunden zu deren großer Empörung vorgehalten hat. Wenn eine große, sich selbst als bildungsbürgerlich verstehende Zeitung nun gleichsam prototypisch nach der Sinnhaftigkeit von Rechtschreibung fragt, zeigt das, wie berechtigt derartige Kritik ist. Leider.


