Karaganow: „NATO-Beitritt wäre Selbstmord“
Der Politologe Sergej Karaganow zählt zu den Hardlinern in Russland. Er warnt Österreich vor einem NATO-Beitritt.

Die Invasion der Ukraine 2022 hat Europa zunächst in eine Schockstarre versetzt. Russland‑Kenner verweisen jedoch schon seit längerem darauf, dass die Rhetorik in Moskaus sicherheitspolitischen Kreisen seit vielen Jahren deutlich harscher geworden ist. Einer der frühen und lautesten Fürsprecher einer ideologischen Konfrontation zwischen Russland und dem Westen ist Sergej Karaganow. Im Gespräch mit dem Pragmaticus gibt er Einblick, wie Eliten in Moskau die geopolitische Lage und Österreichs Position betrachten.
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NATO-Beitritt?
Gelegentlich geäußerte Ideen, Österreich solle wie Finnland und Schweden der NATO beitreten, kommentiert Karaganow mit drastischen Worten. „Das wäre Selbstmord. Die Österreicher wären verrückt“, so der gut vernetzte Politologe. Im Falle eines Kriegs zwischen dem Militärbündnis und Russland wäre Österreich als NATO-Mitglied aus seiner Sicht ein legitimes Ziel für Nuklearwaffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe Österreich den Alliierten zugesagt, neutral zu bleiben.
Würde Österreich heute davon abrücken, gälte es in Moskau als feindlich eingestellt. Während des Kalten Krieges habe die Neutralität das Land geschützt und tue dies bis heute, so Karaganow. Angesprochen auf die Pläne sowohl des Warschauer Pakts als auch der NATO, im Ernstfall auch auf österreichischem Territorium taktische Atomwaffen einzusetzen, widerspricht der Politologe: „Das glaube ich nicht. Österreich war nie ein Ziel für die Sowjetunion.“
Eskalationspotenzial
Der Moskauer Professor bezeichnet die jetzige Situation als brandgefährlich. Nun wurde auch der Nahe Osten vom Krieg erfasst, weitere Regionen könnten bald kriegerische Auseinandersetzungen erleben. Schuld an der Verschlechterung der Beziehungen mit Russland seien westliche Eliten, sagt Karaganow, der diese bekannte Kreml-Linie schon seit langem vertritt. „Wir in Russland werden an Adolf Hitler erinnert – auch ein Verrückter, der Europa ins Verderben geführt hat. Wir haben ihn aufgehalten und werden das wieder tun“, sagt der Hardliner. Aber diesmal mit Nuklearwaffen.
Sergej Karaganow

Geboren 1952, ist Dekan der Fakultät für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen an der Wirtschaftshochschule Moskau (HSE). Er hält eine Führungsposition im Rat für Außen- und Verteidigungspolitik (SVOP), einem einflussreichen Thinktank. Er beriet sowohl Boris Jelzin als auch Wladimir Putin. In seinen Schriften betont er das strategische Potenzial nuklearer Drohungen und plädiert für eine Abkehr vom Westen. Er ist seit 2023 mit EU-Sanktionen belegt.

