Der vergessene Ölkrieg

Skrupellose Armeen und unfähige Behörden verursachten ab 1915 in den Ölfeldern Galiziens und Rumäniens eine der größten Umweltkatastrophen unserer Zeit. Augenzeugen glaubten, das Ende der Welt zu erleben.

Eine schwarz-weiß Fotografie von Bohrtürmen, teilweise aus Holz, die sich bis zum Horizont erstrecken Das Foto wurde in Galizien vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs aufgenommen. Zu der Zeit war Österreich-Ungarn der weltweit drittgrößte Erdölproduzent. in Galizien führte die noch primitive Ölwirtschaft zur Verelendung und Umweltzerstörung. Die Historikerin Oksana Nagornaia geht im Beitrag zu diesem Foto nach, wie der Krieg an der Ostfront zu einem Ölkrieg wurde und sie zeigt, dass alle Kriegsparteien das Öl als Waffe einsetzten. Die Bildunterschrift lautet: Boryslaw nahe Lwiw vor dem Krieg. In Galizien lag Öl knapp unter 
der Erdoberfläche, viele der Bohrtürme und Förderanlagen gehörten Kleinunternehmern. Umweltstandards gab es keine.
Boryslaw nahe Lwiw vor dem Krieg. In Galizien lag Öl knapp unter der Erdoberfläche, viele der Bohrtürme und Förderanlagen gehörten Kleinunternehmern. Umweltstandards gab es keine. © APA Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Neuer Krieg. Der Erste Weltkrieg war der erste Ölkrieg der Geschichte. Skrupellosigkeit und unausgereifte Technologien führten in die Umweltkatastrophe.
  • Verheerende Folgen. Die ohnehin schon arme Bevölkerung in den Ölfördergebieten litt am meisten. Die Zerstörungen trugen Flucht und weitere Verarmung nach sich.
  • Wenig erforscht. Der Ölkrieg fand an der Ostfront statt, die historisch wenig erforscht ist. Die Ölfelder und Zerstörung von Luft, Wasser und Böden wurden dort zur Waffe.
  • Transformation. Der Erste Weltkrieg ereignete sich an der Schwelle zur massenhaften Nutzung von Erdöl als Energiequelle statt. Zivile Anwendungen außer der Industrie gab es noch nicht.

Der Erste Weltkrieg gilt nicht nur als politische, soziale und kulturelle Zäsur, sondern auch als eine der größten Umweltkatastrophen des 20. Jahrhunderts. Mit am schlimmsten traf es die Landschaften entlang der bislang wenig erforschten Fronten in Ost- und Südosteuropa. Eine Taktik der „verbrannten Erde“ verwandelte die Regionen in Aschefelder, zwang die Bevölkerung zur Flucht und hinterließ verschmutzte Luft, verseuchte Böden und kontaminierte Gewässer.

Mehr über Öl

Eine Schlüsselrolle bei den Verheerungen spielte das Erdöl, denn die östlichen und südöstlichen Fronten verliefen durch die beiden größten europäischen Öllagerstätten: Galizien und Rumänien. Erdöl war strategisch wichtig – sowohl für das Militär als auch für die Industrie.

Doch die Erdölindustrie war bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch primitiv und erst am Beginn der Modernisierung. Das verschlimmerte die Umweltkatastrophe, die sich als Effekt technologischer und behördlicher Unreife und Inkompetenz erweist.

Katastrophen vor der Katastrophe

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man in Galizien und Rumänien Erdöl gefördert, gereinigt und weiterverarbeitet. In der jungen Erdölindustrie gab es keinerlei ingenieurtechnische Standards: Bohrtürme wurden aus verschiedensten Materialien, auch aus Holz, errichtet, die Absetzgruben für überschüssiges Öl befanden sich direkt in Flussauen, dort landeten auch die Abfälle von Raffinerien. Kleine Ölsammelgruben von Kleinstunternehmern fanden sich neben den Anlagen großer Betriebe, die mit österreichischem, aber auch deutschem, englischem und französischem Kapital gegründet worden waren. Tiefbohrungen etwa, die es ermöglichten, Öl aus bis zu 200 Meter Tiefe zu fördern, waren wegen der hohen Kosten großen Ölfirmen vorbehalten.

Insbesondere fehlte jegliches Verständnis für die Gesundheitsrisiken, die mit dem Öl verbunden waren. Eine russische Provinzzeitung beschrieb kurz vor dem Krieg, wie Bauern die geringe Entschädigung, die sie für die Einleitung von Raffinerie-Abfällen in ihre Gewässer erhalten hatten, vertranken, während unter den Sommergästen, die im Fluss badeten, „massenhafte Hauterkrankungen“ auftraten.

Ein eindrückliches Bild der Umstände zeichnet Alexei Tolstoi, der als Kriegskorrespondent der russischen Armee durch Galizien reiste: „Zu Füßen und an den Hängen der Karpaten lag das schmutzige, schwarze Boryslaw. (…) Mit Öl bedeckt ist der Grund des seichten breiten Flusses mit seinen wie verkohlten Pfählen; mit Öl ist der tiefe Straßenschlamm durchtränkt, die hölzernen, morschen Gehsteige; mit Öl und Schmutz bespritzt sind die abgeblätterten Wände der niedrigen Häuschen …, die zerbrochenen Fensterscheiben schiefer Fensterrahmen, und entlang dieser einstöckigen verrotteten Häuschen bewegt sich durch Öl und Schlamm eine dichte, ebenso schwarze und schmutzige Menschenmenge …“

Galizien lieferte 1914 rund fünf Prozent des weltweit geförderten Öls, doch die Erdölindustrie war primitiv und bereits eine ökologische Katastrophe.

Ölkrieg: Ein Rohstoff als Waffe

Mit Kriegsausbruch zogen Galizien und Rumänien sofort die Begehrlichkeiten sowohl der Mittelmächte (Österreich-Ungarn, Deutsches Kaiserreich und das Königreich Bulgarien) als auch der Entente (das Zarenreich, Frankreich und das Vereinigte Königreich) auf sich. Alle Kriegsparteien, mit Ausnahme von Bulgarien, hatten durch staatliche Gesellschaften in die entstehende Erdölindustrie investiert. Österreich-Ungarn war durch das galizische Öl bis in die 1910er-Jahre sogar zum drittgrößten Erdölproduzenten der Welt aufgestiegen – nach den USA und Russland.

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Zahlen & Fakten

Eine Karte, die den Verlauf der Ostfront im Ersten Weltkrieg darstellt. Der Fokus liegt auf den Ölfeldern in Galizien und Rumänien. Die Karte ist Teil eines Beitrags der Historikerin Oksana Nagornaia, in dem es um die Umweltkatastrophen geht, die sich an der Ostfront ereigneten. Dort nahm der Erste Weltkrieg die Form eines Ölkrieges an.
Erster Weltkrieg: Der Verlauf der Fronten im Osten und Südosten in den Jahren 1914 bis 1916. © Der Pragmaticus / Moritz Ziegler

Der Schauplatz der Katastrophe

Die östlichen Fronten des Ersten Weltkriegs verliefen quer durch die Ölfelder Galiziens und Rumäniens. Hier der Verlauf der umkämpften Grenzen und die Zentren der damaligen Erdölindustrie.

Stabile Absatzmärkte gab es noch nicht, aber das Öl wurde als strategisch wichtige Ressource gesehen, zuvorderst für das Militär selbst: Es war Treibstoff, Schmier-, Leucht- und sogar vermeintliches Heilmittel für „Rotz“, eine Pferdekrankheit. Die russische Armee wehrte mit Öl Gasangriffe ab, indem sie Kerosin anzündete, um die giftigen Gase durch die entstehende Hitze in die Höhe zu treiben. Nach Angriffen wurden ganze Areale zur „Neutralisierung“ ausgebrannt. Entsprechend große Mengen an Erdöl und Kerosin lagerten ungesichert in den Schützengräben.

Ölregen über Galizien

Ab Herbst 1914 bis Frühjahr 1915 und teilweise von Sommer 1916 bis Ende 1917 geriet Galizien unter russische Besatzung. Russland versuchte – auch unter dem Druck der Verbündeten, die in die Erdölindustrie investiert hatten – die Produktion wiederherzustellen, scheiterte jedoch. Es fehlte an loyalen Fachkräften; technische Anlagen waren beim Rückzug der k. u. k. Armee demontiert worden, und die Kampfhandlungen dauerten nach wie vor an.

Der „Große Rückzug“ der russischen Armee im Frühjahr und Sommer 1915 nach der deutsch-österreichischen „Tarnów-Gorlice-Offensive“ zwang das Zarenreich schließlich dazu, Ölfelder und Raffinerien teilweise zu vernichten, um sie nicht dem Gegner zu überlassen.

Es kam dabei zu Exzessen: „Eine völlige Verwüstung der dem Feind abgegebenen Gebiete begleitete unseren Rückzug“, berichtete der Gardehauptmann Georgij Klimowitsch. „Die Bewohner flohen ins Landesinnere, und alles, was nicht abtransportiert werden konnte, wurde in Brand gesteckt. Selbst das noch nicht geerntete Getreide übergoss man mit Kerosin und Benzin und verbrannte es. Der Feind gewann zwar Raum, aber auf dem eroberten Gebiet fand er statt der erwarteten reichen Vorräte eine Wüste vor – gerade zu einer Zeit, in der er selbst großen Bedarf an allem hatte.“

Eine schwarz-weiß Fotografie von zerstörten Bohrtürmen. Im Hintergrund sind große schwarze Rauchwolken zu sehen. Das Bild wurde während des Ersten Weltkriegs an der Ostfront aufgenommen, wahrscheinlich in Ostgalizien. Das Bild ist Teil eines Beitrags der Historikerin Oksana Nagornaia über den Ölkrieg an dieser Front. Das Öl wurde als Waffe eingesetzt. In diesem Fall wurde die Ölinfrastruktur von der sich zurückziehenden russischen Armee zerstört. Die Bildunterschrift lautet: Verbrannte Erde. Bei ihrem Rückzug vernichtete die russische Armee im Frühjahr und Sommer 1915 Ölfelder und -Raffinerien wie hier in Bohyslaw. Auch andere Kriegsparteien zerstörten Ölinfrastruktur, um sie nicht dem jeweiligen Gegner zu überlassen.
Verbrannte Erde. Bei ihrem Rückzug vernichtete die russische Armee im Frühjahr und Sommer 1915 Ölfelder und -Raffinerien wie hier in Bohyslaw. Auch andere Kriegsparteien zerstörten Ölinfrastruktur, um sie nicht dem jeweiligen Gegner zu überlassen. © APA Images

Der Kommandeur eines Kosakenverbandes, Wsewolod Saijtschuk, erhielt den expliziten Befehl, die Ölreserven in Drohobytsch, Boryslaw und Tustanowice abzutransportieren oder – falls dies nicht möglich wäre – zu verbrennen. Auch Ölquellen wurden angezündet, von den Folgen berichtet ein Oberst namens Anton Tschechowskij: Eine „schreckliche Rauchwolke kroch direkt aus Drohobytsch herauf, wo die Ölquellen brannten. Sie brannten bereits mehr als eine Woche und brannten anschließend noch weitere zwei bis drei Wochen. (…) sosehr sich die Österreicher bemühten, konnten sie nichts tun, um sie zu löschen.“ Bei diesen Bränden entstanden chemische Verbindungen, die eine künftige Förderung erschwerten.

Das verbrannte Öl kam als giftiger Regen wieder herunter: „Die ländlichen Gebiete waren auf weiten Flächen geschwärzt, selbst in Lemberg waren Bäume und Sträucher mit schwarzem Ruß bedeckt“, berichtete die polnische Presse. Das Phänomen des „Ölregens“ breitete sich über große Gebiete auch jenseits der Förderregion aus, unter der Bevölkerung machte sich Panik breit.

Ölvorräte wurden außerdem nach Lemberg (heute Lwiw) verlegt und, laut dem russischen Kommando, ein erheblicher Teil einfach aus den Reservoirs abgelassen. Es gelangte in Böden und Gewässer und trug zur weiteren Kontamination der ökologisch überlasteten Gegend bei.

Weltuntergang in Rumänien

1914 war Rumänien – neben dem Zarenreich und Österreich-Ungarn – einer der wichtigsten Erdölproduzenten Europas. Nach seinem Kriegseintritt auf Seite der Entente 1916 wurde das Land zum Zentrum intensiver Kämpfe. Als die Mittelmächte im Herbst 1916 rasch vorrückten, erhielt der britische Oberst John Norton-Griffiths den Auftrag, die Ölfelder von Ploiești vollständig zu zerstören.

Innerhalb von nur einer Woche wurden 70 Ölanlagen gesprengt oder verbrannt und etwa 800.000 Tonnen Rohöl vernichtet. Erschrockene Zeitzeugen wie der rumänische Major Mircescu beschrieben die Wucht der Explosionen als biblische Apokalypse: „Der Himmel war von einer dichten schwarzen Rauchwolke bedeckt, die sogar das Sonnenlicht vollständig verdeckte (…). Ich glaube, es war etwas noch Gewaltigeres als die biblischen Städte Sodom und Gomorrha.“

Ein Priester namens Constantin Chodoroabă schilderte: „Je näher wir Ploiești kamen, desto schrecklicher wurde das Bild. Schwärme erschrockener Krähen flogen hastig aus der Stadt. Riesige schwarze Rauchwolken wälzten sich wie unruhige Drachen oder Märchenungeheuer und verdunkelten den gesamten Horizont. Wie himmlische Blitze, wie riesige Feuerzungen stieg die Flamme Hunderte Meter hoch (…). Die Stadt, umgeben von diesem Feuerkreis, glich einem gewaltigen Vulkan (…). Der schwere, erstickende Geruch von Gas und Öl schlug einem entgegen (…). Das Bild war so furchtbar und wild, dass es sich nicht in Worte fassen lässt (…). Es schien, als ginge die Welt unter.“

Verbrannt und verstaatlicht

Als die österreichisch-ungarische Armee im Jahr 1915 das Gebiet wieder besetzte, überließ die Monarchie die galizischen Ölgebiete der Degradierung, während sie andernorts das Eisenbahnnetz ausweitete, neue Straßen errichtete und modernisierte. Die österreichischen Behörden reagierten im August 1915 auf die Folgen der russischen Taktik der „verbrannten Erde“, die die Ölfelder Galiziens und die Raffinerien der Bukowina zerstört oder stark beschädigt hatte, lediglich mit der Verstaatlichung der Ölvorkommen und -produkte, die zuvor ausländischen Firmen und privaten Kleinsteigentümern gehört hatten. Schuld daran sei der vom Feind aufgezwungene „Wirtschaftskrieg“, so hieß es.

Tatsächlich aber sollten die Ausmaße der Schäden verschleiert und die knappen Ressourcen gesichert werden. Letzteres gelang nicht: 1916 musste die Militärverwaltung mangels Öl auf eine Erhöhung der Kohlelieferungen aus Deutschland drängen, um Heizkraftwerke und Industriebetriebe auf Kohlebetrieb umstellen zu können.

Die dirigistische Ressourcenpolitik Habsburgs führte dazu, dass insbesondere kleinere Öl-Produzenten versuchten, Vorgaben zu umgehen. Die Direktion der k. u. k. Erdölfabrik in Drohobytsch berichtet im August 1918 von Unternehmen, die sich als „Auffangstationen“ ausgaben, um Konzessionen für die Sammlung und Aufbereitung von Rohöl zu erhalten, das in Fahrspuren versickert oder in Gewässer geraten war.

Tatsächlich zapften diese Unternehmen das Erdöl meist nächtlich aus Quellen und Leitungen ab und leiteten es in Bäche, um es anschließend „legal“ zur Weiterverarbeitung einzusammeln. Solche Praktiken verschärften die Lage vor Ort noch weiter. Die Direktion berichtet, dass sie die starke Verschmutzung der Flüsse Tysmenyza und Dnister nicht beheben könne.

Zahlreiche kleine Betriebe überschwemmten das k. k. Ministerium für öffentliche Arbeiten außerdem mit Meldungen über Verunreinigungen. So beschrieben die Besitzer eines Bohrlochs ein schaumiges Sediment, das ein Fünftel des geförderten Rohöls, 15 Kesselwagen täglich, ausmache. Es sei im staatlichen Interesse, das verunreinigte Öl nicht abzuliefern, heißt es im Schreiben, da es für die Eisenbahnen nur Ballast darstelle.

Kontrollverlust

Die Behörden erkannten solche Meldungen zwar als Versuch, sich der Ablieferung des Öls zu entziehen, entschieden aber, dass Produzenten nach Begutachtung durch einen staatlich geprüften Chemiker bis zu 35 Prozent des verschmutzten Öls behalten durften.

Folgen des Ölkriegs: Das k. u. k. Rohölkommando nahe Băicoi, Rumänien, circa 1916. Möglicherweise war diese Anlage ­zuvor von britischen Truppen beschädigt worden. Rohöl in Erdbecken zu sammeln, war damals üblich. Das Bild ist Teil eines Beitrags der Historokerin Oksana Nagornaia über die Ostfront des Ersten Weltkriegs.
Das k. u. k. Rohölkommando nahe Băicoi, Rumänien, circa 1916. Möglicherweise war diese Anlage ­zuvor von britischen Truppen beschädigt worden. Rohöl in Erdbecken zu sammeln, war damals üblich. © AT-OeStA/KA FA NFA MV Rumänien 1815, Abteilung VI-1508, Bild 12

Ebenso entschieden die Behörden, dass eine veraltete Methode zur Abscheidung von mit Salzwasser gemischtem Öl angewendet werden durfte, die laut Ministerium „in Friedenszeiten keine Verwendung gefunden hätte“. Es sei „nicht im Interesse des Staates …, in den Prozess der Emulsionsverarbeitung einzugreifen, da [die Emulsion] sonst in die Gewässer geleitet werden müsste“, so die Behörde. Sie empfahl, den Handel und Transport derartiger Produkte zu dulden, um die Branche über Wasser zu halten und den Treibstoffbedarf zu decken.

Die Diskrepanz zwischen Kontrollstreben und faktischem Kontrollverlust war eklatant, wie ein Bericht des k. k. Ministeriums für öffentliche Arbeiten vom Februar 1917 zeigt: Die Beamten konstatieren darin hohe Mengen von halb legal gehandeltem Rohöl und Abfallprodukten und begründen ihr Nichteingreifen in die chaotischen Zustände mit der Notwendigkeit, zumindest eine minimale Produktion aufrechtzuerhalten und weitere ökologische Katastrophen zu verhindern.

Insgesamt förderte die behördliche Praxis die Rückschritte der Branche und enthob den Staat von Investitionen in ihre Modernisierung – was zu einer Verschlimmerung der ökologischen Lage führte.
In Rumänien wiederum war 1916 nur noch ein Drittel der Förderstätten arbeitsfähig. Ihre Wiederherstellung wurde vor allem von Kriegsgefangenen und Frauen geleistet, die in Zwangsarbeit ohne Schutzkleidung Gräben aushuben und Trümmer beseitigten. Ein hoher Output hatte bis Kriegsende Vorrang vor technischer Verbesserung.

Toxisches Erbe

Somit führte die neue Art der Kriegsführung in Kombination mit behördlicher Inkompetenz im Ersten Weltkrieg zu einer Beschleunigung und Institutio-nalisierung der Zerstörungs-tendenz, die dieser Industrie ohnehin eigen ist. Auch führte offenbar kein linearer Weg in die „fossile Moderne“. Vielmehr wurde immer wieder auf primitive Förder- und Verarbeitungsmethoden zurückgegriffen. Die Zerstörung der Erdölgebiete war ein integraler Bestandteil der industrialisierten Kriegsführung mit Chemie- und Gasangriffen. Zurück blieb ein katastrophal toxisches Erbe.

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Conclusio

Verkettung. Die schweren Umweltfolgen des Ersten Weltkriegs im ­Osten beruhen auf einer primitiven Ölindustrie, die einen strategisch wichtigen Rohstoff verarbeitete, ­einem industriell geführten Krieg – und auf überforderten Behörden.

Forschungslücke. Die Fronten im Osten und Südosten sind noch wenig erforscht. Dabei sind die Ereignisse in Galizien und Rumänien für das Verständnis des Eintritts in die fossile Moderne zentral, argumentiert Oksana Nagornaia.

Irrtum. Die Ereignisse des Ersten Weltkriegs in Galizien und Rumä­nien zeigen Modernisierung nicht als ­linearen Fortschritt, sondern als eine komplexe Transformation, die Technik, Staat und Gesellschaft umfasste.