Wie Österreich seine Altersvorsorge retten kann
Die staatliche Altersvorsorge kostet die Steuerzahler Milliarden, dennoch bröckelt das System. Warum die Last auf mehrere Säulen aufgeteilt werden sollte und wie Pensionisten in skandinavischen Ländern dank kluger Vorsorge ein stattliches Vermögen aufgebaut haben.

Auf den Punkt gebracht
- Finanzierungslücke. Unser Pensionssystem gerät zunehmend unter Druck: Die Menschen werden älter, gleichzeitig gibt es weniger Beitragszahler.
- Drei Säulen. Ein stabiles Pensionssystem sollte auf staatlicher, betrieblicher und privater Vorsorge beruhen.
- Kapitalaufbau. Skandinavische Länder zeigen, wie eine starke kapitalgedeckte Vorsorge beträchtliches Pensionsvermögen schaffen kann.
- Zweite Säule. Eine breitere betriebliche Vorsorge könnte den Staat entlasten und mehr Menschen am Kapitalmarkt beteiligen.
Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Menschen in Österreich hundert Jahre alt sind? Was glauben Sie: 100, 500, 1.000? Es sind weit mehr: Im Jahr 2024 wurden 1.806 Hundertjährige gezählt. Man kann jeden Einzelnen nur dazu beglückwünschen, aber auch die Menschheit insgesamt. Ein paar Dinge haben wir in der jüngeren Geschichte offenbar doch gut hinbekommen. Dank Fortschritten in der Medizin und der Hygiene, aber auch dem steigenden Wohlstand leben Menschen heute im Durchschnitt viel länger als je zuvor.
Die Zahlen dazu sind auch in Österreich beeindruckend. Wer 1950 geboren wurde, konnte davon ausgehen, 62 (Männer) und 67 (Frauen) Jahre alt zu werden. Wer heute geboren wird, dem prognostiziert die Statistik Austria mit 80 (Männer) und 84 (Frauen) Jahren schon ein deutlich längeres Leben, und sehr wahrscheinlich wird die Lebenserwartung noch weiter ansteigen.
Das ist eine ausgezeichnete Entwicklung – allerdings nicht für das Pensionssystem. In den 1950er-Jahren, als Österreich das Umlagesystem, also die Finanzierung der Pensionen durch Beiträge von arbeitenden Menschen, einführte, lag das Pensionsantrittsalter bei rund sechzig Jahren, worauf durchschnittlich fünf Jahre im Ruhestand folgten. Heute dauert diese Lebensphase fast zwanzig Jahre. Wir werden außerdem nicht nur älter, sondern bekommen auch immer weniger Kinder, die in Zukunft in das Pensionssystem einzahlen könnten.
Die Statistik Austria geht nun davon aus, dass Österreichs Einwohnerzahl ab Mitte der 2040er-Jahre trotz Zuwanderung zu sinken beginnen und bis 2070 unter dem heutigen Niveau von 9,2 Millionen liegen wird. Der wachsenden Gruppe von Pensionisten steht in Zukunft also eine noch kleinere Gruppe von Menschen gegenüber, die Beiträge zahlen.
Teures Pensionssystem
Österreich hat ein sehr gutes Pensionssystem, das es Menschen ermöglicht, auch im Ruhestand ihren Lebensstandard zu halten. Doch das macht es auch teuer. So teuer, dass der Staat Geld aus dem Budget in die Pensionen stecken muss – und zwar Jahr für Jahr mehr.
Das ist seit Jahrzehnten bekannt – abnehmende Geburtenraten sind ja kein Geheimnis –, und fast genauso lange gibt es den Ruf nach einer Reform des Systems. Die Diskussion dazu folgt immer dem gleichen Muster: Eine Gruppe schlägt vor, das Pensionsantrittsalter anzuheben, um die finanzielle Lücke im System zu verkleinern. Die andere Gruppe will genau das verhindern. Die jeweils vorgebrachten Argumente sind dann recht schnell wieder vergessen – bis bei der nächsten Budgetkrise die gleiche Diskussion wieder von vorne losgeht. Aus dieser Stillstandsserie müssen wir raus.
Ein stabiles, großzügiges und gutes Pensionssystem steht auf drei Säulen: auf der staatlichen Pension, der betrieblichen sowie der privaten Altersvorsorge. So weltmeisterlich Österreich bei der ersten Säule aufgestellt ist, so bescheiden ist es um die zweite und die dritte Säule bestellt. In einem Land, das mit Aktien und Wertpapieren fast so wenig anfangen kann wie mit Atomkraft oder der Landesverteidigung, ist das nicht überraschend. Dass die Performance der betrieblichen Pensionskassen über viele Jahre eher überschaubar war, lässt diesen Baustein der Altersvorsorge unattraktiv erscheinen. Nur wenn sich das ändert, können wir das Ruder doch noch herumreißen.
Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht. Leise, aber doch haben die Österreicher einen Kulturwandel eingeläutet. Zwischen 2022 und 2025 ist der Anteil der Wertpapierbesitzer in der Bevölkerung von 25 auf 31 Prozent gestiegen. Der Boom der Exchange-Traded Funds (ETFs) ist an den Bürgern nicht vorübergezogen.
Seltsames Risikoverständnis
Der österreichische Staat hat zu dieser positiven Entwicklung blamabel wenig beigetragen. Auch die Regierungen von Deutschland (wo es anteilsmäßig noch weniger Aktienbesitzer gibt als in Österreich) und den meisten anderen Länder in Zentral- und Osteuropa bleiben hier weitgehend untätig.
Der österreichische Staat hat zu dieser positiven Entwicklung blamabel wenig beigetragen.
Der Grund dafür liegt in der Wahrnehmung des Risikos moderner Anlageformen. Die Idee, in Österreich eine kapitalgedeckte Säule des Pensionssystems aufzubauen, wurde bis vor kurzem nicht einmal ignoriert – aus Sorge vor Kursverlusten. Paradoxerweise setzen viele im Land auf variabel verzinste Kredite oder gar auf Fremdwährungskredite – beides ist riskanter als ein langfristiges Investment in den Kapitalmarkt.
Im Norden Europas genießt die zweite Säule einen viel besseren Ruf. Seit Jahrzehnten ist in Schweden, Dänemark oder den Niederlanden dieser kapitalgedeckte Teil der Altersvorsorge stark ausgeprägt. Weder sind diese Länder verarmt, noch sind sie zu Gesellschaften von Draufgängern, ruchlosen Abenteurern oder Spekulanten geworden. Das Gegenteil ist der Fall: Sie blieben solidarisch und egalitär – und wurden gleichzeitig erstaunlich reich. Erstens, weil Risiko und Rendite zusammengehören, und zweitens, weil ein sehr langer Anlagezeitraum von über vierzig Jahren selbst eine Finanzkrise und andere Rückschläge mehr als ausgleicht.
Warum die Dänen Pension besser können
Über ihre Pensions- oder Nationalfonds hält jeder Haushalt in Norwegen, Schweden, Dänemark, den Niederlanden und der Schweiz aktuell rund 325.000 Euro Pensionsvermögen. Setzt sich die bisherige Vermögensentwicklung fort, steigt dieser Wert in den kommenden 25 Jahren auf 1,1 Millionen Euro pro Haushalt. Zum Vergleich: In den übrigen Ländern Europas beträgt das Pensionsvermögen pro Haushalt aktuell etwa 13.500 Euro. Hält der bisherige Trend weiter an, wächst dieser Betrag in den kommenden 25 Jahren auf gerade einmal 25.000 Euro. Sehr viele Lebensjahre im Ruhestand kann man damit nicht finanzieren. Während die Skandinavier staatliche Gelder in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur investieren können, bleibt den anderen Ländern nichts anderes übrig, als weiterhin einen großen Teil der Pensionen aus ihrem Budget zu finanzieren.
Zarte Reformansätze
Mit dem Aufbau einer soliden zweiten Säule des Pensionssystems könnte Ländern wie Österreich der Ausstieg aus dieser Situation gelingen – und es ist nie zu spät, damit anzufangen. Aktuell verfügt gerade einmal ein Viertel der österreichischen Arbeitnehmer über eine betriebliche Altersvorsorge. In den skandinavischen Ländern ist es in der Regel die gesamte Bevölkerung. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat die österreichische Regierung nun gesetzt: Künftig sollen alle Arbeitnehmer ihr angespartes Abfertigungsguthaben in eine Pensionskasse übertragen und daraus eine lebenslange Zusatzpension beziehen können. Wer freiwillig auf die Kapitalgarantie verzichtet, soll höhere Renditen erzielen können, von denen auch mehr übrig bleibt, weil die Vorsorgekassen ihre Kosten senken sollen.
Das alles schafft allerdings noch kein Pensionsvermögen, das die Österreicher in den nächsten Jahren reich macht. Es wird Jahrzehnte dauern, bis das Pensionsvermögen aller Österreicher – das aktuell sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt – wie jenes von Dänemark bei gut 200 Prozent liegt. Aber immerhin ist ein Anfang gemacht.
Wirklich wirksam wird das alles jedoch nur, wenn möglichst alle Arbeitnehmer Teil der betrieblichen Altersvorsorge werden. Je größer das Volumen der Pensionskassen, desto effizienter können sie wirtschaften. Wer mehr Geld zum Investieren hat, kann sein Risiko breiter streuen.
Sogar die Rahmenbedingungen spielen eine Rolle: Sie beeinflussen die Performance; sie sorgen für mehr Transparenz bei Ergebnissen und Kosten und damit für mehr Wettbewerb. Auch mehr Flexibilität würde die betriebliche Vorsorge in Zukunft noch attraktiver machen: Modelle, bei denen zu Beginn der Laufzeit mehr Risiko eingegangen und gegen Ende des Arbeitslebens konservativer investiert wird, sind in anderen Ländern schon lange erprobt.
Das alles muss Österreich nicht neu erfinden, sondern es könnte sich das einfach von anderen europäischen Ländern abschauen. Wer weiß, vielleicht ist das Vertrauen in die Pensionskassen und ihre Performance in Zukunft dann so groß, dass Menschen freiwillig ihre Beiträge erhöhen?
Geldsegen dank Aktien
Richtig eingesetzt kann die zweite Säule in Zukunft die erste Säule ergänzen und in zwanzig, dreißig Jahren auch entlasten. Fast unbemerkt macht sie zusätzlich noch etwas anderes: Indem Pensionskassen in den Kapitalmarkt investieren, ermöglichen sie auch jenen Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen keine Ahnung von Aktien und anderen Anlageklassen haben, von deren Gewinnen zu profitieren.
Wenn man kein Vermögen hat, wird man zusammen leichter reich als allein.
Bisher sind es in Österreich vor allem Menschen mit höherer Bildung und höheren Einkommen, die an der Börse investieren. Wer also ohnehin schon wohlhabend ist, hat es umso leichter, über den Kapitalmarkt noch wohlhabender zu werden. Eine betriebliche Vorsorge für alle kann das zwar nicht ausgleichen, den Effekt aber immerhin dämpfen. Wenn man kein Vermögen hat, wird man zusammen leichter reich als allein.
Länder mit einer ausgeprägten betrieblichen Vorsorge zeigen, dass diese Pensionssysteme stabil und weiterhin großzügig sein können. Wenn ein Teil der Pensionen aus Pensionsfonds heraus finanziert wird, bleibt dem öffentlichen Haushalt mehr Geld für Zukunftsinvestitionen und den Sozialstaat. Von Schuldenquoten wie in Skandinavien sind Länder wie Österreich und Deutschland leider längst mehr als nur ein Sparpaket weit entfernt. Und weil Pensionsfonds die Aufgabe haben, schlau zu investieren, wird es für Unternehmen mit schlauen Ideen über den Kapitalmarkt leichter, ihr Wachstum zu finanzieren. V
on diesen Unternehmen gibt es in Europa mehr, als wir oft glauben, nur leider gehen viele von ihnen irgendwann in die USA – und schaffen dort die Jobs der Zukunft. Das österreichische Pensionssystem ist gut und großzügig. Damit es aber so bleibt, muss es sich ändern. Je früher, desto besser. Damit man auch mit hundert Jahren ein gutes, würdiges Leben führen kann.
Conclusio
Pensionslücke. Wir leben länger und bekommen weniger Kinder. Das Umlagesystem gerät unter Druck: Immer mehr Pensionisten stehen immer weniger Beitragszahlern gegenüber. Ohne Reform wird die Finanzierungslücke größer.
Reformstau. Österreichs Pensionssystem ist großzügig, aber teuer. Der Staat muss jedes Jahr mehr Geld aus dem Budget zuschießen, doch die Politik verschiebt seit Jahrzehnten nötige Reformen und kauft sich so nur Zeit.
Rezept. Nötig sind späterer Pensionsantritt und eine starke zweite Säule: eine betriebliche Vorsorge, die Kapitalmarkterträge abwirft. Was gut für das Budget ist, bringt in der Pension mehr Vermögen und Finanzierung für Unternehmen.
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