Erfüllt der ORF überhaupt seinen Auftrag? 

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk braucht eine tabulose Reformdiskussion. Den öffentlichen Auftrag erfüllen längst auch private Medien, erhalten dafür aber kaum Fördermittel und Zugang zur Rundfunk-Infrastruktur.

Eine Waage zeigt ein Ungleichgewicht, bei dem auf der einen Seite „ORF“ schwer nach unten zieht und auf der anderen Seite Menschen kämpfen.
Von den staatlichen Mitteln kriegt der ORF fast alles, die Privaten fast nichts. © Francesco Ciccolella
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Auf den Punkt gebracht

  • De-facto-Monopol. Der ORF erhält den Großteil der staatlichen Medienfinanzierung (rund 710 Mio. €) und behauptet mit „Public Value“ ein faktisches Monopol, während private Medien nur einen Bruchteil bekommen.
  • Fehlende Abgrenzung. Programm und Inhalte des ORF unterscheiden sich kaum von privaten Anbietern – besonders durch hohen Anteil an Unterhaltung und Sport bei vergleichsweise geringer Information.
  • Reformresistenz. Kritik am ORF wird oft abgewehrt, was strukturelle Veränderungen hemmt und das bestehende System stabilisiert.
  • Reformansatz. Medienförderung sollte stärker an Inhalte statt an einzelne Unternehmen gebunden werden, ergänzt durch mehr Kooperation und Öffnung zwischen ORF und privaten Medien.

Sag, wie hast du’s mit dem ORF? Diese Ummünzung von Goethes Gretchenfrage auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) greift zu kurz, wiewohl der Streit um ihn von der diskursiven Glaubensfrage zum rhetorischen Religionskrieg ausartet. Die Debatte zur Qualität der Auftragserfüllung überlagert aber eine existenziellere Auseinandersetzung: Der ORF hält zwar nicht mehr allein die Lizenz zum Senden, hat jedoch das Medienmonopol für Geld vom Staat nahezu verteidigt. 760 Millionen Euro brachte ihm die Haushaltsabgabe im ersten Jahr. 710 davon darf er aktuell verwenden, ab 2027 dann 745. Alle Privatmedien zusammen erhalten bloß ein Neuntel dieser Summe aus verschiedenen Förderungen.

Zur Rechtfertigung dieses Missverhältnisses dient als Auftrag, Anspruch und Parole der Public Value – also ein gesellschaftlicher Wert. Der öffentlichen Finanzierung zufolge hätte der ORF dafür geradezu ein Alleinstellungsmerkmal. Wer seine Programmleistung mit der Konkurrenz vergleicht, findet dafür aber kaum einen USP, der die neunfache Subvention rechtfertigt.

Private Mitbewerber produzieren zuhauf Inhalte für Printmedien, Radio, Fernsehen und digitale Verbreitung, die das Gütesiegel Public Value verdienten. Auch deshalb lässt der ORF seine entsprechenden Anstrengungen durch vielschichtige Definitionen untermauern, die über ein landläufiges Verständnis von Kernkompetenzen wie nationaler Information hinausgehen. Dass Wissenschaft und ÖRR dabei in einer Zweckgemeinschaft stehen, weil der eine die größte öffentliche Verbreitung für das andere zu sichern hat, bleibt meist unerwähnt. Kritische Hinweise auf allfällige Interessenkonflikte bis Unvereinbarkeiten sind Tabubrüche.

Keine Abgrenzung zu Privaten

Wer grundsätzliche und strukturelle Kritik am ORF übt, wird allzu leichtfertig in ein politisches Eck gedrängt, gilt ungeachtet von Konstruktivität als Erfüllungsgehilfe einer undifferenzierten Grundfunk-Strategie. Diese reflexartige Abwehr externer Kritik führt zu einer internen Reformresistenz. Laut Eigendefinition des ORF gibt es für „die gemeinwohlorientierte Qualität der öffentlich-rechtlichen Medienleistung“ fünf Dimensionen mit 18 Kategorien. Zur Abgrenzung von privaten Informationsangeboten taugt keines der darunter vereinten Schlagworte.

Die reflexartige Abwehr externer Kritik führt zu einer internen Reformresistenz.

Unterdessen spielt der Österreichische Rundfunk, der die Gestrigkeit seiner Konstruktion im Namen trägt, auch auf dem Werbemarkt kräftig mit. 180 Millionen Euro hat er aus dieser Einnahmequelle für 2026 budgetiert. Dass an der hochprofitablen, international agierenden Sendeanlagen-Tochter ORS Raiffeisen als 40-Prozent-Eigner kräftig mitnascht, wirkt öffentlich dagegen so unterbelichtet wie die ORF-Beteiligung (18,75 %) an der Lotto-Toto-Gesellschaft. Ein Asset mit wohl dreistelligem Millionenwert. Großbank und Glücksspiel passen nicht ganz ideal ins Narrativ vom Public Value. An eine Trennung von diesen Cashcows wie einst vom Joint Venture TW1 – dem Tourismus- und Wetterkanal mit ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel – denkt aber niemand auf dem Küniglberg.

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Zahlen & Fakten

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Im Gegensatz zu den meisten herkömmlichen Medienhäusern blieb der ORF umsatzmäßig in den jüngsten Jahren stabil und hat – nominell, also ohne Inflationsbereinigung – sogar leicht auf 1,1 Milliarden zugelegt. Auch die für heuer avisierte Streichung von 50 Stellen wirkt nicht nur angesichts von 3.800 Vollzeitäquivalenten vergleichsweise undramatisch. Der Schweizer Rundfunk SRG baut 900 Jobs bis 2029 ab. Die viel kleineren Mitbewerber ServusTV und Puls 4/ATV müssen drastischere Personaleingriffe vornehmen.

Sparpakete bei den Nachbarn

Auch dass die vom Gesetzgeber verordnete Deckelung der Gebühreneinnahmen bei 710 Millionen und Nicht-Valorisierung der Haushaltsabgabe ein „sehr hartes Sparpaket“ sei (so der damalige Generaldirektor Roland Weißmann), hält dem Vergleich nicht stand. In Deutschland ist der Rundfunkbeitrag seit 2013 inklusive einer Minderung um nur 2,1 Prozent gestiegen, in der Schweiz folgt 2029 die nächste Senkung der Medienabgabe nach einer Reduktion 2021.

Nun lassen sich die Aufgabenstellungen der Nachbarn mit neunmal größerer Bevölkerung respektive vier Sprachgruppen zwar schwer mit Österreich vergleichen, aber es gilt immer noch das Diktum des längstdienenden Generalintendanten Gerd Bacher, der 1967 erstmals die Führung des Senders übernahm: Für den ORF ist es fundamental, der größte Kulturträger und wichtigste Identitätsstifter des Landes zu sein.

Schon in der Ära Bacher war das ein Abwehrkampf gegen den drohenden Eigenheitsverlust durch einen Overflow deutscher Medien. Nachfolger Gerhard Zeiler trimmte das Haus dann konsequent auf Wettbewerb zu neuen Privatsendern. Ö3 – zeitweise mit Krone- und Kurier-Radio in Vermarktungsallianz – wurde ihnen so verwechselbar wie ORF 1.

Unterdessen setzte der angebliche Rundfunk seine per Teletext begonnene Kaperung von Schriftlichkeit per Auftritt im Internet fort, während der Verlegerverband die ÖRR-Ausweitung zum faktischen Startpunkt der Marktliberalisierung geradezu sträflich naiv unterschätzte. Die Zeitungshäuser erfreuten sich erst ihrer Privatradio-Lizenzen, litten dann an der Fehleinschätzung dieses Markts und schreckten später vor dem Einstieg ins Fernsehen zurück. Unterdessen hatten sie eine Beteiligung an ORF ON abgelehnt.

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Unterhaltung ist Trumpf

Von Gerhard Weis über Monika Lindner und Alexander Wrabetz bis hin zu Roland Weißmann beschäftigte Zeilers Nachfolger vor allem die Verwaltung seiner Strategie: ein halb ideelles, halb kommerzielles, öffentlich und werblich finanziertes Hybrid gegen private Mitbewerber. Zu welchem Grundverständnis des gesellschaftlichen Werts dies geführt hat, zeigen die gesetzlich verpflichtenden Jahresstatistiken besser als die freiwilligen Public-Value-Studien und -Broschüren des Hauses – auch wenn sie nicht aus der PR-Abteilung kommen. Laut Jahresbericht 2025 fielen mehr als die Hälfte der Programmstunden von ORF 1 und ORF 2 in die Kategorien Unterhaltung (44 %) und Sport (8 %). Für Information (27 %) blieb nur gut ein Viertel der Fernsehprogrammleistung. Wissenschaft, Bildung und Lebenshilfe (9 %), Kultur und Religion (7 %) sowie Familie – Kinder, Jugend und Senioren (5 %) – vervollständigen das Angebot.

Laut Jahresbericht fielen mehr als die Hälfte der ORF-Programmstunden auf Unterhaltung und Sport.

Inklusive der beiden Spartenkanäle ORF III und ORF Sport+ sinkt der Anteil der Information sogar auf ein Fünftel. Die Zahlen zeigen klar: Der öffentliche Auftrag lässt sich schwerlich von den Ambitionen Privater unterscheiden.

Private Aufholjagd bei Information

Als beste Rechtfertigung von Public Value gilt die hohe Akzeptanz der Nachrichtenformate des Hauses. Die Zeit im Bild um 19.30 Uhr ist zwar nicht mehr das „Lagerfeuer der Nation“, doch mit 1,1 Millionen Sehern führend im Jahresschnitt der regelmäßigen Informationsformate. Sie hat wie Bundesland heute (991.000) 53 Prozent Marktanteil, die ZiB 2 mit 505.000 Zuschauern 24 Prozent. Doch die Servus Nachrichten kratzen auch bereits am 200.000-Zuschauer-Schnitt, ATV aktuell und Puls 4 aktuell liegen im hohen fünfstelligen Bereich. Daneben bedienen noch Oe24 und Puls24 rund um die Uhr mit mehr oder weniger schrillen News das Info-Bedürfnis.

Ähnlich sind die Verhältnisse beim Polit-Talk. Das Gespräch mit Susanne Schnabl hat die Quotentalsohle des letzten Jahres von Im Zentrum mit Claudia Reiterer (331.000) durchschritten, aber Links. Rechts. Mitte und Talk im Hangar-7 holen auf. Auch Pro und Contra und Wild umstritten von ATV und Puls 4 funktionieren.

Wie steht es um die Objektivität?

Warum die einen (ORF) Public Value sein sollen und die anderen (Privat-TV) nicht, lässt sich so schwer begründen wie ein gesellschaftlich höherer Wert von Rundfunk-Infos als Zeitungsmeldungen. Allenfalls ein stärkeres Objektivitätsideal taugt dazu. Entsprechend massiv sind Angriffe und Verteidigung dieser zentralen Qualität zur ÖRR- Begründung. Wenn die Medienbehörde Komm-Austria in einem noch nicht rechtskräftigen Bescheid schwere Fehler in einer Weltjournal-Sendung zum Gaza-Krieg feststellt, ist das Wasser auf die Mühlen jener, die eine grundsätzlich voreingenommene Berichterstattung des ORF orten – und ein untypischer Einzelfall für seine Anhänger.

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Die Dokumentation zweier Wochen (23. 2. bis 8. 3.) Politikfernsehen in den dafür wichtigsten Sendungen von ORF, ARD, ZDF, ServusTV, Puls 4 und ATV untermauert die oft vorgebrachte Einseitigkeit nicht – bei Sichtbarkeits- und Themenbias ließen sich keine besonderen Verzerrungen feststellen. Allenfalls die weniger verurteilende Annäherung von ServusTV an Donald Trump stach heraus (alle Ergebnisse auf derpragmaticus.com).

Doch schon diese Sicht entpuppt sich im Gespräch mit Andersdenkenden als individuell. Es bleibt die Frage, ob solch ein Spektrum nicht wichtiger ist, als nur einem Unternehmen die Erfüllung von Public Value zuzubilligen – und somit die neunfache staatliche Förderung aller anderen Medien zusammen.

Öffnung für Private

Für den ORF soll es eine „Gesamtreform“ geben, und er soll zu Kooperation mit privaten Medien verpflichtet werden. Das steht im Regierungsprogramm. Ebenso die „Weiterentwicklung der Förderstruktur im Medienbereich zu einer einheitlichen Strategie mit Fokus auf Qualitätsjournalismus, Treffsicherheit, Zukunftsfähigkeit und Medienvielfalt“.

Diese Punkte im Koalitionsvorhaben wirken nach Absicht eines großen Wurfs. Das ist auch die Ausrede, warum Vizekanzler Andreas Babler einen Start-Konvent dazu erst im Herbst und nicht vor Neuwahl der ORF-Spitze vorsieht. Entsprechend heftig lobbyieren bereits alle Betroffenen. Dabei können sie sich wohl eher auf technische als inhaltliche Facetten einigen: einerseits ORF-Content allen zur Verfügung stellen (Mitbewerbern wie Bevölkerung – siehe Archiv-Öffnung à la Schweiz), andererseits Vertrieb und Infrastruktur für die Konkurrenz öffnen.

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Das hieße konkret, dass beispielsweise Inhalte von Puls 4 auf die Plattform ORF ON gestellt und die Werbeeinnahmen geteilt würden. Oder dass die Rundfunksender von Privaten gegen ein marktkonformes Entgelt genutzt werden können. Ideologischer Nähe Unverdächtige wie Ex-Stiftungsrätin Anita Zielina und Ex-„Report“-Chef Gerhard Jelinek fordern zu Recht die Kollaboration zur digitalen Transformation und den Proporz im Sinne des nationalen Medienstandorts.

Förderung auf Inhalte ausrichten

Um wirklich ans Eingemachte zu gehen, braucht es allerdings mehr – Liberalisierung des letzten ORF-Monopols Public Value und Reform der staatlichen Medienmitfinanzierung. Das hieße, diese 1,25 Milliarden Euro statt unternehmensbezogen inhaltsgerecht zu verteilen. Wenn sich Förderungen an der Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags orientierten, könnte die hiesige Medienlandschaft anders und widerstandsfähiger aussehen.

Der postwendende Einwurf, Public Value zum Kriterium für Förderung zu erheben, sei Zensur, geht ebenso ins Leere wie der Zweifel, wer über seine Erfüllung entscheiden soll. Bisher müssen alle bis auf einen ohne darauf basierende Hilfe auskommen, während der ORF 710 Millionen ohne ausreichenden Beleg des inhaltlichen Unterschieds erhält. Und die Frage nach den Entscheidern wirkt in einer von Bei-, Bürger-, Aufsichts-, Stiftungs- und Publikumsräten strotzenden Demokratie fast provokant. Es braucht bloß den parteipolitischen Willen zu einer möglichst partei-, regierungs- und staatsfernen Zusammensetzung. Er fehlt in Sachen ORF seit 60 Jahren. Viel länger kann Österreich sich das nicht mehr leisten.

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Conclusio

De-facto-Monopol. Der ORF erhält mit rund 710 Millionen Euro Gebühren fast das Neunfache aller Förderungen für Privatmedien zusammen und beansprucht mit dem Schlagwort „Public Value“ das letzte große Monopol im Medienmarkt.

Parallel-Programm. Die Programmstruktur des ORF (viel Unterhaltung und Sport) unterscheidet sich kaum von Privaten. Deren Informationsangebote holen auf – auch ohne öffentlichen Auftrag und ohne nennenswerte Förderungen.

Reformbedarf. Förderungen sollten nach Inhalten und nicht nach Unternehmen verteilt werden. Zudem sollten Private ihre Inhalte auf ORF-Plattformen stellen und auch Content des Staatssenders nutzen dürfen.

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