Plastikhandel: Profit mit Müll

Der Export von Plastikmüll verlagert das Müllproblem dorthin, wo es nicht gelöst werden kann. So wird der Müll lukrativ, Recycling teuer. Je mehr Müll, desto besser.

Aus der Vogelperspektive sind drei Bagger und zwei LKW zu sehen, die Plastikmüll hin und her schieben. Das Bild ist Teil eines Beitrags von Maria Ivanova und Jamel Zarrouk über den Plastikhandel. Die Bildunterschrift lautet: Verschubmasse. Dieser Berg Plastikmüll befindet sich in der Nähe von Bangkok in Thailand. Die Chance, das sich darin Abfall aus Europa befindet, ist groß.
Verschubmasse. Dieser Berg Plastikmüll befindet sich in der Nähe von Bangkok in Thailand. Die Chance, das sich darin Abfall aus Europa befindet, ist groß. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Schlüsselrolle. Der Handel hat eine Schlüsselrolle bei der Plastikvermüllung. In der Plastikwirtschaft herrscht eine ausgeprägte Arbeitsteilung.
  • Logik. Exportiert wird dorthin, wo die Entsorgung am billigsten ist: Das ist immer dort, wo es wenig Schutz für Umwelt und Gesundheit sowie billige Arbeitskräfte gibt.
  • Perpetuum mobile. Der Plastikhandel, der mit dem Müll, hält das Problem am Laufen, Export ist lukrativer als Recycling, solang es irgendwo Billigentsorgung gibt.
  • Bremse einlegen. Statt an Einzelne zu appellieren, müssen sich die Handelsstrukturen ändern, damit die Plastikverschmutzung endet.

Dass Plastikmüll gehandelt wird, ist kein Zufall. Internationaler Handel ermöglicht erst das globale System, das die gesamte Wertschöpfungskette von der Öl- und Gasgewinnung über die Polymerproduktion bis zur Deponierung, Verbrennung oder Entsorgung des Plastiks in der Umwelt umfasst.

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Dieses System lenkt den Abfallstrom stetig in Richtung jener Länder mit der schwächsten Regulierung und den geringsten Kosten. Handel sorgt dabei dafür, dass das Problem stets verlagert, aber niemals gelöst wird und die Recyclingquoten niedrig bleiben.

In diesem Beitrag zeigen wir, dass Verschmutzung durch Plastik in Wahrheit keine Frage der Abfallwirtschaft ist, sondern ein handelsgetriebenes Problem, das den gesamten Lebenszyklus von Plastik begleitet. Der ökonomische Blick hilft zu verstehen, wie das Geschäft mit Plastik das versprochene Recycling unrentabel und damit unwahrscheinlich macht. Ohne den Handel zu verändern, werden wir die Plastikverschmutzung nicht beenden.

Kunststoffe sind tief in den globalen Warenströmen verankert: Der Plastikhandel hat einen Wert von mehr als einer Billion US-Dollar jährlich – das sind fünf Prozent des globalen Handels. Der Handel mit Kunststoffabfällen, etwa 6,6 Millionen Tonnen im Jahr, macht nur einen Bruchteil dieses Wertes aus, ist aber für das System zentral: Er ermöglicht es, die mit dem Plastik verbundenen Kosten der Entsorgung von ihrem Entstehungsort in andere Teile der Welt zu verlagern.

Die weltweite Kunststoffproduktion ist seit den 1990er-Jahren exponentiell gestiegen, angetrieben durch niedrige Ölpreise und wachsende Verbrauchermärkte. Im Einklang damit wuchsen auch die Plastikmüllberge.

Plastikhandel lohnt sich

Abfall entsteht nicht erst, wenn eine Chipstüte oder Shampooflasche weggeworfen wird, sondern im gesamten Lebenszyklus von Plastik: bei der Rohstoffgewinnung, der Herstellung, der Weiterverarbeitung und Fertigung, seinem Transport, im Gebrauch und sogar bei der Entsorgung.

In diesem Sinne sind Kunststoffabfälle kein nachgelagerter Effekt am Ende der Kette, sondern Teil des globalen Systems, das grenzüberschreitend produziert, verbraucht und entsorgt.

Der Handel verbindet diese Elemente miteinander: Fossile Rohstoffe werden in die Zentren der Plastikproduktion exportiert, Polymere, Chemikalien und Zwischenprodukte überqueren mehrfach Grenzen, bevor aus ihnen ein ebenfalls weltweit gehandeltes Endprodukt wird. Für den Plastikabfall haben sich eigene, globale Handelswege etabliert, die für das Funktionieren des Gesamtsystems zentral sind.

Jahrzehntelang hatte der weltweite Handel mit Kunststoffabfällen ein schlichtes Muster: Länder mit hohem Einkommen exportierten ihre Abfälle, und China importierte sie. 2017 nahmen China und Hongkong fast 50 Prozent der weltweiten Müllexporte auf, vielen galt die „Regelung“ sogar als der Normalfall des Recyclings.

China macht nicht mehr mit

2018 kam das Erwachen. Mit seiner Politik des „Nationalen Schwerts“ durchschlug China die trügerische Normalität und schränkte die Einfuhr kontaminierten recycelbaren Materials stark ein. Wer daraufhin einen strukturellen Wandel erwartete, wurde schnell enttäuscht: Das System änderte sich nicht. Es passte sich an: Die Handelsströme wurden umgeleitet in Richtung Südostasien, Türkei und weiterer neuer Zielländer wie Indonesien. Immer waren es Staaten mit schwacher Regulation und – im Vergleich zu den Herkunftsländern des Mülls – niedrigen Verarbeitungskosten.

In der EU wiederum bildeten sich im Sog der neuen Handelsströme Hubs für den Abfallexport heraus. So haben sich die Niederlande mittlerweile als Drehscheibe etabliert. Die gesammelten Kunststoffabfälle, die hier umgeschlagen werden, kommen hauptsächlich aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Sie werden in Rotterdam, Europas verkehrsreichstem Hafen, aufgeteilt und als kleinere Fracht nach Übersee verschifft.

Chinas „Nationales Schwert“ offenbarte einen Wesenszug des globalen Handels mit Plastikmüll: seine Elastizität. Verschärft ein Knotenpunkt oder Zielland die Vorschriften, verlagern sich die Handelsströme an andere Orte – aber das System ändert sich nicht. Warum ist das so?

Hinter der Elastizität verbirgt sich ein starker wirtschaftlicher Anreiz: Der Export von Plastikmüll ist billiger als seine Verarbeitung dort, wo Sortierung, Recycling und Entsorgung teuer oder politisch umstritten sind. Der Import von Müll wiederum verspricht oberflächlich kostengünstige Rohstoffe – unter der Bedingung freilich, dass es sich um wertige, sortenreine Plastikabfälle handelt. Doch das ist in der Regel nicht der Fall. Das System verteilt lediglich Umweltbelastungen um.

Und noch eine zweite Wahrheit trat 2018 zutage, nämlich wie abhängig das System davon geworden war, Belastungen an andere Orte zu verlagern, statt vor Ort zu recyceln. Wäre Recycling das Kreislaufsystem gewesen, das es behauptete zu sein, wäre der Abfall verwertet worden. Aus dem alten Plastik wäre neues, gleichwertiges Plastik entstanden – ein für die Industrie brauchbares Rezyklat.

Stattdessen sammelte sich der Abfall in den Exportländern zunächst an und verlor so an Marktwert, bevor er nach Malaysia, Indonesien, Indien, Vietnam und Taiwan umgeleitet oder verbrannt wurde beziehungsweise auf informellen Wegen verschwand. Dieser ab 2018 etablierte Umgang mit dem Plastikmüll ist heute noch typisch.

Export verteuert Recycling

Weltweit werden derzeit nur etwa neun Prozent aller Kunststoffabfälle recycelt. Die Ursachen für die niedrige Quote sind struktureller und wirtschaftlicher Natur. Das erste Problem ist die Materialkomplexität. Plastikprodukte werden aus unterschiedlichen Polymeren synthetisiert und enthalten Additive, Laminate, Farbstoffe, Füllstoffe und Stabilisatoren, die eine Trennung und Rückgewinnung erschweren. Sobald Materialien und Abfallsammlungen vermischt und verunreinigt sind, sinkt ihr Wert drastisch. Der Müll ist in der Praxis nicht recycelbar.

Foto einer brennenden Lagerhalle mit einer enormen Rauchwolke und Feuerwehrwagen. Das Bid ist Teil eines Beitrags über Plastikhandel. Die Bidunterschrift lautet: Dieses Lager für Plastikabfall in der Toskana ist in Brand geraten. Wieviel Lagerflächen in Europa für Plastikmüll, der für den Export bestimmt ist, es gibt, ist unbekannt. Die Niederlande sind wegen des Hafens Rotterdam zu einem Hotspot des Handels geworden.
Dieses Lager für Plastikabfall in der Toskana ist in Brand geraten. Wieviel Lagerflächen in Europa für Plastikmüll, der für den Export bestimmt ist, es gibt, ist unbekannt. Die Niederlande sind wegen des Hafens Rotterdam zu einem Hotspot des Handels geworden. © Getty Images

Das zweite Problem ist wirtschaftlicher Natur. Neuplastik profitiert von Skaleneffekten, kann massenhaft und kostengünstig mit etablierter Infrastruktur zu gleichbleibender Qualität hergestellt werden. Recycling hingegen erfordert kleinteilige, kostspielige Sammlung, Sortierung, Reinigung und Aufbereitung.
Während den Bürgern also Trennung und Recycling nahegelegt werden, belohnen die Märkte die Herstellung neuen Materials. Recycling scheitert somit an der Konkurrenz mit einem System, das auf Wegwerfartikel ausgerichtet ist.

Durch Handel kommt Plastikmüll heute genau dorthin, wo die Chancen auf Recycling am geringsten sind.

Der Handel verstärkt nun diese Effekte noch: Für die hochwertigen und wiederverwendbaren Materialien wie etwa PET-Flaschen bestehen inländische Handelsmärkte, während die minderwertigen und verunreinigten Abfälle in Länder exportiert werden, die sie nur schlecht entsorgen beziehungsweise nur zum geringsten Teil verwerten können. Somit landet der größte Teil des Exports auf Deponien, wird offen verbrannt oder irgendwo abgekippt.

Weil die Handelsgewinne auf dem globalen Gefälle von Arbeitskosten und Regulation beruhen, verlagert der Handel die am wenigsten wertvollen Fraktionen des Plastikmülls effektiv dorthin, wo sich noch ein geringer Gewinn extrahieren lässt, weil Arbeitskosten und Umweltstandards niedriger sind und/oder lascher exekutiert werden als in den einkommensstärkeren Ländern, wo der Plastikmüll entsteht.

Der Export von Plastikmüll hat zudem den Nebeneffekt, den globalen Konsumgüterhandel effizienter zu machen, indem er Frachtcontainer füllt, die andernfalls leer von den Verbrauchermärkten zurückkehren würden. Die somit geringen Transportkosten verringern die Anreize, Plastik im Inland zu recyceln, weiter und erhöhen zugleich den Anreiz für den Export. Durch Handel kommt Plastikmüll heute also genau dorthin, wo die Chancen auf Recycling am geringsten sind.

Konsumgesellschaften mit einem hohen Plastikverbrauch sind darauf angewiesen, dass die Folgen ihres Konsums irgendwo aufgefangen werden. Importländer mögen zwar kurzfristige wirtschaftliche Vorteile sehen, doch tatsächlich tragen sie die Kosten von Plastikproduktion und Konsum in Form von kontaminierten Böden und Wasser, giftigen Emissionen, unsicheren und teilweise gefährlichen Arbeitsbedingungen sowie langfristigen Gesundheitsrisiken. Sie sind schließlich deswegen Importländer, weil sie wenige oder keine (kostspieligen) Strukturen für eine sachgemäße Entsorgung haben.

Auf internationaler Ebene wird versucht zu reagieren. So wurden in der Basler Konvention, dem 1989 beschlossenen internationalen Regelwerk für die grenzüberschreitende Verbringung von gefährlichen Abfällen, jüngst schärfere Kontrollen und höhere Anforderungen vereinbart. Schon seit 2021 berücksichtigt die Konvention auch, dass Plastikmüll über den gesamten Lebenszyklus anfällt und daher Produktionsrückstände ebenso umfasst wie die Abfälle von Endverbrauchern.

Risiken der Regulierung

Doch nachgelagerte Regulierung hat Grenzen: Verschärfte Kontrollen etwa verlagern das Problem, wenn sie nicht einheitlich durchgesetzt werden. Falscher Kennzeichnung sowie illegalem Handel können Regelungen, die erst beim Abfall selbst ansetzen, keinen Riegel vorschieben, und sie können das System insgesamt nicht zum Positiven verändern.

Die beschriebenen Dynamiken zeugen hingegen von der zentralen Rolle des internationalen Handels im gesamten Lebenszyklus von Plastik: Plastikmüll ist eine Ware, und somit ist Handelspolitik für Produktion, Konsum, Abfallaufkommen und Verwertung entscheidend. Aus diesen Gründen kommt internationalen Organisationen wie der WTO besonderes Gewicht zu: Diese wirken direkt auf die Handels-dynamik. Initiativen wie der WTO-Dialogue on Plastics Pollution and Environmentally Sustainable Plastics Trade (DPP) können zum Beispiel die Logistik transparenter machen, Standards harmonisieren und Rechtsvorschriften vereinheitlichen.

Ein Mann steht inmitten von Plastiksäcken, die ihm mindestens bis zur Taille reichen, manche sind höher als er selbst, und sortiert den Plastikmüll. Das Bild ist Teil eines Beitrags, in dem erklärt wird, warum so wenig Plastik recycled wird. Der Plastikmüll geht stets dorthin, wo die Verarbeitung am billigsten ist. De facto also dorthin, wo kein Recycling möglich ist.
Sortierung in Indonesien, einem der Hauptzielländer europäischen Plastikmülls. © Getty Images

Bei einer effektiven Verknüpfung mit den UN-Verhandlungen über ein globales Plastikabkommen könnte der DPP dazu beitragen, das System, das aktuell Abfall einfach verlagert, in ein kreislauforientiertes und umweltverträgliches System zu transformieren.

Doch auch handelsbezogene Maßnahmen sind mit Risiken behaftet: Das bevorstehende Verbot des Plastikmüll-Exports in Nicht-OECD-Länder durch die Europäische Union, das voraussichtlich im November 2026 vollständig in Kraft treten wird, hat das Potenzial, die globalen Abfallströme ähnlich umfassend umzugestalten wie einst Chinas „Nationales Schwert“.

Es ist zu erwarten, dass bestimmte Abfallfraktionen in der EU verbleiben, was den Druck zur Erweiterung der heimischen Recycling- und Verbrennungskapazitäten erhöht. Zugleich ist jedoch zu befürchten, dass die weniger wertvollen Abfallmengen verstärkt in OECD-Staaten wie die Türkei oder Osteuropa umgeleitet werden, wie das bereits seit einigen Jahren zunehmend der Fall ist. Gleichzeitig wird es wohl attraktiver werden, den Müll auf informelle Routen umzuleiten oder Exporte falsch zu kennzeichnen.

Die Dilemmata zeigen, dass Plastikverschmutzung nicht einfach eine Abfallkrise ist, sondern ein Charakterzug des gegenwärtigen Systems. Wie viel Plastik hergestellt und entsorgt werden muss, wird ausschließlich durch wirtschaftliche Anreize und globale Handelsströme bestimmt. Solange dieses System so bestehen bleibt, wird Plastikmüll weiter zirkulieren.

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Conclusio

Kein Zufall. Das Müllproblem ist ein integraler Bestandteil des Systems Plastik, schreiben Maria Ivanova und Jamel Zarrouk: Der Großteil des Plastiks in der Welt wird in den reicheren Konsumgesellschaften des Nordens verbraucht. Da es meist nicht wiederverwendbares Plastik ist, muss es irgendwo entsorgt werden – dort, wo es am wenigsten kostet. Die Kosten sind dort am geringsten, wo es de facto kein Recycling gibt. Obwohl nur zum Zweck des Recyclings exportiert werden darf, landet das Plastik genau dort, wo es nicht recycled werden kann.

Risiken. Regulation birgt aufgrund dieses Mechanismus auch Risiken. Das Beispiel China oder auch verschärfte Recycling-Regeln zeigen, dass der Plastikhandel dafür sorgt, dass Regulation umgangen wird, in dem andere Zielländer gefunden werden. Regulation kann im schlechtesten Fall dafür sorgen, dass sich entgegen der Intention Recycling verteuert. Dies ist die große Gefahr auch bei den bald geltenden Rezyklatquoten, die ab 2030 einen Mindestanteil von Rezyklat in Plastikprodukten vorschreiben.

Neuer Ansatz. Ivanova und Zarrouk plädieren daher für ein globales Plastikabkommen, Kennzeichnungspflichten, verschärfte Kontrollen und vor allem eine Regulation, die direkt auf den Handel mit Plastikmüll abzielt.

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