Heute schon erhältlich: Die Computer von morgen

Thomas Monz baut in Innsbruck Quantencomputer, die weltweit gefragt sind. Mit AQT zeigt er, dass Spitzenforschung und Unternehmergeist auch in Österreich funktionieren.

Porträt: Thomas Monz in dem Labor, in dem die Quantencomputer entstanden
Thomas Monz: „Wir wollten ganz groß denken.“ © Gregor Kuntscher

Wenn Thomas Monz von dem Moment erzählt, der ihn voll und ganz für die Physik begeisterte, redet er sich immer noch in Euphorie. Er habe als Physikstudent in Innsbruck ein Sommerpraktikum beim renommierten Quantenphysiker Rudolf Grimm gemacht und jeden Tag bis spät abends im abgedunkelten Labor verbracht, weil alles so spannend war; bis die Eltern angerufen haben und gefragt haben, ob er eigentlich noch nach Hause komme. „Dort habe ich gesehen: Ich kann ein einzelnes Atom kontrollieren, voll und ganz. Ausschalten, anschalten. Was gibt es denn Cooleres?“

Das sei die Initialzündung gewesen. „Und dann sagst du natürlich sofort: ‚Moment, aus und an? Null und eins? Kann man da einen Computer draus basteln?‘ Und dann schaffst du es, kleine Chemiebeispiele zu rechnen, indem du einzelne Atome kontrollierst. Also wenn da keine Faszination ist, dann weiß ich nicht, was dich in der Früh zum Aufstehen bringt.“

Präsidenten auf Besuch

Also wurde er Quantenphysiker, arbeitete nicht nur mit den Übervätern des international renommierten Instituts in Innsbruck, Rainer Blatt und Peter Zoller, eng zusammen, sondern gründete 2018 auch ein Start-up mit ihnen: Alpine Quantum Technologies – kurz AQT. Das Unternehmen verkauft Quantencomputer und Thomas Monz hat es als CEO zu einem Vorzeigebetrieb mit 35 Mitarbeitern aufgebaut. Als im vergangenen Jahr der deutsche Präsident Frank-Walter Steinmeier in Österreich auf Staatsbesuch war, setzte Österreichs Pendant Alexander Van der Bellen einen Besuch bei AQT auf die Agenda.

„Das war eher unerwartet“, erzählt Monz. Vor allem, weil es in Österreich immer noch schwierig ist, mit einem Start-up zu reüssieren. „Wir haben keine Start-up-Kultur. Ein Start-up lebt davon, dass einer sagt: ‚Das ist ein gewisses Risiko, aber ich habe Vertrauen in die Idee und Team, und gebe ihnen Geld‘‘‘, sagt Monz. Und dieses Vertrauen gäbe es in Österreich kaum. Er führt das auf eine generelle Risikoaversion im Land zurück: „Wir feiern brav den Weltspartag, aber kaum jemand investiert am Kapitalmarkt.“

Allerdings: „Bei uns im Quantenbereich wird es langsam besser, was die Unternehmensgründungen angeht.“ Einerseits, weil mittlerweile wirklich fast jeder weiß, dass Österreich da an der Weltspitze ist und andererseits auch, weil es eben Unternehmen wie AQT gibt, die gezeigt haben, dass es möglich ist. Wenn Kollegen auf Monz zukommen, die selbst ein Unternehmen gründen wollen, erzählt der ihnen am liebsten, „was ich falsch gemacht habe damit sie dieselben Fehler nicht wiederholen.“

Warum nicht gleich Quantencomputer bauen?

Aber was macht AQT eigentlich genau? Am Anfang, erzählt Monz, stand die Idee „die Ionen-Fallen zu verkaufen, die Rainer Blatt gebaut hat. Aber dann wollten wir größer denken.“ Um das Geschäftsmodell von AQT zu verstehen, ist es notwendig, ein wenig in die Welt der Quantenphysik einzutauchen: Eine Ionenfalle hält elektrisch geladene Atome in einem elektrischen Feld gefangen. Und sie ist nicht etwas, das man in ein paar Tagen nebenbei baut – wenn man es überhaupt kann. Es kann Monate dauern. Für viele Experimente ist sie aber unerlässlich. Dazu kommt: Sie ist auch die Basis für Quantenprozessoren. Also dachte sich Monz: „Wir wissen, wie man Quantencomputer baut und betreibt“ – wieso also nicht richtig groß denken und ganze Quantencomputer verkaufen?

Ein Blick ins Herz eines Quantencomputers.
Ein Blick ins Herz eines Quantencomputers. © Gregor Kuntscher

Daheim wird man den vermutlich noch nicht brauchen, „das ist jetzt auch nichts, das man aus der Portokasse zahlen kann“, sagt Monz – das polnische „Poznan Supercomputing and Networking Center“ erstand 2025 von AQT einen Quantencomputer mehrere Millionen Euro. „Wir verkaufen aber auch bereits viele Einzelmodule des Rechners an akademische Einrichtungen; und es gibt mehr und mehr Nachfrage aus der Industrie, hauptsächlich Quantensoftwarefirmen die unsere System nutzen wollen, wie auch Chemieunternehmen.“ Wer die Leistungen von Quantencomputern ein wenig preisgünstiger nutzen möchte, kann auch auf Cloudlösungen zurückgreifen: „Wenn ich den Quantencomputer für irgendein Problem nutzen will, muss ich den nicht bei mir stehen haben – ich muss nur wissen, wie ich über die Cloud zugreifen kann“, sagt Monz.

Wider die Amazon-Kultur

Trotz dieser Erfolge ist AQT eine Wette auf eine Zukunft, in der Quantencomputer wirklich relevant sein werden: „Quanten sind derzeit in aller Munde. Nur: Je mehr man darüber redet, desto größer wird die Erwartungshaltung.“ Aber Fakt ist: „Bis Quantencomputer wirklich relevant sind für Nutzer, nicht nur im akademischen Bereich, das wird noch ein paar Jahre dauern.“ Quantencomputer, fürchtet Monz, könnten sich in einem so genannten Hype-Cycle befinden. In dem folgt auf eine übertriebene Erwartungshaltung stets eine Enttäuschung, weil sich diese nicht so schnell wie erhofft erfüllt hat. „Ich bezeichne das manchmal als Amazon-Kultur: Die Leute werden schon nervös, wenn etwas, das sie gestern bestellt haben, heute noch nicht geliefert ist.“

Thomas Monz im Interview
Thomas Monz: „Bis Quantencomputer wirklich relevant sind für Nutzer, nicht nur im akademischen Bereich, das wird noch ein paar Jahre dauern.“ © Gregor Kuntscher

Und noch etwas wird relevant sein: Welche Technologie sich bei Quantencomputer letztlich durchsetzen wird. Denn Quantencomputer ist nicht gleich Quantencomputer. „Google, IBM und andere setzen nicht auf Ionenfallen, sondern auf supraleitende Schaltkreise“, sagt Monz. Warum? „Die Fertigungsmöglichkeiten sind recht nah an klassischen Chips.“ Allerdings haben sie auch einige Nachteile: Um supraleitend zu sein, müssen diese Chips in einer enorm kalten Umgebung sein, und das frisst Strom. Zudem haben sie eine Kohärenzzeit von lediglich einer Millisekunde. Das bedeutet im Grunde nichts anderes als: So lange kann der Quantencomputer Daten speichern.

Superschnell gegen die Wand

„Wenn ich richtig schnell rechne, krieg‘ ich da schon was unter“, sagt Monz. Aber bei Ionenfallen „haben wir Kohärenzzeiten von bis zu eineinhalb Stunden.“ Und noch etwas sei wichtig: Quantencomputer seien zwar grundsätzlich immer noch recht fehleranfällig, aber „die Fehlerrate ist bei Ionenfallen am geringsten.“ Dafür, sagt Monz, seien die supraleitenden Quantencomputer nochmal schneller als jene mit Ionenfallen. Nachsatz: „Aber wenn ich halt nur schnell gegen eine Wand fahre ….“

Unzählige Kabel stecken in einem Board, das zu einem Quantencomputer gehört.
Die Rückseite eines Quantencomputers: Es ist so genauso kompliziert wie es aussieht. © Gregor Kuntscher

Trotzdem haben diese Hersteller einen riesigen Startvorteil: Jeder kennt sie. Und das bedeutet, dass sie bei Konsumenten einen Vertrauensvorschuss haben, selbst wenn der nicht notwendigerweise gerechtfertigt ist. Monz sagt, es würde schon helfen, „wenn zumindest staatliche Behörden bei uns nicht immer nur bei Microsoft und IBM einkaufen.“ Für viele Produkte, nicht nur Quantencomputer, gäbe es Lösungen aus Österreich – oder zumindest Europa. Aber „das würde bedeuten, dass jemand den Mut aufbringen müsste, sich nicht für die Lösung mit dem bekanntesten Namen zu entscheiden – und auch mit dem Geld in der Hand zeigt, dass man Vertrauen in lokale Lösung steckt“ Die vielleicht auch ein bisschen teurer wäre.

Billig oder günstig?

„Aber das ist der Unterschied zwischen billig und günstig“, sagt Monz. Das billigste Produkt kommt vielleicht aus den USA, für den Standort wäre es aber günstig, wenn heimische Unternehmen wachsen – und hier auch Steuern zahlen. Zudem könnte das helfen, Menschen im Land zu halten, wenn sie ihr Studium abgeschlossen haben. „Ich habe eine sehr gute Studentin, die wäre entweder nach Amerika gegangen oder hätte ganz etwas anderes gemacht – vor Zeiten der AQT. Jetzt konnten wir die in Tirol ausgebildete Studentin auch in einem österreichischen Unternehmen anstellen“, erzählt Monz.

Wenn die Quantencomputer den Hype Cycle überstehen und die politischen Rahmenbedingungen passen, sind auch dem Wachstum von AQT kaum Grenzen gesetzt, glaubt Monz: „IBM hat zigtausend Mitarbeiter, Nvidia hat zigtausend Mitarbeiter“ – warum also nicht auch irgendwann AQT?

Über diese Serie

Unter dem Titel „Forschungsreisen“ präsentieren wir spannende Forschungsprojekte aus ganz Österreich. Der Pragmaticus war bereits zu Gast bei Peter Turchin vom Complexity Hub, der die USA vor einem Bürgerkrieg sieht, hat mit Stefan Freunberger vom ISTA nach neuen Batterien gesucht und sich von Ludmilla Carone vom Grazer Institut für Weltraumforschung erzählen lassen, warum die Suche nach Aliens so schwierig ist. Alle Forschungsreisen können Sie hier nachlesen.

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