Königin des Kokosöls

Emma Kolbe, genannt „Queen Emma“, kam im 19. Jahrhundert mit Landkäufen Europäern zuvor, die in der Südsee Kolonien errichten wollten. Ihre Plantagen machten sie reich, ihre Partys machten sie zur Legende.

Emma Kolbe (1850–1913) auch bekannt als "Queen Emma": Eine durchsetzungsstarke Agrarunternehmerin in der Südsee mit Sinn für ertragreiche Investments und gezielte Lobbyarbeit.
Emma Kolbe (1850–1913): Eine durchsetzungsstarke Agrarunternehmerin in der Südsee mit Sinn für ertragreiche Investments und gezielte Lobbyarbeit. © Wikimedia Commons

Als Kapitän Schering mit der gedeckten Korvette „Elisabeth“ den Hafen der kleinen Insel Mioko in der Südsee anläuft, um dort die deutsche Flagge zu hissen, muss er entdecken: Das Eiland im Bismarck-Archipel mit seinen Plantagen und all dem, was den Wettlauf der Kolonialmächte befeuert hat, ist zu einem großen Teil im Besitz einer Frau – Emma Coe Forsayth. Die lebenslustige und willensstarke Mittdreißigerin bewirtschaftet längst über 5.000 Hektar Land auf Mioko und den umliegenden Inseln. Damit hat sie einen enormen Geschäftsvorteil gegenüber den nun eintrudelnden Siedlern, die mit dem Neuguinea-Konsortium ins Land kommen.

Doch wer ist diese Frau? Und wie wurde sie erfolgreich?

Die Enkelin des Häuptlings

Emma wird vierunddreißig Jahre zuvor, im Jahr 1850, in Apia, der Hauptstadt Samoas, 4.000 Kilometer von Mioko entfernt, geboren. Zu dieser Zeit gibt es in der Region noch wenige Fremde, einige Abenteurer vielleicht, Walfänger und Vertreter des hanseatischen Handelshauses Godeffroy & Sohn. Sie sind die Vorhut der britischen, deutschen und niederländischen Kolonisatoren, die sich bald die Südsee aufteilen werden. Einer der Walfänger, Jonas Myndersse Coe aus New Jersey, ist Emmas Vater, ihre Mutter, Prinzessin Le’utu, ist die Tochter des Häuptlings von Samoa.

Jonas Coe steigt – wohl auch durch seine Heirat – zum Konsul und Handelsvertreter auf. Als zweites Kind kommt Emma zur Welt. Die Eltern erkennen ihr Talent und schicken sie auf Schulen in Australien und San Francisco. Dass sie ein Mädchen ist, scheint sie weder von Bildung noch von einer Karriere auszuschließen. Zurück in Samoa heiratet sie mit 19 Jahren den jungen Briten James Forsayth. Aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor: ein Sohn, der später Geschäftspartner seiner Mutter wird, und eine Tochter, die schon mit fünf Jahren stirbt.

Als James nach wenigen Ehejahren in einem Taifun im Chinesischen Meer verschwindet, beginnt Emmas unternehmerischer Aufstieg – vorerst an der Seite des australischen Geschäftsmanns Thomas Farrell, der auf den Marshallinseln zu Wohlstand gekommen, jedoch 1877 in Schwierigkeiten geraten und nach Samoa zurückgekehrt ist. Hier arbeiten er und Emma für die „Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft“ als freie Händler und Anwerber von Plantagenarbeitern.

Dann übersiedeln sie – ob Farrell mittlerweile Emmas Lebens- oder Ehepartner ist, entzieht sich wie so manches in dieser Geschichte unserer Kenntnis – nach Mioko östlich von Neuguinea und gründen ihre eigene Plantagengesellschaft. Sie produzieren Kopra, das ist getrocknetes Kokosnussfleisch, das, zu Öl gepresst, in Europa für die Seifenindustrie und als Maschinenöl dringend gebraucht wird.

Als Farrell 1888 in Sydney an Tuberkulose stirbt, wird Emma Alleinerbin des gemeinsamen Unternehmens. Ein Jahr später beschäftigt sie 1.200 einheimische Arbeiter und 50 weiße Plantagenaufseher auf 12.000 Hektar Land, während das mit ihr konkurrierende Neuguinea-Konsortium wegen schlechter Geschäfte direkt der Kolonialverwaltung unterstellt wird.

Rechtssicher registriert

Da hat Emma sich längst – strategisch günstig nahe der neuen Hauptstadt Herbertshöhe auf Neupommern gelegen, einer Insel unweit von Mioko – das luxuriöse Anwesen Gunantambu erbauen lassen. Sie wird es zum gesellschaftlichen Zentrum der neuen Kolonie entwickeln. Denn Emma weiß genau, wie sie die neuen Herren, von denen manche sie verächtlich als samoanischen Mischling beschimpfen, für sich gewinnen kann.

In Gunantambu bewirtet sie alles, was Rang und Namen hat. Die Partys sind legendär, der Alkohol fließt in Strömen, und skandalöse Amouren sind an der Tagesordnung, auch mit Emmas zahlreichen Nichten, die sie anschließend mit Europäern verheiratet. Emmas Vater Jonas Myndersse Coe hat nämlich nacheinander sechs Südseeschönheiten geheiratet und insgesamt 14 Töchter und vier Söhne gezeugt, von denen etliche nun bei Emma leben und arbeiten. In dieser Zeit erarbeitet sie sich den Rufnamen „Queen Emma“.

Queen Emma weiß genau, wie sie die neuen Herren für sich gewinnen kann.

Doch während sie die deutschen Kolonialherren umgarnt, weiß sie genau, dass sie ihnen nie trauen darf. Wenn sie – meist spottbillig – neues Land erwirbt, tut sie dies als amerikanische Staatsbürgerin und lässt die Ländereien zum Ärgernis der Deutschen in Sydney am amerikanischen Konsulat registrieren. Alle Versuche der Kolonialbehörden, ihr den Besitz streitig zu machen, kann sie vor Gericht abwehren.

Den Deutschen bleibt nichts übrig, als die von Queen Emma geschaffenen Besitzverhältnisse zu akzeptieren – und mit ihr in Gunantambu zu feiern.

Mythos der „Queen Emma“

Nach dem Tod Farrells heiratet Emma noch einmal, dieses Mal den Deutschen Paul Kolbe – man sagt, aus schierer Berechnung, zumindest aber mit Weitsicht. Denn in ihrer Plantagen- und mittlerweile auch Handelsgesellschaft macht sie Kolbe lediglich zum Aufseher der Plantagen, nie aber zum geschäftlichen Teilhaber.

Einzig die Gesundheit macht der Queen zu schaffen. Sie leidet an Diabetes, was damals noch nicht heilbar ist und dazu führt, dass Emma Kolbe langsam erblindet. 1897 nimmt sie ihren Sohn Jonas offiziell in die Firma auf, 1909 verkauft sie ihr Imperium für drei, manche Quellen sprechen von vier Millionen Reichsmark an einen Deutschen.

Als eine ihrer letzten Unternehmungen hat Emma Kolbe im Jahr 1900 in Herbertshöhe das Hotel Fürst Bismarck, das einzige Grandhotel weit und breit, erbauen lassen, doch dieses Geschäft scheitert. Vielleicht auch, weil Emma immer rastloser durch Amerika und Europa reist, auf der Suche nach Ärzten, die ihr Augenleiden kurieren können. Schließlich stirbt sie in einem Hotel in Monte Carlo.

Von ihrem Imperium ist kaum etwas geblieben – außer dem Mythos der „Queen Emma“.

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