„Recycling ist nicht rentabel“

Fürs Recycling fehlt in Europa die Nachfrage – es ist zu teuer. Der Ökonom Henning Wilts plädiert trotzdem für’s trennen und will die Hersteller global in Verantwortung nehmen.

Plastiksortierung in Turin. Ein Arbeiter in gelber Kleidung steht vor einem Berg Müll. Ein Greifarm, um ein vielfaches größer als der Mann, trägt eine große Menge von Plastikmüll davon. Die Bildunterschrift lautet: Sortiert zum Export. In Europa gibt es viele Lagerund Sortieranlagen für Plastikmüll wie diese Anlage in der Nähe von Turin in Italien. Es ist die größte derartige Anlage in Europa und fasst knapp 100.000 Tonnen Plastikmüll. Der Großteil wird exportiert. Das Bild ist Teil eines Interviews mit dem Ökonomen Henning Wilts über Recycling.
Sortiert zum Export: In Europa gibt es viele Lagerund Sortieranlagen für Plastikmüll wie diese Anlage in der Nähe von Turin in Italien. Es ist die größte derartige Anlage in Europa und fasst knapp 100.000 Tonnen Plastikmüll. Der Großteil wird exportiert – was in Europa noch der Recyclingquote zugerechnet wird. Export ist allerdings nicht per se schlecht, meint Henning Wilts. © Getty Images

Beim Recycling macht man sich in Europa derzeit noch so einiges vor, sagt der Ökonom Henning Wilts. Schließlich kann man exportiertes Plastik derzeit noch einfach der Recyclingquote gutschreiben. Was fehlt und immer gefehlt hat, ist die verlässliche Nachfrage für recyceltes Plastik, sogenanntes Rezyklat. Der Grund: das billige Öl und Verpackungen, die gar nicht recyclingfähig sind. Die Kosten zahlt die Gesellschaft, sagt Wilts und will das ändern.

Der Pragmaticus: Die weltweite Recyclingquote von Kunststoff liegt bei neun Prozent. Was bedeutet das?

Henning Wilts: Anders als man annimmt, bezeichnet „Recyclingquote“ nicht das, was tatsächlich recycelt wird. Es ist vielmehr der Teil des Plastikmülls gemeint, der in eine Recyclinganlage hineingeht, nicht das, was herauskommt. Der Anteil, der tatsächlich recycelt wird und der Industrie als Rohstoff wieder zur Verfügung steht, ist die Rezyklatquote. Rezyklat ist quasi „neues“ Plastik aus altem Plastik. Die Rezyklatquote bei dem in Deutschland verarbeiteten Kunststoff liegt bei 18 Prozent. 82 Prozent des Materials, das zum Beispiel in der Verpackungsindustrie verarbeitet wird, sind also neues Plastik.

Warum sind die Quoten so niedrig?

In erster Linie, weil Recycling schon beim Produktdesign keine Rolle spielt. Verpackungen sollen toll aussehen, Lebensmittel über Wochen frisch halten, vor UV-Strahlung schützen, leicht sein und wenig kosten. Käseverpackungen etwa bestehen aus bis zu 13 unterschiedlichen hauchdünnen Plastikfolien. Der Aufwand, diese Folien wieder zu trennen, ist weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll: Neues Plastik ist viel billiger als jedes Rezyklat. Deshalb gibt es für dieses Material keine Nachfrage.

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Was passiert mit dem gesammelten Plastik?

In Europa geht der größte Teil zunächst in Sortieranlagen. Was recyclingfähig ist, wird in großen Ballen zusammengefasst, gewaschen, geschreddert und eingeschmolzen. Aus dem so entstehenden, eher minderwertigen Rezyklat werden häufig Parkbänke, Halterungen für Straßenschilder, Folien für die Landwirtschaft oder Rohre für den Bausektor, also Produkte mit niedrigen Qualitätsanforderungen. Nur aus PET-Flaschen werden wieder PET-Flaschen, weil es aufgrund des Pfandsystems einen hochreinen Abfallstrom gibt.

Was ist mit chemischem Recycling?

Der Prozess ist extrem teuer. Man kocht den Plastikabfall bei 600 bis 800 Grad, sodass wieder Öl, Naphtha, entsteht. Die Industrie kündigt immer wieder an, in den Prozess zu investieren, aber zurzeit wird alles verschoben, verkleinert oder abgesagt – weil die Nachfrage fehlt.

Ein Portraitfoto des Ökonomen und Experten für Kreislaufwirtschaft Henning Wilts vom Wuppertal Institut. Wilts erklärt im Interview. warum Recycling in Europa derzeit nicht rentabel ist und die Rezyklatquoten der Plastikindustrie ein Dorn im Auge sind. Die Plastikwirtschaft ist auf neues Plastik ausgelegt, sagt er. Im Interview plädiert er für ein globales Plastikabkommen und verpflichtender Transparenz bei der Zusammensetzung von Plastik.
Henning Wilts. © Anna Riesenweber

Plastikabfall wird weltweit gehandelt. Ist Export gut oder schlecht?

Das kann man so nicht beantworten. Beispiel landwirtschaftliche Folien: Die haben Aufkleber zur Identifikation der Feldfrüchte, die sie schützen, und diese Aufkleber kann man nicht recyceln. Chinesische Unternehmen kaufen den Landwirten nun die gebrauchten Folien ab, lassen die Aufkleber händisch herausschneiden und separat entsorgen. Die Folien selbst werden recycelt. Zu deutschen Mindestlöhnen würde sich das nicht lohnen. Ist der Export nach China schlechter, als die Folien in einer deutschen Anlage zu verbrennen? Ich denke, nein.

Ab November dieses Jahres wird der Export von Müll in Nicht-OECD-Länder verboten sein. Welche Effekte wird das haben?

Das Problem wird verschoben. Nachdem China 2018 den Import von Entsorgungsmüll verboten hatte, wurden andere Länder damit geflutet, obwohl sie keine Infrastrukturen für eine sachgerechte Entsorgung haben – Vietnam zum Beispiel. Heute ist die Türkei, ein OECD-Staat, das Top-Zielland für den Plastikmüll. Was sich recyceln lässt, wird dort händisch sortiert und recycelt. Der nicht verwertbare Großteil jedoch wird häufig auf offenem Feld verbrannt oder landet in einem Fluss. Die Frage ist also immer, was mit dem Müll passiert, für den niemand zahlt.

Ab 2030 soll es Mindestrezyklatquoten geben, bei Getränkeverpackungen etwa 25 Prozent. Ist das sinnvoll?

Ja, weil durch die spezifischen Quoten für Textilien, Autos, Baustoffe und so weiter erstmals Märkte für Rezyklat entstehen könnten. Die Hersteller müssen in Zukunft ja Zugriff auf hochwertiges Material haben, um ihre Produkte verkaufen zu können.

Die Verpackungsindustrie sagt, dass Europa nicht genug Rezyklat hat.

Wegen des billigen Öls war die Nachfrage nach Rezyklat in den vergangenen Jahren tatsächlich so gering, dass viele Recyclingunternehmen in Europa aufgegeben haben. Man müsste jetzt massiv in neue Anlagen, bessere Sammlung und intelligente Pfandsysteme investieren, ansonsten wird das Rezyklat ab 2030 wohl aus China kommen, denn dort fließen aus marktstrategischen Gründen gerade Milliarden in hochwertige Anlagen.

Warum ist nach der Einführung des „Gelben Sacks“ in den 1990er-Jahren keine robustere Recycling-Industrie in Europa entstanden?

Es gab nie eine verlässliche Nachfrage nach hochwertigem Rezyklat. Unternehmen konnten als Rohstoff verwenden, was sie wollten. Daher wurde auch nicht in innovative Technologien investiert, und die Recyclingunternehmen sind nicht so wettbewerbsfähig, wie sie sein könnten.

Momentan ist Öl teuer, das müsste Recycling doch attraktiver machen.

Sobald der Ölpreis sinkt, nehmen die Hersteller wieder neues Plastik. So kann kein Unternehmen und erst recht kein Start-up gewinnen. Ohne verlässliche Nachfrage ist keine Skalierung möglich.

Könnten Innovationen aus der Sackgasse führen?

Nur, wenn sich das Plastik verändert. Bei vielen Verpackungen ist derzeit keine Art des Recyclings rentabel, weil für jede einzelne Verpackung neue Recyclingverfahren und neue Anlagen gebraucht würden. Die Innovation, die wirklich fehlt, ist organisatorischer Art: eine globale Herstellerverantwortung.

Jedes einzelne Land müsste sich verpflichten, seine Unternehmen an der Finanzierung des Recyclings zu beteiligen. Wer eine Plastikverpackung auf den Markt bringt, soll dafür Sorge tragen müssen, dass diese auch recycelt werden kann.

Die Hersteller werden sagen, dass sie bereits zur Kasse gebeten werden.

Stimmt, in Deutschland zahlen Verpackungshersteller etwa eine Milliarde Euro im Jahr für die Gelbe Tonne. Das System ist aber kontraproduktiv, weil es sich eben nicht dafür interessiert, ob die gesammelte Verpackung überhaupt recycelt werden kann. Die Kosten, die das verursacht, zahlt die Gesellschaft. Ein nach Material und Mengen differenzierendes Verursacherprinzip als Teil eines globalen Abkommens ist unabdingbar.

Erwarten Sie eine Aufweichung der Rezyklatverordnung?

Das könnte passieren. Je nach Ergebnis der vorgesehenen Überprüfung der Verordnung könnten die Quoten gesenkt, ausgesetzt oder auf bestimmte Produktgruppen beschränkt werden. Doch das nähme den europäischen Recyclern wieder die Planungssicherheit: Ihr Geschäft würde wieder nicht finanzierbar, weil die Banken der Branche nur teure Kredite für Investitionen gewähren würden. Auch die Kunststoffhersteller sind nicht positiv gestimmt, denn jedes Prozent mehr Rezyklat ist ein Prozent weniger Nachfrage für sie. Die Anlagen großer Hersteller sind jetzt schon nicht ausgelastet.

Würden sich die Quoten auf die Industrie so stark auswirken?

Ja, denn die Folien, die Ausgangsprodukte für Verpackungen sind, werden mit Standardverfahren produziert, die auf Naphtha ausgelegt sind. Rezyklat aus mechanischem Recycling ist zu wenig homogen für diese Verfahren, es besteht aus hunderten unterschiedlichen chemischen Verbindungen. Deshalb hat die chemische Industrie, die ja eigentlich gegen Rezyklatquoten ist, sich mit Erfolg für Mindestrezyklatquoten bei Verpackungen im direkten Lebensmittelkontakt eingesetzt – wissend, dass dieses kontaktsensitive Rezyklat nur mit chemischem Recycling hergestellt werden kann.

Braucht die Welt immer noch neues Plastik?

Ohne neues Plastik wird es nicht gehen, wenn wir es nicht durch Stoffe ersetzen wollen, die keinen Deut nachhaltiger sind. Was wir sofort beenden müssen, ist das enorme Wachstum. Wie eine Studie an der ETH Zürich gezeigt hat, kann das aktuelle Produktionslevel nachhaltig sein, wenn man eine echte Recyclingquote von mindestens 75 Prozent hat und der Anteil biobasierten Plastiks leicht steigt. Wenn sich aber, wie die OECD errechnet hat, die Produktion bis 2030 verdreifacht, ist das ein Ding der Unmöglichkeit.

Zuletzt: Soll man das Plastik trennen oder nicht?

Trennen. Ich kann den Frust verstehen, aber wenn Sie nicht trennen, wird es auf jeden Fall verbrannt.

Über Henning Wilts

Der Ökonom leitet die Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und ist Universitätsprofessor für Circular Society an der Fern- Universität Hagen. Seine Forschungsschwerpunkte sind der effiziente Einsatz von Ressourcen, Kreislauf- und Abfallwirtschaft sowie die volkswirtschaftlichen Aspekte gesellschaftlicher Transformationsprozesse.

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