Wie der Brexit die Nachkriegszeit beendete

Mit dem Brexit fanden sich alle Europäer in einer neuen Weltordnung wieder. Die Zäsur ist auch zehn Jahre nach dem Referendum noch völlig unverstanden.

Am Tag des EU-Referendums in Großbritannien am 23. Juni 2016: Eine Frau steht an einem Zeitungsstand und blättert in einem Magazin. Im Vordergrund das Cover des Daily Express, auf dem in großen Letter zu lesen ist: „Your country needs you. Vote leave today“. Die Bildunterscjhrift lautet: 3. Juni 2016, der Tag der Entscheidung: Der Daily Express sah ein Leave Votum offenbar als patriotische Pflicht. Der 23. Juni war der Tag des Brexit-Referendums.
23. Juni 2016, der Tag der Entscheidung: Der Daily Express sah ein Leave Votum offenbar als patriotische Pflicht. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Zäsur. Das Brexit-Referendum markiert den Übergang in eine neue Weltordnung der Re-Nationalisierung und des Protektionismus.
  • Kontrolle. Das Ergebnis des Referendums ist Ausdruck des Versuchs, Steuer- und Einwanderungspolitik wieder national kontrollieren zu wollen.
  • Versagen. Ein erneuter Beitritt zur EU würde die Probleme der Großbritanniens nicht lösen. Die Ursache liegt im Versagen der politischen Eliten.
  • Abgefedert. Große ökonomische Verwerfungen blieben nach dem Brexit aus, doch die Erwartungen der Leave-Wähler haben sich nicht erfüllt.

Die Vereinten Nationen hatten 2016 als internationales Jahr der Hülsenfrüchte geplant. Wie wir wissen, kam es anders. Statt Bohnen und Kichererbsen gab es Brexit und Trump. 

Es kam also das Jahr, das die Nachkriegsära beendete. Denn bis 2016 schritt die weltweite Integration und Ent-Nationalisierung, die nach dem Schock der Weltkriege notwendig schien, unbeirrt voran: Vereinte Nationen, Welthandelsorganisation, Völkerrechtsregime, europäische Einigung. Die Welt rückte zusammen.

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Es gab kurze Phasen des Stockens und Stotterns, aber die Lokomotive blieb im Vorwärtsgang, geduldig in Richtung jenes universellen, homogenen Weltstaates, den Alexandre Kojève das Ende der Geschichte nannte: die weltweite Ausbreitung der in der Französischen Revolution errungenen und durch den Rechtsstaat vermittelten Gleichheit und Freiheit. Herrschaft durch Recht, nicht durch nationalen Willen.

Die europäische Einigung war Teil dieser großen Bewegung, wenn nicht ihr Musterschüler. Sie lieferte den Beweis für die gelungene Einhegung des angeblich größten Monsters der Weltgeschichte, des Nationalstaates. Vielen galt sie deshalb als Modell der Globalisierung, der kommenden Weltgeschichte überhaupt.

2016 brach dann der Anfang vom Ende dieser Großbewegung herein. Zum ersten Mal Rückwärtsgang. Seitdem straucheln nicht nur die Vereinten Nationen, die Welthandelsorganisation und die übrigen globalen Institutionen; die gesamte regelbasierte Weltordnung liegt auf dem Krankenbett. Die sich heuer zum zehnten Mal jährende Abstimmung zum Brexit ist daher mehr als eine britische Posse. Sie ist Symptom eines Zeitenwandels, den wir bis heute nicht ganz verstehen.

Ein Referendum gegen die „Anywheres“?

Was Brexit und Trump verbindet, ist dabei nicht bloß das Jahr 2016. Beide kommen aus derselben Ecke, sind Instanzen desselben Paradigmenwechsels. Einen Schlüssel zu dessen Verständnis hat 2017 David Goodhart in The Road to Somewhere geliefert. Die politische Bruchlinie verlaufe, so Goodhart, nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen zwei Gruppen, die er die Somewheres und die Anywheres nennt.

Anywheres sind diejenigen, die überall leben könnten: die globale Elite, Menschen, die sich mehr über ihren Beruf als über ihre Herkunft definieren. Ihre Identität ist erworben, nicht ererbt: Studenten an Elite-Universitäten, Expats, politische Technokraten. Ob man im Finanzdistrikt von Frankfurt, Singapur oder New York bis spät in die Nacht arbeitet, macht keinen großen Unterschied. Die Somewheres hingegen leben an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Gemeinschaft und können nicht so einfach weg. Sie wollen es auch nicht. Manche Politiken treffen sie besonders hart: Deindustrialisierung genauso wie Massenmigration ziehen ihnen regelrecht den Boden unter den Füßen weg. Das kann ein Anywhere schwer verstehen. 

Zwei Frauen auf einem Podium mit einer Tafel, auf der die Preise für Butter in Großbritannien und in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft verglichen werden. Auf dem Banner vor dem Podium steht: „Out and into the World“. Die Bildunterschrift zu dem Foto lautet:Für die Labour-Politikerinnen Jo Richardson und Ann Taylor sind im Mai 1975 die Preise für Butter ein Argument gegen die EWG: Es stand ein Referendum über den Verbleib in der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Raum. 67,2 Prozent stimmten am 5. Juni 1975 dafür.
Für die Labour-Politikerinnen Jo Richardson und Ann Taylor sind im Mai 1975 die Preise für Butter ein Argument gegen die EWG: Es stand ein Referendum über den Verbleib in der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Raum. 67,2 Prozent stimmten am 5. Juni 1975 dafür. © Getty Images

Der große Fehler der Remainer war, dass sie die Somewheres übersehen haben. Sie kamen in ihrem Weltbild nicht vor. Es ist dieselbe Blindheit, die den europäischen Sozialdemokraten und den US-amerikanischen Demokraten regelmäßig Wahlen kostet. Es ist eine Art Ekel vor der eigenen Stammwählerschaft, vor denen, die mit den subtilen Regeln der jüngsten moralischen Etikette, mit den feinen Unterschieden in den Identitätshierarchien nichts anzufangen wissen. Es ist ein Ekel vor den „Erbärmlichen“, wie Hillary Clinton sie in einem Moment der unachtsamen Ehrlichkeit einmal nannte.

Für beinahe die gesamte publizierte Intelligenz dies- und jenseits des Ärmelkanals war der Brexit dementsprechend eine Ausgeburt entweder von Dummheit oder Bosheit. Es konnten nur ahnungslose Ausländerfeinde gewesen sein, die für den Brexit gestimmt haben.

Was auf dem Spiel stand

Im Gegensatz dazu war die Entscheidung für den Brexit meiner Meinung nach eine nicht ganz unplausible Wette darauf, dass auf längere Sicht die effektive Kontrolle vor allem zweier Hebel ausschlaggebend sein wird: die der Steuerpolitik und der Immigrationspolitik.

Will man gut durch die zunehmend turbulenten geopolitischen Zeiten kommen, muss man in der Lage sein, sachgemäß und vor allem rasch zu reagieren. Brexit ist die Wette, dass diese Reaktionsfähigkeit einerseits überlebenswichtig ist, andererseits aber im europäischen Konzert immer schwieriger wird, weil die Zentralisierungs- und Harmonisierungslogik eine zurzeit noch mögliche nationale Steuer- und Immigrationspolitik sukzessive verunmöglichen wird. 

Dazu kommt, dass die EU mit ihren undurchsichtigen, im Kuhhandel abgetauschten Personalentscheidungen, mit ihrer bevormundenden Vertretung unserer technokratisch erhobenen Interessen dem uns Kontinentaleuropäern von Kindheit an vertrauten Verbands- und Kompromissstaat weitaus näher steht als dem britischen Parlamentarismus.

Beide Systeme, die Demokratie und die Technokratie haben ihre Vor- und Nachteile. Für den Briten ist die EU-Mitgliedschaft aber so, als würde man von der FIFA regiert, als hätte man alle wichtigen Entscheidungen Leuten wie Sepp Blatter überlassen, von denen man weder weiß, wie sie ins Amt gekommen sind, noch, wie man sie wieder loswird. Mir ist auch nicht klar, wen ich wählen müsste, wollte ich Ursula von der Leyen loswerden. Dieser leicht peronistische Anstrich stört mich als Österreicher so lange nicht, als die Leute in Brüssel halbwegs wissen, was sie tun. Für den Engländer hingegen ist er Gift, Knechtschaft, Vasallentum. Ist ihm nicht zu verübeln. Er ist lieber ein armer freier Mann als reicher Vasall. 

Doch weder in der Wirtschafts- noch in der Migrationspolitik scheint die Brexit-Wette derzeit aufzugehen. Das Office for Budget Responsibility schätzt den langfristigen BIP-Verlust gegenüber einem Verbleib in der EU auf rund vier Prozent; ein Papier des National Bureau of Economic Research vom November 2025, mitverfasst von einem ranghohen Bank of England-Ökonomen, kommt auf sechs bis acht Prozent pro Kopf, also 180 bis 240 Milliarden Pfund über das Jahrzehnt.

Die Apokalypse blieb aus

Auch bei der Migration zeigt sich ein auf den ersten Blick paradoxes Bild. Durch den Brexit wurde die europäische Migration zwar ins Negative umgekehrt, dafür hat sich der außereuropäische Zuzug vervielfacht und übertrifft die Zuwanderung vor dem Brexit um ein Vielfaches. 2023 erreichte die Nettomigration mit 944.000 ihren historischen Höchststand, praktisch der gesamte Saldo war nicht-europäisch. Das hatten die Tories nicht verhindert, sondern aktiv ermöglicht.

Dass die Erfolgsaussichten der Brexit-Wette bisher sowohl von den Tories wie auch von Labour systematisch unterwandert wurden, spricht aber weniger für den Verbleib in der EU, als gegen die Kompetenz der britischen politischen Eliten. Dazu weiß man bei den begangenen Fehlern jetzt zumindest genau, wer dafür verantwortlich ist.

Das in Europa übliche, gegenseitige Fingerzeigen kann es nicht mehr geben. Das ist in der Tat schon bei den Migrationszahlen zu sehen: Während rechtspopulistische Parteien die gestiegene Zuwanderung als reinen Hohn sehen, ist diese in der Tat einfach eine konkrete nationale Entscheidung gewesen, auf liberalisierte Pflegevisa, wiedereingeführte Post-Study Work Route, großzügigen Familiennachzug und humanitäre Routen für Ukraine und Hongkong zu setzen. 

Ein Mann mit einem blauen Sweatshirt mit den Sternen der EU-Fahne schwenkt eine große EU-Flagge. Im HIntergrund ist eine Flagge der Ukraine zu sehen. Das Bild ist Teil eines Beitrags von Christoph Kletzer über das EU-Referendum am 23. Juni 2016. Bis heute finden am Parliament Square wöchentlich Demonstrationen für den Wiedereintritt in die Europäische Union statt, hier am 17. Juni 2026.
Bis heute finden am Parliament Square wöchentlich Demonstrationen für den Wiedereintritt in die Europäische Union statt, hier am 17. Juni 2026. © Getty Images

Dazu hat sich die von den Remainern wie aus Trotz herbeigewünschte Apokalypse genauso wenig eingestellt wie die Hoffnungen der Brexiteers. Und die Drohkulisse, die vor dem Referendum von Schatzamt, IWF, OECD, genauso wie Universitäten und öffentlichen Stellen aufgezogen wurde, war beachtlich. Das Schatzamt prognostizierte eine sofortige Rezession, einen Einbruch der Hauspreise um zehn bis achtzehn Prozent, eine halbe Million zusätzlicher Arbeitsloser. George Osborne drohte gar mit einem „Punishment Budget“.

Davon eingetreten ist wenig. Keine Rezession, kein Banken-Kollaps. Das Pfund gab nach, aber die Regale blieben voll. Die City hat ihren Platz gegen Frankfurt, Paris und Dublin im Wesentlichen behauptet. Die angekündigte Apokalypse blieb aus. 

Dass Großbritannien seit Jahren in den Seilen hängt und immer tiefer einsinkt, ist unbestreitbar. Ausufernde Staatsverschuldung, effektives Nullwachstum, Rekord-Steuerlast, Investitionsflaute, nicht existente Produktivitätssteigerung, soziale Polarisierung, ein strauchelndes Gesundheitssystem, allerorts Streiks und eine rundum verachtete Regierung. Da gibt es gerade wenig zu feiern.

Wie viel davon dem Brexit anzurechnen ist, ist zweifelhaft, denn in den Planrechnungen muss man eine alternative Geschichte heranziehen, die Phantasieprodukt bleiben muss. Jedenfalls hat sich die Wirtschaft Deutschlands pro Kopf genauso wie insgesamt noch schlechter entwickelt als die Großbritanniens. Man kann ein Land also auch ganz ohne Brexit gut an die Wand fahren. 

Ein gelungenerer Brexit wäre möglich gewesen. Er ist es immer noch. Schauen wir in zehn Jahren. 

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Conclusio

Erkenntnis. Nach dem Brexit wurde offenbar, dass viele Probleme Großbritanniens hausgemacht sind und mit der Überforderung der politischen Eliten zu tun haben. Insbesondere in der Steuerpolitik und in Migrationsfragen wurden falsche Entscheidungen getroffen, argumentiert Christoph Kletzer.

Effekte. Die Wirkung des Brexit ist weitreichend. Mit dem Votum für den Austritt aus der Europäischen Union am 23. Juni 2016 wurde die auf Globalisierung und internationale Kooperation ausgerichtete Nachkriegsordnung symbolisch in Frage gestellt, allerdings zogen die politischen Eliten keine Lehren daraus, kritisiert Kletzer.

Rückwärts. Ein Zurück zur Zeit vor 2016 ist nicht möglich, Kletzer plädiert allerdings für ein Ernstnehmen der Kritik der Leave-Voter, die er den „Somewheres“ zurechnet, die mehr Einfluss der Nationalstaaten und weniger Globalisierung wollen.

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