Was die USA besser machen
Rekord-Börsengänge im Technologiesektor unterstreichen die Stärken der US-Wirtschaft. Innovation, Kapital und Risikobereitschaft treiben das Wachstum an.

Im Juni ereigneten sich mehrere bedeutende Entwicklungen in der Weltwirtschaft. An erster Stelle stand der rekordverdächtige Börsengang von SpaceX, dem in zwei weitere IPOs im Bereich der künstlichen Intelligenz – Anthropic und OpenAI – folgen sollen. Weniger erfreulich ist hingegen, dass die Inflation hoch bleibt und die Staatsverschuldung in den Industrieländern sowie in China weiter zunimmt. Die Zentralbanken versuchen zwar, diesen Herausforderungen zu begegnen, doch die Geldpolitik allein reicht dafür längst nicht mehr aus. Auch die Euphorie über eine mögliche Wiederöffnung der Straße von Hormus dürfte sich als nur vorübergehend erweisen.
Mehr von Michael von Liechtenstein
Der Börsengang von SpaceX war nicht nur wegen seines Umfangs und seiner Bewertung bemerkenswert. Das Unternehmen ist als Konglomerat organisiert – eine Struktur, der Investoren normalerweise eher skeptisch gegenüberstehen. Zum Konzern gehören neben der Raumfahrtsparte auch Kommunikations- und Überwachungsgeschäfte wie Starlink und Starshield sowie X im Bereich soziale Medien und künstliche Intelligenz. Bislang ist allerdings nur eines dieser Geschäftsfelder profitabel.
Gerade die Raumfahrt ist ein langfristiges Vorhaben, das noch erhebliche Investitionen erfordern wird. Ein positiver operativer Cashflow liegt in weiter Ferne. Dennoch dürfte die Raumfahrt zahlreiche technologische Folgeinnovationen hervorbringen, wodurch das Projekt selbst dann wirtschaftlich wertvoll sein kann, wenn die „Besiedlung des Mars“ heute utopisch scheint. Die Geschichte zeigt, dass Utopien durchaus Realität werden können – wenn auch häufig in anderer Form als ursprünglich gedacht.
Die Größe, Professionalität und Risikobereitschaft der amerikanischen Kapitalmärkte bilden eine der wichtigsten Grundlagen für das Wachstum und die Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft und stärken ihre globale Führungsrolle.
Solch ambitionierte Raumfahrtprojekte stehen für unternehmerischen Mut und die Bereitschaft der Investoren, Risiken einzugehen. Die Risikobereitschaft der Kapitalmärkte wird mit den bevorstehenden Börsengängen der beiden KI-Unternehmen Anthropic und OpenAI erneut auf die Probe gestellt. Zwar könnte der Technologiesektor bereits überbewertet sein und weitere Kurskorrekturen erleben. Doch dies dürfte den Innovationsgeist in den Vereinigten Staaten kaum bremsen.
Gerade dieser Unternehmergeist sowie die Größe, Professionalität und Risikobereitschaft der amerikanischen Kapitalmärkte bilden eine der wichtigsten Grundlagen für das Wachstum und die Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft und stärken ihre globale Führungsrolle.
Die Gefahr von Inflation und Staatsverschuldung
Die Inflation bleibt weltweit eine Bedrohung. In den Industrieländern – ebenso wie in China – hängt sie eng mit der hohen Staatsverschuldung und einem überdimensionierten Staatsapparat zusammen. Mitte Juni trafen sich die Zentralbank-Vertreterder wichtigsten Währungsräume, um über Zinssätze und Inflationsentwicklung zu beraten. Doch die Teuerung lässt sich nicht bremsen, solange die expansive Fiskalpolitik die Preise anheizt.
Die Vereinigten Staaten sind dabei keineswegs ein Vorbild; auch dort verschärft sich die Lage zunehmend. Ein häufig übersehener Aspekt ist zudem die implizite Staatsverschuldung – insbesondere Verpflichtungen aus Renten- und Gesundheitssystemen. Trotz aller Probleme schneiden die USA in diesem Punkt besser ab als Europa. Die Fähigkeit, Schulden zu bedienen, wird in den Vereinigten Staaten zudem durch eine deutlich höhere Produktivität gestützt.
China steht vor der größten Herausforderung, da dort eine rasch alternde und schrumpfende Bevölkerung mit vergleichsweise niedriger Produktivität zusammentrifft.
Es gibt noch weitere Gründe, die optimistischer auf die amerikanische Wirtschaft blicken lassen als auf andere große Wirtschaftsregionen.
Bereits angesprochen wurden die Kapitalmärkte. Obwohl die USA aus 50 Bundesstaaten bestehen, verfügen sie über einen einheitlichen, hochflexiblen Kapitalmarkt. Kapital fließt dort überwiegend in die aussichtsreichsten Projekte und wird vergleichsweise wenig durch bürokratische oder technokratische Planungsmechanismen gelenkt. Hinzu kommt ein gesunder regulatorischer und wirtschaftlicher Wettbewerb zwischen den Bundesstaaten, der die Innovationskraft zusätzlich stärkt.
In den USA fließt Kapital überwiegend in die aussichtsreichsten Projekte und wird vergleichsweise wenig durch bürokratische oder technokratische Planungsmechanismen gelenkt.
In China hingegen dominiert der Staat weiterhin die Kapitalallokation, sodass politische Prioritäten häufig Vorrang vor marktwirtschaftlichen Entscheidungen haben. Die Europäische Union wiederum ist bis heute nicht in der Lage gewesen, einen wirklich integrierten europäischen Kapitalmarkt zu schaffen. Viele europäische Zentralisten scheinen davon auszugehen, dass hierfür neben dem Binnenmarkt auch eine gemeinsame Wirtschafts- und Regulierungspolitik notwendig sei – wodurch der verbleibende positive Wettbewerb zwischen den Mitgliedstaaten weiter eingeschränkt würde.
Produktivität und Demografie
Aufgrund seiner Bevölkerungsgröße hat China grundsätzlich das Potenzial, zur größten Volkswirtschaft der Welt aufzusteigen – jedoch nicht zwangsläufig zur stärksten. Die Arbeitsproduktivität pro Kopf liegt weiterhin deutlich unter jener der Vereinigten Staaten und auch der europäischen, zudem wächst die amerikanische Produktivität jährlich um rund zwei Prozent.
Mit seinem Modell aus kommunistischer Zentralisierung, marxistischer Ideologie und der widersprüchlichen Vorstellung einer „sozialistischen Marktwirtschaft“ dürfte es China schwerfallen, die Produktivität pro Kopf nachhaltig zu steigern – selbst bei Zugang zu modernster Technologie.
Gleichzeitig ermöglicht die große Zahl hervorragend ausgebildeter Arbeitskräfte China, Europa zunehmend im hochwertigen Industriesektor Konkurrenz zu machen. Dem steht jedoch die größte strukturelle Herausforderung des Landes gegenüber: eine alternde und schrumpfende Bevölkerung.
Europa war und ist teilweise noch immer führend im hochwertigen Maschinen- und Industriebau, geprägt von Innovationskraft und einer breiten industriellen Basis. Besonders Deutschland zeichnete sich durch seine familiengeführten Unternehmen aus; viele der sogenannten „Hidden Champions“ stammen aus Europa. Doch zunehmende staatliche Eingriffe, Überregulierung, Infrastrukturdefizite und hohe Energiepreise gefährden diese Position.
Die Vereinigten Staaten haben hingegen weitgehend energiepolitische Unabhängigkeit zu wettbewerbsfähigen Preisen erreicht. China investiert massiv in den Ausbau seiner Energieversorgung und der Kernenergie. Deutschland dagegen leidet unter deutlich gestiegenen Energiekosten, die nach Ansicht des Autors das Ergebnis einer ideologisch geprägten und gescheiterten Energiepolitik sind.
Risikobereitschaft als Wettbewerbsvorteil
Die Investitionsausgaben amerikanischer Unternehmen beliefen sich 2025 auf mehr als drei Billionen US-Dollar. Selbst wenn die verfügbaren Zahlen gewisse Ungenauigkeiten enthalten, entspricht dies mehr als dem Doppelten des Investitionsvolumens der Europäischen Union. Für China sind exakte Daten schwieriger zu ermitteln, da staatliche und private Investitionen oft nicht klar voneinander getrennt werden können. Dennoch verdeutlichen die Zahlen, dass amerikanische Unternehmen entschlossen sind, ihre Führungsrolle bei Innovation und Produktivitätssteigerung auszubauen.
Hinzu kommt ein weiterer entscheidender Vorteil: Amerikanische Unternehmer – und die amerikanische Gesellschaft insgesamt – sind bereit, Risiken einzugehen und betrachten Scheitern nicht als Makel. Innovation ist immer mit dem Risiko des Misserfolgs verbunden.
Europäer hingegen gehen häufig weniger tolerant mit Fehlschlägen um. Dadurch sinkt die Bereitschaft, unternehmerische Risiken einzugehen, und eine zweite Chance ist oftmals schwer zu erhalten. Hinzu kommt ein weiterer kultureller Faktor: Erfolg wird vielerorts mit Neid betrachtet. Jahrzehntelange Wohlfahrtsstaatspolitik haben nach Ansicht des Autors eine Neidkultur gefördert, die von politischen Akteuren immer wieder aufgegriffen und genutzt wird.
Bislang lag der Fokus auf Nordamerika, China und Europa. Doch zunehmend gewinnen auch Länder der sogenannten „Globalen Mehrheit“ (Global Majority) an Bedeutung. Die nördliche Hemisphäre ist nicht länger alleiniger Motor des weltweiten Wachstums. Künftig wird der Blick stärker auf neue wirtschaftliche Aufsteiger gerichtet sein – darunter Brasilien, Indien, Indonesien, die Türkei und weitere Staaten. Diese Länder können sowohl aus den Erfolgen als auch aus den Fehlern der entwickelten Volkswirtschaften lernen. Für Unternehmen und Investoren wird die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit diesen Staaten künftig ein entscheidender Erfolgsfaktor sein – und die Strategien der Vereinigten Staaten passen sich bereits an diese neue Realität an.
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