Putins willige Kirche

Die Russisch-Orthodoxe Kirche liefert Wladimir Putin den ideellen Rückhalt für die Invasion in die Ukraine. Schamlos machtbesessen verrät sie damit die eigene Tradition und christliche Werte.

Wladimir Putin verleiht Patriarch Kirill von Moskau und ganz Russland den Präsidentenpreis für Verdienste um die Stärkung der nationalen Einheit Russlands. Tag der nationalen Einheit, Moskau, 4. November 2025. Das Bild illustriert einen Artikel daüber, wie die Russisch-Orthodoxe Kirche Waldimir Putin den ideellen Rückhalt für die Invasion in die Ukraine liefert.
Wladimir Putin und Patriarch Kirill von Moskau und ganz Russland bei der Verleihung des Präsidentenpreises für Verdienste um die Stärkung der nationalen Einheit Russlands. Tag der nationalen Einheit, Moskau, 4. November 2025. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Sakralisierte Herrschaft. Putin inszeniert sich als Schutzherr einer überstaatlichen „Heiligen Rus“, die auch die Ukraine und Belarus einschließt.
  • Heiliger Krieg. Patriarch Kyrill hat die Russisch-Orthodoxe Kirche zu einer ideologischen Stütze des Regimes gemacht, die Putins imperialem Herrschaftsanspruch religiöse Weihen verleiht.
  • Unheilige Allianz. Aus dem orthodoxen Ideal der Symphonia zwischen Kirche und Staat ist eine Verbindung aus sakralisierter Herrschaft, militärischer Gewalt und politischer Repression geworden.
  • Quasireligiöser Staatskult. Mit der Hauptkirche der russischen Streitkräfte verschmilzt christliche Symbolik mit sowjetischem Siegeskult und militärischem Nationalismus.

Am Vorabend des diesjährigen Tages der Taufe der Rus zog eine kirchliche Prozession durch Smolensk. Der örtliche Metropolit erinnerte dabei nicht nur an den heiligen Großfürsten Wladimir als „Begründer der Heiligen Rus“. Er bezeichnete ihn zugleich als himmlischen Schutzpatron des russischen Oberbefehlshabers und Staatschefs Wladimir Putin. Der mittelalterliche Kyjiwer Großfürst und der heutige Kremlherrscher wurden damit zu einer einzigen sakralen Kontinuitätslinie verschmolzen.

Diese Symbolik bringt das politische und historische Selbstverständnis der russischen Staatsführung auf den Punkt. Darin erscheint Putin als Schutzherr einer vermeintlich überstaatlichen „Heiligen Rus“, die aus russischer Sicht auch die Ukraine und Belarus einschließt. Dass die Taufe der Rus ihren Ausgangspunkt im mittelalterlichen Kyjiw nahm, wird dabei entweder vereinnahmt oder ignoriert.

Eine unheilige Allianz

Die Russisch-Orthodoxe Kirche liefert dem imperialen Geschichtsbild des Kremls die religiöse Legitimation. Seit Beginn der Vollinvasion begleiten Geistliche die russischen Streitkräfte, segnen Soldaten und militärisches Gerät für den Fronteinsatz und erklären die sogenannte Spezialmilitäroperation zu einem „Kampf um die geistige und kulturelle Einheit der ‚Heiligen Rus‘“.

Darin liegt der eigentliche religiöse Abgrund dieses Krieges. Orthodoxe Priester sakralisieren Gewalt gegen ein überwiegend christliches Nachbarland und gegen Menschen, die vielfach derselben orthodoxen Glaubenstradition angehören. Der Angriff auf die Ukraine wird mithilfe eines Kirchen- und Geschichtsverständnisses gerechtfertigt, das den Ukrainern das Recht auf eine eigenständige nationale und kirchliche Existenz abspricht.

Wladimir Putin sieht sich als durch Staatsglauben, Landesgeschichte und Herrschaftsgewalt geheiligter Zar, dessen Wort seinen Heerscharen zum Sieg verhelfen soll.

Wie weit diese Sakralisierung und Personalisierung der Herrschaft reicht, zeigte sich zuletzt beim orthodoxen Weihnachtsfest im Jänner 2025. Damals segnete Patriarch Kyrill Kreuze und Ikonen für russische Soldaten in der Ukraine. Auf ausdrücklichen Wunsch Wladimir Putins sollten dessen Initialen in einzelne Kettenglieder der Kreuze eingraviert werden. Die Gegenstände waren für Kommandanten bestimmt, die nach Darstellung des Kremls „besonders wichtige Aufgaben“ im Kriegsgebiet erfüllten.

Das wahre Selbstverständnis des russischen Machthabers wurde damit unverhüllt offengelegt. Wladimir Putin sieht sich als unangefochtener Herrscher über die ganze Rus – als ungekrönter und ungesalbter, doch durch Staatsglauben, Landesgeschichte und Herrschaftsgewalt geheiligter Zar, dessen Wort seinen Heerscharen zum Sieg verhelfen soll. Wie angesichts eines derartigen Selbst- und Weltbildes ehrliche Friedensverhandlungen aussehen könnten, bleibt rätselhaft.

Während sich Putin zunehmend als Schutzherr einer überstaatlichen „Heiligen Rus“ inszeniert, verleiht die Führung der Russisch-Orthodoxen Kirche dem Krieg gegen die Ukraine religiöse Weihen. Aus dem byzantinisch-orthodoxen Idealbild der Symphonia, eines harmonischen Miteinanders zwischen Kirche und Staat, ist eine unheilige Allianz aus sakralisierter Herrschaft, militärischer Gewalt und politischer Repression geworden. Doch wie konnte die Kirche, die im 20. Jahrhundert selbst Opfer staatlicher Verfolgung war, zu einem derart willfährigen Instrument des Kremls werden?

Vom Verfolgten zum Verbündeten

Seit den frühen 1990er-Jahren gewann die Russisch-Orthodoxe Kirche enorm an gesellschaftlichem Ansehen. Sie zählt in den Meinungsumfragen neben dem Präsidenten, der Armee und dem Geheimdienst zu einer der vertrauenswürdigsten Institutionen des modernen Russlands.

Dabei war die Kirche nach der Oktoberrevolution von 1917 bis in die späten 1980er-Jahre zahlreichen Repressionen ausgesetzt, die ihren Höhepunkt in den 1920er- und 1930er-Jahren erreichten, als Kirchen und Klöster entweiht und zerstört, Kircheneigentum massenhaft beschlagnahmt und Geistliche willkürlich zu Gefängnis- und Todesstrafen verurteilt wurden. So stand an der Stelle der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau – seit dem 19. Jahrhundert das zentrale Gotteshaus der russischen Orthodoxie, das unter Josef Stalin gesprengt und nach dem Zerfall der Sowjetunion wiederaufgebaut wurde – von 1958 bis 1994 das größte Schwimmbad der UdSSR.

Unter diesem Druck sah sich die Kirchenführung gezwungen, sich der atheistischen Staatsführung des „weltweit ersten Staates der kämpfenden Gottlosen“ zu unterwerfen und mit der Geheimpolizei KGB zusammenzuarbeiten.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion hat sich jedoch einiges getan. Die Kirche genießt die Gunst des Staates, Patriarch Kyrill sitzt bei allen Großereignissen in den ersten Reihen in unmittelbarer Nähe von Wladimir Putin und scheut sich nicht vor umstrittenen Aussagen und Urteilen.

Im Austausch für gesellschaftspolitischen Einfluss und die damit einhergehende schrittweise Klerikalisierung des öffentlichen Lebens machte Patriarch Kyrill die Russisch-Orthodoxe Kirche zu einer Vorkämpferin bei der „Verteidigung der traditionellen Werte“ und zu einem willfährigen Machtinstrument der Staatsführung.

Der Schulterschluss zwischen Kirche und Militär ist kaum zu übersehen.

Spätestens nach Beginn der Invasion im Februar 2022 kommt der Russisch-Orthodoxen Kirche eine äußerst aktive propagandistische Rolle zu. Die unheilige Allianz aus klerikalem Einfluss und staatlichem Repressionsapparat nimmt mittlerweile unverschämte Ausmaße an. Insbesondere der Schulterschluss zwischen Kirche und Militär ist kaum zu übersehen.

Die Hauptkirche der russischen Streitkräfte

Im Laufe der Jahrhunderte wurden zahlreiche Kirchen zur Erinnerung an die militärischen Siege des Moskauer Fürstentums und des Russischen Reiches errichtet. So war beispielsweise die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau in Erinnerung an den Sieg gegen Napoleon errichtet worden. Vor allem aber zeugten die Gotteshäuser von der andächtigen Erinnerung des Volkes an die Gefallenen und vom Dank an das Ende der Kriegshandlungen. Die Kirche sah ihre Aufgabe darin, durch das Gedenken an die Toten an die Schrecken des Krieges zu erinnern, ohne diese zu rechtfertigen; diese Rechtfertigung überließ sie die längste Zeit dem Staat.

Bei der Hauptkirche der Streitkräfte Russlands wich Patriarch Kyrill bewusst von diesem historischen Pfad ab. Der riesige Tempel in Tarnfarbengrün wurde im Juni 2020 anlässlich des 75. Jahrestages des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg im Park Patriot im Moskauer Gebiet feierlich eingeweiht. Die Kirche ist voller architektonischer Symbolik.

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Zahlen & Fakten

Hauptkirche der Streitkräfte Russlands.
Hauptkirche der Streitkräfte Russlands. © Sergey Sebelev, CC BY-SA 4.0

• Der Durchmesser der Hauptkuppel beträgt 19,45 Meter.
• Der Glockenturm ist 75 Meter hoch.
• Die Höhe der kleinen Kuppel beträgt 14,18 Meter, was der Anzahl der 1418 Kampftage während des Großen Vaterländischen Krieges entspricht.
• In Erinnerung an die 150. Schützendivision des 79. Schützenkorps der 3. Armee der Belarusischen Front, die ihre Fahne über dem Reichstag hisste, beträgt die Länge eines jeden der Pfähle des Plattenfundaments jeweils 15 Meter.
• Die Kirche wird von einem 1418 meterlangen multimedialen Gedenk- und Ausstellungskomplex „Straße des Gedenkens“ umgeben.

In der Kirche und im anliegenden Museumskomplex finden sich zahlreiche merkwürdige Symbole und – gelinde gesprochen – seltsame „Reliquien“, wie beispielsweise die Schirmmütze Adolf Hitlers, sowie Graberde von Gräbern sowjetischer Soldaten von verschiedenen Friedhöfen Europas. Nicht wenige Beobachter fühlen sich deswegen beim Anblick der Kirche vielmehr an einen heidnischen Tempel als an ein christliches Gotteshaus erinnert.

Damit setzte die Kirche einen Meilenstein in der Transformation des stillen Gedenkens an die sowjetischen Opfer des Zweiten Weltkrieges in einen „Todeskult des Großen Sieges“.

Gleichschaltung statt Harmonie

Als die Vollinvasion der Ukraine begann, versprach Patriarch Kyrill die Sünden der im Krieg gefallenen russischen Soldaten zu vergeben. Auch wenn die Idee der Sündenvergebung der im Krieg Gefallenen nicht neu ist, bleibt die Sünde des Tötens am Schlachtfeld grundsätzlich eine Sünde, gänzlich unabhängig von allfälligen „hehren Motiven“.

Die pseudoreligiösen Vorgaben erinnern an Propagandavideos der palästinensischen Terrorgruppe Hamas.

Einen wesentlichen Beweggrund für die Invasion in der Ukraine sah Kyrill in der Notwendigkeit, gegen Gay-Pride-Paraden vorzugehen. Diese stellen seines Erachtens „eine klare Loyalitätserklärung“ an die „verdorbene westliche Welt“ dar: „Heute gibt es einen Loyalitätstest, eine Art Passierschein in eine ‚glückliche Welt‘, eine Welt des exzessiven Konsums, eine Welt der scheinbaren Freiheit. Kennen Sie diesen Test? Der Test ist sehr einfach und schrecklich zugleich – es ist eine Gay-Pride-Parade. […] Und wir wissen, dass Menschen oder Staaten, die diese Loyalitätsbekundung verweigern, niemals Teil dieser Welt werden können, sondern ihr stets fremd bleiben.“

Die enge Verwebung zwischen Kirche und Staat führt zu einer vorbehaltlosen Rechtfertigung aller russischen Untaten und Kriegsverbrechen in der Ukraine. So beschwor der umtriebige Erzpriester Andrej Tkatschjew bei einem Vortrag vor russischen Militärs, beim Laden und Abschuss der Artillerie unbedingt zu beten. Dass die russische Artillerie auch friedliche Ziele ins Visier nimmt und unzählige Unschuldige tötet, schien „Vater“ Andrej nicht zu interessieren. Denn schließlich haben die Militärs ihre Pflicht zu erfüllen, so Andrej Tkatschjew sinngemäß. Unwillkürlich erinnern diese pseudoreligiösen Vorgaben an Propagandavideos der palästinensischen Terrorgruppe Hamas.

Repressionen gegen Kritiker

Kritiker der Vereinnahmung der Kirche durch den Staat werden unter Druck gesetzt und zum Schweigen genötigt; jedwede Widerrede wird gnadenlos bestraft. Mithilfe des staatlichen Repressionsapparates wird jedwede innerkirchliche Opposition schrittweise mundtot gemacht.

Nur ein Beispiel von vielen: Mönchspriester Ioann Kurmojarow kritisierte das Vorgehen der russischen Armee in der Ukraine aus christlicher Sicht und äußerte Kritik an der Hauptkirche der Streitkräfte Russlands. Die Mosaiken, die Soldaten der Roten Armee, Mitglieder der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und zahlreiche kommunistische Symbole zeigen, verletzten die Gefühle der Gläubigen, so Kurmojarow. Der Priester forderte, derartige Mosaiken sowie Wandreliefs mit Abbildungen von Waffen aus der Kirche zu entfernen. Im Frühjahr 2023 wurde Vater Ioann wegen dieser Veröffentlichungen seines Amtes enthoben. Wenig später verurteilte das Gericht ihn wegen „Diskreditierung der russischen Armee“ zu drei Jahren Haft.

Kein gutes Omen

Im Streben der offiziellen kirchlichen Führung nach einem größeren gesamtstaatlichen Einfluss verkam die Russisch-Orthodoxe Kirche zu einer primitiven Dienerin des brutal-zynischen russischen Regimes und einer bloßen Mittlerin von zunehmend quasireligiös esoterischen Botschaften, die zu allem Überdruss auch eine Verleugnung der christlichen Lehren darstellen.

Wir kennen eine ähnlich schamlose Machtbesessenheit der Staatskirche aus dem Russland des frühen 20. Jahrhunderts, als die gesellschaftliche Faszination für das Okkulte absurde Ausmaße annahm. Es folgten ein verlorener Weltkrieg, zwei Revolutionen, die Machtergreifung durch die Bolschewiken, ein blutiger Bürgerkrieg, unzählige brutale gesellschaftliche Experimente, Blut, Tod und Zerstörung. Wahrhaft kein gutes Omen für das heutige Russland.

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Conclusio

Unterwerfung. Indem die Führung der Russisch-Orthodoxen Kirche den Krieg gegen die Ukraine militärisch und politisch legitimiert, hat sie sich freiwillig zum Machtinstrument des Kremls gemacht.

Verleugnung. Indem sie Angriffskrieg, imperiale Herrschaft und politischen Gehorsam sakralisiert, verleugnet sie zentrale Grundsätze ihrer eigenen christlichen Lehre.

Böses Omen. Die Verbindung von Staatsmacht, Kriegskult und quasireligiöser Herrscherverehrung ist kein Zeichen einer geistigen Wiedergeburt Russlands, sondern ein historisch düsteres Omen.

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