Wie der Krieg in Nahost Putin hilft und schadet
Russland und Iran haben im Nahen Osten lange als antiwestliche Kräfte kooperiert, doch der US‑israelische Angriff auf das Regime in Teheran besiegelt langfristig den schwindenden regionalen Einfluss Moskaus.

Auf den Punkt gebracht
- Machtlos. Der Krieg gegen den Iran legt die Grenzen russischer Machtprojektion im Nahen Osten offen.
- Zweckehe. Russland und Iran waren nie klassische Verbündete, sondern Zweckgemeinschaft in einer asymmetrischen strategischen Kooperation.
- Vorteil. Kurzfristig profitiert Russland dennoch vom Krieg, vor allem durch steigende Energiepreise und durch die Konkurrenz um westliche Aufmerksamkeit.
- Nachteil. Russland verliert weiter an regionaler Gestaltungsmacht und offenbart die Handlungsgrenzen seines antiwestlichen Netzwerks.
Der Krieg gegen den Iran schafft für Russland eine paradoxe Lage. Kurzfristig profitiert der Kreml von höheren Energiepreisen, von der potentiellen Umleitung westlicher Luftverteidigung in den Nahen Osten sowie von einer Verlagerung politischer Aufmerksamkeit weg von der Ukraine. Mittel- bis langfristig jedoch legt der Irankonflikt die Grenzen russischen Einflusses offen. Moskau hat sich jahrelang als unverzichtbarer Machtvermittler im Nahen Osten präsentiert. Nun zeigt sich, dass Russland nach dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien seinen wichtigsten regionalen Partner weder wirksam schützen noch die regionale Eskalation entscheidend beeinflussen kann. Darin liegt die eigentliche Pointe: Russlands Gewinn ist taktisch, sein Verlust strategisch.
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Russland und Iran: Keine klassische Allianz
Die russisch-iranische Annäherung der vergangenen Jahre wurde häufig als Achse oder gar als Allianz beschrieben. Das war überzogen. Treffender ist die Beschreibung einer asymmetrischen strategischen Kooperation. Russland und Iran verband weniger ein gemeinsames Ordnungsprojekt als ein gemeinsamer Gegner, der Westen, sowie eine Reihe konkreter militärischer, technologischer und politischer Tauschbeziehungen.
Seit 2022 gewann dieses Verhältnis deutlich an Tiefe. Teheran lieferte Russland Shahed-Drohnen, die zur Grundlage russischer Geran-Drohnenentwicklung wurden, und unterstützte damit eine Kriegsführung, die auf Zermürbung, Infrastrukturschäden und die permanente Überlastung der ukrainischen Luftabwehr zielt. Im Januar 2025 unterzeichneten beide Staaten zudem einen auf zwanzig Jahre angelegten Partnerschaftsvertrag, der eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Sicherheit, Militär, Nachrichtendienste und Energie vorsah.
Zahlen & Fakten
Waffenbrüder: Rüstungsdeals zwischen Russland und Iran

- 4 Milliarden US‑Dollar: Gesamtwert der Waffen, die Iran seit 2021 an Russland verkauft hat, wie Bloomberg berichtete.
- 2,7 Milliarden US‑Dollar: Wert der gelieferten Raketen.
- mehrere hundert Fath‑360‑Kurzstreckenraketen: ballistische Raketen mit kurzer Reichweite, geliefert auf Basis eines Vertrags von Ende 2021.
- 1,75 Milliarden US‑Dollar: Wert des Vertrags von Anfang 2023 über Shahed‑136‑Drohnen sowie Unterstützung beim Aufbau der russischen Produktion der Geran‑2 (russische Version der Drohne).
- etwa 200 Flugabwehrraketen: von Iran an Russland geliefert.
Entscheidend ist jedoch, was dieser Vertrag gerade nicht enthielt: keine gegenseitige Beistandsklausel im Gegensatz zum russisch-nordkoreanischen Abkommen. Damit blieb der Iran für Moskau lange ein nützlicher Partner. Denn schließlich band Teheran die Aufmerksamkeit des Westens, lieferte Waffen und wirkte als regionaler Störfaktor, ohne Russland in eine direkte Konfrontation mit Israel oder den USA hineinzuziehen.
Gerade deshalb blieb der Kreml bei Waffenlieferungen an Teheran selektiv und vermied es, die roten Linien vollständig zu überschreiten. Besonders in Syrien zeigte sich die Flexibilität russischer Politik: Moskau kooperierte zwar mit Iran auf Seiten Assads, hielt seine Unterstützung jedoch politisch austariert. Mit Israel wurde 2015 ein Koordinationsabkommen geschlossen, das verhindern soll, dass sich die Streitkräfte beider Länder in Syrien unbeabsichtigt in die Quere kommen.
Die Beziehung zum Iran war für Russland wichtig und funktional wertvoll, aber nie bündnispolitisch bindend.
Phasenweise hielt sich Moskau bei der Lieferung sensibler Luftabwehrsysteme zurück. Außerdem stimmte man sich im Kreml auch mit der Türkei ab. All das zeigt, dass Russland gegenüber Teheran keine starre Bündnislogik verfolgte, sondern eine pragmatische Balancepolitik. Die Beziehung war für Russland wichtig und funktional wertvoll, aber nie bündnispolitisch bindend.
Die Asymmetrie dieser Partnerschaft zeigt sich inzwischen auch militärisch. Während die Ukraine bei Luftverteidigung und Munition vom Westen abhängig bleibt, ist Russland von iranischen Lieferungen heute deutlich weniger abhängig als in den ersten Jahren seit der Invasion. Ein wesentlicher Teil der Shahed-Produktion wurde inzwischen nach Russland verlagert, die Technologie übertragen, die Lieferketten diversifiziert. Damit sinkt der unmittelbare militärische Schaden für Moskau, falls der Iran über längere Zeit als Lieferant ausfallen sollte.
Störfaktor
Russlands Einfluss im Nahen Osten zielte selbst auf dem Höhepunkt seines Syrien-Engagements nie darauf ab, die Region zu dominieren. Moskau fungierte nicht als Ordnungsmacht, sondern als Vermittler und Störakteur. Seine Stärke lag in begrenzter, aber gezielt eingesetzter Militärmacht, in diplomatischer Flexibilität und in der Fähigkeit, mit nahezu allen relevanten Akteuren zugleich sprechen zu können: mit Israel, dem Iran, der Türkei, den Golfstaaten, Syrien und auch mit den USA.
Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine erodierte diese Position allerdings sichtbar. Der Ukraine-Krieg hat Russlands Fähigkeit, regionale Entwicklungen im Nahen Osten aktiv mitzugestalten, deutlich eingeschränkt. In weiterer Folge schwächte das Ende des verbündeten Assad-Regimes in Syrien die russische Fähigkeit zur Machtprojektion weiter.
Die Lehren aus dem Krieg in der Ukraine
Der Krieg gegen den Iran setzt diese Entwicklung fort. Dass Moskau Teheran rhetorisch unterstützt, militärisch aber kaum mehr als begrenzte indirekte Hilfe leisten kann, ist ein deutliches Symptom reduzierter Handlungsfähigkeit. Auch der mutmaßliche Austausch von Aufklärungs- und Zieldaten ändert wenig daran. Sollte sich bestätigen, dass Russland Informationen über US-amerikanische Ziele in der Region lieferte, würde es sich eher um asymmetrische Nadelstiche gegenüber Washington als um echten Beistand für Teheran handeln.
Nicht ernst genommen
Die offizielle US-Reaktion blieb bislang zurückhaltend. Die Trump-Administration vermied eine scharfe Verurteilung und spielte die Bedeutung möglicher russischer oder auch chinesischer Hilfen für den Iran herunter. Trump relativierte gar Moskaus Handeln mit dem Hinweis auf die US-Unterstützung für die Ukraine.
Dennoch wäre Russland selbst bei einem möglichen Sturz des Mullah‑Regimes keineswegs völlig bedeutungslos in der Region. Moskau bleibt als Vetomacht im UN-Sicherheitsrat, als Waffenproduzent und als diplomatischer Akteur relevant. Der Kreml kann weiterhin blockieren, stören und punktuell vermitteln, nicht jedoch die regionale Ordnung mitgestalten. Für Moskau ist das besonders problematisch, weil der Kreml über Jahre genau das Bild einer global handlungsfähigen Großmacht kultiviert hat.
Die kurzfristigen Vorteile
Kurzfristig spricht vieles dafür, dass Russland von der Eskalation profitiert. Die Energiepreise sind deutlich gestiegen, und Moskau gewinnt davon überproportional. Die Rohölmarke Brent legte binnen einer Woche um rund 25 Prozent zu, während der Preis für russisches Urals-Öl um rund 50 Prozent stieg. Für einen Rohstoffstaat wie Russland ist das politisch hochgradig relevant. Höhere Preise entlasten den Staatshaushalt und verschaffen dem Kreml zusätzlichen finanziellen Spielraum für die Fortführung des Krieges gegen die Ukraine.
Auch die westliche Sanktionspolitik könnte dadurch unter Druck geraten, weil Märkte in Krisenzeiten Versorgungssicherheit oft höher gewichten als konsequente Sanktionstreue.
Gleichzeitig wäre es zu simpel, daraus eine automatische Gewinnlogik abzuleiten. Nicht jeder Ölpreisanstieg kommt Russland im gleichen Maß zugute. Entscheidend bleiben Preisdeckel, Abschläge auf russisches Öl, Transport- und Versicherungskosten sowie die Aufnahmekapazität zentraler Abnehmer wie Indien und China. Die Grundrichtung ist dennoch klar: Solange Lieferungen aus dem Golf gefährdet sind, steigt die strategische Attraktivität russischer Exporte.
Auch die westliche Sanktionspolitik könnte dadurch unter Druck geraten, weil Märkte in Krisenzeiten Versorgungssicherheit oft höher gewichten als konsequente Sanktionstreue. Für einen relativen Gewinn braucht der Kreml nicht einmal eine formelle Lockerung der Sanktionen. Schon eine nachlässigere Durchsetzung oder größere Toleranz gegenüber Zwischenhändlern würde helfen. Dieser Vorteil bleibt jedoch taktischer Natur. Er erhöht Russlands finanzielle Flexibilität, erweitert aber nicht automatisch Moskaus politischen Gestaltungsspielraum.
Die Ukraine zahlt
Noch wichtiger als die Energiefrage ist aus russischer Sicht der Wettbewerb um westliche Prioritäten, Bestände und Produktionskapazitäten. Ein längerer Krieg gegen den Iran würde politische und mediale Aufmerksamkeit sowie militärisch-industrielle Ressourcen binden.
Besonders sichtbar wird das bei der Luftverteidigung. Nach Reuters-Angaben werden im Nahen Osten PAC-3-Patriot-Abfangraketen eingesetzt, also genau jene Systeme, auf die auch die Ukraine zum Schutz ihrer Energie- und Militärinfrastruktur vor ballistischen Raketen angewiesen ist. Lockheed Martin produziert derzeit rund 600 PAC-3 pro Jahr. Nach Einschätzung des ukrainischen Sicherheitsexperten Serhii Kuzan reicht diese Zahl schon jetzt nicht aus, um den Bedarf der USA, der Golfstaaten und der Ukraine zugleich zu decken.
Russland und Venezuela: Putin in der Defensive
Gewiss ließe sich einwenden, dass die USA und ihre Verbündeten ihre Produktionskapazitäten gerade aufgrund paralleler Konflikte ausbauen und mittelfristig durchaus beide Schauplätze bedienen könnten. Das ist nicht ausgeschlossen. Entscheidend ist jedoch die kurzfristige Verfügbarkeit von Beständen, die politische Priorisierung und die operative Dringlichkeit einzelner Kriegsschauplätze. Genau dort liegt Russlands potentieller Vorteil.
Je mehr politische Energie, militärische Produktionskapazität und operative Aufmerksamkeit in den Nahen Osten fließen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit von Verzögerungen, Engpässen und Prioritätenverschiebungen zu Lasten der Ukraine. In einem Abnutzungskrieg ist bereits das ein strategischer Gewinn.
Dennoch verwundbar
Der Krieg gegen den Iran nützt Russland also nicht uneingeschränkt. Er birgt für den Kreml auch erhebliche Risiken. Das gilt zunächst für die Logistik. Umschlagplätze im Golf sind für russische Netzwerke zur Umgehung von Sanktionen und zur Beschaffung kritischer Güter von zentraler Bedeutung – insbesondere bei sogenannten Dual‑Use‑Gütern, also Produkten, die sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden können. Eine längerfristige Störung dieser Routen würde Russlands Lieferketten verteuern, verlangsamen und organisatorisch erheblich verkomplizieren, auch wenn Ausweichmöglichkeiten über die Türkei, den Südkaukasus oder Zentralasien bestehen.
Ein kollabierendes Regime in Teheran würde Russland hingegen nicht nur einen Partner kosten, sondern auch die Grenzen des antiwestlichen Netzwerks offenlegen.
Gravierender ist jedoch die politische Ordnung der Region selbst. Russland hatte im Nahen Osten stets zwei Entwicklungen zu vermeiden versucht: einen Iran, der sich mit dem Westen arrangiert und damit aus der antiwestlichen Front ausschert, und einen großen Krieg, der das Regime destabilisiert, Russlands Einflusshebel zerstört und unkontrollierbare Folgeeffekte auslöst. Für den Kreml war ein schwacher, aber überlebensfähiger Iran daher die günstigste Konstellation, stark genug, um den Westen zu beschäftigen, aber schwach genug, um auf russische diplomatische Deckung angewiesen zu bleiben.
Ein kollabierendes Regime in Teheran würde Russland hingegen nicht nur einen Partner kosten, sondern auch die Grenzen des antiwestlichen Netzwerks offenlegen. Der Kreml könnte dann weder behaupten, seine Partner wirksam zu stützen, noch auf Sicht als belastbarer regionaler Machtvermittler auftreten.
Die strategische Ironie des Irankrieges
Darin liegt die tiefere Ironie dieses Krieges. Russland hat über Jahre eine Welt propagiert, in der Einflusssphären, Machtpolitik und militärische Gewalt mehr zählen als Institutionen und allgemeinverbindliche Regeln. Nun zeichnet sich unter US-amerikanischem Druck tatsächlich eine solche Ordnung ab. Doch Russland ist nicht ihr Gestalter, sondern höchstens ein begrenzter Nutznießer. Der Kreml kann an steigenden Rohstoffpreisen verdienen. Er kann von westlicher Überdehnung profitieren. Er kann darauf setzen, dass die Ukraine im Wettbewerb um Luftverteidigung, Munition und politische Aufmerksamkeit weiter unter Druck gerät.
All das ändert jedoch nichts an der entscheidenden Tatsache: Russland ist im Nahen Osten wie auch in anderen Weltregionen heute deutlich weniger durchsetzungsfähig, als es seine eigene Großmachtrhetorik über Jahre behauptet hat. Genau darin liegen Putins strategisches Problem und die eigentliche Demütigung für den Kreml. Russland kann die globale Instabilität noch zum eigenen Vorteil ausnutzen, ist aber immer weniger in der Lage, diese selbst mitzugestalten.
Conclusio
Zweischneidiges Schwert. Der Krieg gegen den Iran verschafft Russland kurzfristig Vorteile: Steigende Ölpreise stabilisieren den russischen Staatshaushalt, und die Konkurrenz um Luftverteidigung, Munition und industrielle Kapazitäten engt den westlichen Handlungsspielraum gegenüber der Ukraine zusätzlich ein. Gleichzeitig macht der Konflikt sichtbar, dass Moskau im Nahen Osten längst nicht mehr jene Reichweite besitzt, die es über Jahre für sich reklamierte.
Machtverlust. Russland profitiert nicht, weil es den Konflikt gestaltet, sondern weil andere Akteure gezwungen sind, Ressourcen, Aufmerksamkeit und politische Prioritäten in ihn zu investieren. Der Kreml gewinnt taktisch durch die Schwäche anderer, aber nicht strategisch aus eigener Stärke. Mittel- und langfristig zeigt der Krieg gegen den Iran vielmehr, dass Russland seine Partner nur eingeschränkt stützen kann und regionale Ordnungen immer weniger selbst prägt.
Fokus behalten. Europa darf sich vom Irankrieg nicht ablenken lassen. Wer verhindern will, dass Russland aus westlicher Überdehnung zusätzlichen Nutzen zieht, muss die Unterstützung der Ukraine insbesondere bei Luftverteidigung, Ausrüstung und industrieller Kapazität absichern. Für Österreich und andere europäische Staaten bedeutet der Konflikt im Nahen Osten zudem, sich auf eine Phase konkurrierender Krisen einzustellen, in der nicht nur militärische Fähigkeiten, sondern auch politische Aufmerksamkeit, wirtschaftliche Belastbarkeit und strategische Vorbereitung zu knappen Ressourcen werden.



