Russlands drogengetriebene Kämpfer 

Alkohol und Drogen gehören seit jeher zum Soldatenleben. Für die russischen Soldaten in der Ukraine reichen die traditionellen 100 Gramm Wodka nicht mehr aus. Sie greifen zu allem: von Marihuana bis hin zu hochpotenten synthetischen Drogen.

Soldaten an der Ostfront im russischen Schützengraben im Ersten Weltkrieg. Das Bild illustriert einen Artikel über den Drogenkonsum und -schmuggel während des Krieges in Russland.
Russische Soldaten im Ersten Weltkrieg: „Die russische Armee ist es gewohnt, mit einem gewissen Maß an Alkoholismus und Trunkenheit in den eigenen Reihen umzugehen.“ Im Ukrainekrieg greifen die Kämpfer zunehmend auch zu synthetischen Drogen, rund 10 Prozent der Männer gelten als abhängig. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Soldaten im Rausch. Dass Kämpfer unter Drogeneinfluss an die Front torkeln, hat eine lange Tradition. Pilze, Kokablätter und Alkohol waren lange das Mittel der Wahl, um sich in Stimmung zum Töten und zum Sterben zu bringen.
  • Wehrmacht auf Speed. Ab dem Zweiten Weltkrieg kamen auch chemische Wirkstoffe zum Einsatz, etwa die berühmte „Panzerschokolade“, die deutsche Soldaten wach und aggressiv machen sollte.
  • Der Dammbruch. In der russischen Armee war es Wodka, der die Soldaten bei Laune hielt. Im Afghanistan-Feldzug (1979–1988) entdeckten sie das Opium.
  • Ein eingespieltes System. Freiwillige Kämpfer aus russischen Gefängnissen brachten ihre Erfahrungen mit Drogengebrauch und -beschaffung mit ins Feld. Heute besteht eine ausgeklügelte Schmuggel-Logistik aus dem Hinterland an die Front – inklusive toter Briefkästen und regionaler Produktion.

Wikinger-Berserker nahmen Pilze und Bilsenkraut, um sich in den Kampfrausch zu versetzen. Inka-Krieger kauten Kokablätter, um ihr Marschtempo aufrechtzuerhalten. Griechische Hopliten erhielten möglicherweise Opium, um die Schmerzen von Wunden zu lindern, nahmen es aber auch manchmal, um mit dem Stress des Feldzugs fertigzuwerden. Da Wasser und Bier auf langen Reisen leicht verderben, gab die Royal Navy ihren Seeleuten eine tägliche Rumration – eine Praxis, die erst 1970 abgeschafft wurde.

Im Zweiten Weltkrieg verteilte die deutsche Armee Methamphetamin – oft als „Panzerschokolade“ bekannt – an ihre Soldaten, damit die ihre Müdigkeit überwanden, und nahm in Kauf, dass die Substanz viele Männer paranoid und überheblich machte. In Syrien gab ISIS seinen Soldaten ein anderes Amphetamin, Captagon, um sie aktiv und aggressiv zu halten, trotz des Risikos von Psychosen und Abhängigkeit.

Im Zweiten Weltkrieg erhielten sowjetische Frontsoldaten die „100 Gramm des Kommissars“, eine tägliche Wodkaration, die zwei Standard-Schnapsgläsern entspricht, wie sie in einer Bar ausgeschenkt werden. Das sollte sowohl die Moral heben als auch gegen die Kälte helfen. Übermäßiges Trinken blieb auch während des Kalten Krieges ein zentraler Bestandteil des Armeealltags, von den ritualisierten Saufgelagen zur Feier der Beförderung eines Kameraden bis zur ständigen Suche der Wehrpflichtigen nach billigem Alkohol. Der 1970 in Dienst gestellte MiG-25-Abfangjäger erhielt sogar den Spitznamen „Feinkostladen“, weil jeder Einsatz von Tankwagen voller Wasser-Methanol-Gemisch begleitet wurde, das zur Kühlung des wuchtigen Radars an Bord diente, das aber abgezapft und getrunken werden konnte.

Für eine Flasche oder zwei…

Im Laufe der Zeit wurden Drogen jedoch zu einem immer größeren Faktor in Moskaus Kriegen. Ein Dammbruch passierte während des Afghanistan-Krieges der UdSSR (1979–1988). Im Kampf gegen einen entschlossenen Feind, entsandt von Anführern, die sie nicht respektierten, für eine Sache, die sie nicht verstanden, waren sowjetische Soldaten nur allzu empfänglich für den Reiz lokaler Opiate. Eine Studie des amerikanischen RAND Thinktanks ergab, dass bis zu 50 Prozent aller sowjetischen Soldaten während des Krieges Drogen konsumierten.

Unter russischen Soldaten in der Ukraine ist Trinken erwartungsgemäß weit verbreitet. Als sie einmarschierten, plünderten sie Supermärkte und Wohnhäuser, um Alkohol zu beschaffen. Jetzt, da sie nur noch langsam vorankommen, wird Alkohol an die Front geschmuggelt oder in Gemeinden vor Ort selbst gebraut und direkt an die Soldaten verkauft. Die Offiziere sehen meist darüber hinweg – besonders, wenn sie dafür eine Flasche oder zwei abbekommen – aber es wird dennoch erwartet, dass die Soldaten ihre Aufgaben erfüllen können.

Wenn sie das nicht können, erwartet sie meist eine brutale, aber informelle Strafe: Veteranen berichten in den sozialen Medien etwa über Prügelstrafen, vorübergehende Haft in einem Zindan (einer Grube im Boden) oder die Zuteilung zu einer besonders unangenehmen oder gefährlichen Aufgabe. Es herrscht eine seltsame Moral: Trinken ist männlich, aber wer den Alkohol nicht verträgt, gilt bestenfalls als Versager, schlimmstenfalls als Gefahr für die Einheit. Wiederholungstäter oder solche, deren Versagen ihre Kameraden gefährdet, werden möglicherweise in eine der berüchtigten Storm-V-Truppen versetzt, in denen Ex-Häftlinge versammelt sind und die in „Selbstmordmissionen“ gejagt werden.

Drogen gegen Drohnenstress

Um es klar zu sagen: Die russische Armee ist daran gewöhnt, mit einem gewissen Maß an Alkoholismus und Trunkenheit in den eigenen Reihen umzugehen. Drogen hingegen sind eine andere Sache. Soldaten auf beiden Seiten der Front greifen zu ihnen, um mit der psychischen Belastung dieses Krieges fertigzuwerden, in dem die allgegenwärtigen Drohnen bedeuten, dass sie selbst in weit von den Kämpfen entfernten Lagern ständig bedroht sind.

Dies ist auf der russischen Seite ein besonderes Problem, verschärft durch den Zustrom von Freiwilligen aus Gefängnissen, von denen viele bereits Drogen konsumierten, sowie durch die kriminellen Verbindungen, die durch die weit verbreitete Praxis der Plünderungen entstehen: Der Mittelsmann, der heute deine Beute kauft, kann dir morgen genauso gut einen „Schuss“ verkaufen.

Eine weitverbreitete Schätzung besagt, dass 15 Prozent der russischen Soldaten, die an der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ teilnehmen, Drogen konsumieren. Anekdotische Berichte von Soldaten in den sozialen Medien deuten eher darauf hin, dass 10 Prozent süchtig sind und weitere 10 Prozent gelegentlich oder situationsbedingt konsumieren. Oft bedeutet das einfach, Marihuana zu rauchen oder medizinische Schmerzmittel zu stehlen und einzunehmen. Zunehmend greifen Soldaten jedoch zu starken synthetischen Drogen wie „Spice“, das im die Wirkung von natürlichem Cannabis imitiert, aber viel stärker ist, und 3-Methylfentanyl (3MF)), einem starken synthetischen Opioid.

Offiziere sehen über den Konsum hinweg, wenn sie annehmen, dass die Soldaten ihre nächste Mission wahrscheinlich nicht überleben.

Das schnellste Wachstum gab es beim Konsum von „Salzen“. Dabei handelt es sich um synthetische Cathinone wie Mephedron und Alpha-PVP, deren Wirkung der von Amphetaminen, Kokain und Ecstasy ähnelt. Sie werden verwendet, um Müdigkeit und Angst zu vertreiben, und sind daher besonders bei Soldaten in kleinen Stoßtrupps von zwei bis drei Mann beliebt, die versuchen, die „Todeszone“ zwischen den Linien zu infiltrieren. Tatsächlich ermutigen Offiziere sie in manchen Fällen sogar, Salze zu nehmen, in der Annahme, dass dies ihre Überlebenschancen erhöht. Mindestens aber sehen sie über den Konsum hinweg, wenn sie annehmen, dass die Soldaten ihre nächste Mission wahrscheinlich nicht überleben.

Bestellt und geliefert

Aus der Ukraine gibt es wiederholt Behauptungen, dies sei tatsächlich gängige Praxis und die Drogen würden vor einem Angriff von Offizieren ausgegeben. Das ist jedoch unbestätigt und wahrscheinlich falsch. Angesichts der weitverbreiteten Kriminalität innerhalb der militärischen Befehlskette ist es vielmehr wahrscheinlicher, dass bestimmte Offiziere Salze an ihre Männer verkaufen, um sich selbst zu bereichern.

Klar ist jedenfalls, dass Soldaten relativ leicht an Drogen kommen, zumal sie großzügig bezahlt werden: Sie erhalten das Drei- bis Fünffache Gehalt eines durchschnittlichen russischen Zivilisten. Einige der Substanzen werden von Soldaten mitgebracht, die Urlaub hatten oder ins Hinterland gereist sind, um Nachschub zu organisieren.

Beruhigungsmittel, die in hohen Dosen Euphorie auslösen können, werden von Soldaten im Heimaturlaub in Garnisonsstädten in großen Mengen in Apotheken gekauft. Andere werden von medizinischem und logistischem Personal mit Zugang zu Opioiden gestohlen. Auch lokale Dealer in den besetzten Gebieten verkaufen direkt. Einige findige Einheimische bauen sogar ihr eigenes Cannabis und Schlafmohn an, um es an Soldaten zu verkaufen.

Die Hauptbezugsquelle ist jedoch das organisierte Verbrechen. Käufer kontaktieren Verkäufer in Darknet-Netzwerken online, typischerweise über Messenger-Apps. Früher nutzten sie hauptsächlich Telegram, aber da die Regierung dessen Nutzung einschränken will, wechseln sie nun zur staatlichen App Max. Dabei verwendensie Codes und Euphemismen, um nicht entdeckt zu werden. Sie bezahlen ihre Bestellungen wiederum über Onlineportale oder mit Kryptowährung, und die Drogen werden dann in einem sogenannten „Klad“, einem diskreten „toten Briefkasten“ nahe der Frontlinie, hinterlegt.

Die Drogenvorräte der Banden befinden sich sicher jenseits der Grenze in Russland oder tief in den besetzten Gebieten. Die Bestellungen werden von Kurieren ausgeliefert; das können Einheimische sein oder Militärfahrer, die die besten Möglichkeiten haben, sich zwischen dem Hinterland und der Front zu bewegen. Zur Abholung wird der Standort des Drogenhändlers dem Käufer per SMS übermittelt.

Wenige Chance auf Besserung

Diese Lieferketten sind extrem flexibel und widerstandsfähig. Sie können den Bewegungen an der Front innerhalb weniger Stunden oder höchstens ein bis zwei Tagen folgen. Auch für die ohnehin schon überlasteten Ermittler der Militärstaatsanwaltschaft und der Militärpolizei sind sie schwer zu durchtrennen. Selbst wenn sie einzelne Kuriere fassen, wissen die wahrscheinlich nur sehr wenig über die größere Organisation.

Tatsächlich haben einige Erfolge bei der Verfolgung und Abschreckung kleinerer Drogengeschäfte lokaler Opiumbauern paradoxerweise dazu geführt, dass mehr Geschäfte in Richtung der effizienteren und zuverlässigeren organisierten Verbrechernetzwerke getrieben wurden.

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Zahlen & Fakten

Der ukrainische Generalstab meldet per September 2026 insgesamt 1,49 Millionen getötete oder verwundete russische Soldaten.

Laut der BBC rechnen britische Geheimdienste mit 500.000 gefallenen russischen Soldaten, das russische Medienportal Medizona hat die Namen von 248.844 getöteten Soldaten zusammengetragen (Stand: Mitte September 2026)

Europäische Geheimdienste gehen von monatlich 20.000 bis 30.000 gefallenen russischen Soldaten aus.

Derzeit verfügt Russland über 1,3 bis 1,5 Millionen Soldaten.

Mittlerweile sind die Militärbehörden offensichtlich besorgt über den Drogenkonsum in der Armee, da dieser als deutlich schädlicher für die militärische Leistungsfähigkeit angesehen wird als Alkoholkonsum. Die Zahl der Todesfälle durch Überdosen oder in Folge von verminderter Leistungsfähigkeit lässt sich nicht genau beziffern, liegt aber mit Sicherheit im Bereich von Tausenden, manchen Berichten zufolge sogar von Zehntausenden. Militärgerichte verhandeln zunehmend drogenbezogene Fälle. Doch diejenigen innerhalb des Systems, die eine ernsthafte Bekämpfung des Problems anstreben, werden durch eine Kultur der Korruption und des Verschweigens behindert.

Um sie endgültig zum Schweigen zu bringen, wurden sie umgehend zu einem Selbstmordangriff an die Front geschickt.

Dies eskalierte im September 2024 zu einem öffentlichen Skandal, als zwei Drohnenpiloten ihren Regimentskommandeur öffentlich beschuldigten, einen Mephedron-Vertriebsring zu betreiben. Um sie endgültig zum Schweigen zu bringen, wurden sie umgehend zu einem Selbstmordangriff an die Front geschickt. Dies sorgte in der Heimat für Empörung, wurde aber – offenbar weil sogar ein General verwickelt war – schnell unter den Teppich gekehrt.

Solange das Oberkommando mehr mit der Kriegsführung und der Vertuschung von Peinlichkeiten beschäftigt ist, stehen die Chancen schlecht, dass dieses Problem erfolgreich bekämpft wird. Auch wird es nicht mit dem Ende der Kampfhandlungen enden. Eine Studie einer psychiatrischen Klinik in Nowosibirsk ergab, dass 61 Prozent der aufgenommenen Veteranen unter drogenbedingten Problemen litten. Wie ein Experte der Setschenow-Universität Moskau kürzlich einräumte: „Wir sind wirklich nicht auf die Flut von Drogenfällen vorbereitet, die wir erwarten müssen, wenn die Soldaten heimkehren.“

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Conclusio

Verbreitung. Berichten zufolge sind 10 Prozent der russischen Kämpfer süchtig nach Drogen, die wie Ecstasy, Kokain oder Amphetamin wirken. Weitere 10 Prozent der Soldaten konsumieren solche Substanzen im Anlassfall.

Beschaffungswege. Den Nachschub bis an die Front erledigen kriminelle Netzwerke – oft unter stillschweigender Duldung der Armee.

Langzeitfolgen. Die Mehrheit der russischen Veteranen, die psychische Problem haben, hat Drogen konsumiert. Auf das Gesundheitssystem kommen noch viele Tausende ähnliche Patienten zu – es ist aber nicht darauf vorbereitet.

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