Geht Russlands Kriegswirtschaft die Luft aus?

Russlands Kriegswirtschaft funktioniert nur noch auf Pump und durch China. US-Sanktionen treffen jetzt den Kern des Systems. Wie lange, bis das Wirtschaftssystem kollabiert?

Russlands Kriegswirtschaft: Militärpropaganda an einer Hauswand in Krasnogorsk bei Moskau zeigt einen russischen Soldaten mit Panzer und historisch mythologische Figuren, die Russland repräsentieren.
Abblätternde Militärpropaganda westlich von Moskau. © Getty Images
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Auf den Punkt gebracht

  • Prioritäten: 40 Prozent der föderalen Ausgaben fließen in Verteidigung und innere Sicherheit, ein Drittel aller Staatsausgaben ist als geheim klassifiziert.
  • Spirale: Staatsanleihen mit Kupons von 14 bis 18 Prozent verschlingen bereits acht Prozent des Haushalts – doppelt so viel wie vor der Invasion.
  • Sanktionen: Die jüngsten US-Maßnahmen haben die russischen Energieeinnahmen 2025 um über 20 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2020 gedrückt.
  • Abhängigkeit: Bis zu 90 Prozent der Elektronik für Rüstung stammen aus China, über 20 Prozent des Außenhandels wird in Yuan abgewickelt.

Knapp vier Jahre nach Beginn der Invasion der Ukraine führt Russland längst keine begrenzte „Spezialmilitäroperation“ mehr, sondern befindet sich faktisch in einem Zustand permanenter Mobilisierung. Der Staat ist inzwischen um die militärische Logik herum strukturiert. Kriegsführung prägt Haushaltsprioritäten, Industrie- und Sozialpolitik. Der Kreml kämpft nicht nur an der Front, sondern zugleich um die Stabilität einer kriegsgetriebenen Binnenökonomie. Der Ausnahmezustand ist damit zum institutionellen Normalmodus geworden. Die Kriegswirtschaft verbindet Fiskalpolitik, Staatsapparat und industrielle Basis zu einem System repressiver Steuerung, das auf Durchhaltefähigkeit und adaptive Stabilisierung setzt. Für produktive Innovation, langfristiges Wachstum und individuelle Aufstiegsperspektiven bleibt kaum Raum.

Drei Säulen der Kriegswirtschaft

Das labile Gleichgewicht der russischen Kriegswirtschaft ruht auf drei Säulen:

Erstens, der fiskalische Kreislauf, der Verteidigung und innere Sicherheit mit hohen Budgetmitteln versorgt und sich stetig ausweitet. Gut 40 Prozent der föderalen Mittel fließen inzwischen in diese Bereiche. Rund ein Drittel der Staatsausgaben ist als „geheim“ klassifiziert und damit öffentlich nicht nachvollziehbar.

Zweitens, der finanzielle Kreislauf, der Banken und Staat zu einem geschlossenen System verschmilzt. Über russische Staatsanleihen saugt der Finanzsektor private Einlagen auf und leitet sie an den Staat weiter. Die Renditen liegen im zweistelligen Bereich, was kurzfristig zwar Liquidität schafft, langfristig jedoch in eine wachsende Schuldenfalle zu münden droht.

Und drittens, der industrielle Kreislauf, der ganze Regionen an die Rüstungsproduktion bindet. Verteidigungsaufträge sichern Beschäftigung und verhindern soziale Unruhe, zugleich entziehen sie aber den zivilen Sektoren Kapital, Know-how und Arbeitskräfte.

Dieses Geflecht stabilisiert die Kriegsökonomie, konserviert aber Strukturen, die ohne Krieg und Kriegswirtschaft nicht tragfähig wären.

US-Sanktionen effektiv

Mit den US-Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil vom Oktober 2025 hat sich die Lage für Russland spürbar verschärft. Die Maßnahmen richten sich nämlich nicht gegen Randsektoren, sondern gegen die zentralen Einnahmequellen des Staates. Der Ausschluss von Versicherungs- und Schifffahrtsdienstleistern, die Androhung von Sekundärsanktionen und ihre Ausweitung auf Transaktionen in Yuan und Dirham – zusammen mit wachsenden Zahlungshindernissen im Rupien-Handel – treffen die russische Ölwirtschaft gezielt und hart.

Sekundärsanktionen und ihre Ausweitung auf Transaktionen in Yuan und Dirham – zusammen mit wachsenden Zahlungshindernissen im Rupien-Handel – treffen die russische Ölwirtschaft gezielt und hart. Der Preisabschlag für Urals-Öl variiert je nach Route und Abnehmer, liegt inzwischen häufig im zweistelligen Bereich und kann auf bestimmten Strecken 20 bis 30 Dollar je Barrel erreichen, während die Kosten der Schattenlogistik deutlich zunehmen. Asiatische Käufer prüfen die möglichen Folgen weiterer Kooperationen und einzelne Abnehmer haben bereits Lieferungen reduziert oder Zahlungswege umgestellt, um das Risiko von Sekundärsanktionen zu vermeiden. Insgesamt sind 2025 die Öl- und Gaseinnahmen infolge der Sanktionen und fallender Weltmarktpreise um über 20 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit 2020 eingebrochen.

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Zahlen & Fakten

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Für den Kreml bedeutet das eine dreifache Belastung: sinkende Einnahmen, wachsender Finanzierungsbedarf der Energieunternehmen und zunehmende Abhängigkeit vom Yuan. Die drei inneren Kreisläufe – Haushalt, Banken, Industrie – geraten damit direkt ins Visier des westlichen Sanktionsregimes. Das System bleibt vorerst funktionsfähig, doch die Einnahmen reichen nicht mehr aus, sondern müssen zunehmend durch teure Maßnahmen ausgeglichen werden.

Liquidität um jeden Preis

Freilich wird der Ukrainekrieg längst nicht mehr nur durch Öl allein finanziert. Eine zentrale Quelle ist die Inlandsverschuldung. Mangels Alternativen zeichnen russische Banken massenhaft Staatsanleihen und verwandeln Einlagen von Haushalten und Unternehmen faktisch in Kriegskredite.

Diese Papiere tragen Kupons von 14 bis 16 Prozent, teils über 18 Prozent. Schon jetzt beanspruchen Zinsen bis zu acht Prozent der Staatsausgaben und damit doppelt so viel wie vor Invasionsbeginn. Die Folge ist die Verdrängung ziviler Investitionen: Privatkredite verteuern sich, Unternehmen verlieren Zugang zu Kapital, denn das Gros der Mittel fließt in militärisch priorisierte Sektoren.

Mit den letzten US-Sanktionen ist der Druck enorm angestiegen.

Der Nationale Wohlfahrtsfonds soll zwar als zuverlässiger Puffer dienen, verfügt jedoch nur zu zwei Prozent des BIP über liquide Mittel. Der Rest steckt in Beteiligungen und Langfristkrediten. Wenn der Fonds „investiert“, bedeutet das meist Verlustübernahme.

Mit den jüngsten US-Sanktionen ist der Druck enorm angestiegen. Rosneft und Lukoil sind auf erhebliche staatliche Unterstützung angewiesen, was weitere Budgetmittel bindet. Weil Kürzungen bei Rüstung und Sicherheit tabu sind, hat Moskau mit 1. Januar 2026 die Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent erhöht. Das entlastet zwar das föderale Budget, belastet allerdings in einem ungleich stärkeren Ausmaße niedrige Einkommen, da die Inflation reale Löhne auffrisst. So wird der Versuch für fiskalische Stabilität zu sorgen zunehmend auch zu einer für das Regime bedrohlichen sozialen Belastung.

Patronage als Regierungsform

Mittlerweile erfüllt die russische Kriegswirtschaft nicht nur militärische, sondern auch politische Funktionen. So dient sie als Instrument sozialer Kontrolle und als Grundlage eines neuen Loyalitätsvertrages zwischen Staat und Bevölkerung. Der Staat verteilt nämlich Aufträge, Subventionen und Vergünstigungen nicht nach Effizienz, sondern nach politischer Nützlichkeit. Wer Loyalität beweist, wird versorgt; wer sie verweigert, verliert Zugang zu Ressourcen.

In vielen Industriestädten entfällt inzwischen mehr als die Hälfte der Neuaufträge auf den Verteidigungssektor. Fabriken, die früher zivile Güter produzierten, fertigen heute Munition, Drohnen oder militärrelevante Produkte, wie Textilerzeugnisse. Diese Transformation bindet ganze Regionen an den Staat.

Gouverneure werden nicht mehr nach wirtschaftlicher Dynamik, sondern nach „Kriegskennzahlen“ beurteilt, wie Produktionsmenge, Rekrutierungserfolg, soziale Ruhe. Erfüllen sie die Vorgaben, erhalten sie neue Projekte, zusätzliche Mittel oder Steuererleichterungen. Verfehlen sie diese, verlieren sie Förderungen, Kredite oder schlicht ihr Amt. Das System schafft sichtbare Anreize zur Gefolgschaft und unterbindet jedweden politischen Wettbewerb.

Kostspielige Anreize

Die monetären Größen sind beträchtlich. Einmalzahlungen für Rekruten betragen in ärmeren Regionen bis zum Zehnfachen des monatlichen Durchschnittseinkommens. Leistungen für Veteranen, wie Kredite zu Sonderkonditionen, Wohnraum, medizinische Betreuung, summieren sich nach unterschiedlichen Schätzungen auf rund 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit stützt der Staat gezielt Konsum in Regionen mit hohem Mobilisierungspotenzial, ohne jedoch nachhaltig die Produktivität zu erhöhen. Die wirtschaftliche Aktivität wächst, doch gründet sie auf staatlicher Nachfrage. So entsteht eine Form von sozialer Kohäsion, die auf Abhängigkeit beruht. Wer gut leben will, muss Teil des staatlichen Glasperlenspiels rund um den Ukrainekrieg werden.

Parallel dazu nimmt die räumliche und soziale Spaltung weiter zu. In Moskau, St. Petersburg und wenigen weiteren Zentren bündeln sich Kapital, Gewinne und staatlich priorisierte Investitionen. Die übrigen Regionen liefern vor allem Rohstoffe und Arbeitskräfte und sind zunehmend auf föderale Transfers angewiesen.

In vielen Landesteilen liegt die jährliche Nettoabwanderung im fünfstelligen Bereich, was den Verlust junger, qualifizierter Bevölkerung verstärkt. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit breiter Bevölkerungsschichten von staatlichen Zahlungen. Die Kriegswirtschaft erzeugt kurzfristig höhere Aktivität, ersetzt jedoch dauerhaftes, marktbasiertes Wachstum durch eine fiskalisch gesteuerte Verwaltung des strukturellen Niederganges.

Autarkie nur Rhetorik

Das offizielle Narrativ des Kremls lautet „technologische Souveränität“ und „Importsubstitution“. Die Realität offenbart das Gegenteil. Russland kann zwar alte Anlagen modernisieren und Kapazitäten erweitern, doch die dafür benötigten zentralen Komponenten, Maschinen, Mikroelektronik, Optik und Industrieroboter, stammen überwiegend aus China.

Etwa 70 Prozent der Werkzeugmaschinenimporte und bis zu 90 Prozent der für die Rüstungsproduktion relevanten Elektronik kommen inzwischen von dort. Nach den neuen US-Sanktionen dürfte sich Russlands Abhängigkeit von China noch weiter vertiefen, denn immer größere Teile des russischen Außenhandels müssen in Zukunft über chinesische Banken und Abrechnungssysteme abgewickelt werden.

China kontrolliert nicht nur die Preise, sondern zunehmend auch die Zahlungsströme und die Kreditbedingungen.

Damit kippt das Machtverhältnis endgültig: China kontrolliert nicht nur die Preise, sondern zunehmend auch die Zahlungsströme und die Kreditbedingungen. Der Anteil der in Yuan abgewickelten russischen Außenhandelsumsätze liegt bei deutlich über 20 Prozent, Schätzungen reichen bis rund ein Drittel; im Handel mit China werden faktisch fast alle Transaktionen in Rubel und Yuan abgerechnet, der Dollar spielt dort nur noch eine marginale Rolle. Damit können die chinesischen Banken entscheiden, welche Transaktionen ausgeführt werden und welche Gebühren dabei anfallen. Für Russland bedeutet das den schleichenden Verlust finanzieller Souveränität.

Denn selbst bei gemeinsamen Projekten, etwa in Energieinfrastruktur und Mikroelektronik, besteht eine klare Hierarchie: China liefert Technologie und Kapital, Russland Rohstoffe und politische Loyalität. Die vermeintliche strategische Partnerschaft erweist sich damit als ein asymmetrisches Abhängigkeitsverhältnis, das Russlands außenpolitischen Spielraum zunehmend verengt.

Einfach war gestern

Das Wirtschaftswachstum der Jahre 2023 und 2024 war das Ergebnis massiver Staatsausgaben und der Ausweitung der Kriegswirtschaft, mit der sich strukturelle Schwächen vorübergehend überdecken ließen. Die Verteidigungsausgaben stabilisierten Beschäftigung, steigerten aber nicht die Produktivität. Gleichzeitig wuchsen die Schulden, die Zinslast nahm zu, und der schwache Rubel verteuerte die Importe.

2025 markierte den Übergang zu einer Phase der Stagnation, welche jederzeit in Stagflation (kaum Wachstum, bei steigenden Preisen) kippen könnte. Das Wachstum lag dank staatlicher Aufträge bei rund einem Prozent, und die Arbeitslosigkeit blieb niedrig. Die offiziellen Zahlen täuschen jedoch. Denn mehr als zwei Millionen Arbeitskräfte fehlen in zivilen Sektoren, gebunden in der Rüstungsproduktion oder an der Front.

Selbst eine Demobilisierung würde keine spürbare Entlastung bringen, sondern vielmehr neue Kosten bei Umschulung, Gesundheitsversorgung, Veteranenleistungen erzeugen. Die Reintegration von Rückkehrern dürfte ohnehin schwierig werden, denn zu groß werden die Lücken zwischen militärischen Erfahrungen, zivilen Qualifikationen und Gehaltserwartungen liegen.

Russlands Kriegswirtschaft

Russlands Kriegswirtschaft bleibt stabil, jedenfalls solange fiskalische Kontrolle und innenpolitische Repressionen greifen. Doch Stabilität ersetzt keine produktive Entwicklung. Das System reproduziert sich über Zwang, Umverteilung und Verschuldung. Die Stagnation dürfte damit nicht zu einem bloßen Übergangsphänomen werden, sondern zum Normalzustand einer Wirtschaft, die den Pfad der Mobilisierung und nicht der Modernisierung beschreitet.

Und jede neue Haushaltsrunde verschiebt Kosten in die Zukunft, jede Steuererhöhung mindert reale Kaufkraft und steigert die sozialen Spannungen, jede Sanktion verengt die Handlungsoptionen und schränkt die Souveränität ein. Noch kann sich Russland anpassen, doch wie lange noch? Und was kommt nach dem Krieg, wenn zehntausende Veteranen zu einem vermeintlich friedlichen Alltag zurückkehren, der für die meisten von ihnen aber keinerlei Perspektiven anbietet? Hier könnte sich die schrecklichen Erfahrungen des sowjetischen Afghanistankrieges wiederholen.

Druck erhöhen

Für den Westen folgt daraus eine klare Konsequenz. Wenn man den Ukrainekrieg zeitnahe und nachhaltig beilegen möchte, sollte man die jüngsten US-Sanktionen als strategische Blaupause begreifen. Die Maßnahmen gegen Rosneft und Lukoil greifen erstmals in den Kern der russischen Finanz- und Energiekreisläufe ein.

Wenn Europa diese neue Trump-Logik aufnimmt, Russlands Handel über Drittstaaten konsequent zu erschweren, steigt der Druck auf Moskau deutlich an. Der Westen darf nicht warten, bis Russlands Kriegswirtschaft von selbst erodiert. Er muss diese Erosion durch strategischen Druck beschleunigen.

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Conclusio

Fokuspunkt. Die russische Kriegswirtschaft ruht auf drei miteinander verzahnten Kreisläufen: einem fiskalischen System, das rund 40 Prozent des Budgets in Verteidigung lenkt, einem finanziellen Kreislauf, der private Einlagen über Staatsanleihen mit bis zu 18 Prozent Zinsen in Kriegskredite verwandelt, und einem industriellen Netzwerk, das ganze Regionen an die Rüstungsproduktion bindet.

Sackgasse. Diese Entwicklung führt zu einem System institutionalisierter Perspektivlosigkeit: Wachstum basiert nicht auf Produktivität, sondern auf Staatsausgaben und Verschuldung. Die Zinslast verschlingt bereits acht Prozent des Haushalts, Arbeitskräftemangel lähmt zivile Sektoren, und die Abhängigkeit von China untergräbt jede wirtschaftliche Souveränität.

Druckmittel. Der Westen sollte die Trump-Sanktionen gegen russische Energiekonzerne als strategische Wende verstehen und konsequent ausbauen. Gezielter Druck auf Finanz- und Energiekreisläufe sowie die Unterbindung des Handels über Drittstaaten können die Erosion der Kriegswirtschaft beschleunigen.

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