Selbstversorgung: Wie unabhängig ist Österreich?
Österreichs Bauern produzieren genug Rindfleisch, um es zu exportieren, doch beim Hühnerfleisch ist das Land auf Importe angewiesen. Eine Steigerung der heimischen Produktion von Masthühnern würde die Versorgungssicherheit aber nicht automatisch verbessern.

Auf den Punkt gebracht
- Versorgung. Österreich kann seine Bevölkerung mit heimischen Lebensmitteln ausreichend versorgen, auch wenn nicht alle Produkte im Inland erzeugt werden.
- Importe. Vollständige Autarkie wäre weder realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll. Handel erhöht die Versorgungssicherheit, statt sie zu gefährden.
- Vorleistungen. Landwirtschaft ist auf Energie, Düngemittel, Futtermittel und andere Vorprodukte angewiesen – viele davon stammen aus dem Ausland.
- Standortpolitik. Versorgungssicherheit hängt langfristig von einer wettbewerbsfähigen Landwirtschaft und funktionierenden Verarbeitungsbetrieben ab.
Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, wie verletzlich internationale Lieferketten sind. Eine zu große Abhängigkeit bei einzelnen Produkten kann im Notfall zum Problem werden. Bei Agrarprodukten bemühen sich die meisten Länder deshalb um einen hohen Selbstversorgungsgrad. Dieser ist letztlich auch die wichtigste Legitimation für umfassende Markteingriffe durch die Agrarpolitik.
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Aber was bedeutet Versorgungssicherheit überhaupt? Wörtlich verstanden würde es bedeuten, dass alle Produkte ohne jeden Zweifel immer verfügbar sind. Ein solcher Zustand ist illusorisch. Der permanente, sofortige Zugriff auf Brot und Milch ist im Alltag auch gar nicht notwendig. Ein haushaltsüblicher Kühlschrank reicht völlig aus, um Schließtage des Handels an Feiertagen zu überbrücken.
Das Thema Versorgung lässt sich in vier Segmente unterteilen, basierend auf der Dringlichkeit des Bedarfs (täglich versus alle paar Jahre) und der Vorhersehbarkeit (gewiss versus ungewiss). Lebensmittel fallen in die Kategorie „dringend und gewiss“: Wir benötigen sie täglich und können mit einer zuverlässigen Versorgung rechnen. Denn die gute Nachricht ist: Österreich könnte sich ohne Importe versorgen. Natürlich nicht mit allen derzeit konsumierten Lebensmitteln, aber mit einer ausreichenden Menge an Waren. Die eigene Landwirtschaft erzeugt genügend Agrargüter, um Hunger oder Nährstoffmängel abzuwenden.
Auf Abnehmer angewiesen
Aufgrund der hohen Bedeutung der Lebensmittelversorgung existiert dazu eine detaillierte Statistik, die Versorgungsbilanz. Der daraus abgeleitete Selbstversorgungsgrad misst, wie viel von dem im Inland bestehenden Bedarf im Inland erzeugt wird. Er beträgt 140 Prozent bei Rindfleisch und 80 Prozent bei Hühnerfleisch. Das bedeutet eine zweifache Verflechtung mit dem globalen Markt: Bei Rindfleisch ist die heimische Landwirtschaft auf Abnehmer außerhalb des Landes angewiesen, bei Hühnerfleisch verlassen sich Verbraucher auch auf ausländische Lieferanten. Ein höherer Selbstversorgungsgrad bei Hühnerfleisch würde zwar die Autonomie erhöhen, wäre ökonomisch jedoch nicht sinnvoll. Bei Weizen und Kartoffeln erreicht Österreich beinahe 100 Prozent.
Auch für Biertrinker besteht kein Grund zur Sorge: Die Eigenproduktion beträgt über 100 Prozent des Konsums, bei alkoholfreiem Bier sogar 140 Prozent. Berücksichtigen muss man zudem, dass ein Teil der landwirtschaftlichen Erzeugnisse derzeit für die Tiermast oder die Energiegewinnung verwendet wird. Ginge es wirklich darum, eine Hungersnot abzuwenden, könnte man diese eisernen Reserven ebenfalls noch aktivieren.
Die Rahmenbedingungen der Lebensmittelversorgung sind bei uns beruhigend stabil. Einen Stromausfall, der so lange dauerte, dass die Eisschränke abtauten, gab es seit Menschengedenken nicht. Auch platzende Reifen von Lastwagen, die Rohmilch transportieren, oder Unterbrechungen in der Pasteurisierung traten bisher nie in einem Ausmaß auf, dass die Bevölkerung davon Notiz genommen hätte.
Sinnlose Autarkie
Paradoxerweise verdanken wir diese Stabilität der extrem arbeitsteiligen Wirtschaft und den vielfältigen Handelsbeziehungen. Wer eine eigene Milchkuh hält, muss sich ständig darum sorgen, dass sie wieder trächtig wird und genügend Futter hat. Selbst wenn alles gelingt, gibt es Phasen, in denen das Tier trockensteht und keine Milch gibt, weil ein Kalb die Voraussetzung für die Milchproduktion ist. Völlige Autonomie bei der ständigen Versorgung bleibt somit eine Illusion. Es ist offensichtlich, dass eine vollständige Selbstversorgung mit allen derzeit konsumierten Nahrungsmitteln unrealistisch wäre. Kakao, Filetsteaks vom Kobe-Rind oder Erdbeeren im Jänner lassen sich in Österreich nicht herstellen. Diese Köstlichkeiten bereichern den Speiseplan, müssen jedoch importiert werden – was kein strukturelles Drama darstellt.
Österreich importiert auch erhebliche Mengen an Speiseöl, Eiweißfutter und natürlich alle Südfrüchte wie Bananen und Ananas. Außerdem benötigt die Produktion Energieträger und Vorleistungen, die auch im Ausland hergestellt werden. Darunter sind Vorprodukte, deren Existenz oft kaum bekannt ist, die für die Ernährung aber essenziell sind: So stammen praktisch alle Aminosäuren, die in der Tierfütterung eingesetzt werden, aus Ostasien.
Es würde wirtschaftlich keinen Sinn ergeben, unter hohem Aufwand Produktionszweige aufzubauen, nur um eine vollständige Selbstversorgung zu erreichen. Lebensmittel sollten dort produziert werden, wo die besten Voraussetzungen dafür vorliegen.
In Europa ist generell ein Umdenken erforderlich. Das Versprechen absoluter Autarkie ist nicht erfüllbar. Staatliche Regulierungen sollten vielmehr dabei helfen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem Risiken rational eingeschätzt und das Handeln danach ausgerichtet werden kann. Der Staat sollte die Bürger daher nicht entmündigen.
Zahlen & Fakten
Sinnvolle Notlager
Informationen über die Eigenschaften von Produkten und deren Herstellung ermöglichen fundierte Entscheidungen. Zudem ist eine private Vorsorge unentbehrlich und darf nicht allein dem Staat überlassen werden. Staatliche Notlager für Schokolade oder Erdbeeren gehören dabei nicht zu den sinnvollen Maßnahmen; die Sicherung heimischer Produktionskapazitäten hingegen schon. Privat sieht die Sache anders aus: Ein persönliches Notlager für Schokolade ist für viele Menschen eine Notwendigkeit. Dass diese Vorräte oft vorzeitig aufgebraucht werden, zählt ebenfalls zu den Gewissheiten des Lebens.
Das Beispiel Singapur zeigt, dass eine Versorgung auch ohne große eigene Agrarflächen funktionieren kann. Über sechs Millionen Menschen haben in dem Stadtstaat ausreichend zu essen, obwohl sie selbst nichts produzieren.
Dass in Österreich dennoch hoher Wert auf die heimische Landwirtschaft gelegt wird, liegt an den historischen Erfahrungen der Hungerjahre nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, als das Land von der Versorgung aus dem Osten abgeschnitten war. Über Jahrzehnte hinweg wurde massiv investiert, um aus einer ehemals rückständigen Landwirtschaft im Alpenraum eine moderne Agrarproduktion zu entwickeln.
Mehr oder weniger bio
Versorgungssicherheit setzt zudem voraus, dass die Lebensmittel bekömmlich und frei von Salmonellen oder Schadstoffen sind. Diese Qualität wird heute so selbstverständlich erwartet (und geliefert) wie die korrekte Spannung aus der Steckdose.
Oft wird diskutiert, ob eine hohe Produktionsleistung und die biologische Landwirtschaft einen Widerspruch darstellen, da der Bio-Landbau mehr Fläche benötigt, um die gleiche Erntemenge zu erzielen. Zwei Akteure treiben den Wunsch nach mehr biologischer Landwirtschaft voran: einerseits die Bio-Bauern, die auf eine höhere Nachfrage und bessere Preise hoffen, nachdem der Absatz zuletzt stagniert hatte, andererseits Interessengruppen auf EU-Ebene, die eine Ausweitung der Bio-Produktion politisch verankert haben. Tatsächlich fehlt derzeit aber die notwendige Nachfrage für einen echten Bio-Boom. Geringere Ernten in der Bio-Landwirtschaft mindern jedoch nicht zwangsläufig die Versorgungssicherheit.
Standortpolitik notwendig
Zwar liefert die Bio-Produktion weniger Ertrag, doch ist dies teilweise gesellschaftlich gewollt – eine ungesund wirkende Jahresleistung von zwölf Tonnen Milch pro Kuh wird von vielen kritisch gesehen.
Vor einiger Zeit sorgte das Beispiel Sri Lanka, wo eine verfehlte Agrarpolitik den Bio-Landbau abrupt verordnet und damit eine Versorgungskrise ausgelöst hatte, für negative Schlagzeilen. Schuld daran war jedoch eine administrative Fehlsteuerung, nicht die biologische Wirtschaftsweise an sich.
Für die Lebensmittelherstellung ist eine Vielzahl an Vorprodukten von der Energie bis zum Düngemittel erforderlich. Bei einem Agrar-Produktionswert von etwa zehn Milliarden Euro werden annähernd sechs Milliarden Euro für solche Vorleistungen ausgegeben.
Auf manche – zum Beispiel mineralische – Düngemittel kann kurzfristig verzichtet werden, ohne dass die Ernte komplett ausfällt. Eines ist jedoch klar: Ohne Landwirte, funktionierende Mühlen für die Mehlproduktion und Bäcker nützen alle Vorleistungen nichts. Eine verlässliche nationale Standortpolitik, die das Überleben der Bauern und der Verarbeitungsbetriebe sichert, ist daher die eigentliche Voraussetzung für eine ausreichend zuverlässige Versorgungsgewissheit.
Unbekannter Exportschlager
Um die Versorgungslage unkompliziert zu verbessern, existiert zudem ein Hebel, der keinerlei zusätzliche Ressourcen oder Kapazitäten erfordert: die Vermeidung von Lebensmittelabfällen in den Haushalten. Wer bewusster konsumiert und die Verschwendung reduziert, leistet einen effektiven Beitrag zu einer gesicherten Versorgung.
Übrigens: Österreichs Landwirtschaft ist als Exporteur weltweit für ein „Produkt“ bekannt, das wohl die wenigsten auf dem Schirm haben: Bienenköniginnen. Vor allem die Gattung Carnica erfreut sich wegen ihrer Gutwilligkeit und Gemütsruhe international großer Beliebtheit.
Conclusio
Selbstversorger. Ein wichtiges Ziel der Agrarpolitik ist die Versorgung der Bürger mit im Land hergestellten Lebensmitteln. Heimischen Bauern gelingt das gut, Österreich könnte seine Bürger ohne Importe ernähren.
Importe. Komplette Selbstversorgung hätte ökonomisch keinen Sinn. Österreich importiert daher viel Eiweißfutter und natürlich „Exoten“ wie Bananen. Aus Ostasien kommen die in der Tiermast wichtigen Aminosäuren.
Vorleistungen. Was Konsumenten oft nicht bedenken: Die Lebensmittelerzeugung erfordert zahlreiche Vorprodukte, von der Energie bis zum Düngemittel. Mehr als die Hälfte des agrarischen Produktionswerts entfällt auf diesen Bereich.

