Sextortion: Wenn Vertrauen zur Falle wird
Wenn Jugendliche mit – manchmal sogar KI-generierten – Nacktbildern erpresst werden, nennt man das Sextortion. Diese besonders perfide Form der Erpressung nimmt immer mehr zu.

Auf den Punkt gebracht
- Vertrauensbruch. Hinter dem Snapchat-Profil eines angeblichen Jugendlichen stehen bei Sextortion oft Erwachsene, die über Monate gezielt Vertrauen und Bilder sammeln.
- Erpressung. Sobald Nacktbilder verlangt und verweigert werden, drohen Täter mit der Veröffentlichung bereits erhaltener Aufnahmen.
- Ausmaß. Die Helpline Rat auf Draht verzeichnete 2024 einen Anstieg der Sextortion-Beratungen um 20 Prozent, bei 11- bis 14-Jährigen sogar um 178 Prozent.
- Neue Dynamik. Finanziell motivierte Sextortion trifft vor allem junge Männer – und KI-generierte Deepfakes machen inzwischen auch ohne echtes Nacktbild erpressbar.
„Mama, Papa, ich muss euch was sagen. Aber bitte seid nicht wütend auf mich ….“ Das sind zwei Sätze, die Eltern garantiert nicht hören wollen. Noch weniger das, was danach kommen kann. Aber hier beginnt bereits der Denkfehler. Denn es sind ebenso zwei Sätze, die auch Jugendliche nicht sagen wollen. Zwei Sätze, die sie allein beim Aussprechen schon zerreißen.
Mehr zu Gefahren im Netz
Als Elternteil hört man in diesem Moment nicht allein schwere Worte, man hört auch die Angst dahinter. Man sieht, wie viel Kraft es dem eigenen Kind kostet, sie überhaupt auszusprechen. Am liebsten würde man sofort sagen, dass alles gut wird. Doch man weiß noch gar nicht, was dieses „alles“ ist.
Es begann auf Snapchat
„Mir ist etwas passiert, vor dem ihr mich immer gewarnt habt. Und jetzt weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.“ Langsam verstehen wir, was unsere Tochter uns sagen will. Natürlich hatten wir sie gewarnt. Vor Fremden im Internet, falschen Profilen und Bildern, die man besser nicht verschickt. Wir hatten geglaubt, damit unsere Aufgabe erfüllt zu haben. Als müsste man einem Kind nur oft genug erklären, wo die Gefahr lauert, und schon wäre es geschützt.
Dann beginnt unsere Tochter zu erzählen. Es fing auf Snapchat an. Dort hatte sich ein anderes Kind mit ihr angefreundet. Zumindest dachte sie das, denn die Person hatte sich als gleichaltrig ausgegeben. Die beiden schrieben miteinander und schickten sich Bilder. Zunächst waren es harmlose Schnappschüsse, später „lustige Fotos“ im neuen Schlafanzug und irgendwann Bilder in Unterwäsche. Mit jedem Bild wuchs das Vertrauen. Gleichzeitig schloss sich die Falle weiter.
Denn hinter dem Profil steckte kein Kind. Es war ein Erwachsener.
Sextortion: Täter setzen auf Angst und Scham
Irgendwann verlangte er Nacktbilder. Das wollte unsere Tochter jedoch nicht machen, und damit begann die Erpressung. Er drohte, die bisherigen Bilder an ihre Freunde und andere Jugendliche in der Schule zu schicken. Was wie eine Freundschaft begonnen hatte, war nun ein Druckmittel. Der Täter setzte gezielt auf ihre Angst und ihre Scham.
Während ich zuhöre, wird mir klar, dass die Geschichte längst Spuren hinterlassen hat. Unsere Tochter war stiller geworden, wollte nicht mehr hinaus und nicht mehr zur Schule. Wir hatten gesehen, dass etwas nicht stimmte. Wir hatten nur nicht verstanden, was. Jetzt sitzt sie vor uns und schämt sich für etwas, das ein Erwachsener ihr angetan hat.
Der Druck war immer größer geworden, die Scham ebenso.
Mein erster Impuls ist Wut, ohnmächtige Wut. Aber nicht auf sie. Niemals auf sie. Ich bin wütend auf den Menschen hinter diesem Profil, der ihr Vertrauen benutzt und ihre Angst genährt hat. Und ich bin wütend, weil unsere Tochter bis zu diesem Moment geglaubt hat, sie müsse das allein aushalten.
Der Druck war immer größer geworden, die Scham ebenso. Bis es nicht mehr weiterging und sie jene beiden Sätze aussprach, vor denen sie solche Angst hatte. Unsere Tochter hat zum Glück die Notbremse gezogen. Sie ist zu uns gekommen.
„Mama, Papa, ich muss euch was sagen.“
Mädchen und Burschen sind von Sextortion betroffen
Knapp vier von zehn österreichischen Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren haben im Internet bereits sexuelle Belästigung erlebt. Dazu gehören anzügliche Kommentare, intime Fragen oder die Aufforderung, Nacktbilder zu verschicken. Mädchen sind deutlich häufiger betroffen als Jungen. Von Sextortion sprechen wir, wenn ein Mensch mithilfe intimer Bilder oder Videos erpresst wird. Der Begriff setzt sich aus „Sex“ und „Extortion“, dem englischen Wort für Erpressung, zusammen.
Zahlen & Fakten
- Die US-amerikanische Kinderschutzorganisation NCMEC verzeichnete von 2024 auf 2025 einen Anstieg der Fälle von Sextortion um 158 Prozent – von 538.000 auf 1,4 Millionen.
- Seit 2021 sind laut NCMEC mindestens 36 Fälle bekannt, in denen Teenager-Jungen nach Sextortion Suizid begingen.
- Im Gegensatz zu Cybergrooming betrifft Sextortion zu rund 90 Prozent männliche Jugendliche.
Wie viele Jugendliche tatsächlich erpresst werden, lässt sich nur annähernd bestimmen. Scham, Angst und die Sorge, dass die Aufnahmen doch veröffentlicht werden, halten viele Betroffene davon ab, sich Hilfe zu holen. In Österreich führte die Beratungsstelle „Rat auf Draht“ im Jahr 2024 insgesamt 327 Beratungsgespräche zu Sextortion, rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr. 72 Prozent dieser Gespräche betrafen Burschen und junge Männer. Besonders stark war der Anstieg bei den 11- bis 14-Jährigen. Denn in dieser Altersgruppe verzeichnete die Beratungsstelle ein Plus von 178 Prozent. Das sind keine vollständigen Fallzahlen, sondern nur jene Fälle, in denen jemand den Weg zur Beratung gefunden hat. Die Dunkelziffer dürfte erheblich sein.
Kontakte werden häufig über soziale Medien und Messengerdienste angebahnt. Snapchat und Instagram spielen dabei eine große Rolle. Gerade Snapchat gehört für viele junge Teenager zur alltäglichen Kommunikation. Erwachsene müssen verstehen, dass die Onlinewelt ihrer Kinder anders aussieht als die eigene. Eine Warnung allein reicht nicht, wenn man nicht weiß, was auf diesen Plattformen eigentlich passiert.
Am Anfang steht Cybergrooming
Am Anfang steht gewöhnlich nicht die Forderung nach einem Nacktbild. Oft beginnt es mit Cybergrooming. Ein Täter baut Kontakt zu einem Kind oder Jugendlichen auf und gewinnt langsam dessen Vertrauen. Später lenkt er die Gespräche in eine sexuelle Richtung und verlangt Bilder, Handlungen vor der Kamera oder ein reales Treffen. Will das Opfer aussteigen, benutzt er das bereits vorhandene Material zur Erpressung.
Mit einem Bild ist es meist nicht vorbei. Der Täter fordert mehr und droht mit der Veröffentlichung. Jede weitere Aufnahme gibt ihm ein zusätzliches Druckmittel. So kann aus einem Kontakt, der harmlos wirkte, eine fortgesetzte sexuelle Kontrolle werden.
Die Täter verwenden Fake-Profile, geben sich als attraktive junge Frauen aus.
Bei jungen Männern tritt häufig eine andere Variante auf. Bei der finanziell motivierten Sextortion geht es den Tätern vor allem um Geld. Oft handelt es sich nicht um einen einzelnen Erpresser, sondern um organisierte Gruppen, die viele mögliche Opfer gleichzeitig anschreiben. Einige dieser Kontakte beginnen auf Gaming-Plattformen oder in deren Chaträumen.
Die Täter verwenden Fake-Profile, geben sich als attraktive junge Frauen aus. Nach einer kurzen Unterhaltung versuchen sie, den Jugendlichen in einen privaten Videochat zu locken und ihn dazu zu bringen, sich vor der Kamera zu entblößen. Der Chat wird heimlich aufgezeichnet. Direkt danach beginnt die Erpressung. Wenn nicht bezahlt werde, gehe das Video an Freunde, Familie, Schule oder Lehrbetrieb. Zahlungen werden häufig über Kryptowährungen oder angeworbene Finanzagenten abgewickelt.
Sextortion bedeutet: 100 Euro für ein Bild
Bei dieser finanziell motivierten Sextortion zeigt sich ein anderes Geschlechterverhältnis als bei sexueller Belästigung im Netz, denn hier geht es rein ums Geld. Das amerikanische National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC) erhielt 2025 mehr als 50.000 Meldungen zu finanziell motivierter Sextortion. Im Mittel wurden 390 Dollar verlangt, tatsächlich bezahlt wurden laut der Veröffentlichung jedoch 100 Dollar im Schnitt. Wer einmal zahlt, ist die Erpresser allerdings selten los. In mehr als einem Viertel der näher dokumentierten Fälle folgten weitere Forderungen. Diese Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, denn sie stammen überwiegend aus den USA und dürfen nicht einfach auf Österreich umgelegt werden. Sie zeigen jedoch, in welchem Umfang diese Form der Erpressung inzwischen betrieben wird.
Der Einsatz von KI verschärft diese Lage zusätzlich, weil für eine solche Drohung nicht einmal mehr eine echte intime Aufnahme nötig ist. Profilbilder oder kurze Videos können ausreichen, um künstliche Nacktbilder und pornografische Deepfakes herzustellen. So kann auch jemand erpresst werden, der niemals ein Nacktbild verschickt hat. Für die Betroffenen bleibt die Angst real. Sie müssen damit rechnen, dass andere Menschen das gefälschte Material sehen und für echt halten.
Was tun?
Prävention beginnt im Elternhaus. Eltern sollten wissen, welche Plattformen ihre Kinder verwenden und welche Bedeutung diese für deren Alltag haben. Dabei hilft es wenig, die eigenen Erfahrungen mit Facebook oder Messengerdiensten auf heutige Teenager zu übertragen. Auf Snapchat gelten andere Gewohnheiten, und vieles entwickelt sich schneller, als Erwachsene vermuten.
Entscheidend ist, ob ein Kind auch dann zu seinen Eltern kommen kann, wenn bereits etwas passiert ist.
Kontrolle und Verbote lösen das Problem nicht. Entscheidend ist, ob ein Kind auch dann zu seinen Eltern kommen kann, wenn bereits etwas passiert ist. Wer ein Bild verschickt oder einer falschen Person vertraut hat, fürchtet ohnehin die Reaktion zu Hause. Ein Satz wie „Das haben wir dir doch gesagt“ kann reichen, damit Betroffene schweigen und weiter auf die Forderungen des Täters eingehen.
Sogar der gut gemeinte Satz „Wir vertrauen dir, wir haben ja über die Gefahren gesprochen“ kann eine unerwünschte Wirkung haben. Das Kind könnte daraus hören, dass es jede Gefahr erkennen und immer richtig reagieren muss. Geschieht trotzdem etwas, glaubt es womöglich, das Vertrauen der Eltern enttäuscht zu haben.
Täter täuschen Nähe vor
Aufklärung darf deshalb kein Versprechen sein, dass nichts passieren wird. Auch vorsichtige Jugendliche können getäuscht werden. Täter haben Erfahrung damit, Nähe herzustellen und Grenzen langsam zu verschieben. Ein Kind muss diese Strategien nicht immer rechtzeitig erkennen können.
Die wichtigere Botschaft lautet: „Im Netz kann dir etwas passieren. Wenn es geschieht, sind wir da und lösen es gemeinsam.“ Ein Kind sollte wissen, dass es auch dann Hilfe bekommt, wenn es eine Warnung ignoriert, jemandem vertraut oder ein Bild verschickt hat. Die Verantwortung für die Erpressung trägt der Täter.
Eltern müssen dafür nicht jede neue App perfekt beherrschen. Sie sollten sich aber zeigen lassen, wie ihre Kinder diese Plattformen nutzen, und ernst nehmen, was dort geschieht. Das hilft im Ernstfall mehr als eine weitere Warnung.
Conclusio
Anstieg. Fast vier von zehn Jugendlichen erleben sexuelle Belästigung im Netz, die Beratungszahlen bei Rat auf Draht steigen rasant. KI-Deepfakes verschärfen das Problem zusätzlich, weil selbst harmlose Fotos zur Erpressungsgrundlage werden können.
Vertrauen. Täter nutzen keine Drohkulisse, sondern langsam aufgebautes Vertrauen – Aufklärung, die nur vor Gefahr warnt, übersieht diesen Mechanismus. Scham und die Angst vor der Reaktion der Eltern lassen Betroffene oft länger schweigen als die Erpressung selbst.
Gemeinsam. Entscheidend ist die Gewissheit des Kindes, dass es sich auch nach einem Fehler an die Eltern wenden kann. Wer die Botschaft „Wir lösen das gemeinsam“ statt „Das haben wir dir ja gesagt“ sendet, schützt mehr, als jede zusätzliche Warnung es könnte.


