Europas geopolitischer Tiefschlaf
Die amerikanische Sicherheitsstrategie macht die USA nicht zum Gegner Europas. Der Kontinent muss sich endlich der eigenen Verantwortung in der neuen Weltordnung stellen.

Die neuen europäischen Stimmen, die die Vereinigten Staaten unter Donald Trump zum „zweiten Gegner“ neben Wladimir Putins Russland erklären, beruhen auf einem grundlegenden Missverständnis eines internationalen Systems, das sich längst herausgebildet hat. Dieser Blick spiegelt dieselbe strategische Passivität, die Europa seit drei Jahrzehnten lähmt: die Weigerung, die Realität des neuen Kalten Krieges anzuerkennen – und die eigene Verantwortung darin.
Kalter Krieg 2: Europa ist die Frontlinie – nicht das Opfer
Seit Jahren argumentiere ich, dass wir in einem neuen Kalten Krieg leben: einer systemischen Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und dem „DragonBear“, dem institutionalisierten Modus Operandi strategischer Koordinierung zwischen China und Russland. Dies ist keine Metapher, sondern eine globale Systemspaltung in Wirtschaft, Technologie, Energie, Finanzen, Infrastruktur und Verteidigung.
Europa steht dabei nicht „zwischen zwei Feinden“. Europa ist die zentrale Frontlinie eines der beiden globalen Betriebssysteme in dieser Konfrontation.
Einen sich neu ausrichtenden Verbündeten mit einem existenziellen Feind zu verwechseln, ist ein analytischer Kardinalfehler.
Der DragonBear destabilisiert Europa durch revisionistische Kriegsführung, Energiedruck, technologische Einflussnahme, Dual-use Militärkooperation und politische Operationsmethoden. Die USA wiederum – unter demokratischen wie republikanischen Regierungen – verlagern sich langfristig auf eine hemisphärenzentrierte Strategie, die durch den Trump-Kurs beschleunigt, aber nicht verursacht worden ist.
Doch Amerika ist nicht Europas Gegner. Es ist eine Großmacht, die ihre strategischen Prioritäten neu ordnet. Einen sich neu ausrichtenden Verbündeten mit einem existenziellen Feind zu verwechseln, ist ein analytischer Kardinalfehler.
Die neue US-Sicherheitsstrategie entlarvt Europas geopolitische Unreife
Die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA tut etwas, das Europa zutiefst irritiert: Sie hört damit auf, so zu tun, als sei Europa ein gleichwertiger Sicherheitsgarant. Das Dokument kodifiziert klar die amerikanische Erwartung, dass Europa in Zukunft selbst die primäre Verantwortung für seine Sicherheit trägt – während die USA die westliche Hemisphäre schützen und China im Indopazifik abschrecken. Das ist kein „Verrat“. Es ist die logische Folge jahrzehntelanger europäischer Unterperformance.
Und es ist etwas, das europäische Eliten seit langem ahnen, aber nie offen aussprechen wollten: Europa kann sich im neuen Kalten Krieg – mitten im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und angesichts wachsender chinesischer Machtpolitik – nicht mehr auf die USA als Hauptanbieter harter Sicherheit verlassen. Das ist allerdings keine Abkehr. Das ist die Rechnung nach 30 Jahren strategischer Selbstgefälligkeit.
Russland ist revisionistisch. Die USA sind frustriert. Das ist nicht dasselbe.
Russland will Grenzen revidieren, Institutionen schwächen und das westliche System zerschlagen. Die USA wollen, dass Europa endlich aufhört, abhängig zu sein – und zu einem echten strategischen Pfeiler wird. Das eine ist ein Gegner der europäischen Sicherheitsordnung. Das andere fordert Europa auf, diese Ordnung endlich selbst zu verteidigen.
Europa fehlt es nicht an Ressourcen, sondern am politischen Willen, Mut und Einsatzbereitschaft.
Beide gleichzusetzen mag emotional befriedigen, aber es verstellt den Blick auf das eigentliche Problem: Europa ist nie aus seiner geopolitischen Jugend herausgewachsen. Die viel beschworene „strategische Autonomie“ ist nie Wirklichkeit geworden – und das lag nicht an Washington.
Europas wahres Versagen: Strategische Passivität im moralischen Gewand
Seit Jahren warne ich vor Europas strategischer Passivität, einem tief verankerten Mindset aus Komfort, Ideologie und Wunschdenken: moralische Appelle statt militärischer Aufrüstung, regulatorischer Aktivismus statt glaubwürdiger Abschreckung, normative Einlassungen statt Fähigkeiten – und EU-Kommuniqués anstelle strategischer Planung.
Europa fehlt es nicht an Ressourcen, sondern am politischen Willen und am Mindset zu handeln. Es fehlt nicht an Hebelwirkung, sondern an Mut und Einsatzbereitschaft. Die Ukraine hat diese Dynamik schonungslos offengelegt: Europa besitzt erhebliche ökonomische Macht – durch Sanktionen, eingefrorene Vermögenswerte oder Wiederaufbaugelder. Gleichzeitig aber ist es auf die USA angewiesen, um jene strategischen Fähigkeiten bereitzustellen, die die Ukraine militärisch überhaupt handlungsfähig halten. Für einen Kontinent an der Frontlinie des neuen Kalten Krieges ist dieses Modell untragbar.
Europa hat keine Ausrede
Die Erzählung, Europa sei „allein“, ist attraktiv, weil sie einen psychologischen Fluchtweg bietet: Wird Europa im Stich gelassen, trägt es keine Verantwortung. Doch die Realität ist härter: Europa ist verantwortlich – und zwar, weil es eine regionale Macht ist, die sich weigert, sich wie eine zu verhalten.
Europa ist nicht allein.
Die harte Wahrheit lautet: Die USA werden Europas schwerste Sicherheitskrise nicht lösen. Russland wird nicht aufhören, Europas Grenzen herauszufordern. China wird seine Machtprojektion über Eurasien, den Nahen Osten und den Globalen Süden nicht abbremsen. Die DragonBear-Achse wird nicht schwächer, sondern institutionalisiert sich weiter und konkurriert auf allen Ebenen mit den USA.
Europa ist nicht allein. Europa ist sicherheitspolitisch entblößt worden – durch seine eigenen Entscheidungen oder das Fehlen solcher.
Der einzige Weg nach vorn: Europa als glaubwürdige westliche Säule
Europa darf sich nicht als Opfer definieren, sondern als tragfähige Säule des westlichen Systems. Das erfordert eine systemische Kurskorrektur. Hier sind die zentralen Prioritäten:
Europa aufrüsten für den Kalten Krieg 2
Vom Ankündigen zum Handeln: Ausbau von Luft- und Raketenabwehr, weitreichenden Schlagfähigkeiten, Munitionsproduktion, Cyber- und Weltraumkapazitäten sowie Resilienz kritischer Infrastruktur und Lieferketten.
Die Ukraine als Sicherheitsproduzenten integrieren – nicht als Dauerrisiko
Die Ukraine ist kein europäischer Ballast, sondern der wichtigste Frontstaat und Verteidiger Europas. Ihre Verteidigungsindustrie, Innovationskraft und Resilienz müssen jetzt in Europas Sicherheitsarchitektur eingebunden werden – nicht erst nach einem EU-Beitritt.
Abhängigkeiten vom DragonBear und von den USA reduzieren
Strategische Autonomie bedeutet nicht Äquidistanz, sondern Verringerung kritischer Verwundbarkeiten. Europa muss sich selbst verteidigen können – und gleichzeitig verankert im transatlantischen System bleiben.
Europa und den Indopazifik strategisch verknüpfen
Der Kalte Krieg 2 ist global: Ein russischer Sieg in der Ukraine würde chinesische Aggression im Indopazifik beschleunigen. Eine Taiwan-Krise würde amerikanische Ressourcen aus Europa abziehen. Europas eigene Verteidigung ist damit global vernetzt – oder sie existiert nicht.
Drei zentrale Empfehlungen
Europa muss endlich als geopolitische Einheit handeln – nicht als fragmentierter Regulierungsraum. Ohne konsolidierte Verteidigungs-, Industrie- und Energiepolitik bleibt Europa Objekt amerikanischer Strategie statt eigenständiger Akteur.
Europa muss sich auf ein verhandeltes Endspiel im Ukrainekrieg vorbereiten, das europäische Sicherheitsinteressen schützt. Mit dem amerikanischen Drängen auf einen politischen Ausweg muss Europa sein eigenes langfristiges Sicherheitsmodell für die Ostflanke entwickeln – die neue Version des Eisernen Vorhangs. Es braucht glaubwürdige Abschreckung, Wiederaufbauplanung und langfristige Eindämmungsstrategien gegen Russland, das das europäische Sicherheitsgefüge, politische Systeme, das Wirtschaftsmodell und die gesellschaftliche Resilienz umfassend angreift.
Europa muss sich im Kalten Krieg 2 strategisch neu positionieren, indem es asymmetrische Abhängigkeiten sowohl von den USA als auch von China abbaut. Der Kontinent braucht eine dritte Wegstrategie: atlantisch verankert, aber mit eigener Souveränität in Handel, Technologie und Energie.
Europa ist nicht allein – Europa ist zu spät
Die Welt ist heute geprägt von harter Machtprojektion, Einflusszonen und techno-industriellen Blöcken. Der DragonBear agiert koordiniert, entschlossen und mit dem Mindset „Winner takes all“. Amerika kalibriert sich neu – erschöpft von Jahrzehnten offener Verpflichtungen und globaler Interventionen.
Und Europa? Europa klammert sich weiterhin an ein Weltbild der 1990er Jahre, als ließen sich Regeln durch diplomatische Erklärungen wiederherstellen. Diese Welt ist vorbei. Europa muss nicht die Abwendung fürchten. Europa muss Verantwortung übernehmen – für sich selbst, für die Ukraine und für seine Rolle im globalen Ringen unserer Zeit.
Die nun zirkulierende Langversion der Nationalen Sicherheitsstrategie bestätigt diese tektonische Verschiebung noch deutlicher: Unter dem Slogan „Make Europe Great Again“ will Washington nicht Europa verlassen, sondern Europas politische Ausrichtung neu ordnen – weg von der EU, hin zu ausgewählten nationalkonservativen Regierungen, die in Ländern wie Polen, Italien, Ungarn oder Österreich in Zukunft regieren könnten.
Parallel schlägt das Dokument ein neues Format der globalen Machtkoordination vor, den sogenannten C5 (USA, China, Russland, Indien, Japan) – ein G7-Ersatz ohne Europas Teilnahme. Und es erklärt offen das Ende amerikanischer Hegemonie. Diese Punkte bestätigen nicht eine amerikanische Abwendung, sondern Europas geopolitische Zurückstufung: Die USA rechnen mit einem Europa, das seine geopolitische Rolle nicht erfüllt – und passen ihre Strategie entsprechend an.
Europa ist nicht allein. Europa ist nur spät. Und die Geschichte wartet nicht auf Nachzügler.


