2008. Als die Mitte verschwand
Die politische Mitte verschwand, als das Smartphone massenhaft verbreitet war. Es hat uns vernetzt und polarisiert. Komplexitätsforscher Stefan Thurner berichtet.

Auf den Punkt gebracht
- Koinzidenz. Seitdem es das Smartphone gibt, nehmen digitale Vernetzung und Polarisierung zu. Stefan Thurner erklärt Pfade der gesellschaftlichen Spaltung.
- Parallelen. In der Physik gibt es Kipppunkte, Schwellenwerte, jenseits derer ein System in einen anderen Zustand kippt. Das ist oft irreversibel.
- Kipppunkte. Ebenso scheint die soziale Welt Kipppunkte zu haben. Ab einem gewissen Vernetzungsgrad nimmt Polarisierung zu.
- Gegenkräfte. Persönliche Kontakte über Differenzen hinweg können helfen, Fragmentierung und Aversion abzubauen.
Soziale Netzwerke und viele Verbindungen haben anscheinend eine paradoxe Wirkung. Je mehr wir mit anderen Menschen vernetzt sind und je mehr wir interagieren, desto fragmentierter scheinen unsere Gesellschaften zu werden. Die Forschung zeigt: Wir driften seit einigen Jahren zunehmend in Fraktionen auseinander. Wir können auch datieren, seit wann: Unser Polarisierungsproblem begann zeitgleich mit dem Auftauchen des Smartphones.
Was uns spaltet
- Abstiegsängste? Barbara Prainsack über Politik, Wut und Ohnmacht.
- Stunde der Manipulateure. Mirta Galesic über die Folgen.
- Krise des Liberalismus. Peter Neumann im Podcast.
Das kleine internetfähige Mobiltelefon mit dem Touchscreen steht in Soziologie und Politikwissenschaft seit längerem im Verdacht, gesellschaftliche Spaltungsprozesse zu fördern. Analysen und Studien zeigen, dass es kurz nach seiner Einführung zu einer markanten Zunahme der gesellschaftlichen Fragmentierung gekommen ist.
Diese Entwicklung wird meist auf die Apps und Plattformen zurückgeführt, die wir mit unseren Smartphones nutzen: Facebook, WhatsApp, TikTok, Tele- und Instagram, X, BlueSky und so weiter. Der Aufstieg von Social Media wird in den Sozialwissenschaften als eine der möglichen Ursachen von Polarisierung – hier verstanden als starke Ablehnung anderer Positionen und eine zunehmende Lagerbildung – identifiziert.
Dazu ein kurzer Ausflug in die Physik: Wenn Sie einen Eisblock in einem Topf erhitzen, geraten die Wassermoleküle in immer stärkere Bewegung, bis ihre starre Kristallstruktur zerbricht und Sie schließlich kein Eis, sondern Wasser im Topf haben. Das beginnt wenig später zu verdampfen. Die Phasenübergänge zwischen Eis, Wasser und Dampf sind das Interessante, denn sie stehen für die kritischen Punkte, an denen ein System in einen neuen Zustand mit anderen Eigenschaften übergeht.
Die Physik lehrt uns dazu drei Dinge. Erstens: Ein großes Ganzes kann sich grundlegend wandeln, wenn sich die Beziehungen zwischen einzelnen Elementen ändern. Zweitens: Die Übergänge von einem Zustand in einen anderen zeigen sich zunächst als graduelle Veränderungen. Drittens: Systeme haben „Kipppunkte“, nach deren Überschreiten der Übergang in einen anderen Zustand unvermeidlich wird. Beim Phasenübergang von Eis zu Wasser liegt dieser Kipppunkt bei null Grad Celsius.
2008 – die Zeitenwende
Der Grad der Polarisierung in westlichen Demokratien wird regelmäßig vermessen. Sozialforscher erheben in Umfragen, wie stark jemand eine politische Position ablehnt. Laut Untersuchungen des Pew Research Center lag dieser Wert in den USA bis zum Jahr 2010 konstant bei 0,11. Bis zum Jahr 2017 stieg er auf 0,19 – er hat sich also fast verdoppelt.
Und noch etwas geschah um die 2010er-Jahre, genau zu der Zeit, als das Smartphone und Facebook (als erstes „soziales Medium“) breit verfügbar wurden: Während man in den USA im Jahr 2004 im Durchschnitt etwa zwei enge Freunde hatte, waren es im Jahr 2008 plötzlich vier bis fünf. Als „enge Freunde“ gelten in diesem Zusammenhang Sozialkontakte, mit denen Menschen sich über Politik und über persönliche Themen wie Beziehungen oder private Sorgen austauschen – unabhängig davon, ob das am Stammtisch oder im virtuellen Chat passiert.
Die Studien zeigen, dass die Zunahme der Freundschaften und die Polarisierung der Gesellschaft nahezu gleichzeitig stattgefunden haben. In den Vereinigten Staaten, deren politische Landschaft durch das Zweiparteiensystem geprägt ist, zeigt sich das besonders deutlich. Wir haben, so scheint es, einen Phasenübergang hinter uns. Die Frage lautet nun: Sind diese beiden Entwicklungen bloß zufällig gleichzeitig aufgetreten? Oder sind soziale Netze tatsächlich die Ursache für die verstärkte Polarisierung von Gesellschaften?
Zahlen & Fakten

III. Mythos oder nicht? „Polarisierung ist Einbildung“
Kein Mythos. „Einbildung“ macht Polarisierung so wirkmächtig, sagt der Soziologe Nils C. Kumkar. Er sieht „Polarisierung“ mit Niklas Luhmann als eine Methode der Komplexitätsreduktion. Der Politik, so zeigt seine Studie unter anderem, dient Polarisierung als Instrument, um über Triggerthemen potenzielle Wählergruppen zu mobilisieren. Alltäglich wird „Polarisierung“ wiederum als Ordnungskategorie genutzt, um die gefühlsmäßig aufgeladene Stimmung zu fassen. Wichtig sei nicht so sehr, ob es Polarisierung an sich gibt oder nicht, meint Kumkar, als vielmehr zu untersuchen, wie sie genutzt wird, um Abgrenzung, Sinn, Zugehörigkeit und Ausschluss zu organisieren.
Weitere Mythen finden Sie in den anderen Beiträgen in unserem Polarisierungs-Dossier „Zerreißproben“.
Um das zu beantworten, haben wir 27.000 Umfragen des Pew Research Center zur Polarisierung in den USA sowie über 57.000 Umfragen zu sozialen Kontakten ausgewertet und ein mathematisches Modell entwickelt. Zudem haben wir virtuelle „Avatare“ konstruiert, die wir im Computer nach den Prinzipien menschlichen Sozialverhaltens interagieren ließen. Zu diesen Prinzipien gehört, dass wir uns Freunde suchen, die ähnliche Meinungen haben wie wir. Außerdem verhalten wir uns gegenüber Gruppen feindlich, die wir selbst als feindlich wahrnehmen – wir tendieren stets zu symmetrischen Beziehungen.
Das erklärt, warum es in jeder Gesellschaft zu einem gewissen Maß an Fragmentierung kommt: Wir halten uns lieber in geschützten „Blasen“ Gleichgesinnter auf und grenzen andere aus.
Diese Tendenz zur Fragmentierung haben wir auch in unserem Modell gesehen. Das Verhalten unserer Avatare stimmte mit den empirischen Daten über menschliche Gruppen überein. Für uns war es zunächst faszinierend, dass sich diese Phänomene mit naturwissenschaftlichen Modellen so präzise beschreiben und Vorhersagen über diese Prozesse treffen ließen.
Dann haben wir die Zahl der „engen Freunde“ unserer Avatare erhöht – ähnlich, wie soziale Medien die Zahl unserer Freunde erhöht hatten. Dabei stellten wir fest: Je mehr „Freunde“ wir unseren Avataren zugestanden, desto deutlicher wurde, dass sie bei ihren Verbindungen den Kontakt zu jenen Avataren „bevorzugten“, die ihre Präferenzen teilten. Sie wandten sich somit von anderen ab. Durch dieses Verhalten verstärkten sie die Fragmentierung ihrer virtuellen Gesellschaft in unserem Modell.
Der Kipppunkt unseres simulierten sozialen Systems lag bei vier bis fünf engen Freunden – ab dieser Schwelle polarisierten sich die Avatare so stark, dass sich bald nur noch zwei Lager gegenüberstanden.
Der Preis des Entfreundens
Das Ergebnis unserer Modellrechnungen war eindeutig: Eine Verdoppelung von Freundschaften führt zu einer doppelt so starken Fragmentierung. Der Effekt ist so deutlich, als folgte er einem Naturgesetz.
Der Phasenübergang in unseren Gesellschaften war also ebenso unvermeidlich wie das Schmelzen von Eis jenseits der Temperaturschwelle von null Grad.
Doch eigentlich sind unsere Ergebnisse ein Warnsignal. Unsere Studie zeigte nämlich auch, dass Polarisierung leicht zunimmt und mit der Zeit immer ausgeprägter wird. Je mehr Polarisierung es gibt, desto mehr Polarisierung wird es auch in Zukunft geben – das zeigt die simulierte Entwicklung.
Nun können wir nicht in eine fiktive analoge Welt zurück, in der wir nicht über zwei enge Freunde hinauskommen und darauf angewiesen sind, uns auch mit jenen gut zu verstehen, deren Meinung wir nicht teilen – weil wir nun einmal im selben Dorf oder in derselben Straße leben, dieselbe Schule oder dasselbe Wirtshaus besuchen. Mit dem Smartphone und Social Media können wir uns in eine alternative Welt voller Gleichgesinnter zurückziehen.
Ein entscheidender Effekt dieser Entwicklung ist, dass wir gegenwärtig keinen besonders hohen sozialen Preis mehr zahlen müssen, um eine Freundschaft aufzukündigen beziehungsweise uns zu „entfreunden“. Wenn mir eine -Facebook-Gruppe nicht gefällt, dann kann ich zu einer anderen wechseln. Ich muss mich nicht rechtfertigen und nicht damit rechnen, plötzlich allein zu sein.
Zahlen & Fakten

IV. Mythos oder nicht? „KI verstärkt radikale Ansichten“
Kein Mythos. Generative KI-Systeme haben ein großes Manipulationspotenzial: Viele Menschen sehen sie nicht als Rechenmodelle, sondern als Freunde und objektive „Wahrheitsmaschinen“, wie Roland Meyer, Forscher an der Uni Zürich, formuliert. Extremisten können die Systeme für die Verbreitung von Propaganda, Lügen und Deepfakes nutzen oder manipulative Chatbots entwickeln, warnen Sicherheitsbehörden. Extremistische Narrative erhalten vor allem durch KI-generierte Bilder und Videos große Reichweite. Die AI-Verstärkung ist zunehmend ein steter Begleiter: KI-gestützte digitale Brillen, Handhelds, Armbänder und Halsketten sammeln nicht nur die Daten ihrer Nutzer, sondern auch die der Umgebung und geben ihren Nutzern entsprechende Empfehlungen.
Weitere Mythen finden Sie in den anderen Beiträgen in unserem Polarisierungs-Dossier „Die Zerreißprobe“.
Ein Unterschied zur analogen Welt des fiktiven Dorfs ist, dass es im virtuellen Raum auch weniger „Brücken“ zwischen verschiedenen Positionen und Gruppen gibt, die eine starke Polarisierung verhindern könnten. Denn Fragmentierung gibt es im idealtypischen analogen Dorf auch. Auch dort gibt es unterschiedliche Gruppierungen und Fraktionen, die nebeneinander existieren.
Nur würde bei Meinungsverschiedenheiten aber vielleicht der Pfarrer vermitteln, die Schule eine Diskussion organisieren, und zur Not würde der Wirt eingreifen, weil er keine Streitereien im Gasthaus brauchen kann. Es gibt Orte, an denen man sich begegnet und miteinander auskommen muss. Man kann den Kontakt nicht vollständig abbrechen. Das schützt in gewisser Weise vor der Lagerbildung.
Überrepräsentierte Ränder
Plattformen wie Facebook und Co hingegen funktionieren am besten, wenn möglichst radikale Posts und provozierende Inhalte produziert werden, denn solche Inhalte teilen wir mit unseren Freunden. Was aus der „Mitte“ kommt, ist in der Regel langweilig, das teilen wir nicht. Den unkorrekten Witz und die Verschwörungstheorie aber schon. Und die Algorithmen belohnen das, weil dieses Verhalten noch mehr Nutzer auf die Plattformen bringt oder sie länger dort hält.
So erscheinen extreme gesellschaftliche Positionen größer und bedeutender, als sie tatsächlich sind. Die „gemäßigte Mitte“, zu der, wie man aus Umfragen weiß, sich immer noch die Mehrheit der Menschen zählt, schweigt. Sie wird sogar noch stiller, je lauter und extremer die Ränder werden. Ein paar Influencer mit extremen Ansichten können auf diese Weise die Meinungen von vielen tausenden Menschen verschieben.
Die Ränder werden überrepräsentiert und erscheinen wesentlich größer, als sie sind. Ebenso die Polarisierung selbst. Wer glaubt, es gäbe nur noch zwei Lager, wird sich auch eher genötigt fühlen, sich der einen oder anderen Seite zuzuschlagen, etwas linker oder etwas rechter zu werden oder sich zumindest so zu geben. Die Zunahme der Polarisierung wird zur self-fulfilling prophecy.
Einmal eingetreten, lässt sich Polarisierung nur schwer rückgängig machen. In unserem Modell zeigte sich, dass es nur mit großer Verzögerung einen gewissen Erfolg brachte, die Zahl der engen Kontakte der Avatare wieder auf zwei zu reduzieren. Die Polarisierung nahm nur langsam ab.
Dem Modell folgend scheint es nur eine Stellschraube zu geben, um die Spaltung zu bremsen: Toleranz. In unserem Modell konnten wir zeigen, dass eine weitere Polarisierung dann gestoppt wird, wenn Verbindungen auch nach dem Aufbrechen von Meinungsunterschieden aufrechterhalten bleiben.
Toleranz bedeutet, die Meinung eines engen Freundes nicht überzubewerten, die Freundschaft nicht davon abhängig zu machen, ob man in wirklich allen Fragen übereinstimmt; den anderen einfach gelten zu lassen und die Verbindung auch dann nicht abzubrechen, wenn jemand politisch woanders steht.
Auch wenn dieses Problem im digitalen Raum entstanden ist – lösen werden wir es wohl nur durch konkrete Begegnungen im physischen Hier und Jetzt. Es muss gelingen, die fragmentierten Gruppen wieder auf einen gemeinsamen Boden zu bringen und den Druck aus dem System zu holen.
Conclusio
Anfang. Das Smartphone und die sozialen Medien haben die Polarisierung der Gesellschaft verstärkt, indem sie die sozialen Netzwerke verdichtet haben. Je mehr Kontakte, desto stärker polarisieren sich Gesellschaften.
Ausdruck. Die Inhalte, die auf Social-Media-Plattformen geteilt und verbreitet werden, fallen so
auf fruchtbaren Boden. Sie sind aber nicht der Auslöser für Polarisierung, sondern lediglich ihr sichtbarer Ausdruck.
Ausweg. Die Modellrechnung
weist einen Weg aus der Polarisierungsspirale: Toleranz, zu-mindest gegenüber Freunden,
und Langmut, selbst wenn stark widerstreitende Meinungen aufeinanderprallen.
Über Stefan Thurner

Stefan Thurner ist Physiker und Komplexitätsforscher. Professor für die Wissenschaft Komplexer Systeme an der MedUni Wien, leitet er den Complexity Science Hub (CSH) seit seiner Gründung 2015.
Das Dossier zum Thema
Zerreißproben
Polarisierung ist Vorstellung und Gefühl. Genau das ist das Problem.
