„Die Lehrer haben uns beleidigt“

Als Tochter türkischer Einwanderer wuchs Songül Can in Tirol auf. Lehrer legten ihr Steine in den Weg, trotzdem wurde sie Bildungswissenschaftlerin – und hat am eigenen Leib erfahren, wie Integration gelingen kann.

Die Bildungswissenschaftlerin Songül Can von der Uni Innsbruck
Songül Can: „In der Volksschule war ich das einzige Kind mit Migrationshintergrund.“
© Rudi Wyhlidal

Der Pragmaticus: Sie sind mit türkischen Wurzeln in Tirol aufgewachsen, genauer in Flirsch am Arlberg – wie haben Sie das erlebt?

Songül Can: Wir waren dort die einzige Familie mit türkischem Migrationshintergrund. Meine Eltern waren sehr offen, ich war dann beispielsweise auch Teil des Kirchenchors. Ich habe an Weihnachtsfeiern und anderen kirchlichen Feiern teilgenommen. Aber wir waren trotzdem muslimisch, und ich bin es bis heute. Zu Hause haben wir auch türkisch gesprochen.

Deutsch gelernt haben Sie im Kindergarten und in Ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld.

Genau. In der Volksschule war ich auch das einzige Kind mit Migrationshintergrund, es gab auch keine Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien in meiner Klasse. Ich war deshalb vielleicht ab und an eine Außenseiterin, trotzdem habe ich die Zeit weder als explizit positiv noch negativ in Erinnerung.

Und das hat sich geändert, als Sie in die Hauptschule kamen?

Ja, dort wurden wir in zwei Klassen aufgeteilt, und es war sehr klar, dass es eine Klasse für Einheimische und eine für Ausländer gab. Unsere Klasse hatte vierzehn Kinder mit Migrationshintergrund und fünf ohne, die andere Klasse hatte siebzehn ohne und nur zwei mit Migrationshintergrund.

Sie wurden in Österreich geboren und sprechen Deutsch – trotzdem sind Sie in der Ausländerklasse gelandet?

Genau. Das war offensichtlich so eingeteilt, auch wenn nie offen gesagt wurde: Das ist jetzt die Ausländerklasse. Ich war als einziges Kind aus meiner Familie an dieser Hauptschule, und wir wussten nicht, wie es dort zugeht.

Wie hat sich das im Unterricht bemerkbar gemacht?

Die Lehrer haben uns beleidigt, mit Sprüchen, einfach so dahingesagt. Ein Lehrer hat mir gesagt, ich bräuchte keine Ausbildung, ich würde ja sowieso mit 18 Jahren heiraten.

Wie geht man damit um?

Ich war damals elf oder zwölf und völlig geschockt. Aber ich habe weitergelernt und meine Ziele weiterverfolgt.

Wie ging Ihre Schullaufbahn weiter?

Kinder mit Migrationshintergrund haben systematisch schlechtere Noten bekommen. Ich habe auf die Tests immer Einser gehabt und gut mitgearbeitet, im Zeugnis stand trotzdem ein Dreier. Deshalb kam ich nicht in die HAK – was mein Ziel gewesen war.

Das muss auch für Ihre Eltern schwierig gewesen sein.

Das war es sicher. Aber sie konnten sich nur wenig für mich einsetzen. Meine Mutter spricht nicht so gut Deutsch, das war für mich vielleicht ein Nachteil. Und mein Vater war berufstätig, hatte keine Zeit – so geht es, glaube ich, auch heute noch vielen Kindern mit Migrationshintergrund.

Die Bildungswissenschaftlerin Songül Can von der Uni Innsbruck
Songül Can: „Kinder mit Migrationshintergrund haben systematisch schlechtere Noten bekommen.“
© Rudi Wyhlidal

Sahen Lehrer Zweisprachigkeit jemals als Vorteil, oder hieß es eher: „Deutsch ist das Wichtigste.“?

Deutsch war das Wichtigste, ja. Ich kann mich nicht erinnern, dass je ein Lehrer Türkisch als Bereicherung angesehen hätte.

Sind Sie später doch noch aufs Gymnasium oder in die HAK gekommen?

Nein, ich bin in die Handelsschule gegangen. Dort war es ganz anders: Die Lehrkräfte haben nach Leistung bewertet, und die Schulzeit war sehr positiv. Danach habe ich die Berufsreifeprüfung an der Abendschule nachgeholt und bin mit 25 Jahren an die Uni gekommen.

War Studieren immer Ihr Ziel, oder hat sich das erst ergeben?

Es war schon mein Ziel. Aber die Berufsreifeprüfung neben dem Job zu absolvieren, war anstrengend, das hat vier Jahre gedauert. Danach hatte ich erst mal keine Lust mehr aufs Studium. Ich war erschöpft und hatte einen guten Job. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass mir etwas fehlt, dass ich mehr will. Also habe ich mich entschieden, doch noch zu studieren.

Sie haben Bildungswissenschaften studiert, forschen nun selbst zu Migration und Bildung. Gibt es einen Punkt, den Sie am Schulsystem als Erstes ändern würden?

Ich finde Austauschprogramme wie Erasmus sehr nützlich, weil man dadurch andere Kulturen wirklich kennenlernt. Gerade für Lehrkräfte ist es wichtig, mit unterschiedlichen Menschen ins Gespräch zu kommen, um zu sehen: Wir sind nicht alle gleich – und trotzdem kann es funktionieren. Ich habe im Bachelorstudium ein Jahr in Istanbul verbracht, dort hatte ich Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt, aus Südamerika, Pakistan, Afrika, den arabischen Ländern, aus Europa. Man lernt dabei sehr viel.

Ich glaube, genau diese interkulturellen Kompetenzen fehlen vielen Lehrern und Kindern heute. Was ich auch wichtig finde, ist Rhetorik: Wie man sich besser ausdrückt, wie man frei redet – das halte ich für essenziell. Die Muttersprache finde ich ebenfalls zentral. Wenn Kinder ihre eigene Muttersprache gut beherrschen, können sie auch andere Sprachen leichter lernen.

Nach all Ihren Erfahrungen: Wie kann Integration gelingen?

Ich glaube, Kinder brauchen ein Gefühl von Zugehörigkeit. Dafür braucht es beide Seiten, das habe ich selbst erlebt: Kinder müssen das Gefühl haben, dass sie nicht ausgeschlossen sind aufgrund ihrer Herkunft, und umgekehrt müssen auch Migrantinnen und Migranten Interesse an der Kultur zeigen, in der sie leben.

Zur Person

Songül Can arbeitet am Doktoratskolleg „Dynamiken von Ungleichheit und Differenz im Zeitalter der Globalisierung“ der Universität Innsbruck und forscht im Rahmen ihrer Promotion beim EASY-Projekt, gefördert durch die Gerda-Henkel-Stiftung, zu Migration und Bildung. Konkret beschäftigt sie sich mit der Bildungssituation von „Menschen mit irregularisiertem Aufenthaltsstatus im urbanen Kontext“. Ihr Fokus liegt dabei auf der Situation in Zürich.

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