Warum wir soziale Spaltung unterschiedlich erleben
Je homogener das Umfeld, umso gravierender erscheinen uns Meinungsunterschiede. Wir haben ein verzerrtes Bild von gesellschaftlicher Spaltung, aber kein falsches.

Auf den Punkt gebracht
- Umfeld. Ob und wie wir Polarisierung wahrnehmen, hängt unter anderem davon ab, wie homogen oder vielfältig unser Umfeld ist.
- Prozesshaft. Auch Zeit spielt eine Rolle: Unsere Wahrnehmung ist nicht statisch, sondern abhängig vom Umfeld immer im Wandel.
- Feedback. Je homogener ein Umfeld, umso deutlicher treten Unterschiede für uns hervor und befördern den Eindruck von Polarisierung.
- Trigger. Sich zuspitzende Themen, etwa der Klimawandel, verändern Meinungsumfelder unterschiedlich schnell und damit auch die Wahrnehmung von Spaltung.
Polarisierungsdebatten sind nicht neu. Gespräche über Politik, ob in Talkshows oder am Stammtisch, drehen sich schon seit einigen Jahren oft um die Sorge, unsere Gesellschaften könnten politisch immer mehr auseinanderdriften, vor allem bei der Migrationspolitik, beim Klimaschutz oder bei sozialen Fragen.
Was uns spaltet
- Abstiegsängste? Barbara Prainsack über Politik, Wut und Ohnmacht.
- Das Smartphone? Stefan Thurner hat ein „Jein“.
- Stunde der Manipulateure. Mirta Galesic über die Folgen.
- Krise des Liberalismus. Peter Neumann im Podcast.
Zu jenen, die vor wachsenden Differenzen warnen, gehören der frühere US-Präsident Barack Obama, das Weltwirtschaftsforum oder Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Sie fürchten um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und sie fürchten, dass die Gräben zwischen politischen Lagern immer tiefer und breiter werden könnten, sodass ein konstruktiver Austausch und die Suche nach Kompromissen zumindest erschwert, wenn nicht verunmöglicht, würde.
Welche Spaltung meinen wir?
Sind die Sorgen vor einem Auseinanderdriften politischer Ansichten wirklich berechtigt? Ein anderes Bild zeichnet etwa ein Forschungsteam rund um den Soziologen Steffen Mau in Deutschland oder die Politikwissenschaftler Matthew Levendusky und Neil Malhotra in den USA: Sie zeigen, dass unsere Meinungen zu politischen Themen oft gar nicht so weit auseinanderliegen, wie wir es im Alltag empfinden.
Woher kommt diese offensichtliche Diskrepanz? Wie kann es sein, dass das kollektive Gefühl, in einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft zu leben, immer stärker zu werden scheint, während die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung eher auf Einigkeit hindeuten?
Eine mögliche Erklärung für diese Diskrepanz findet sich in der Psychologie. In unserer Studie haben wir untersucht, wie Menschen Polarisierung empfinden. Wir sind dabei von der Annahme ausgegangen, dass ihre Wahrnehmung von Meinungsunterschieden vor allem von ihren jeweiligen sozialen Kontexten abhängt; dem Stammtisch, dem Freundeskreis oder der Familie etwa.
Zahlen & Fakten

V. Mythos oder nicht? „Polarisierung nützt Populisten“
Kein Mythos. Die Politikwissenschaft zeigt, dass einfache Entgegensetzungen („wir gegen die“) der Markenkern der Populisten ist. Es gibt für sie nur zwei Fraktionen; Pluralismus ist Populisten in der Regel suspekt: „Sie lehnen die Vorstellung ab, dass sich Gesellschaften aus verschiedenen Gruppen mit gleichermaßen legitimen Interessen zusammensetzen“, so Populismusforscherin Ebru Özbey. Auch Barbara Prainsack zeigt in ihrem Beitrag, warum solche Spaltungsphantasmen wirken.
Weitere Mythen finden Sie in den anderen Beiträgen in unserem Polarisierungs-Dossier „Die Zerreißprobe“.
So viel vorweg: Wir haben festgestellt, dass sich individuelle Einschätzungen, ob Polarisierung in der Gesellschaft zu- oder abnimmt, je nach politischer Gruppe enorm unterscheiden können und nicht unbedingt mit der Polarisierung, wie sie in Umfragen gemessen wird, übereinstimmen muss.
In unserer Studie definierten wir „Meinungen“ relativ breit, indem wir darunter verschiedene Aspekte von Überzeugungen und Gefühlen fassten, zum Beispiel der Grad an Zustimmung zu bestimmten faktischen Aussagen oder politischen Lösungsansätzen, die Besorgnis über bestimmte gesellschaftliche Herausforderungen etc.
Zum Beispiel: Parvati glaubt, dass der Klimawandel größtenteils menschengemacht ist und macht sich große Sorgen darüber. Padma stimmt ihr in der sachlichen Frage der Existenz und Ursache des Klimawandels komplett zu, ist aber weit weniger besorgt (vielleicht, weil sie auf technische Lösungen hofft).
Solche Unterschiede lassen sich in Umfragen gut erheben. Wenn Parvatis Besorgnis über den Klimawandel von einer Umfrage zur nächsten zunimmt, die Besorgnis von Padma aber nicht, sprechen Forscher und Forscherinnen typischerweise von einem Auseinanderdriften ihrer Meinungen, also von einer Polarisierung.
Diese Definition von Polarisierung setzt jedoch voraus, dass es einen objektiven Maßstab gibt, mit dem sich das Auseinanderdriften messen lässt. Doch diesen gibt es nicht. Denn erstens erleben Padma und Parvati die festgestellten Unterschiede vielleicht ganz anders und zweitens kann eine festgestellte scheinbare Zunahme von Polarisierung daran liegen, dass sich Padmas und Parvatis Wahrnehmung von Unterschieden im Verlauf der Zeit zwischen zwei Umfragen grundlegend geändert hat.
Wie wir Spaltung wahrnehmen
Wie Differenzen wahrgenommen werden, ist individuell unterschiedlich und kann sich im Lauf der Zeit verändern. Das liegt daran, dass unsere Wahrnehmung der Welt vom Grad der Vielfalt beeinflusst wird, die uns umgibt.

Betrachten wir für ein besseres Verständnis die visuelle Wahrnehmung von Farbunterschieden. Die Abbildung zeigt auf der linken Bildhälfte Grüntöne, die sich nur wenig voneinander unterscheiden. Eine Person, die von solcherart geringer Varianz umgeben ist, kann ein dunkleres Laubgrün gut von einem grelleren Grasgrün unterscheiden. Wäre sie allerdings wie in der rechten Bildhälfte von vielen bunten Farben umgeben – also von hoher Varianz –, fiele ihr eine Unterscheidung der Grüntöne viel schwerer.
Ein ähnlicher Effekt, so unsere Theorie, ist am Werk, wenn Menschen auf das Meinungsspektrum in der Gesellschaft blicken. Ihre Wahrnehmung wird durch die Meinungsvielfalt in ihrem Umfeld beeinflusst. Dieses verzerrt, wie Menschen Meinungsdifferenzen bei politischen Themen wahrnehmen: Sind die Meinungen im sozialen Umfeld einer Person breit gestreut, ist ihre „politische Linse“ weit und Abweichungen werden als weniger stark wahrgenommen.
Ist das Meinungsspektrum begrenzt und homogen, ist die Linse bildlich gesprochen „eng“. Abweichungen von diesem Meinungsspektrum werden sehr stark wahrgenommen. Dieser Effekt ist umso stärker, je homogener eine Gruppe in politischen Fragen ist und umso schwächer, je heterogener die Meinungen in der Gruppe sind. Selbst große Meinungsunterschiede werden in Gruppen mit großer Meinungsvielfalt nicht als auffallend große Differenzen gesehen. Die Vielfalt unseres Umfelds wirkt also wie eine Kamera-Linse, durch die wir Meinungsdifferenzen mal vergrößert, mal verkleinert wahrnehmen – abhängig vom sich verändernden Umfeld.
Asymmetrien der Wahrnehmung
Unsere Studie zeigt, wie sich die enge oder weite Linsen auf unsere Polarisierungswahrnehmung auswirken. Bleiben wir zur Verdeutlichung bei unserem Beispiel und stellen wir uns vor, dass Parvati und Padma ein Umfeld haben, in dem eine große Einigkeit darüber herrscht, dass alle Geschlechtsidentitäten gleich behandelt werden sollten. Nun begegnen sie Dolores, die Gleichbehandlung zwiespältig sieht. Parvati und Padma sehen vor allem die Unvereinbarkeit von Dolores Position mit ihren eigenen Ansichten. Die Wahrnehmung von Unvereinbarkeit ist unabhängig davon, ob Dolores bei anderen Themen, etwa dem Klimawandel, mit Parvati oder Padma übereinstimmt.
Dolores selbst empfindet die Differenzen womöglich anders. Sie wird sie als weniger stark erleben, wenn es in ihrem Umfeld eine größere Meinungsvielfalt im Hinblick auf Sexualität und Geschlecht gibt. Aus ihrer Sicht könnte das Verbindende wichtiger sein, etwa die mit Parvati geteilte Sorge um das Klima. Eine solche Asymmetrie entdeckten wir auch in unserer Studie: Die Wahrnehmung von politischen Differenzen ist nicht unbedingt symmetrisch, sondern auch subjektiv verzerrt.
Es kommt noch hinzu, dass Menschen ihre Linsen (unbewusst) immer wieder neu justieren, wenn sich die Meinungen in ihrem Umfeld anders verteilen und gewichten: Auf welche Weise Menschen Meinungen anderer wahrnehmen, ist also nicht in Stein gemeißelt, sondern flexibel.
Nehmen wir an, Parvati und Padma waren schon immer recht tolerant beim Thema Sexualität. Doch in der politischen Richtung oder Gruppe, mit der sie sich identifizieren, gab es früher weniger Konsens dazu als jetzt. Weil sich politische Linsen an soziale Kontexte anpassen, hätten Padma und Parvati die Position von Dolores damals als weniger abweichend erlebt als sie es heute tun. Vielleicht wären andere Themen, wie zum Beispiel Dolores Ansichten zum Klimawandel, mehr im Fokus gestanden.
Die Wahrnehmung von Unterschieden ist also dynamisch. Das heißt, man kann subjektiv und auch in der Forschung den Eindruck bekommen, dass Meinungsdifferenzen zunehmen, wenn sich tatsächlich aber der soziale Kontext, das Umfeld, und damit die politische Linse verändert hat. Die jeweilige Einstellung oder Meinung zu einem Thema muss sich nicht zwangsläufig geändert haben.
Polarisierung und Klimawandel
In unserer Studie haben wir die jeweiligen politischen Linsen verschiedener politischer Gruppen untersucht, um zu analysieren, wie die stetige Veränderung dieser politischen Linsen die wahrgenommene gesellschaftliche Polarisierung beeinflusst.
Dazu haben wir die Einstellungen zum Klimawandel in Deutschland auf Basis von Umfragen aus den Jahren 2016/2017, 2021 und 2023 neu ausgewertet. Die Daten zeigen, dass in Deutschland generell nur wenige Personen den Klimawandel ignorieren oder die menschengemachten Ursachen leugnen. Sie zeigen aber auch, dass sich die Positionen der Befragten im Laufe der Jahre im Durchschnitt etwas weiter voneinander entfernt haben. Folgt daraus, dass Menschen diese Entwicklung als ein Auseinanderdriften der Meinungen – also als Polarisierung – wahrnehmen?
Die Ergebnisse unserer Studie zeichnen ein differenziertes Bild: Wären die jeweiligen politischen Linsen unverändert geblieben, wäre die durchschnittlich wahrgenommene Polarisierung nicht so stark gewesen. Weil die Linsen aber unbewusst flexibel an das aktuelle Meinungsspektrum der jeweiligen politischen Bezugsgruppe angepasst werden, nahmen die durchschnittlich wahrgenommenen Meinungsunterschiede zwischen 2016/2017 und 2021 deutlich zu – wesentlich stärker, als die in den Umfragen geäußerten Meinungen sich tatsächlich voneinander entfernten. Die wahrgenommene Polarisierung ist also stärker gewachsen als die gemessene.
Das deutet darauf hin, dass die politischen Bezugsgruppen in diesem Zeitraum homogener geworden sind: Je homogener das Umfeld, desto deutlicher erscheinen Unterschiede.
Zwischen 2021 und 2023 verharrte die wahrgenommene Polarisierung unserer Analyse zufolge gleichbleibend auf diesem Niveau, während die Meinungen kontinuierlich weiter auseinandergingen.
Besonders auffallend sind die Unterschiede im Polarisierungsempfinden zwischen den politischen Gruppen. Diejenigen, die sich den Grünen am nächsten fühlen, nahmen laut unserer Analyse eine deutlich stärkere Polarisierung wahr, als die tatsächlichen Meinungsunterschiede nahelegen. FDP-Anhänger und Anhängerinnen sahen laut unserer Analyse dagegen kaum Polarisierung beim Thema Klimawandel, obwohl sich ihre in den Umfragen geäußerten Ansichten im Mittel weiter von den Ansichten anderer entfernt haben.
Die Ergebnisse unterstreichen erneut, dass die Wahrnehmung von Polarisierung sich stetig verändert, und ebenso, wie unterschiedlich intensiv Polarisierung erlebt wird. Die Unterschiede zwischen politischen Gruppen sind stark ausgeprägt in Abhängigkeit von sozialen Kontexten und Entwicklungen in der generellen Debatte.
Das Thema Klimaschutz ist hier ein besonders gutes Beispiel und deshalb ein „Triggerpunkt“, weil sich hier nicht nur der politisch-gesellschaftliche Kontext stets verändert, sondern auch die Realität und Aktualität der Debatte selbst: Während auf einer politisch-gesellschaftlichen Ebene nationale und globale Bemühungen um eine Begrenzung des Klimawandels scheitern, schreitet der Klimawandel voran und das Problem wird drängender – die 2015 vereinbarte Begrenzung der globalen Erhitzung auf 1,5 und maximal zwei Grad ist nicht mehr möglich.
Zugleich zeigt sich der Debattenraum dazu als zunehmend polarisiert: Während Umfragen zum Klimawandel ein Auseinanderdriften der Meinungen dazu belegen, muss man nach unserer Studie aber zugleich davon ausgehen, dass manche nicht als Auseinanderdriften erleben, was andere als Zunahme von Polarisierung wahrnehmen.
Ist unsere Wahrnehmung falsch?
Ob und wie wir Polarisierung erleben, ist durch unser Umfeld immer subjektiv verzerrt. Heißt das, wir können ein tatsächliches Auseinanderdriften ebenso „übersehen“ wie wir es „überschätzen“ können? Diese Wertungen erweisen sich bei näherem Hinsehen als falsch: Auch wenn wir in diesem Beitrag von subjektiv verzerrter Wahrnehmung sprechen, heißt das nicht, dass eine Wahrnehmung fehlerhaft ist oder weniger „wahr“ als eine andere. Es gibt schlicht keine objektive Wahrnehmung, weil es den neutralen Standpunkt nicht gibt, von dem aus wir uns unsere Meinung bilden. Es ist immer die durch das Umfeld bestimmte Linse, durch die wir auf die Welt blicken. Und auch dort gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Die verschiedenen Prismen konstituieren die reale Polarisierung, auf die wir uns beziehen.
Für die Forschung heißt dies, dass Umfragewerte allein nicht ausreichen, um Polarisierung in politischen Debatten voll zu verstehen. Wir sollten in der Wissenschaft, wie in Stammtischdebatten oder in politischen Talkshows die Vielfalt und die dynamische Anpassung individueller Wahrnehmung mitdenken, denn diese beiden Faktoren sind entscheidend für die Realität, die wir wahrnehmen und dafür, ob es uns gelingt, Schnittmengen zu finden.
Conclusio
Verzerrt. Ob wir Polarisierung überhaupt wahrnehmen, hängt von unserem Umfeld ab. Je homogener die Gruppen, in denen wir uns bewegen, umso deutlicher fällt uns auf, wenn Meinungen von der unseren abweichen. Unsere subjektive Wahrnehmung ist immer relational und verzerrt.
Real. Gefühlte Polarisierung ist keine Einbildung. Die Diskrepanz zwischen gefühlter und vermeintlich „tatsächlicher“ Polarisierung ist darin begründet, dass wir Meinungsunterschieden unterschiedliches Gewicht beimessen und sich diese subjektive Wahrnehmung stetig mit unserem Umfeld verändert.
Konsens. Ein Verständnis der jeweiligen politischen Linsen kann dazu beitragen, Verständigung auch bei emotional stark aufgeladenen Themen wie dem Klimawandel zu ermöglichen.
Das Dossier zum Thema
Zerreißproben
Polarisierung ist Vorstellung und Gefühl. Genau das ist das Problem.
