Strahlende Zukunft

Von Tag zu Tag wird klarer, dass es unvernünftig ist, auf Atomkraftwerke zu verzichten. Es wird Zeit, daraus die Konsequenzen zu ziehen.

Reaktorblock 6 des Atomkraftwerks in Kashiwazaki-Kariwa, in Japan.
Anfang des Jahres wurde der Reaktorblock 6 in Kashiwazaki-Kariwa, in Japan wieder in Betrieb genommen. © Getty Images

Wenn man auf der Autobahn unterwegs ist und sich plötzlich von hunderten Geisterfahrern umgeben wähnt, ist es vielleicht nicht die schlechteste Idee, kurz zu überprüfen, ob man selbst auf der richtigen Spur unterwegs ist.

Wenn es um Atomstrom geht, sind Deutschland und Österreich in genau dieser Situation: Während die beiden Staaten weiter stur in Richtung Nuklear-Askese unterwegs sind, gibt es weltweit eine Renaissance der Kernenergie. Die USA investieren gerade 80 Milliarden in neue Reaktoren, Japan hat erst kürzlich das größte AKW der Welt wieder in Betrieb genommen (hat seit 2011 stillgestanden), China baut gerade 30 neue Meiler. Auch in Europa entstehen von Polen bis Frankreich neue AKW, und das Schweizer Parlament hat erst unlängst das gesetzliche Verbot von neuen Kernkraftwerken aufgehoben.

Berlin und Wien hingegen halten aufgrund einer Art kollektiver politischer Psychose gegen jede Vernunft und Evidenz an ihrer Verweigerungshaltung fest. Selbst dass die deutsche EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, einst eine fleißige Unterstützerin der fatalen Energiewende der Angela Merkel, neuerdings der Meinung ist, der Atomausstieg ihres Landes sei „ein strategischer Fehler“ gewesen, ändert nichts an dieser trotzigen Pose der Deutschen und Österreicher, die der einer Ziege gleicht, die sich in einer Felswand verstiegen hat und jetzt weder vor noch zurück kann. Mähhh!

Sündteurer Fehltritt

Was dieser „strategische Fehler“ die Deutschen gekostet hat, haben in letzter Zeit verschiedene Studien ergründet. Der norwegische Ökonom Jan Emblemsvåg etwa verglich die Kosten der Energiewende mit einem Szenario, in dem die AKW weiter betrieben worden wären, und errechnete mehr als 300 Milliarden Euro an Mehrkosten, also knapp 3.600 Euro pro Bürger.

Berlin und Wien halten aufgrund einer Art kollektiver politischer Psychose gegen jede Vernunft und Evidenz an ihrer Verweigerungshaltung fest.

Vor allem aber die Industrie, ein zentraler Treiber des Wohlstands, würde von der Nutzung der Atomkraft profitieren – im atomfreundlichen Frankreich kostet Strom deutlich weniger als in Deutschland. Langfristig ist das kein wirklich schlauer Plan. „Wir haben uns entschieden, ein Land zu sein, in dem Energie knapp ist. Energieintensive Industrie hat keine Zukunft bei uns“, diagnostizierte jüngst der Ökonom Clemens Fuest, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo.

Wer übernimmt die Verantwortung?

Unbeantwortet bleiben angesichts dieser monumentalen Fehlentscheidungen mindestens zwei Fragen. Erstens: Wer trägt eigentlich in welcher Form die Verantwortung für hunderte Milliarden an Kosten, die der Atomausstieg bisher mit sich gebracht hat? Und zweitens: Welcher Politiker fasst endlich den Mut, den Bürgern klipp und klar zu sagen – auch gegen die allgemeine, emotional aufgeladene Stimmungslage –, dass wir auf der globalen Stromautobahn Geisterfahrer geworden sind und ganz, ganz schnell umkehren sollten?

Das gilt umso mehr, als sich gerade ein technologisches Fenster auftut, das es mutigen Politikern ermöglicht, ihre Meinung ohne Gesichtsverlust zu ändern. Denn ab etwa 2030 werden – mit etwas Glück – die ersten AKW einer völlig neuen Generation startklar sein, die aufgrund ihrer Konstruktion nach menschlichem Ermessen völlig sicher betrieben werden können und die kleiner und kostengünstiger sein werden.

Eine bessere Gelegenheit, die Geisterfahrt zu beenden, wird sich so bald nicht ergeben.

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