Streitet euch!
Wir leben in einer Zeit der gegenseitigen Ächtung. Das Perfide: Nicht die harte Kontoverse hat Konjunktur, sondern die Schubladisierung. Mit dem Abstempeln des Gegners als Faschist, Sozi oder Rassist kann man sich anstrengende Debatten bestens ersparen.

Eines zur Klarstellung: Streit ist gut. Das harte Ringen um Argumente, durchaus mit Polemik garniert, fördert die Demokratie. Denn die Auseinandersetzung mit konträren Positionen führt in der Regel zu besseren Lösungen, weil sie falsche Annahmen korrigiert. Die harte Kontroverse strahlt auch positiv auf das Stimmvolk aus: Nur wer die extremen Pole in einer Auseinandersetzung kennt, die Für und Wider, kann sich eine fundierte eigene Meinung zu einem Thema bilden. Und sie zur Grundlage seines Wahlverhaltens machen.
Doch genau diese inhaltliche Auseinandersetzung ist vom Aussterben bedroht. Lieber werden Gegner einfach abgestempelt. Mit Begriffen wie „homophob“, „faschistisch“, „woke“, „neoliberal“ oder „Gutmensch“ wird der Andersdenkende derart abgewertet, dass man sich mit dessen Argumenten gar nicht mehr befassen muss. Wie angenehm: Statt sich die Mühe machen zu müssen, auf schlüssige Diskursbeiträge überzeugend zu erwidern, wird der Gegner einfach in eine Schublade gesteckt.
Dass sich diverse Kontrahenten auf Social Media dieser Strategie bedienen, ist keine neue Erkenntnis. Neuer und problematischer stellt sich die Abstempelung in klassischen Medien dar, vor der auch die Qualitätstitel nicht gefeit sind. Die Berichterstattung nach der Ermordung des politischen Aktivisten Charlie Kirk Mitte Oktober ist ein gutes Beispiel dafür. Zuschreibungen wie „rassistisch“ zeugen von einer mangelnden inhaltlichen Auseinandersetzung mit Kirks Thesen. Diese böten übrigens ausreichend Anlass für Kritik, doch wäre dafür eine intensive Befassung mit den vielen Publikationen und Auftritten Kirks Voraussetzung. Das wäre dann doch etwas viel verlangt. Und brächte möglicherweise nicht die gewünschte Schlagzeile.
Donald Trump wird sich deshalb wahrscheinlich noch länger als Diktator oder gar Nazi beschimpfen lassen müssen, wie das einige deutsche Medien getan haben. Sein entscheidender Beitrag zum Frieden in Nahost wird weder Vorurteile noch Quoten-Geilheit beseitigen.
Ähnlich verhält es sich bei anderen Themen. In einer von Haltungsjournalismus geprägten Medienlandschaft verkommt Berichterstattung rasch zur Ächtung. Kritiker der Impfpflicht werden da zu „Schwurblern“, Befürworter einer rationaleren und effizienteren Klimapolitik zu „Klimaleugnern“ und Gegner einer gescheiterten Migrationspolitik zu „Ausländerfeinden“. Der Applaus der aufgeheizten Blase ist gewiss.
Doch was sind die Folgen dieser Entwicklung? Das Argument und die Differenzierung werden zusehends zum Opfer schrumpfender Aufmerksamkeitsspannen. Das Schlimmste an der Hochkonjunktur der Schmähungskultur: Viele Menschen tun ihre Meinung aus Angst vor Schubladisierung und Ächtung erst gar nicht mehr kund und verlassen den Diskussionstisch. Das verstärkt die mediale Deutungshoheit selbstgerechter Meinungsmacher, verhindert die Auseinandersetzung und schwächt die Demokratie. Die Philosophin Maria-Luise Frick hat im Pragmaticus geschrieben: „Feindbilder sind leicht zu schaffen. Demokratie jedoch lebt von Gegnerschaft, die gerade keine Feindschaft ist.“ Daher also: Streitet euch! Aber bitte mit Argumenten statt Diffamierung.
Diese Kolumne ist im Wirtschaftsmagazin Boom 2/25 erschienen

