Der ewige Kampf gegen den Krebs

Anna Obenauf erforscht, warum Krebs oft zurückkehrt – und wie Therapien dauerhaft wirken können. Ihre Arbeit an Therapieresistenz und Immunantwort prägt die moderne Krebsmedizin.

Porträt der Krebsforscherin Anna Obenauf, die an Therapieresistenz von Krebs forscht.
Im Vorjahr gewann Anna Obenauf den renommierten Dr.-Josef-Steiner-Krebsforschungspreis, der oft als Nobelpreis der Krebsforschung bezeichnet wird.  © Gregor Kuntscher

Es gibt Eindrücke, die das Leben verändern. Nach ihrem Doktorat der Molekularmedizin in Graz arbeitete Anna Obenauf am Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York und hatte dort mit einem Patienten zu tun, „der multiple Metastasen hatte, die überall unter der Haut sichtbar waren.“ Heilungschancen quasi null, die Mediziner nennen diesen Status austherapiert. Dann aber wurde er mit einer neuartigen, zielgerichteten Therapie behandelt und damit, erzählt Obenauf, „sind die Tumore einfach weggeschmolzen. Es war fantastisch, das zu sehen.“ 

Es war eine berührende Erfolgsgeschichte mit einer traurigen Wende: Nach sechs Monaten sind die Tumore zurückgekommen. „Es war sehr eindrucksvoll, einerseits zu sehen, was mit einer zielgerichteten Therapie alles möglich ist und andererseits aber auch, wie kurzzeitig diese Therapien wirken.“ Ab da war ihr klar: „Daran möchte ich arbeiten.“ Daran, dass Krebstherapien nicht mehr nur für einen kurzen Zeitraum wirken, dass sie Krebs „zu einer Art chronischer Erkrankung machen.“

Der Nobelpreis der Krebsforschung

Das ist rund 15 Jahre her, mittlerweile ist Obenauf eine Koryphäe der Krebsforschung: 2025 gewann sie für ihre – Zitat Jurybegründung – „bahnbrechende(n) Erkenntnisse zur Überwindung der Therapieresistenz bei Krebsbehandlungen“ den Dr.-Josef-Steiner-Krebsforschungspreis, der oft als Nobelpreis der Krebsforschung bezeichnet wird.   

Als „König aller Krankheiten“ bezeichnete der indisch-US-amerikanische Arzt Siddharta Mukherjee den Krebs in seiner Biografie der Krankheit. Krebs überkommt die Menschen in unzähligen Formen und Variationen – und das macht natürlich auch die Therapie herausfordernd. Ganz grundsätzlich gilt für alle Krebsarten: Wenn ein Tumor entdeckt wird, bevor er Metastasen bildet, ist die Chance hoch, dass der Krebs tatsächlich geheilt wird. Mehr als 90 Prozent aller Krebstoten starben durch Metastasen nicht den Primärtumor.

Anna Obenauf im Interview
„Bei den zielgerichteten Therapien verändern sich die Tumorzellen oft so, dass Resistenzen auftreten“, sagt Anna Obenauf – und genau da setzt ihre Forschung an. © Gregor Kuntscher

Tumor ist auch nicht gleich Tumor: „Unterschiedliche Tumore haben unterschiedliche genetische Veränderungen, die diesen Tumor vorantreiben“, erklärt sie. Das Melanom, der schwarze Hautkrebs – einer jener Krebstypen, auf den sich Obenauf in ihrer Forschung spezialisiert –, entsteht beispielsweise in fünfzig Prozent der Fälle durch Mutationen des so genannten B-Raf-Onkogens, das dazu führt, dass sich Zellen unkontrolliert vermehren. Melanome werden meist früh entdeckt und entfernt, deshalb sind die Heilungschancen größer. Lungenkarzinome dagegen werden häufig von K-Ras-Onkogenen verursacht und meistens später entdeckt, „deshalb hat es eine schlechtere Prognose“, sagt Obenauf.

Es wird aber noch komplexer, denn „nicht jeder Tumor metastasiert gleich“, sagt sie. Das Kolonkarzinom, der Dickdarmkrebs, zum Beispiel metastasiert meist zuerst in der Leber, „weil die Tumorzellen, die sich ablösen, dorthin wandern“. Aber unterschiedliche Tumortypen haben unterschiedliche Präferenzen für unterschiedliche Organe. „Und es ist so, dass das vermutlich nicht nur der Lokalisierung geschuldet ist – also wo der Tumor sitzt –, sondern auch den molekularen Veränderungen, die überhaupt zum Tumor geführt haben.“

Eine Revolution

Das heißt leider auch, „dass manche Tumore mit gewissen Therapien behandelt werden können und andere eben nicht“. Die aktuelle Krebsforschung setzt vor allem an zwei Bereichen an: Eben jenen zielgerichteten Therapien, die extrem wirksam sind, das aber eben oft nur für kurze Zeit. Und Immuntherapien, die das Ziel haben, das Immunsystem zu stimulieren und ihm zu helfen, den Krebs selbst in Schach zu halten. „Da ist es tatsächlich zu einer Revolution gekommen“, erzählt Obenauf. „Zum ersten Mal leben Patienten, die bereits viele Metastasen hatten, tatsächlich über Jahrzehnte ohne Fortschreiten der Metastasen.“

Eine Person mit einer Pipette
Ein Blick in die Vergangenheit: Im Labor ist Obenauf als Leiterin ihrer Forschungsgruppe nur mehr selten anzutreffen. © Gregor Kuntscher

Obenauf forscht an der Schnittstelle zwischen diesen beiden Therapiemethoden. „Bei den zielgerichteten Therapien verändern sich die Tumorzellen oft so, dass Resistenzen auftreten“ – und Obenauf fand mit ihrer Forschungsgruppe heraus, dass diese auch eine darauffolgende Immuntherapie sabotieren können, „weil es zu Kreuzresistenzen kommt.“ Bei Melanom-Patienten zeigte sich, dass Patienten, die zuerst eine Immuntherapie erhielten, eine Anspruchsrate von rund 50 Prozent hatten. Jene Patienten, die zuvor eine zielgerichtete Therapie bekamen, hatten bei der darauffolgenden Immuntherapie eine Anspruchsrate von lediglich 16 Prozent.

„Wir arbeiten sehr intensiv daran, wie sich Tumorzellen der Erkennung des Immunsystems entziehen“, erzählt Obenauf. Jede Zelle, sagt sie, habe so etwas wie einen Personalausweis. „Das ist ein Molekül namens MHC, das alle Proteine, die in einer Zelle produziert werden, nach außen präsentiert.“ Eine Immunzelle erkennt anhand dieses Moleküls: Sollte diese Zelle hier sein? Ist es eine ganz normale Zelle oder eine Tumorzelle, die hier nichts verloren hat und deshalb angegriffen werden sollte? „Wir versuchen zu verstehen, wie Tumorzellen lernen, sich unsichtbar zu machen“, sagt Obenauf – sich also vor dem Immunsystem zu verstecken, um von der Körperabwehr unerkannt weiter zu wuchern.

Das Milieu des Tumors

Ein zweiter wichtiger Aspekt ihrer Forschung ist das Tumormikromilieu: „Jeder Tumor ist eingebettet in ein Gewebe; und diese Zellen werden von den Krebszellen instruiert.“ Die Signale, die von diesen Krebszellen ausgesendet werden, „sind ganz wichtige Faktoren, die beeinflussen, ob ein Tumor auf eine Immunantwort anspricht.“ In einem aktuellen Nature-Paper „konnten wir eine ganze Kaskade von Signalen und Zelltypen aufzeigen, die miteinander reden und diese Immunantwort an- oder ausschalten.“

An dem Punkt schließt sich der Kreis zu den zielgerichteten Krebstherapien. Obenauf konnte mit ihrem Team nämlich auch zeigen, wieso eine zielgerichtete Therapie zu Resistenzen bei Immuntherapien führen kann: Zielgerichtete Therapien hemmen Signalwege, die das Wachstum von Krebszellen steuern. Leider mit einer Nebenwirkung: „Der Signalweg, der da gehemmt wird, schaltet viele Faktoren an, die das Tumormikromilieu verändern können“, erklärt Obenauf. Das hat zur Folge, dass genau jene Zellen aus dem Tumor ausgeschlossen werden, die eine Immunantwort stimulieren könnten.

Anna Obenauf im Gespräch mit einem Mitarbeiter
Der Austausch mit Kollegen ist einer der wichtigsten Aspekte in Obenaufs Arbeit. © Gregor Kuntscher

Wie man diese Immunantwort dennoch aktivieren kann, ist wiederum von Tumor zu Tumor unterschiedlich. „Gerade bei Melanomen verstehen wir mittlerweile sehr gut, wie Patienten behandelt werden müssen, um langanhaltende Erfolge zu erzielen.“ Diese Erfahrungen werden nun auch auf andere Tumortypen umgelegt.

Die Erfolge bedeuten aber auch, dass Obenauf mittlerweile mehr Zeit am Schreibtisch als im Labor verbringt. „Da arbeite ich an der Identifikation eines Problems, an der Konzeption eines Projektes, und an der Akquirierung des Fundings dafür.“ Das alles „passiert im Austausch mit Kollegen, anders funktioniert Wissenschaft nicht“. Im Labor sind meistens nur noch ihre Mitarbeiter anzutreffen – Obenaufs Aufgabe ist es mittlerweile, anderen solche Schlüsselmomente zu bescheren wie sie einen hatte, um sie für die Krebsforschung zu begeistern. „Und das ist eines der schönsten Dinge: Wenn Studenten plötzlich anfangen, Zusammenhänge verstehen und selbst neue Methoden zu entwickeln“, sagt sie.

Über diese Serie

Unter dem Titel „Forschungsreisen“ präsentieren wir spannende Forschungsprojekte aus ganz Österreich. Der Pragmaticus war bereits zu Gast bei Peter Turchin vom Complexity Hub, der die USA vor einem Bürgerkrieg sieht, hat mit Stefan Freunberger vom ISTA nach neuen Batterien gesucht und sich von Ludmilla Carone vom Grazer Institut für Weltraumforschung erzählen lassen, warum die Suche nach Aliens so schwierig ist. Alle Forschungsreisen können Sie hier nachlesen.

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