Der Zauberer
Erst im mittleren Alter entdeckte unser Autor die dicken Wälzer des Thomas Mann für sich. Seither grübelt er darüber, wie ein so schwieriger Mensch ein so wunderbares Werk schaffen kann.

Die Kinder durften am Vormittag nur in Strümpfen durch die Wohnung gehen. Weil der Vater dichtete. Wir denken: Was für ein Despot! Als er in einem seiner Werke einen Buben unter grauenhaften Schmerzen an Gehirnhautentzündung sterben lässt, hatte er den über alles geliebten Enkel vor seinem geistigen Auge. Wir denken: Was für ein Sadist! Wir verstehen, dass einer seiner Söhne, als man ihm berichtete, sein Vater sei nach dem Krieg gefragt worden, ob er Bundespräsident werden wolle, ausgerufen habe: „Um Himmels willen, dann wäre ich nach Australien ausgewandert!“
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Aber dann lesen wir eine Geschichte, übermittelt mit „Unruhe und frühes Leid“, und darin wird uns von einem Kind und dessen erstem Liebeskummer erzählt, mit einer Wärme und Güte, einem Einfühlungsvermögen, einer Kenntnis der vorpubertären Seele, wie wir in der Literaturgeschichte kein schöneres Beispiel finden. Wir denken: Was für ein Menschenfreund!
Die Rede ist von Thomas Mann.
Lange bin ich ihm aus dem Weg gegangen. Ich habe den schlichten Stil seines Zeitgenossen Bertolt Brecht vorgezogen. Die beiden verband eine tiefe Abneigung. Thomas Mann war abgestoßen von Brechts unsauberem Äußeren, seinem rechthaberischen Revoluzzertum. Brecht wiederum machte sich lustig über die feiste Bürgerlichkeit seines Kontrahenten und Konkurrenten. Der lange epische Atem des Nobelpreisträgers – Die Buddenbrooks: 1.000 Seiten, Der Zauberberg: 1.000 Seiten, Joseph und seine Bruder: 2.500 Seiten – war für ihn ein Beleg rettungsloser zeitlicher Überkommenheit. Thomas Mann dagegen konnte über die ideologische Lehrerhaftigkeit des anderen nur den Kopf schütteln.
Wie der Mensch ist
Ich habe zu Brecht geholfen … aber dann nicht mehr. Ich las, da war ich schon über vierzig, den „Zauberberg“. Ich las mit der ironischen Gewissheit, nach spätestens fünfzig Seiten die Lektüre abzubrechen. Ich las, um mich zu überzeugen, dass Brecht recht hatte. Aber dann – dann hat er mich gepackt, der Erzähler aus Lübeck. Aber wie!
Ich bin der Thomas-Mann-Sucht verfallen. Habe nur noch ihn gelesen. Alles. Auch die Tagebücher. An diesem Menschen ist, was seinen Charakter betrifft, so viel auszusetzen, doch in seinen Romanen begegnete mir der Humanismus in seiner modernsten Erscheinung. Damit meine ich nicht eine Moral, also nicht eine wie auch immer geartete Antwort auf die Frage, wie der Mensch sein soll, sondern das vielfältigste Mosaik aus Eigenschaften, das sich vor dem Leser ausbreitet und ihm schildert, wie der Mensch ist.
James Joyce, der seinen „Ulysses“ etwa zur selben Zeit schrieb wie Thomas Mann seinen „Zauberberg“, ist in der Form unvergleichlich moderner, radikaler, die Figuren aber, die in seinem Roman auftreten, sind im Vergleich zu Hans Castorp und den anderen, die sich im Lungensanatorium von Davos treffen, bieder und begrenzt.
Von Holzwegen und Unbeantwortetem
Es fällt leicht, Thomas Mann als Mensch unsympathisch zu finden. Als er im Jahr 1929 mit dem Nobelpreis geehrt wurde, und zwar dezidiert für Die Buddenbrooks – achtundzwanzig Jahre nach Erscheinen des Romans –, ärgerte er sich mehr, als dass er sich freute. Ob er denn seither nichts Besseres oder wenigstens Gleichwertiges geschrieben habe? In der Regel wird der Preis für das Lebenswerk und nicht speziell für ein Buch verliehen. Er soll sich sogar darum bemüht haben, den Preis ein zweites Mal zu bekommen.
Es fällt leicht, Thomas Mann als Mensch unsympathisch zu finden.
Oder: In seinem Monster- Essay Betrachtungen eines Unpolitischen, den er als Polemik gegen seinen politisch bedeutend weitsichtigeren Bruder Heinrich schrieb, erzählt er, wie er den Ersten Weltkrieg als große Befreiung begrüßt habe – und distanziert sich nicht davon.
Oder: Nach dem Zweiten Weltkrieg schlug er allen Ernstes vor, dass das deutsche Volk wegen seines Versagens vor Hitler und dessen verbrecherischen Vasallen von den Alliierten zehn Jahre lang gezüchtigt werden solle. Das war dumm. Bertolt Brecht empörte sich darüber und schrieb ein böses Spottgedicht.
Wer verlangt, ein guter Dichter müsse auch ein guter Mensch sein, der ist auf dem Holzweg. Diesem Urteil werden viele zustimmen. Aber – wie verhält es sich umgekehrt? Wenn ein ausgesprochen böser Künstler, ein Kinderschänder, ein Mörder gar, gute Kunst hervorbringt – was dann? Dann sind wir verlegen. Wenn der Künstler, der das Böse feiert, es nicht tut, um uns moralisch aufzuwecken, also um des kathartischen Effekts willen, sondern weil er Freude daran hat – was dann? Beispiel: der Marquis de Sade. Sein Werk ist der Nagel im Herzen der europäischen Literatur.
Über dem Burgtheater steht: „Dem Wahren, Schönen, Guten“. Das lesen wir gern, weil es uns glauben macht, die drei gehörten zusammen, das eine könne ohne die anderen nicht sein, auf diesem Dreieck ruhe das Selbstverständnis des Bürgertums. Sind diese drei Aspekte in einem Leben vereint, kann man fürwahr von einem guten, einem gelungenen Leben sprechen.
Ist es so? Bedingen die drei einander? Oder kann das Schöne auch böse sein? Das Gute nicht wahr? Das Wahre nicht schön? Der Zauberer Thomas Mann gibt keine Antwort. Er beschreibt Präzedenzfälle. – Das muss genügen.


