Über das Lob

Ein anerkennendes Wort, vorgebracht mit Hintersinn, kann der eigenen Eitelkeit dienen oder der Manipulation des anderen. Aber warum fühlt sich manch Gelobter gleich geliebt?

Illustration eines Geschäftsmanns mit Laptop und wachsendem Diagramm, umgeben von Symbolen für Erfolg, erledigte Aufgaben, Arbeit und Förderung. Das Bild illustiert einen artikel über Lob.
Manchen kriegt man zum Schweigen, indem man seiner Eitelkeit Futter gibt. Das schmackhafteste Futter heißt Lob. © Claudia Meitert

Ein Freund – nennen wir ihn Eduard – hat einen großzügigen, aber schwierigen Chef. Großzügig, wenn es darum geht, seine Untergebenen selbständig arbeiten zu lassen, schwierig, wenn sie eigene Ideen haben, vor allem, wenn diese gut sind. Das scheint auf den ersten Blick paradox. Ist es aber nicht, im Gegenteil. Meine Erfahrung lehrt mich, dass solches Verhalten bei Vorgesetzten oft zu beobachten ist – besonders dann, wenn der Vorgesetzte mehr Eitelkeit vorweist als Fleiß. So ein Räderwerk funktioniert in erfolgreichen Betrieben hervorragend.

Eduard berichtet: „Da haben meine Kollegen und ich einen Plan ausgearbeitet, wie wir effizienter mehr Umsatz erzielen können. Wir sind zu fünft in unserer Abteilung, jeder und jede eine Fachkraft. Wir haben im Geheimen bereits experimentiert, erfolgreich. Nun aber benötigen wir den Sanctus vom Chef. Wenn wir zu ihm gehen und offen sagen, was wir wollen, wird er ablehnen, auch wenn er einsieht, dass wir recht haben, gerade dann. Also schicken wir einen vor, der sagt: ‚Chef, mir geht eines nicht aus dem Sinn, wir in der Abteilung sprechen immer wieder davon, nämlich, was du vor einem Monat so nebenbei vorgeschlagen hast.‘ Und dann breitet er unseren Plan aus. Der Chef ist doppelt erfreut. Einmal, weil der Plan von ihm stammt. Dann noch mehr, weil er diesen herrlichen Plan ‚nebenbei‘ geäußert hat, was ja heißt, dass seine Brösel in Wahrheit dicke Brotlaibe sind.“

Ich sage zu Eduard: „Empfindet ihr das nicht als demütigend? Das ist doch eine besonders erniedrigende Form der Arschkriecherei.“

Er zuckt mit der Achsel: „Kann sein, ja. Es ist ein Gespräch von ein paar Minuten, aber dann können wir ein Jahr lang frei und ungestört arbeiten. Der Chef darf sich sogar die dritte Eitelkeit gönnen, dass er ein Händchen für Mitarbeiter besitzt. Was zur Folge hat, dass er uns gut behandelt. Und auch er wird gut behandelt, denn auch er hat einen Chef, und der ist wie er eitel und faul.“

Selbstlob, über die Banden gespielt

List und Tücke sind die Waffen der gutmeinenden Untergebenen – jedenfalls in dieser Konstellation. Die Sache ist gut, der Sachwalter aber stört. Man kann ihn nicht übergehen. Man kann ihn aber kaltstellen. Manchen kriegt man zum Schweigen, indem man seiner Eitelkeit Futter gibt. Das schmackhafteste Futter heißt Lob.

Der französische Literat François de La Rochefoucauld (1613–1680) merkt in seinen Maximen und Reflexionen an, Lob meine in den meisten Fällen mehr den Lobenden als den Gelobten. Ist Lob also nichts anderes als über die Banden gespieltes Selbstlob? Das klingt unschön. Warum eigentlich? Man kann es auch anders ausdrücken: Das Glück des anderen erhöht mich – ergo ist es in meinem Interesse, einen anderen glücklich zu machen.

Als effektiv erweist sich, wenn der Lobende jene Seiten des Gelobten hervorhebt, die dieser an sich selbst als seine besten Seiten sieht. Dann sagt das Lob: Du schätzt dich richtig ein. Du bist gar nicht eitel, wie vielerorts behauptet wird, du bist realistisch und pragmatisch. Bei Menschen, die gern realistisch und pragmatisch erscheinen möchten, ist solches Lob zu empfehlen, nüchtern vorgetragen. Allerdings halten sich die wenigsten Menschen für realistisch und pragmatisch.

Die kleinen bis winzigen Bisse und Niederlagen des Tages, die vielen, oftmals schäbigen Wünsche und Träume stehen dagegen. Wenn der Lobende aber jene Eigenschaften hervorhebt, die der zu Lobende als seine Schwächen sieht, die er eigentlich gern verbergen möchte, dann geschieht ein Wunder. Ja, ein Wunder! Der Gelobte fühlt sich geliebt. „Gerade deine vermeintlichen Schwächen machen dich zu etwas Besonderem. Sei stolz darauf!“

Wenn mein Lob dem Gelobten nichts nützt, nützt es auch mir nichts.

Wir sehen: Der Lobende sollte erstens über Menschenkenntnis verfügen, zweitens in der Lage sein, seine Mitmenschen zu berechnen, was eine gewisse Kälte voraussetzt. Drittens aber sollte er genau wissen, was er mit seinem Lob bezweckt. Er sollte außerdem seine Ambition begrenzen, das heißt, er soll im Sinne einer Sache loben und nicht, um den zu lobenden Menschen zu manipulieren.

Zielt Lob auf Manipulation, ist es destruktiv und nur destruktiv. Manipulation meint, ich möchte jemanden zu einem Ziel führen, das nicht das seine ist, mit Mitteln, die er nicht durchschaut. Er wird versagen. Er muss versagen. Er soll versagen. Er wird sich, um dem Lob zu genügen, auf einen Platz stellen, auf dem er lächerlich aussieht. Er wird sich an einer Aufgabe versuchen und wird scheitern, weil er die Aufgabe nicht zu der seinen formen kann. Beabsichtige ich, auf diese Weise meinen eigenen Interessen zu dienen, bin ich auf dem Holzweg. Wenn mein Lob dem Gelobten nichts nützt, nützt es mir auch nichts.

Ein Lob dem Lob

Soll jetzt aber keiner denken, ich bin gegen Lob. Oder gar, ich selbst möchte nicht gelobt werden. Ich zitiere Bruno Kreisky, der zu einem Journalisten, der sich dafür entschuldigte, weil er die Arbeit des Bundeskanzlers lobte, sagte: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel Lob ich vertrage.“

Nur eine kleine Lautverschiebung macht aus „gelobt“ „geliebt“. Wenn im O das I mitklingt, dann ist es gut. Dann ist alles gut.

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