Über den Ehrgeiz
Die halbe europäische Geistesgeschichte in einem Begriff: Wie „Ehre“ und „Geiz“ neue Bedeutungen bekamen und sich der Widerspruch zwischen innerem und äußerem Reichtum im Streben nach gemeinsamem Wohlleben auflösen könnte.

Ein merkwürdiges Wort! Es zeigt wieder einmal, wie schwer es ist, Deutsch zu lernen. Was wir unter Ehrgeiz verstehen, hat weder mit Ehre zu tun noch mit Geiz. Ehrgeiz kann zu Erfolg führen, soll zu Erfolg führen. Erfolg und Ehre bedingen einander nicht nur nicht, sie stehen sich oft genug im Weg. Und weiter – wer mit dem Charakterzug Ehrgeiz ausgestattet ist, lässt sich kaum vom Geiz verführen. Im Gegenteil. Er weiß mit seinen Mitteln umzugehen, und er weiß auch, wann er verschwenderisch sein soll. Also dürfen wir feststellen, dass im Fall unseres Begriffs die Sprachentwicklung in einer Sackgasse gelandet ist?
Mehr von Michael Köhlmeier
Jeder Mensch wünscht sich Erfolg, auf welchem Gebiet auch immer. Das Ziel steht außer Zweifel, der Weg dorthin aber ist oftmals verstellt. Die Hindernisse fordern uns heraus. Sie fordern unsere physischen Kräfte heraus, unsere intellektuellen Kräfte, unsere psychischen Kräfte – und unsere moralische Standfestigkeit. Bei genauer Betrachtung erkennen wir, dass die Moral, die uns das christliche Abendland eingeimpft hat, die robusteste Barriere auf dem Weg zum Erfolg darstellt. Ein anständiger Mensch zu sein und zu bleiben, befiehlt uns unsere Ehre. Der Ehrgeizige geht also mit seiner Ehre geizig um?
Der große Kluge, das Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache – benannt nach dem Sprachwissenschaftler Friedrich Kluge –, verweist auf das 16. Jahrhundert, als das Wort aufkam. Damals meinte „ehrgeizig“ habsüchtig, gierig, also dass jemand gierig nach Ehre sei. Geiz und Gier wurden als eines gesehen. Nahe beieinander sind diese beiden Begriffe ja bis heute noch.
Reich wie Bacon statt arm wie Franziskus
Der Staatsmann und Philosoph Francis Bacon, ein Zeitgenosse Shakespeares, beginnt seinen Essay Über das Geldausgeben mit dem Satz: „Reichtum verlangt Ausgaben, und Ausgaben dienen der Ehre.“ Ich meinte, er wird nun darüber schreiben, wie sich jemand durch Geld Ehre sichert, also Ehre erkauft, also ein Loblied auf die Korruption. Wer das Leben und Wirken von Bacon kennt, der traut diesem Kerl solche Überlegungen zu.
Er möchte aber anderes sagen. Nämlich, wer reich werden will – und das wollte der Autor vor allem anderen –, der muss bereit sein, manchmal große Ausgaben zu tätigen, diese aber dienen ihm zur Ehre nur dann, wenn sie ihn nicht ruinieren, sondern über längere Frist seinen Reichtum sogar vermehren. Ehrgeiz sah er nur auf ökonomischem Gebiet als sinnvoll an: Es ist eine Ehre, reich zu sein.
In der Renaissance und der ihr nachfolgenden Zeit hielt man nicht mehr viel von der glühenden Verehrung für die Armut wie im Mittelalter, das geprägt war vom Geist des heiligen Franziskus. Franziskus und seine Verehrer waren nicht weniger am Reichtum interessiert, aber sie kehrten ihre diesbezüglichen Ambitionen vom Pekuniären ins Moralische. Im Wort „Himmelreich“ ist das Wort „reich“ ja ebenso enthalten. Geld gilt dort allerdings nicht als Äquivalent.
Ein breiter Weg …
Rainer Maria Rilke schreibt in seinem Stundenbuch: „Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen.“ Der innere Reichtum, so meint er, sei nur durch äußeren Verzicht zu erlangen. Er hatte gut reden, er hat sich einen Großteil seines Lebens aushalten lassen. Ähnlich wie bei Francis Bacon gilt auch bei Rilke: Der Wegweiser muss nicht zwingend den Weg gehen, den er weist. Das aber nur nebenbei. Vom Tisch wischen wollen wir die Überlegung, dass innerer Reichtum nur mit äußerer Armut zu erwerben sei, doch nicht.
Die Vernunft rät uns, unseren Ehrgeiz zu entindividualisieren.
Betreiben Innen und Außen ein Nullsummenspiel? Dass im selben Maß das Innere abnimmt, wie das Äußere wächst, und umgekehrt? Betrachten wir diese These kulturgeschichtlich, so hält sie nicht stand. Die großen ethischen, aber auch ästhetischen und wissenschaftlichen Standards wurden auf gesicherter ökonomischer Basis errichtet. „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“, dichtete Bertolt Brecht, sich an François Villon anlehnend.
Unter einem angenehmen Leben wollen wir uns aber nicht nur ein sattes, sondern auch ein rechtssicheres, ein kunstreiches Leben vorstellen, ein Leben, das uns viel Zeit lässt für alles, was wir lieben. Wir wollen innen und außen reich sein. Wir wollen uns nicht entscheiden müssen zwischen dem einen und dem anderen. Die Vernunft rät uns, unseren Ehrgeiz zu entindividualisieren. Der sicherste Weg zu einem Ausgleich zwischen Innen und Außen ist ein breiter Weg, so breit, dass alle darauf wandeln können.
Das sagt sich leicht. Darum nähren sich zwei Drittel aller Sonntagsreden davon. Aber immerhin! Selig die Zeiten, in denen vom Guten wenigstens geredet wird. Hütet euch vor dem, der die Rede vom Guten als Gerede diffamiert! Die Illusion des Guten ist besser als die Realität des Bösen. Die Wahrheit ist nur in der Mathematik eindeutig. Nur dort kann sie verifiziert oder falsifiziert werden. Im sogenannten richtigen Leben, wo Schweiß, Blut und Tränen fließen, gilt als Wahrheit, worauf sich tausend verschiedene Interessen einigen. Elegant ist das nicht. Aber immerhin …
Das angenehme Leben, das in der Dreigroschenoper besungen wird, trägt als Überschrift: „Aber immerhin!“

