Über die Ängstlichkeit
Ängstlichkeit prägte nicht nur Hans Christian Andersen selbst. Seine Märchenfiguren schickte er in die Kälte oder ins Meer, sie vergehen allesamt im Extremen. Sich selbst aber schützte der Dichter akribisch vor jedweder Eventualität.

Die Märchen des Hans Christian Andersen greifen in unser Herz, und manchmal zerreißen sie es. „Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der schönsten Kornblume.“ – Wer so einen Anfang findet, der weiß auch, wie er uns zu fassen kriegt – als wären wir sein Rettungsring. Es folgt die traurigste Geschichte der Welt, das Märchen von der kleinen Meerjungfrau. Sie liebt den Prinzen und lässt sich von der Hexe ihren Fischschwanz wegzaubern, sodass ihr Beine wachsen, die ihr aber unsägliche Schmerzen bereiten. Nur so kann sie dem Geliebten entgegentreten, als ein Mensch nämlich und nicht als ein Wasserwesen.
Vorausgesagt wird ihr, sie wird erlöst werden und wie die Menschen eine unsterbliche Seele bekommen, wenn sie von einem Menschen geliebt wird. Sie hat dem Prinzen das Leben gerettet, er will sie lieben, aber dann nimmt er eine andere. Ihre Schwestern erkundigen sich. Wenn der Prinz getötet wird, der Mann, den die kleine Meerjungfrau über alles liebt, dann wird sie zurückverwandelt, als wäre nichts geschehen. Das kann sie nicht, das will sie nicht, sie löst sich auf in der Gischt des kornblumenblauen Meeres.
Was wollen wir heute noch von diesem Autor, diesem Seelenterroristen, der uns die Tränen in die Augen zwingt, der keine Distanz zu seinen Geschichten duldet? Können wir so einen brauchen, heute, wo der Ungeist der Selbstoptimierung wie Leim in unser Gemüt sickert! – Ich muss so werden, wie ich nicht bin! Dieser Satz sollte über jedem Fitnessstudio stehen. Und darunter als Kleingeschriebenes, so klein, dass man eine Lupe braucht, um es lesen zu können: Weil ich fürchte, wenn ich bin, wie ich bin, ich nichts bin. – So das Credo der Ängstlichen.
Notfallkoffer stets griffbereit
Die kleinen Leute sind ängstlich, die großen haben Angst. So heißt es. Auf der Ängstlichkeit baut unsere Zivilisation auf. Das kommt von mir, und ich denke, es ist richtig. Der Ängstliche fürchtet sich vor allem Übertriebenen. Er möchte es gern lauwarm. Nicht zu viel Pfeffer! Ja nicht zu ausgefallen! Die Zivilisation ist ein Bollwerk gegen alles Übertriebene. Aber man muss Hitze und Kälte kennen, um zu wissen, was man nicht will, um zu wissen, wann man lauwarm erreicht hat.
Hans Christian Andersen war der Ängstlichste der Ängstlichen. Man erzählt, dass er auf Reisen immer zwei Koffer bei sich hatte, einen großen und einen kleinen. Im großen waren seine Wäsche und sein sonstiger Bedarf, im kleinen ein langes Seil und ein Haken – für den Fall, dass nachts in der Herberge, wo er untergebracht sein wird, ein Feuer ausbricht und er nicht mehr über die Korridore fliehen kann. Dann könnte ihn das Seil retten. – Wer so denkt, der schreibt auch so. Er schreibt gegen alle Eventualitäten an. Was ist, wenn ich mich so sehr verliebe, dass ich meine ewige Seligkeit verliere? Und er befiehlt sich selbst: Schreib einen Präzedenzfall nieder! So ein Präzedenzfall ist das Märchen von der kleinen Meerjungfrau.
Hans Christian Andersen war der Ängstlichste der Ängstlichen.
Nun weiß er, was Hitze ist. Um herauszubekommen, wie sich lauwarm anfühlt, muss er nur noch kennenlernen, was Kälte ist. Gibt es in der Weltliteratur dafür einen schöneren Präzedenzfall als das Märchen von dem kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzchen?
Ihr Abschiedsbrief als Schutzschild
Im kältesten Winter, am Weihnachtsabend, irrt ein Kind durch die Gassen, seine Schuhe hat es verloren, barfuß ist es, barfuß im Schnee, Schwefelhölzchen soll es verkaufen. Niemand möchte Schwefelhölzchen. Es zündet eines an, um sich zu wärmen. Es sieht in den Fenstern der Bürger den geschmückten Christbaum. Es zündet noch ein Hölzchen an. Die Großmutter erscheint, sie ist schon lange tot, sie hat als Einzige das Kind geliebt. Sie nimmt es zu sich, nimmt es mit. – Wer hier nicht weint, hat kein Herz. Ja, ich finde diese Miniatur, halb Märchen, halb Sozialreportage, eines der schönsten Beispiele seiner Art.
Was war er für ein Mensch, der ängstliche Herr Andersen? Als junger Mann verliebte er sich in die Schwester seines Freundes, die nahm einen anderen, schrieb ihm einen Abschiedsbrief, in dem sie ihn als einen Mann schildert, dem seine Fantasie im Weg steht. Gemeint war, er wolle die Wirklichkeit beschwören, nicht wirklich zu sein. Ein Dichter eben. Andersen ließ sich von einem Schuster ein raffiniertes Ledersäckchen anfertigen, eines mit einem Geheimfach. Darin verwahrte er sein Leben lang diesen Brief – sein Ängstlichkeitsamulett, das ihn vor einer weiteren solchen Traurigkeit bewahren sollte.
So einem musste geholfen werden. Und weil er doch so überaus liebenswert, wenngleich, heute würde man sagen, suboptimiert war, fanden sich einige Große, die ihm schließlich zu dem Ruhm verhalfen, den ihm niemand zugetraut hatte – am wenigsten er sich selbst. Einer von seinen Förderern war Jacob Grimm. Der fuhr extra von Berlin nach Kopenhagen, um „den schönsten Märchendichter“ zu besuchen. Andersen hatte den Grimms zuvor eines seiner Märchen geschickt, mit einem Brief versehen, der als ein Manifest der Ängstlichkeit in die Literaturgeschichte eingehen könnte.
Was wären wir ohne die Käuze!


